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Delude et impera (Irreführungen als Steigbügelhalter)

Als gesellschaftsfokussierter Bewohner des 21. Jahrhunderts wird mir doch ein wenig bange, wenn ich auf das Erleben und Verhalten vieler Mitmenschen hierzulande schaue, egal ob sie nun Politik- oder Medienschaffende sind und somit öffentliche Gewalt oder Meinungsmacht ausüben oder als öffentlichkeitswirksam platzierte RepräsentativbürgerInnen stellvertretend für eine Vielzahl ihresgleichen stehen sollen. Wenn man Vernunft als die Fähigkeit verstehen möchte, sich vom konkret Beobachtbaren, Alltäglichen zu lösen, um auf abstraktere Zusammenhänge in der Welt aufmerksam zu werden, die den eigenen Vorurteilen und Intuitionen zunächst widersprechen; wenn man Vernunft des Weiteren erst mit dem Tatbestand erfüllt sieht, dass die Bedeutung dieser Zusammenhänge für das eigene Leben und das Leben der anderen erkannt wird und diese Erkenntnis zudem dem persönlichen Handeln zu soufflieren vermag, dann hoffe ich doch, dass wenigstens der eigendienliche Teil dieser Vernunft[1]  irgendwann aus seinem Exil zu uns zurückkehren wird.

Dieser Tage lässt sich beobachten, wie eine Partei, die seit langer Zeit mit ihrem plumpen Verhalten bestimmten Günstlingsgruppen[2] gegenüber für uns alle den Begriff „Klientelismus“ geradezu sinnlich erfahrbar machte, nun – natürlich im Verbund mit zahlreichen weiteren Akteuren – auf der Klaviatur nationalchauvinistischer Ideen und kleinbürgerlicher Kurzschlüsse ein Benefizkonzert für sich selbst veranstaltet. Die FDP wird zum Schutzpatron der kleinen Leute, um diese aus Griechenlands Würgegriff der „Transferunion“ zu befreien, indem sie ihren obersten Sinnstifter und Vizekanzler Rösler Botschaften in die Öffentlichkeit entsenden lässt, unter denen die Finanzmarktspekulanten mit ihren nun wertgesteigerten Kreditausfallversicherungen sich nur die Hände reiben können. Wenn, wie im Falle der Finanzmärkte, lautes Denken regierungsverantwortlicher Figuren eine so schädliche Schnittstelle zu den instabilen Regelkreisen dieses Geldbeschaffungsapparats besitzt, sollte man es doch anderen überlassen und lieber mit dem Koalitionspartner solange im Kämmerlein verhandeln, bis ein Dissens sich auf die eine oder andere Art zu Ende führen ließ. Doch eine Partei, die keinen anderen Sinn kennt als die Bedienung von Finanzeliten und nur durch grundlegende Irreführungen und strukturelles Unwissen bestimmter Wählergruppen über den Stimmenanteil eben jener Schicht von Überprivilegierten hinauswachsen konnte, ist sich offenbar auch nicht zu schade, erneut durch Irreführungen und dem Reiten auf Vorurteilen, Wiederbelebungsmaßnahmen am eigenen, längst seelenlosen Leib vorzunehmen und so nur noch mehr Unkontrollierbarkeit und Chaos zu stiften.

Doch welche Art von Irreführungen ist es, die sich derart nutzbar machen lässt?

Mir scheint, in keinem anderen Bereich ist die Kombination aus Wissensrelevanz und Wissensmangel so beeindruckend, wie dies bei wirtschaftlichen Sachverhalten der Fall ist. Dass hierbei ein natürliches Desinteresse der Bevölkerungen als Ursache gelten kann, wage ich hingegen zu bezweifeln, nicht zuletzt da gerade jene Wissensträger, die die konsistentesten und explanatorisch stärksten Argumente liefern, medial den kleinsten Raum zugestanden bekommen, so dass umfassende Informierung der Menschen (zumindest solange es sich nicht um Fehlinformierung handelt[3]) wohl eher als störend empfunden wird. Die NachDenkSeiten dokumentieren dies durch mehr als genügend Befunde[4] und gelten dem regelmäßigen und Argumente hinterfragenden Leser wohl nicht zu Unrecht als eine Oase der Aufklärung[5].

Würde die Mehrheit der Bevölkerung allein hierzulande plötzlich ihr verlässliches Desinteresse wirtschaftlichen Zusammenhängen gegenüber ablegen und eine tiefere und unnachgiebigere Auseinandersetzung auf sich nehmen, um so neue Auswertungsschablonen für das Verhalten und die Reden vieler Akteure zu erhalten, wäre für die perversen Privilegien bestimmter Systemprofiteure, die sich jeden Tag auf Kosten der Lebensqualität einer zunehmend marginalisierten und hoffnungsgeminderten Allgemeinheit ereignen, wohl der rasche demokratische Abbau programmiert.

Die Mehrheit würde nicht nur flüchtig erkennen, sondern sich auch konsequent vor Augen halten und v. a. handlungswirksam werden lassen, dass etwa die Refinanzierungsprobleme des griechischen Staates nichts mit Faulheit und Leistungsverweigerung[6] der griechischen Bevölkerung zu tun haben, sondern (in ihrer längerfristigen Bedingtheit) mit deutschen Exportüberschüssen und steuerflüchtigen Reichen, sowie (in ihrer kürzerfristigen Bedingtheit) mit den Folgen von Rettungsprogrammen für Banken[7], der Spekulation mit Kreditausfallversicherungen[8] und der allgemeinen Wettnatur des Finanzmarktes[9].

Generell würde diese interessierte Bevölkerungsmehrheit nicht mehr losgelassen werden von der Gewissheit über die Problematik von Finanzmärkten, deren Determinanten blind für das Wohl der Allgemeinheit sind, die aber dennoch dieser Allgemeinheit aufgenötigt wurden. Sie würde sich nicht mehr ablenken lassen von Privatfernsehscheinrealitäten, die durch das Prinzip von Gleichklang und Wiederholung zur selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Stattdessen würde sie mit dem Mittel gnadenloser Wahlentscheidungen den Ausläufern der Finanzmärkte hierzulande die Allgemeinwohlkompatibilität entweder einstanzen oder selbige Ausläufer alternativ in die Peripherie der gesellschaftlichen Bedeutsamkeit verbannen lassen. Sie würde all jene Politiker, die sich im neoliberalen Rausch leidenschaftlich an der Deregulierung von Finanzmärkten[10] beteiligten oder sie auch heute noch wie die Weisheitsgöttin beschwören schlechterdings aus ihren Bundestagssitzen schälen, um diese dann mit neuer Denkmasse zu beschweren. Freilich, legt man diese Schablone an, würden mindestens 70% des Plenums neu befüllt werden, doch Flexibilität gilt schließlich auch für den restlichen  Arbeitsmarkt als eine Tugend, die häufig gerade von den hier betroffenen Politikern gebetsmühlenartig verbreitet wurde. Zudem müsste man sich um ihre karrieristische Zukunft wohl wenig Sorgen machen[11].

Dieser wirtschaftspolitisch nicht länger somnolenten Bevölkerungsmehrheit würde aufgehen, dass es nicht wirklich ihren Interessen entspricht, eine politisch flankierte[12] Kultur der Lohndrückerei[13] zu akzeptieren, die mit auf diese Weise erzielten Wettbewerbsvorteilen[14] dauerhafte Exportüberschüsse[15] und somit die Verschuldung anderer Volkswirtschaften gegenüber Deutschland[16] geradezu zelebriert. Sie würde darauf pochen, anstatt die Nachfrage anderer Länder abzugreifen und in abstrakte Vermögensansprüche deutscher Großunternehmer zu transformieren, doch lieber die eigene Nachfrage durch Lohnsteigerungen in bewährter Tradition zu beleben und so zugleich die von ihr produzierten Maschinen statt für unwirkliche Schuldverschreibungen, doch lieber im Austausch für spanische Motorräder, griechischen Zement, Reisen nach Frankreich oder italienische Kleider herzugeben. Lohn müsste also wieder als faire Beteiligung an der Wertschöpfung verstanden werden und nicht als bloßer Störfaktor bei der Vermögensanhäufung von Raffgierigen. Und Außenhandel müsste wieder als Mittel dafür verstanden werden, dass Bevölkerungen miteinander in den Austausch dessen treten, was sie am besten erzeugen können, um so den beidseitigen Wohlstand zu mehren anstatt gegen die anderen im sinnentleerten Wettbewerb beängstigende Ansprüche auf die Zukunft zu erpressen.

Der Bevölkerungsmehrheit würden die kausalen Bezüge zwischen Lohneinkommen, Gewinneinkommen, Staatseinnahmen, Zukunftsfähigkeit und demokratischer Teilhabe klar vor Augen liegen. Ihr würde selbstverständlich werden, weshalb mehr Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig weniger Menschen zu vermehrtem Wohlstand aller führen müsste[17] und mit Arbeitszeitverkürzung und gesteigerter Lebensqualität einherzugehen hätte. Sie würde sehen, welche Interessen sich wirklich hinter Rentenprivatisierungsprogrammen[18] und der allgemeinen Senkungslogik[19] verbergen; welche politischen Figuren hierbei Vertreter welcher Ideologien sind und welche Ideologien[20] tatsächlich als verfassungsfeindlich gelten sollten. Sie würde sich nicht mehr dazu missbrauchen lassen, durch falsche Gleichsetzungen von Mikro- und Makroökonomie und falsch verstandene Sparkonzepte[21] die Zukunft ganzer Volkswirtschaften zu gefährden, sondern würde den jetzt vorhandenen Wohlstand nutzen, um reale Strukturen für die Zukunft zu errichten und auf diese Weise Ausbeutung und Zukunftsangst durch Wertzuwachs und Verteilung zu ersetzen, ohne dass irgendjemand dabei mehr zu verlieren hätte, als jene fixen Ideen, die dem Quell von Größenwahn und Egomanie entspringen.

 


[1] Ich will nur von eigendienlicher Vernunft sprechen. Diese Einschränkung scheint mir notwendig, da wir in Anbetracht der Duldung des Leides der medial vernachlässigten, weiter entfernten Mitmenschen, die sich ganz unten in der weltweiten Ausbeutungspyramide befinden, was die Orientierung an einem umfassenderen Vernunftsbegriff anbelangt, eine geradezu groteske Verweigerungshaltung an den Tag legen. Siehe z. B.: http://www.alternet.org/world/142171/there_are_more_slaves_today_than_at_any_time_in_human_history/ oder http://www.freitag.de/alltag/1102-schmutziger-kreislauf oder http://www.freitag.de/politik/1042-sklaven-auf-see

[12] Stichwort: Mindestlohnverweigerung: Hart-IV-Sanktionen, siehe z. B.: http://sanktionsstudie.de/2011-Sanktionen-ALG2-Masterarbeit-Nicolas-Griessmeier.pdf; zu den Konsequenzen der „Arbeitsmarktflexibilisierung“ siehe z. B.: http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Arbeitsmarkt/Datensammlung/PDF-Dateien/abbIV29.pdf

[18] bereits kürzlich von uns verlinkt: http://www.nachdenkseiten.de/?p=247

Jascha Jaworski

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