Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken
0

Die Zeit über Sanders: Wenn ‚Liberale‘ immer noch vom „Ende der Geschichte“ überzeugen wollen

Es ist kein Geheimnis, dass die Lieblingsinterpretation im westlichen Medienmainstream, immer wenn es um die Frage ging, in welcher Welt wir denn wohl leben, über mehrere entpolitisierende Jahrzehnte hinweg jene von der ideologielosen, liberalen Demokratie war, in der politische Prozesse keine Angelegenheit mächtiger Lobbies, ökonomischer Aneignungsinteressen und einschlägig ökonomistischer Dogmen waren, sondern eben eine der „ökonomischen Vernunft“, des „Sachzwangs“ und der „Alternativlosigkeit“. Wer im neunten Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise und im 16. Jahr nach (verstärkter) In-Brand-Setzung des Nahen und Mittleren Osten in die Welt schaut, wer die Radikalisierung auf der Rechten betrachtet und ihr Potential erahnt in Anbetracht eines Zeitgeistes, der mit seinem Kosten-Nutzen- und Konkurrenzfanatismus – aber ebenso durch gezielte „Reform“propaganda (Stichwort: „Es gibt kein Recht auf Faulheit“) – in vielen Köpfen Furcht, Wut und die „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ (Heitmeyer) hervorgefördert hat – was nun wiederum an den Leidtragenden der westlichen Geopolitik ausgelebt wird – der oder die weiß, dass die Zeiten stetiger Fortführung vorüber sind.

Dies will man jedoch im Medienmainstream nachwievor offenbar nicht zur Kenntnis nehmen. Ob Labour unter Corbyn, ob Podemos, ob eine portugiesische Regierung, die sich dem Austeritätsdogma zu entziehen versucht, ob ein Varoufakis, der zu einer Bewegung zur Demokratisierung Europas aufruft, sie sind eben alle „Träumer“, „Phantasten“, „Selbstdarsteller“ oder „Naivlinge“. Das ist häufig der Tenor dessen, was über sie berichtet wird, wenn denn über sie berichtet wird. So steht es nun auch mit Bernie Sanders, der gern über das Label „Radikaler“ in eine Kategorie mit Trump gezwängt wird, auf dass dessen Unattraktivität auf ihn abfärbt.

Die Wächter der „Mitte“, sie sind weiterhin wachsam und deuten den Menschen ein, wo die Grenzen des Realistischen zu liegen haben. Ein eleganter Versuch ist hier jüngst erst auf ZeitOnline nachzulesen. Dort heißt es unter dem Titel „Zu gut für das System“ rührig anerkennend, dass Sanders in der US-Öffentlichkeit zwar „Mensch“ genannt werde, was ein aufrichtiges Kompliment sei, dass es ihm immer um die gute Sache gegangen sei und „nicht ums Bankkonto“, dass er nicht auf PR fixiert sei, wie andere, doch ebenso, dass er es eben nicht schaffen könne, denn…

„Erstens hat Sanders keine realistische Chance, ins Weiße Haus einzuziehen. Und zweitens würde selbst ein Präsident Sanders es kaum schaffen, wichtige Reformen gegen die republikanische Mehrheit durch den Kongress zu bringen.“

(Zu gut für das System, ZeitOnline, 11.2.2016)

Die Wählerschaft in der Vorwahl sei eben nicht so politisiert und radikal wie jene in der Präsidentschaftswahl…

„In der Geschichte Amerikas kommt es deshalb immer wieder vor, dass Demokraten oder Republikaner einen Kandidaten nominieren, der die Parteibasis verkörpert, der im Herbst dann einen denkbar schweren Stand bei den Wählern hat. So ähnlich würde es Sanders gehen, falls er sich tatsächlich gegen Clinton durchsetzen sollte (was alles andere als sicher ist).“

Ein wenig seltsam ist die Prophezeiung, die offenbar die „Vernunft“ der Leser*innen leiten soll, ja schon, wenn Sanders gemäß Umfragen im Direktvergleich mit den aussichtsreichsten republikanischen Kandidaten gerade besser abschneidet als seine reichlich mit Wall Street Geldern ausgestattete Kontrahentin Clinton.

„Aber stellen wir uns einmal vor, dass sich Sanders tatsächlich gegen Clinton durchsetzten sollte; dass die Republikaner so kurzsichtig sind, einen Extremisten wie Donald Trump gegen ihn aufzustellen; und dass er im November mit viel Chuzpe und ein wenig Glück ins Weiße Haus einzieht. Könnte Sanders dann die „politische Revolution“, die er seinen Anhängern verspricht, durchsetzen—und Amerika endlich ein wenig seinem geliebten Dänemark anwandeln?
Wohl kaum. Denn innenpolitisch hat der amerikanische Präsident viel weniger Macht als beispielsweise ein deutscher Bundeskanzler. […] Ein paar positive Reformen könnte er vielleicht durchsetzen, aber in seinen Grundzügen würde sich das Land kaum verändern.“

Stellen wir uns doch lieber einmal vor, dies wäre das Argument gewesen, mit dem man die Protagonisten der Aufklärung von ihrem Unterfangen hätte abhalten können: >>Was verbreitet ihr eure Ideen über Unterdrückung durch Klerus und Adel im Volke? Eure „politische Revolution“ wird die Verhältnisse nicht eurem Ideal annähern lassen, „ein paar positive Reformen“ könntet ihr „vielleicht durchsetzen, aber in seinen Grundzügen würde sich das Land kaum verändern.“<<

Doch welche Ansichten den Zeilen des Artikels zugrunde liegen, verdeutlicht wohl auch die Einschätzung zum Wirken der Bush-Gang:

„Aber gleichzeitig schützt diese Immobilität das Land auch vor Betriebsunfällen der Geschichte. So hat George W. Bush die USA seinerzeit viel weniger verändert, als mancher Feuilletonist es befürchtet hatte.“

Ja, es hat das Land so viel weniger verändert, dass der Autor der liberalen Zeit nun die Leser*innen von der Idee abbringen muss, die Radikalisierung in der Wählerschaft, die Figuren wie Trump, aber ebenso die übrige Phalanx der republikanischen Fanatiker ins Herz großer Teile der Wählerschaft gespült hat, wäre nicht etwa der Beleg dafür, dass sich nicht nur etwas grundlegend verändern muss, sondern auch verändern wird, wobei es allenfalls eine Frage der Zeit ist, wie und in welche Richtung.

Aber nein, im Medienmainstream mag man es nicht grundlegend, handelt es sich bei den beobachtbaren Zerfallsprozessen in den westlichen Gesellschaften doch gerade um die Resultate jener Politik, die man jahrzehntelang eifrig sekundiert hat.

„Sanders vertritt tatsächlich einen mitreißenden Idealismus und dieser befindet sich tatsächlich im Kampf mit Trumps furchterregendem Populismus. Und doch wäre es ein gewaltiger Fehler, entweder das eine oder das andere Extrem für die wahre Essenz Amerikas zu halten. Trotz all der schillernden Figuren, die amerikanische Wahlkämpfe zu weltweit verfolgten Spektakeln machen: die politische Realität in den USA ist zumeist um einiges langweiliger. Das System ist darauf ausgelegt, Schwarz-und-Weiß in Grau-auf-Grau zu übersetzen. Dass Sanders sich vor dieser moralischen Ambiguität ekelt, gereicht ihm zur Ehre. Aber radikal verändern könnte das Land nur ein Politiker, der egomanisch genug ist, das politische System für seine eigenen Zwecke auszuhebeln. Und dafür ist Sanders – anders als ein gewisser Herr Trump – viel zu verantwortungsvoll.“

Was hier weggelobt wird, ist nichts anderes als die Möglichkeit auf eine Verbesserung der Situation, denn die Anhängerschaft von Sanders hat verstanden, dass allenfalls ein Kandidat, der nicht am Tropf der oberen 1% hängt1, die durch ihre rücksichtslose Aneignungsmethodik ein Land in die gesellschaftliche Pathologie geführt haben, Veränderung bringen kann.

Doch auf Darstellungen wie jene in der Zeit, die in Anbetracht der zugespitzten Verhältnisse und multiplen Krisen urigerweise immer noch an Fukuyamas „Ende der Geschichte“ zu glauben scheinen, hat Sanders bereits selbst sehr gut geantwortet (z.B. hier). Der Medienmainstream hat selbstverständlich auch in Bezug auf Sanders, da es wieder einmal um eine länderübergreifende Wesentlichkeit in Sachen Weltbild und Macht geht, eine Überdosis Systemkonservierungsstoffe geschluckt (um es milde auszudrücken). Es wird jedoch erkennbar schwieriger für ihn, die beobachtbaren Entwicklungen in die alten Erzählungen einzubetten und mit den üblichen Mitteln der Abwehrpropaganda aufzuwarten. Er taugt jedenfalls auch in Hinblick auf die politische Lage in den USA nicht dazu, sich darüber zu informieren, was ist, und noch viel weniger darüber, was sein könnte.

Nachfolgend sei daher auf ein sehr empfehlenswertes Interview (40 min.) mit Sanders aus dem Sommer 2015 verwiesen, in dem er in aller Ausführlichkeit auf seine Einschätzung zur politischen Situation und seine Vorschläge für die dringend notwendigen politischen Veränderungen eingeht. Außerdem wird noch ein Unterstützervideo (4 min.) von Erica Garner angeführt, der Tochter des damals von Polizisten erdrosselten Eric Garner, die stellvertretend für die vielen Gruppen im Land steht, die sich einen Bernie Sanders wahrhaft verdient hätten.


(Quelle: Senator Sanders im Interview mit Yahoo! News, Juni 2015, YouTube-Kanal von Homo-Sapein)


(Quelle: It’s Not Over, YouTube-Kanal Bernie 2016, Februar 2016)

  1. Selbst Studien aus Princeton attestieren mittlerweile, dass es sich bei den USA um keine Demokratie mehr handelt, sondern das Herrschaftssystem einer ökonomischen Elite []

Jascha Jaworski

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *