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Worauf Frau Merkel niemals zu sprechen käme…

Man kann erst verteilen, wenn man produziert hat. So oder so ähnlich lautet eine der Lieblingsweisheiten der Oberideologen, die die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur hierzulande in den letzten Jahrzehnten dominiert haben.

Der Satz ist so einleuchtend einfach wie falsch. Wir leben in keiner Tauschwirtschaft, die unter Mangel leidet. Gerade in Deutschland, jener Wirtschaft, in der die Nachfrage im Verhältnis zur Produktion europaweit am eklatantesten auseinanderklafft. Hierzulande ist man nach wie vor stolz darauf, auch im Jahr 2015 einen Überschuss an Waren und Dienstleistungen von 233 000 Millionen Euro (233 Mrd.) in den Rest der Welt zu schieben, um sich hierfür im Gegenzug nichts als Finanzforderungen ins Büchlein einzutragen. Um dieses Modell aufrecht zu erhalten, ging die deutsche Führungselite sogar dazu über, die gesamte Eurozone in die Deflation zu zwingen – regelmäßige Leser*innen erinnern sich: Austeritätsprogramme, fortgesetzte Wirtschaftseinbrüche, Lohnsenkungen, Deflation

Das Resultat ist, dass nun die Eurozone als Ganzes einen Exportüberschuss in Höhe von 463 000 Millionen Euro erzielt und somit den Rest der Welt kräftig bei sich anschreiben lässt, also in die Verschuldung drückt. Was für eine absurde Situation, wenn sich zeitgleich im Europa des 21. Jahrhunderts in Ländern wie Griechenland eine humanitäre Krise ereignet, nein, man muss sagen, eine solche gemacht wurde. Auf n-tv wurde kürzlich an die unerhörten Vorgänge erinnert, die kollektiv verdrängt und durch andere Themen ersetzt wurden (und an die Frau Merkel in ihrer Neujahrsansprache wird sicher nicht erinnern wollen, zumindest nicht in jener Version, wie sie sich nun immer stärker in Europa verbreitet.)

Dies alles ist eine absurde Situation. Besonders, wenn dadurch mittlerweile in den sog. europäischen Peripherieländern von einer „verlorenen Generation“ gesprochen wird, von den „Überflüssigen“, die gar trotz mehrerer akademischer Abschlüsse keine Arbeit mehr finden. Es ist eine absurde Situation, wenn dadurch Existenzängste in weiten Teilen Europas verschärft werden, die das Fundament für Fremdenhass noch einmal verstärken, und die umso leichter den selbsternannten Sicherheitsgaranten und Terror-Experten ihr Charisma verschaffen.

Doch dieser europaweit gemachte Mangel, mit seinen Verteilungsabsurditäten ist seit geraumer Zeit selbst in jenem Land am blühen, das nun am lautesten nach der Willkommenskultur ruft – nun ja, sagen wir, einem Teil des Landes, während ein anderer seine rechtsextreme Neigung erprobt und die schweigende Mehrheit sich geduldig im Alltag übt.

Nadia Pantel war bei einer jener Institutionen, die die Verteilungsabsurdität hierzulande auf ihre eigene – gerade zu Weihnachten an Geschichten von Charles Dickens erinnernde Weise – verdeutlichen, den Tafeln:

>>Wenn es in Deutschland die Tafeln nicht gäbe, dann wären hier schon viel mehr Scheiben zu Bruch gegangen<<, sagt ein Nebensteher. Ob er glaubt, dass Menschen aus Not zu Rechtsradikalen werden? >>Nee, nicht aus Not, aber aus Wut.<< Auf wen? >>Na, auf den Lumpenstaat.<< Und was haben die Syrer damit zu tun? >>An die da oben kommt doch keiner ran, da wendet man sich halt gegen den nächsten Schwächsten.<< >>Ja<<, sagt sein Freund. >>So scheiße ist das System.<<“

Siehe: „Gemüse und Gemoser“ (SZ, 28.12.2015)

 

Für jene, die sich noch einmal einen kleinen Überblick darüber verschaffen wollen, wie sich die Verteilungsabsurditäten hierzulande im Großen ausdrücken, sind nachfolgend ein paar Fakten angefügt:

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Reichtum in Deutschland:

D.A.CH-Vermögensreport (Valluga AG):
2010: 830 000 „Euro-Millionäre“ (>1 Mio Euro, ohne Hauptwohnsitz)
(+ 6,6% gegenüber 2009)

World Wealth Report (Credit Suisse):
2014: 1,96 Mio. Personen mit mehr als 1 Million US-$
(+ 14% gegenüber 2013)1

The Wealth Report (Knight Frank):
2014: 11 679 „Ultra High Net Worth Individuals“ (>30 Mio US-$ frei verfügbares Nettovermögen, ohne selbstgenutzte Immobilien, ohne Betriebsvermögen)
(+ 2,5% gegenüber 2013)

„Insgesamt vermehrte sich der Wohlstand der 500 reichsten Deutschen 2013 um 5,5 Prozent auf 528,45 (500,8) Milliarden Euro. Die Staatsschulden- und Euro-Krise hat die Vermögen damit nicht berührt. Auch die Anzahl der Milliardenvermögen in Deutschland hat mit 135 (Vorjahr: 115) einen neuen Höchststand erreicht.“

(Top-500-Liste: Deutschlands Reiche sind so reich wie nie, SpiegelOnline, Oktober 2013)

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  1. Veränderungen unterliegen aufgrund des Wechselkurses teils raschen Schwankungen []

Jascha Jaworski

2 Kommentare

  1. wie wahrlich weise
    zum service: bedauerte längst, genau diese Volksbühnenveranstaltung versäumt zu haben, nun bequemst „hier“: Danke!
    zum D.A.C.H. -bericht: eigentlich amüsant, wie der Autor ((auch) J. Berger (?), der Möchtegernmilliardär?) sich bäuchlings auf der Erde dekoriert, seine Haltung preis gibt: existentielle Lebensressourcen maximal nutzen, Risikobereitschaft (laptop über Wasser) belohnen und anhimmeln; Schön, wenn die Elite sich solche ehrlichen Narren anstellt, die keine Angst vor Gerechtigkeitsforderungen der Nichtelite oder vor Aufklärung in ihrem Bericht erkennen lassen und auch nicht zu verschwenderisch sind, z. B. den Schattenwurf des nur gespiegelten und mehrfach genutzten Schweinchens zu ändern.
    Ein großes I mit Seriphen fasse ich als römische 1 auf.

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