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Sondereffekte verdecken die deutsche Konjunkturschwäche, und auch die Weltwirtschaft schwächelt

Bereits im vergangenen Jahr habe ich eine Konjunktureinschätzung veröffentlicht. Darin ging ich davon aus, dass vor allem der Export (durch den niedrigen Wechselkurs des Euro zum US-Dollar) und der niedrige Ölpreis (zumindest über 1-2 Jahre) die deutsche Konjunktur (zumindest kurzfristig) stützen könnten, während ich die Lohnentwicklung für zu schwach hielt, um einen größeren Einfluss auf die Binnenkonjunktur auszuüben und der exportlastigen Ausrichtung der deutschen Wirtschaft entgegenzuwirken.

Während einige Entwicklungen die Annahmen bestätigten, gab es auch eher unerwartete Entwicklungen. Insgesamt lässt sich jedoch festhalten, dass Optimisten trotz der aktuell recht guten Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt vorsichtig sein sollten. Die Gründe für das Beschäftigungswachstum sind vor allem durch Sondereffekte zu erklären, während eine Eigendynamik der deutschen Wirtschaft trotz günstiger Umstände praktisch nicht vorhanden ist. Zusätzlich verschlechtern dunkle Wolken in anderen großen Volkswirtschaften die globalen Konjunkturaussichten, was auch Deutschland bereits zu spüren bekommt, und zukünftig noch härter spüren könnte.

Lohnentwicklung eher bescheiden

Tatsächlich war die Lohnentwicklung, trotz der Einführung des Mindestlohns, mit 2,8% nominalen Zuwachs im Jahr 2015 nur moderat. Damit lag der Zuwachs ungefähr in einem Rahmen, der eine verteilungsneutrale Lohnpolitik sicherstellen kann1, mehr aber auch nicht. Der hohe reelle Zuwachs von 2,5% ist ausschließlich dem niedrigen Anstieg der Verbraucherpreise von 0,3% und damit dem glücklichen Umstand der gesunkenen Ölpreise geschuldet, und daher kein Ergebnis direkter wirtschaftspolitischer Einflussnahmen. Es ist davon auszugehen, dass es in diesem Jahr wieder nur einen moderaten Lohnzuwachs geben wird, oder eine schwache Konjunktur sogar Druck auf die Gewerkschaften ausüben wird, mal wieder nachzugeben.2

Ölpreise und staatliche Ausgaben verbergen konjunkturelle Schwäche

Obwohl die Anzahl aller geleisteten Arbeisstunden im Verlauf des Jahres 2015 um 2% zugenommen hat3, darf man daraus keinen Zustand einer allgemeinen stabilen Konjunktur zeichnen.

Hauptgrund für den starken Anstieg war einerseits der private Konsum, der als Folge des niedrigen Ölpreises sowie der unerwartet hohen Zahl an Flüchtlingen4 anstieg. Die Flüchtlinge trugen ebenso dazu bei, dass der Staat seine Ausgaben deutlich erhöhen musste. Auch die Zahl der Aufträge im Bau erhöhte sich5, sehr wahrscheinlich als Folge der vielen Einwanderer, deutlich, und trug somit zum Zuwachs der Investionen bei. Auch die leicht aufwärtsgerichteten Ausrüstungsinvestitionen6 bekamen einen staatlichem Anstoß. Das statistische Bundesamt schreibt selbst zu dem Anstieg im 4. Quartal 2015:

„Auch die Ausrüstungsinvestitionen legten zu (+ 1,0 %), der Zuwachs resultierte aber vor allem aus dem Staatssektor; die nicht-staatlichen Ausrüstungsinvestitionen waren leicht rückläufig.“

Somit ist neben dem Ölpreisverfall7 die „Flüchtlingskrise“ zufällig zum Konjunkturpaket des deutschen Binnenmarktes geworden. Ohne diese Sondereffekte hätte die deutsche Binnenkonjunktur bestenfalls stagniert.

Die Tatsache, dass praktisch 7 Jahre Niedrigzinspolitik, sämtliche Lohnzurückhaltung, Arbeitsmarkt- & Steuerreformen der Vergangenheit, der massive Anstieg der Exporte und die angeblich „Vertrauen der Investoren schaffenden“ Staatshaushaltsüberschüsse nichts daran ändern konnten, dass die Investitionen in Deutschland8 schwach bleiben, zeigt abermals das nachhaltige Scheitern neoliberaler Wirtschaftspolitik.

Weltkonjunktur lässt den Export stagnieren

Sogar der Export konnte trotz des sehr schwachen Eurowechselkurses keinen nennenswerten Beitrag im Jahr 2015 leisten, und im letzten Quartal zeigten sich im Export sogar deutliche Schwächen. Trotz der guten Marktanteile und der teilweise etwas stärkeren Güternachfrage der ebenfalls vom Wechselkurs profitierenden anderen Euro-Staaten, verringerte sich die Nachfrage auf dem globalen Weltmarkt (Siehe Auftragseingänge). Sowohl in China, Russland, Brasilien und den USA9 gibt es akute oder sich androhende Rezessionen. Der niedrige Ölpreis macht darüber hinaus allen Förderländern und ihrer weltweiten Nachfrage zu schaffen. In Großbritannien schwillt zudem schon seit einiger Zeit eine Immobilienblase an10, die durch äußere Turbulenzen platzen oder selbst Auslöser sein könnte. Zahlreiche gegenseitige Ansteckungs- und Rückkopplungseffekte als Folge genannter Krisen könnten in der nächsten Zeit eine ernstzunehmende Weltwirtschaftskrise befeuern, die das exportabhängige Deutschland wie in der Krise 2009 besonders hart treffen würde.

Persönliche Erwartungen für die Zukunft

  • Wie im letzten Jahr ist es auch diesmal nicht auszuschließen, dass der Ölpeis wieder steigen kann. Allerdings hat der langanhaltend niedrige Ölpreis sowie die größer gewordene Gefahr einer weltwirtschaftlichen Talfahrt die Wahrscheinlichkeit eines schnellen Wiederanstieges damit verringert. In jedem Fall ist der Ölpreis mittlerweile zu niedrig, um in diesem und dem nächsten Jahr die Verbraucherpreise erneut deutlich zu drücken, so dass große konjunkturelle Impulse nicht mehr von dieser Seite kommen können. Negativimpulse durch einen Wiederanstieg sind jedoch nicht völlig ausgeschlossen.
  • Eine erneute Zunahme der Einwanderung auf dem Niveau von 2015 ist in Anbetracht der politischen Entscheidungen rund um die Flüchtlinge in Europa eher unwahrscheinlich. Allerdings können auch für 2016 noch weitere private und staatliche Ausgaben (einschließlich Wohnungsbau) hinzukommen, oder zumindest das erreichte Niveau stabilisieren. Die Binnenkonjunktur wird 2016 daher vermutlich staatlicherseits erneut leicht gestützt. Eventuell auch durch ein Konjunkturpaket, wenn die Weltwirtschaft zuschlagen sollte.
  • Die Weltkonjunktur wird vorraussichtlich stagnieren oder schrumpfen, so dass der deutsche Export trotz schwachem Wechselkurs eher stagnieren oder fallen wird. Eine verschärfende Währungsaufwertung des Euro als Folge einer Wirtschaftsflaute anderer Nationen wäre obendrein ebenfalls denkbar. Die Weltkonjunktur ist der wichtigste Faktor für die deutsche Beschäftigungs- und Lohnentwicklung, allerdings auch der am schwierigsten vorhersehbare.
  • Die Produktivität pro Arbeitsstunde ist 2015 erneut eher bescheiden gewachsen11, und eine Rezession in diesem Jahr könnte sie noch langsamer steigen lassen. Sollte sie sich allerdings solide um 1 Prozentpunkt entwickeln, wird aufgrund des Wegfalls des Mindestlohnseffekts und der eher bescheidenen Tarifforderungen wohl eine etwas zu schwache Lohnentwicklung stattfinden, so dass der private Konsum unzureichend stimuliert wird.
  • Der Zuwachs der von allen Erwerbstätigen geleisteten Arbeitsstunden wird aufgrund eher schlechter Exportaussichten und der voraussichtlich stagnierenden Binnenwirtschaft nur im Jahresmittel 2016 etwas steigen, weil es statistische Überhangeffekte durch den kontinuierlichen Anstieg in 2015 gibt. Eine genaue Vorhersage ist, wie bei den vorherigen Prognosen natürlich auch, durch die unsichere Weltkonjunktur jedoch schwierig.
  • Der durch den deutschen Wettbewerbsfähigkeitswahn geschaffene und in 2015 vorwiegend durch den niedrigen Öl-Preis auf fast 250 Milliarden Euro gestiegene Exportüberschuss12 ist weiterhin viel zu hoch. Es gibt keine mir bekannten Anzeichen dafür, diese für das Ausland kritische deutsche Wirtschaftausrichtung bewusst umzukehren, obwohl sie ökonomisch gefährlich ist, und mehr geschadet als genutzt hat. Der Exportüberschuss hängt an der deutschen Binnenachfrage, der relativen Wettbewerbsfähigkeit, der Entwicklung der Weltkonjunktur und der Höhe des Ölpreises. Zwar kann in diesem Jahr wieder eine gewisse Abschwächung, vor allem aufgrund einer weltkonjunkturellen Entwicklung, erfolgen, aber für eine dauerhafte Balance zwischen Ex- und Importen muss mehr getan werden. Die realen Löhne müssen über mehrere Jahre deutlich oberhalb der Produktivität steigen und der Staat sollte mindestens seine Haushaltsüberschüsse13 für vernünftige Investitionen14 einsetzen, die auch wiederum die Unternehmen zum Investieren bewegen können.
  1. Bei einem Inflationsziel von ca. 2% und einer Steigerung der Produktivität je Erwerbstätigen von 0,9% wären 2015 2,9% nominaler Zuwachs verteilungsneutral gewesen. []
  2. Was sich zur Zeit auch in den erneut eher bescheidenen Lohnforderungen ausdrückt. Bescheiden in der Hinsicht, dass Gewerkschaft bei Forderungen in der Regel nicht mehr als die Hälfte ihrer Forderung herausschlagen können. []
  3. Im Durchschnitt des Jahres 2015 ist sie vermutlich um ca. 1% gewachsen. []
  4. Die teilweise enorme Summen für die Flucht aufbringen, und damit in der Regel nicht unbedingt wenig Geld mit sich führen. []
  5. Ich hatte zuvor nicht damit gerechnet, dass der Bau weiterhin zum Beschäftigungsaufbau beitragen kann. []
  6. Die Bruttoanlageinvestitionen setzen sich aus dem Wohnungsbau, dem Wirtschaftsbau, den Ausrüstungsinvestitionen und den besonderen staatlichen Investitionen zusammen. []
  7. Man siehe sich den Gleichlauf des Ölpreisverfalls und des Anstieges des realen bereinigten Einzelhandelsumsatzes an. []
  8. Es sind noch nicht einmal ökonomisch wertvolle Bauten oder Ausrüstungen, sondern vor allem die durch Einwanderung und Niedrigzins befeuerten Wohnungsbau-Investitionen, die die Investitionen noch einigermaßen stützen konnten. Relativ gut sieht das Bild nur im Vergleich zu den von Austerität geschwächten südeuropäischen Staaten aus. []
  9. In den USA machen vor allem der starke US-Dollar und der das Fracking schwächende Öl-Preis der Wirtschaft zu schaffen. []
  10. Dazu gibt es eine Grafik mit Hauspreisen, und hier einen Artikel zu dem Auslöser. []
  11. Sie stieg um 0,6% nach der letzten Schätzung, wobei die Produktivität pro Arbeitsstunde in den letzten Jahren oft im Nachhinein nach oben korrigiert wurde. []
  12. Damit ist gemeint, dass Deutschland deutlich mehr Geld aus dem Ausland einnimmt als es dort ausgibt, so dass Deutschland auf Schulden des Auslandes angewiesen ist, um seine aktuelle Wirtschaftsleistung zu halten. Deutschland hat den größten Exportüberschuss der Welt, und auch in Relation zur größe der Wirtschaft ist es enorm. []
  13. Wenn die Privatwirtschaft nicht dazu bereit ist, die zahlreichen Ersparnisse sinnvoll anzulegen, und stattdessen selbst Ersparnisse bildet, kann der Staat sich auch für sinnvolle Ausgaben verschulden, und so die Ersparnisse der Bevölkerung investieren. []
  14. Auf von der NATO geforderte militärische Aufwendungen, die den jährlichen Verteidigungsetat zusätzlich um 20 Milliarden steigern würden, darf dabei gerne verzichtet werden. []

Jochen Schölermann

Ein Kommentar

  1. wie es eben manchmal so ist..ich las in der Überschrift : S o n n e n flecke verdecken die deutsche Konjunkturschwäche.. könnte es sein, daß… ? 🙂

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