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Fortsetzung zum ZAPP-Beitrag vom 14. Mai – Daniel Bröckerhoff bezieht Stellung

Am 19. Mai hatte ich Kritik an einem Beitrag der Sendung ZAPP vom 14.5. geübt, in der Daniel Bröckerhoff einen Beitrag aus der Sendung „Die Anstalt“ aufgriff, in dem diese auf die Mitgliedschaft u.a. führender Redakteure deutscher Leitmedien (FAZ, SZ, Die Zeit, Die Welt) einging. Meinem Eindruck nach war der ZAPP-Beitrag auf relativ plumpe Weise darauf ausgelegt, eine kritische Auseinandersetzung mit dem bedeutsamen Thema in eine bestimmte Richtung zu lenken. Wer sich noch einmal informieren möchte, sei auf meinen Artikel verwiesen:

„ZAPP-Video bemüht sich im jugendlichen Style um Deutungshoheit in Sachen Alpha-Journalismus“

Da Herr Bröckerhoff meinen Artikel kommentierte (leider zunächst von mir unbemerkt, da der Spam-Filter ansprang, wofür ich mich entschuldige!) und da er uns außerdem auf seine Stellungnahme zur Kritik an seinem Beitrag hinwies, wollen wir seiner Position natürlich Raum verschaffen.

Hier erst einmal der Kommentar, den er bei uns bereits am 19.5. hinterließ, der jedoch leider zunächst im Spam-Filter gelandet war:

„Hallo Herr Jaworski,

ich hatte schon eine längere Antwort formuliert, aber dann ist mein Browser samt Text leider abgestürzt. Hier nochmal eine Kurzfassung: Danke, für die Auseinandersetzung mit meine Beitrag, die Form war tatsächlich “bemüht”, denn ich habe mir Mühe gegeben, etwas anderes auszuprobieren. Da der Film als subjektiver Kommentar angelegt ist, ist es ganz klar, dass er Interpretationsmuster liefert, an objektiven Journalismus glaube ich sowieso nicht. Zapp-Filme sind außerdem oft sehr haltungs- und meinungsstark, das ist Ihnen vielleicht schon einmal aufgefallen, wenn Sie die Sendung regelmäßig schauen.

Wir haben außerdem mit Herrn Krüger schon vor einiger Zeit ein längeres Interview geführt, er kommt in diesem Beitrag zu Wort: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/zapp7203.html

Ich hab gerade mit ihm nochmals über meinen Beitrag telefoniert und werde darüber und über all die anderen Fragen, die an mich erfreulichweise gerichtet wurden nochmals einen längere Artikel im Zapp-Blog schreiben. Ich lasse Ihnen gerne hier den Link zukommen.

Beste Grüße, Daniel Bröckerhoff“

Und hier der von ihm angekündigte längere Beitrag im ZAPP-Blog (vom 22.5.), den ich zu lesen natürlich ausdrücklich empfehle, da meine nachfolgende Darstellung auch daran anknüpfen wird:

„Warum ich Ken Jebsen eine Vollhupe nenne und andere Antworten“

Zunächst möchte ich auf die Erläuterung von Herrn Bröckerhoff eingehen, dass der Film als „subjektiver Kommentar“ angelegt war und es ganz klar sei, dass er Interpretationsmuster liefere. Ich will gar nicht bestreiten, dass Interpretationsmuster in diesem Beitragsformat nichts zu suchen hätten. Mir geht es jedoch u.a. um die Art und Weise, wie die Interpretationsmuster erzeugt werden und welchen Einfluss sie somit auf das Denken ausüben, ob sie z.B. kritisches Denken eher befördern, indem sie eine Interpretation basierend auf den Befunden zum Thema anbieten oder ob sie hingegen wichtige Befunde ausblenden, verkürzen und durch die Präsentationsform vom eigentlichen Thema ablenken. Und für letzteren Eindruck gibt es im genannten ZAPP-Beitrag meiner Ansicht nach sehr krasse Beispiele. Eines möchte ich hier noch einmal herausgreifen:

In Minute 2:19 des ZAPP-Beitrags von Herrn Bröckerhoff äußert sich der interviewte Stefan Kornelius, der als Außenressortleiter der SZ in einer ganzen Reihe von US- oder NATO-affinen Think Tanks unterwegs ist, in Bezug auf die Studie von Uwe Krüger dahingehend, dass er die These von Herrn Krüger für „wahnsinnig gewagt“ halte, durch die „Nähe“ zu besagten Institutionen entstehe eine inhaltliche Affinität. Herr Kornelius platziert dann eine geradezu propagandistische Behauptung über Herrn Krüger:

„[…] Er beansprucht quasi in unsere Hirne reinzukriechen und zu sagen: ja, nur weil wir da Mitlgied sind, beten wir das wieder, was die sagen.“

Wie greift nun Herr Bröckerhoff diese reißerische und absolut schiefe Behauptung auf? Er führt aus:

„Ok, das ist vielleicht ’ne steile These, die hier drin steht, aber das Ding ist, sie ist da draußen, und sie scheint manchen Leuten plausibel.“

Anschließend pointiert Herr Bröckerhoff dieses Stück manipulativer Arbeitsteilung dann noch dadurch, dass er mit Kapuze über den Kopf seine Stimme auf eine Weise verstellt, die in den Zuschauer*innen wahrscheinlich eine Art Assoziation mit der Figur eines verrückten Zwergs auslösen soll. Diese kreierte Figur läßt er, während sie sich die Forschungsarbeit von Herrn Krüger vor Augen hält, sodann sagen:

„Ha, wusst ich doch, ha, wie korrupt und verschworen, hahaha.“

Auf welche Weise wird hier also ein Kritik umlenkendes Interpretationsmuster gesetzt? Zunächst stellt Herr Kornelius eine falsche Behauptung über den Urheber der Studie, Uwe Krüger, in den Raum. Dann baut Herr Bröckerhoff auf der hanebüchenen Unterstellung auf, indem er sie dank Widerspruchslosigkeit quasi als angemessen darstellt, um auf dieser Grundlage dann darauf hinzuweisen, wie problematisch so etwas doch ist, da es „da draußen“ manchen Menschen „plausibel“ scheine. Anschließend wird der Gefahr noch Nachdruck verliehen, indem der o.g. klandestine Verschwörungskasper gemimt wird.

Lieber Herr Bröckerhoff, meinen Sie wirklich, dass die Thesen in der Studie den Menschen „da draußen“ etwa nicht zunächst „plausibel“ erscheinen können sollten? Das würde mich doch arg irritieren. Da fertigt Herr Krüger über einen langen Zeitraum eine wissenschaftliche Arbeit an, die zudem eine erfolgreiche Dissertation ist und Sie wischen diesen Umstand mit dem ZAPP-Beitrag durch Propaganda von Kornelius und anschließende Verlächerlichung, die auf Falschdarstellungen operiert („in unsere Hirne reinzukriechen“), in seinen Wesentlichkeiten beiseite. Das ist – höflich gesagt – unredlich. „Subjektive Kommentare“ sind sicherlich das eine, kritikbetäubende Zerrdarstellungen jedoch etwas ganz anderes, besonders wenn es sich um ein Thema handelt, das bislang in den Medien selbst kaum aufgegriffen wurde, jedoch offenkundig von hoher Relevanz und hohem Interesse ist.

Um noch einmal darzustellen, worum es in der Studie von Herrn Krüger geht, verweise ich auf die Kurzbeschreibung seines Buchs:

Die Interaktionen zwischen Journalisten und Eliten wurden bislang meist vor systemtheoretischem Hintergrund und durch Befragung von Akteuren erforscht, wobei die Ergebnisse anonymisiert wurden. Diese Arbeit wählt theoretisch und methodisch einen anderen Ansatz, um Eliten-Einflüsse auf journalistische Inhalte zu lokalisieren.

Es wird ein theoretisches Modell entwickelt, das Medienverhalten mit Hilfe von Pressure Groups und sozialen Netzwerken erklärt und das vorhersagt, dass Leitmedien mehr oder weniger den laufenden Diskurs der Eliten reflektieren, aber dessen Grenzen nicht überschreiten und dessen Prämissen nicht kritisch hinterfragen.

Im empirischen Teil fokussiert eine Netzwerkanalyse zunächst die soziale Umgebung von 219 leitenden Redakteuren deutscher Leitmedien. Jeder Dritte unterhielt informelle Kontakte mit Politik- und Wirtschaftseliten; bei vier Außenpolitik-Journalisten von FAZ, Süddeutsche Zeitung, Die Welt und Die Zeit finden sich dichte Netzwerke im US- und NATO-affinen Elitenmilieu.

Eine anschließende Frame-Analyse fragt, inwieweit der Output dieser vier Journalisten in den umstrittenen Fragen der Definition von Sicherheit (>>erweiterter Sicherheitsbegriff<<) und Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr auf der Linie der ermittelten Bezugsgruppen liegt. Abschließend werden die Berichte über die Münchner Sicherheitskonferenz und deren Gegner in fünf Tageszeitungen inhaltsanalytisch untersucht. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Eliten-nahen Leitmedien FAZ, Welt und Süddeutsche den auf der Sicherheitskonferenz laufenden Elitendiskurs ausführlich abbilden, dabei aber die Proteste und die Gegenveranstaltung >>Münchner Friedenskonferenz<< marginalisieren und delegitimieren.“

(Quelle: Institut für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung, 25.4.2013)

 

Nun kann man darauf verweisen, dass ZAPP Herrn Krüger bereits in einer März-Sendung über die Berichterstattung in Sachen Ukraine zu Wort kommen ließ, wie Herr Bröckerhoff es in seinem Blog-Beitrag tut. Das ändert jedoch nichts an der systematisch verzerrenden (und zwar Befunde, nicht Interpretationen!) Darstellung im ZAPP-Video von Herrn Bröckerhoff. Wer nur dieses gesehen hat, wurde eben auf das Gleis gesetzt, dass die Schlussfolgerungen und Hypothesen der Forschungsarbeit von Herrn Krüger „da draußen“ am Ende womöglich noch „plausibel“ erscheinen. Genau das wäre doch aber eigentlich wünschenswert oder nicht? Zumindest sollten sie nicht unplausibel sein, denn woher soll ansonsten die Motivation für eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema kommen? Dies war ja auch ein Hauptpunkt meiner Kritik vom 19.5., die Darstellungsweise lenkt aufkommendes kritisches Potential um, indem Herr Jebsen kurz hervorgezogen wird, um mit verulkendem Verweis auf seine Wortradikalität deutlich zu machen, was die eigentliche Gefahr ist. Nicht etwa Spitzenjournalisten in elitären, transatlantischen Netzwerken, sondern die, wie Herr Bröckerhoff im Beitrag flappste „Spakken“, die dann jedoch nicht genauer definiert werden. Auf diese Weise suggeriert der Beitrag, dass Kritik und Hinterfragen grundsätzlicher Art des Mediensystems von vornherein in die Ecke von „Verschwörungstheorien“1  gehört, denen man keinerlei Beachtung schenken sollte.

Ich bestreite nicht, dass es viele Menschen gibt, die sich bei genauerer Betrachtung die Dinge zu einfach machen, leichtfertig Gerüchte verbreiten, mit reinen Behauptungen arbeiten, diese im Brustton der Wahrheit verkünden und dabei auch noch auf hetzerische Formulierungen und reaktionäre Inhalte zurückgreifen, die eine sinnvolle Debatte erschweren bis stellenweise verunmöglichen. Ich prangere jedoch an, wenn der Umstand, dass so etwas existiert (und womöglich einen bedauerlichen Aufschwung erlebt), hergenommen wird, um grundlegendere Zweifel auszuschalten und sich mit Argumenten und Analysen nicht mehr genauer auseinandersetzen zu müssen. Herr Krüger weckt mit seiner Studie grundlegende Zweifel an der Ausgeglichenheit zentraler Teile der Medien und belegt dies mit empirischen Befunden, die er im Rahmen von Theorien betrachtet. Wer diesen Umstand durch den Einwurf von radikalen Statements Dritter (Jebsen), sowie durch eigene diskreditierende Darstellungen überdecken will, leistet eine zweifelhafte journalistische Arbeit.

Herr Bröckerhoff verhält sich meinem Eindruck nach auch selbst inkonsistent, wenn er im ZAPP-Blog einige Tage nach Ausstrahlung der Sendung schreibt:

„Was Jebsen hier verschweigt: Krüger kommt in der Studie zu dem Schluss, dass bei den untersuchten Journalisten zwischen der Mitgliedschaft in transatlantischen Vereinigungen und den vertretenen Meinungen kein einfacher Zusammenhang nachgewiesen werden kann.“

Herr Krüger argumentiert also offenbar tatsächlich nicht so schlicht, wie es im ZAPP-Beitrag durch Herrn Kornelius behauptet und von Herrn Bröckerhoff selbst (u.a. durch Widerspruchslosigkeit) transportiert wird.2 Dass der Zusammenhang jedoch nicht einfach und nicht einfach zu ergründen ist, sollte nicht mit der Schlussfolgerung verwechselt werden, dass der Zusammenhang hierdurch quasi von vornherein nicht weiter Ernst zu nehmen ist, weil es sich eben „irgendwie so anfühlt“ und dem bisherigen Weltbild widersprechen würde.

Herr Bröckerhoff beschreibt im Blog auch selbst, welche Schwierigkeiten im Journalismus bestehen:

Es ist für mich als Journalist aber völlig unmöglich, ein objektiver Beobachter zu sein. Die Masse an verfügbaren Fakten, Perspektiven, Meinungen und Deutung ist schlichtweg zu groß. Um ein angenehm zu konsumierendes Stück Journalismus zu schaffen, muss ich filtern. Wie ich die Informationen filtere ist schon sehr subjektiv und wird von meiner Sozialisation, meinen Einstellungen und meinen Erfahrungen mitbestimmt.“

Gerade in diesem Umstand besteht jedoch eine meiner Ansicht nach erneute Inkonsistenz zum ZAPP-Beitrag, welcher die nahe liegende Beeinflussung von Journalisten durch deren Mitgliedschaft in transatlantischen Think Tanks u.a. dank der Worte von Herrn Kornelius ja gerade stark in Zweifel zieht und von Herrn Bröckerhoff ja mit den Worten „ok, das ist vielleicht ’ne steile These, die hier drin steht, aber das Ding ist […] sie erscheint manchen Leuten plausibel“, quittiert wird. (Das Problem ist natürlich, wie oben ausgeführt, dass diese These dort gar nicht drin steht, sondern manipulatives Element von Herrn Kornelius ist).

Insgesamt kommt hier ein großer Widerspruch zwischen der Rolle von Herrn Bröckerhoff im ZAPP-Beitrag und seinen Ausführungen im Blog auf, dort heißt es:

„Soweit ich die Studie in Auszügen gelesen habe, hat Herr Krüger allgemein gültige wissenschaftliche Methoden verwendet und kommt zu Schlussfolgerungen, die ich aus meiner Erfahrung so teilen würde.“

Herr Bröckerhoff beschreibt dann noch die Diskussion in der Redaktion als einen Mechanismus, der Einseitigkeit entgegenwirken soll. So etwas sollte man mitbedenken, doch rechtfertigt es nicht, dass die Hypothesen der Studie von Herrn Krüger den Leuten nicht plausibel erscheinen sollten, besonders da der Sprecher sie ja an anderer Stelle aus eigener „Erfahrung so teilen würde“.

Die im Kommentar von Herrn Bröckerhoff an uns genannte Position, dass er nicht an „objektiven Journalismus“ glaubt, mag ich wiederum gern teilen. Die Frage ist jedoch, was mit dem Begriff „objektiv“ genau gemeint ist, und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen. Natürlich kann ein Journalist nicht die Außenperspektive einnehmen, sondern ist stets an seine Subjektivität mit einem teils explizit, teils impliziten Weltbild, sowie zahlreichen Wertvorstellungen und Überzeugungen gebunden. Gerade diese Feststellung lässt doch aber dafür argumentieren, dass die Mitgliedschaft in zahlreichen einschlägigen Think Tanks eine höchst problematische Angelegenheit ist (gerade wenn sie in so konzertierter Form gegeben ist), da sich das Umfeld eben auf die zwangsläufige Subjektivität auswirkt. Experimentelle Studien und somit Kausalschlüsse, die keine Zweifel mehr über den genauen Wirkzusammenhang und sein Ausmaß der Beeinflussungsgefahr lassen, sind hierbei dem Gegenstandsbereich gemäß nicht möglich. Wir haben es jedoch beim Thema Medienpluralität, Meinungsmacht und Mechanismen der Homogenisierung mit keinem Umstand zu tun, der sich quasi von vornherein vom Tisch fegen lässt, da einfach nicht sein könne, was nicht sein darf. Und gerade die letzten Monate, mit den zahlreichen Merkwürdigkeiten im Verhalten der Mainstreammedien sollten die betroffenen Medienschaffenden hier doch zu wesentlich intensiverer – und zugleich grundlegender – Selbstreflexion veranlassen. Ein bloßes Herumkritteln an „mangelnder Transparenz“ genügt da nicht.

Wer noch einmal ein paar Befunde zu dem zu Erklärenden im Allgemeinen (gemeint ist Medienverhalten, das systematisch verzerrt, z.B. im Umgang mit Befunden ist) einsehen möchte, sei etwa auf folgende Quellen verwiesen:

„Die nützliche Erfindung der >>Pro-Russen<<„ (Stefan Korinth auf Telepolis, der die einseitige Berichterstattung in Sachen Ukraine streckenweise akribisch dokumentiert hat, 16.5.2014)

„Darf man von Gleichschaltung der Medien sprechen? Und davon, dass die Demokratie höchst gefährdet ist?“ (Albrecht Müller führt auf den NachDenkSeiten zahlreiche gut dokumentierte Beispiele von extrem unausgewogener Medienberichterstattung und Interessensverflechtungen auf, die sich auf sehr grundlegende gesellschaftliche Bereiche beziehen)

Auf Maskenfall haben wir uns bisher schwerpunktmäßig mit ökonomischen Themen beschäftigt und mussten immer wieder erstaunt feststellen, wie unheilvoll einseitig und häufig enggeführt die Medienberichterstattung hier ist. Da die meisten Menschen jedoch mit Makroökonomie nicht viel anzufangen wissen, da ihnen auch die Zeit zur Auseinandersetzung fehlt, ist es auf diesem Feld wohl schwieriger die Unausgeglichenheit zur Kenntnis zu nehmen. Die Ukraine-Krise dürfte jedoch ein Themenfeld sein, mit dem viele Menschen wesentlich mehr anfangen können, weshalb ja nun auch ein Riss zwischen Mainstreammedien und weiten Bevölkerungsteilen zu Tage tritt. All diese Befunde sollte man zur Kenntnis nehmen und darüber nachdenken, um offen der Fragestellung nachzugehen, inwiefern ein Mediensystem sehr verengte Weltbilder (z.B. im historischen Vergleich oder im Vergleich zu anderen Ländern) transportieren kann, obwohl es sich doch um kein diktatorisches System mit zentraler Zensur handelt.

Hier gibt es schöne und plausible Mechanismen, über die nachzudenken, sich alle Male lohnt. Eine kritische Haltung läuft nicht nur darauf hinaus, dass man Kritik an etwas übt, sondern, dass man zugleich seinen Bewertungsrahmen und seine bisherigen stillschweigenden Annahmen hervorzuarbeiten und zu hinterfragen sucht, egal wie vertraut sie sich auch anfühlen mögen.

Einige schöne Quellen zu Erklärungsansätzen, was die Möglichkeit von einseitiger bis tiefgreifend verzerrter Nachrichtenerzeugung anbelangt, siehe z.B.:

“A Propaganda Model” (Herman & Chomsky (1988), ab S.257; Die Autoren gehen auf ein Modell von fünf „Filtern“ ein, die im Nachrichtenentstehungsprozess der USA zur Anwendung kommen und für eine Varianzeinschränkung in wesentlichen Fragen der öffentlichen Meinungsbildung sorgen dürften. Die Methode, die Herman und Chomsky zur empirischen Rechtfertigung verwendet haben, liefert überdies einen reichen Fundus für einseitige Berichterstattung. Wenngleich durch die öffentlich-rechtlichern Medien in Deutschland gewisse der genannten Filter ausfallen oder abgeschwächt sind, liefert das Modell doch starke Anregungen dafür, wie Einseitigkeit in einem formal pluralen System zustande kommen kann.)

Des Weiteren:

“Plebejer müssen draußen bleiben” (Telepolis vom 21.3.2012 über eine Forschungsarbeit zur Journalistenauslese)

Am konkresten zum Thema sei jedoch erneut auf die Studie von Uwe Krüger verwiesen:

“Meinungsmacht – Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse”

Wir ermuntern Herrn Bröckerhoff weiterhin dazu, am Themenfeld dran zu bleiben und doch einmal ein ausgiebigeres Format zum Themenfeld rund um Medienpluralität, Meinungsmacht und Think Tank Mitgliedschaft von Journalist*innen anzufertigen, in dem sich z.B. Uwe Krüger mit Fragen des Publikums auseinandersetzen könnte (so er hierzu denn Interesse hätte). Als weiteren Fachkundigen zum Thema Medienkritik können wir zudem auf Albrecht Müller verweisen, dessen NDS-Artikel wir oben verlinkt haben und der mehrere Bücher zum Thema verfasst hat und selbst als Politiker jahrzehntelang das Feld der öffentlichen Meinungsbildung miterlebt hat. Kritische Berichterstattung macht sich nicht an Gefühlen, sondern an Argumenten fest, wenngleich Gefühle Argumenten im Weg stehen können.

 

  1. Zur problematischen Anwendung des Begriffs „Verschwörungstheorie“ siehe Husting & Orr (2007), “Dangerous Machinery: >>Conspiracy Theorist<< as a Transpersonal Strategy of Exclusion” []
  2. Der nicht einfache Zusammenhang bezieht sich hier übrigens auf die Kausalrichtung des Einflusses zwischen Journalismus und Elitennetzwerk. So kann man natürlich nicht einfach davon ausgehen, dass die transatlantischen Netzwerke ursächlich dafür sind, dass etwa Herr Kornelius und andere in den Leitmedien einschlägige Positionen vertreten (z.B. >>erweiterter Sicherheitsbegriff<<), die der Denkweise innerhalb dieser Think Tanks entsprechen. Es handelt sich nämlich um kein Experiment, das Kausalschlüsse zulässt, sondern um einen beobachteten Zusammenhang. Der Zusammenhang jedoch lässt sich beobachten, und müsste erklärt werden. Wobei zwei plausible Mechanismen natürlich sind, dass Journalisten, die eine entsprechende NATO-Affinität aufweisen, einerseits zwar eher diese Netzwerke aufsuchen, andererseits jedoch auch ihre bereits bestehenden Weltbilder hierbei noch einmal verstärkt werden. So zeigen Studien, dass Gefühle der Zugehörigkeit zu einer Informationsquelle unkritischer gegenüber ihren Informationen werden lassen (siehe z.B. Berinsky (2012), Rumors, truths, and reality: A study of political misinformation, für weitere Literatur zur gegenseitigen Verstärkung von Weltbild und Asymmetrie im Umgang mit Informationen siehe auch Lewandowsky et al. (2012), Misinformation and Its Correction: Continued Influence and Successful Debiasing (ab S. 118) ). Zwar handelt es sich bei den Versuchspersonen in derartigen Studien nicht um Journalisten, jedoch werden grundlegende kognitive Mechanismen beschrieben, von deren Konsequenzen diese Personengruppe trotz Expertise nicht frei sein dürfte. []

Jascha Jaworski

18 Kommentare

  1. Vielen Dank für das Aufgreifen und bearbeiten dieses Themas. Passend dazu möchte ich Ihnen meine Gedanken mitteilen, die ich schon Herrn Müller bzw. den nachdenkseiten gemailt habe bezgl. seines Disputes mit dem ehem. FR-Journalisten Peter Henkel zum Thema. (siehe hier: http://www.nachdenkseiten.de/?p=21735)

    mein Kommentar:
    „Sehr geehrter Herr Albrecht Müller, bitte lassen Sie sich nicht irre machen. Es ist ein Phänomen, dass Medienschaffende wie Ihr Beispiel, der Herr Peter Henkel, unfähig zu sein scheinen, das, was sich hier zur Zeit abspielt, wahr zu nehmen.
    Wir werden (bzw. wurden, gerade ist ein leichter Umschwung beim Thema Ukraine zu spüren) zu bestimmten Themen mit einem Sperrfeuer des Gleichklanges bearbeitet. Ich spreche dabei vor allem von den so genannten Leitmedien, stellvertretend nenne ich dazu tagesschau, heutejournal, Zeit online, Spiegel online, wdr5, deutschlandradio kultur, da ich diese einigermaßen verfolgt habe, flankiert von Formaten wie Internationaler Presseclub, etc.
    Auffallend ist, dass diese Medien auf einer Weise Bericht erstatten, die die Aktivitäten der USA, der NATO, der EU sowie der Bundesregierung in Hinblick auf gewisse Themenfelder grundsätzlich bejahend, unterstützend, unkritisch, idealisierend, fokussierend (auf Erfolge) und verschleiernd (bezüglich Fehlleistungen und unpopulären Aspekten) darstellen und vielerorts eine Distanz vermissen lassen die notwendig wäre, auch Fehlleistungen und Schattenseiten zu erkennen.
    Man wird heute automatisch mit dem Verdikt des Verschwörungstheoretikers belegt, wenn man den Verdacht äußert, dass hier zum Teil gesteuerte Kampagnen gefahren werden.
    Nur: leider ist das gar nicht abwegig, vielmehr logisch. Es grenzt doch wohl an Dummheit zu glauben, dass die Kreise, die Macht und Geld besitzen, diese Macht und dieses Geld nicht dazu einsetzen würden, ihre Macht und ihr Geld zu schützen und zu mehren, und darüber hinaus, ihre Weltsicht zu befördern. Wenn man also Leute, die diese Vorgänge kritisch betrachten, mit dem Verdikt des Verschwörungstheoretikers in die Ecke der Verrückten oder zumindest der Dummen stellen will, so ist doch tatsächlich der verrückt, dumm oder zumindest naiv, der glaubt, dass Macht und Geld, wenn es hinreichend konzentriert ist und hinreichend Zeit gehabt hat, nicht Strukturen entwickeln würde, die genau diese Interesse befördern würden.
    Das Spannende an der Angelegenheit ist, dass es hierzu keinerlei Zwang braucht. Es ist doch viel effektiver Strukturen zu schaffen die geeignet sind, passende Menschen zu identifizieren, diese geeignet erscheinenden Multiplikatoren zu fördern und in strategischen Positionen zu installieren. Diese Methode hat den gravierenden Vorteil, dass sie human, freundlich, demokratisch wirkt, die Strohmänner aus Überzeugung handeln, und kaum ein Aussteiger das System denunziert, da er es selbst nicht unbedingt als System wahrnimmt, und kaum einmal etwas getan hat, was er anderen in die Schuhe schieben könnte. Es wurde ja niemand zu irgend etwas gezwungen.
    Aber damit stellt sich auch die Frage: was ist denn an diesem System auszusetzen?
    Ich muss das Ihnen gewiss nicht sagen. Beim Ukrainekonflikt wurde/wird uns ja gerade vorexerziert, wie Macht und Geld diese Strukturen nutzt, um seine Interessen gegen die Interessen der Mehrheit der Menschen durchzusetzen. An solchen Stellen zeigt dieses humane, freundliche, demokratisch wirkende System sein wahres Gesicht: es ist Menschen verachtend, mörderisch, kriegshetzerisch, wenn es darauf ankommt.
    Dass Medienschaffende die geradezu orwellsche Dimension der Meinungsmachung nicht wahrnehmen, deutet wahrscheinlich einfach nur darauf hin, dass der Mensch nur ein gewisses Mass an Widersprüchlichkeit in seiner Realität ertragen kann. Wird es zuviel, kippt er auf eine Seite und nimmt die andere nicht mehr wahr.
    Nur so kann ich es mir erklären, dass (als Beispiel) in unserer Presse seit Wochen fast nur noch davon gesprochen wird, dass Russland/Putin die Ukraine destabilisieren wolle und daher Gegenmaßnahmen des Westens erforderlich sind, obwohl allgemein bekannte Fakten belegen, dass die Ukraine durch die Förderung der Maidan-Bewegung und der schnellen Anerkennung, Förderung und Vertragsbindung der Interims-Regierung durch den Westen destabilisiert wurde. In der westlichen Öffentlichkeit wird also genau das Gegenteil von dem behauptet, was offensichtlicher Fakt ist. (Unbenommen der Tatsache, dass auch Russland sein Süppchen kocht, allerdings hat kein Land der Welt Interesse an einem destabilisierten Nachbarn, schon daher ist dieses ständige Destabilisierungsgerede der pure Schwachsinn).“

    • Zitat
      Ich will gar nicht bestreiten, dass Interpretationsmuster in diesem Beitragsformat nichts zu suchen hätten
      /Zitat
      Also haben Interpretationsmuster nach Ihrer Meinung nach in dem Beitragsformat nichts zu suchen? Versteh ich das richtig?

      • Das ist ein Formulierungsfehler meinerseits, danke dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben! Es soll heißen: „Ich will gar nicht bestreiten, dass Interpretationsmuster in diesem Beitragsformat etwas zu suchen haben.“

  2. Zu dem Thema würde es sich durchaus lohnen auch mal den Zusammenhang zwischen Eliten und öffentlicher Meinung zu beleuchten. Die genannten Alpha-Journalisten gehören zweifelsohne einer Elite an und, wie man am Beispiel von Stefan Kornelius sehen kann, sind sich dessen auch durchaus bewußt, bzw. stolz darauf.
    Wenn man bedenkt, wie sich mittlerweile auch in Deutschland die rein ökonomische Schere immer weiter aufklappt und das „einfache“ Volk von der wirtschaftlichen Elite trennt, dann ist es überhaupt nicht verwunderlich, wenn sich diese Entwicklung auch intelektuell vollzieht.
    Die Atlantikbrücke und artverwandte Thinktanks sind nunmal keine Kaninchenzüchtervereine, sondern höchst elitäre Netzwerke. Wer einem solchen angehört kann gar nicht anders, als seiner eigenen Sicht auf die Dinge einen hohen Stellenwert beizumessen, vor allem im Vergleich zur Meinung des „Volkes“ auf der Straße. Kornelius macht ja auch überhaupt keinen Hehl daraus, dass er sich für qualifizierter hält, als seine Kritiker.
    Man könnte nun einwenden, dass ein ausgebildeter Journalist mit langjähriger Berufserfahrung natürlich über das bessere Handwerkszeug, Know-How und Hintergrundwissen verfügt, um z.B. Außenpolitische Fragen zu beantworten, als irgendein x-beliebiger Mensch von der Straße. Zum Handwerkszeug eines Journalisten gehört aber gerade auch die Fähigkeit, eigene Standpunkte stets neu zu überdenken und hinterfragen. Wer sich von vorneherein einer mit absolutem Wissensvorsprung ausgestatteten Elite zugehörig fühlt, dem fällt es naturgemäß schwer, seine eigene Haltung kritisch zu hinterfragen. Schließlich ist diese als Elitenmeinung per definitionem schon von hohem „Wert“ und legitimiert sich damit mehr oder weniger von selbst.

  3. Sehr gute, lückenlose Antwort auf die eher unbefriedigende Verteidigungsrede von Herrn Bröckerhoff. Ich hoffe, er liest es und nimmt es sich zu Herzen.

  4. Hallo Herr Jaworski,

    vielen Dank für die dezidierte Ausführung. Den Großteil Ihrer Anschuldigungen weise ich entschieden zurück (bewusste Manipulation, Herunterspielen von Kritik, Ablenkung vom Thema, Zerrdarstellungen, Inkonsistenz). Ich habe leider keine Zeit, jetzt im Einzelnen darauf einzugehen. In meinen Augen führt das hier auch zu nichts, da ich nicht den Eindruck habe, dass ich Sie vom Gegenteil überzeugen könne.

    Was ich jedoch nach wie vor hoch interessant finde: Meine Kernaussage, dass Journalisten in solchen Gruppen nicht Mitglied sein sollten und wenn sie meinen, sie müssten das tun, das so transparent wie möglich zu machen haben („tätowiert es euch auf die Stirn!“), damit sie ihre beschädigte Glaubwürdigkeit retten können, führen Sie hier weder auf noch gehen Sie darauf ein. Stattdessen konzentrieren Sie sich hier auf Dinge, die in meinen Augen eher Nebenschauplätze und Detailfragen sind. Ich frage mich, wieso Sie das tun?

    Entweder muss ich mir das selber vorwerfen und meine Kernaussage wird im Film nicht deutlich genug. Oder sie wollen hier einen künstlichen Graben schaffen, was ich mir nicht erklären kann. Denn im Grunde sind wir uns glaube ich sehr einig.

    Ich frage mich auch, warum Sie hier Herrn Krüger so glühend verteidigen, wenn er mir persönlich am Telefon gesagt hat, dass ihm der Film gut gefallen habe, er dankbar sei, dass die Debatte jetzt fortgeführt wird und das Interview mit Kornelius ihn sehr weitergebracht habe. Herr Krüger – so meine Schlußfolgerung – muss gar nicht verteidigt werden. Ich werde ihm mal ihre Vorwürfe zukommen lassen und bin gespannt, was er dazu sagt.

    Was mir allerdings nicht gefällt ist Ihre Gnadenlosigkeit den sogenannten „Eliten-Journalisten“ gegenüber, die hier von Herrn Kornelius vertreten werden. Er hat den Dialog selber gesucht, er gesteht Fehler ein und vielleicht ist der Weg der Selbsterkenntnis, der von ihnen hier (und auch im Interview von Greenwald) gefordert wurde ja jetzt bereitet. Aber dafür muss man sich auch gegenseitig die Hand reichen, sonst verhärten sich die Fronten nur. (Mir ist übrigens bewusst, dass ich das im Falle der Montagsdemos im Film selber falsch gemacht habe. Ich nenne es Selbsterkenntnis.)

    Mit freundlichen Grüßen,

    Daniel Bröckerhoff

    • Lieber Herr Bröckerhoff,
      wenn Sie nicht den Eindruck haben, sich mit meinen Argumenten – ich habe ja ein sehr krasses Beispiel von Zerrdarstellung platziert – auseinandersetzen zu wollen, weil Sie nicht den Eindruck haben mich „vom Gegenteil überzeugen zu können“, ist das natürlich eine Position, die ich akzeptieren muss. Mir ging es übrigens gar nicht darum, Herrn Krüger „glühend zu verteidigen“ oder „künstliche Graben zu schaffen“ oder „Gnadenlosigkeit“ walten zu lassen, mir ging es darum, Fehlargumentationen darzustellen, die manipulative Wirkung haben (ob diese nun geplant war oder nicht).
      Wir können es ja glücklicherweise den Leser*innen überlassen, sich ein eigenes Bild von der Sachlage zu machen und Schlussfolgerungen basierend auf unserer Auseinandersetzung zu ziehen.
      Viele Grüße,
      Jascha Jaworski

      • Würden Sie dann bitte noch auf meine Frage eingehen, warum sie meine im Film transportierte Haltung nicht wiedergeben bzw auf diese eingehen, sondern stattdessen mich versuchen zu dekonstruieren? Das haben Sie schon wieder nicht getan.

        • Wenn Sie auf die Haltung der Transparenz („tätowiert es euch auf die Stirn!“) verweisen, so habe ich in diesem Artikel ja geschrieben: „Ein bloßes Herumkritteln an “mangelnder Transparenz” genügt da nicht.“
          Auch in meinem ersten Artikel verweise ich darauf:
          „Insgesamt bemüht sich ZAPP meinem Eindruck nach mit dem Video auf locker-hippe Weise folgendes Frame an das Publikum zu vermitteln: >Da ist was schief gelaufen, dass einige Journalisten in transatlantischen Netzwerken unterwegs sind. Das wesentliche Problem besteht jedoch darin, dass dies nicht transparent kommuniziert wurde.“
          Gerade die Verdichtung auf dieses Thema kritisiere ich jedoch. Die von mir im Artikel genannte Falschdarstellung in Sachen Studieninhalt („in unsere Hirne reinzukriechen“), der Sie im Video nicht widersprechen, schiebt die Analyse zu den transatlantischen Netzen auf diese Weise in die Ecke der Lächerlichkeit, wie ich es im Artikel ja darstelle. Vielleicht mögen Sie ja auf diesen dezidiert behandelten Punkt genauer eingehen.

        • Da ich auch an dieser Stelle – für die Leser*innen zugänglich geantwortet habe – würde ich mir das Gleiche von Ihnen wünschen.

  5. PS: Vielen Dank für Ihre Ermunterung. Ich werde am Feld dran bleiben. Ausschnitte aus dem Interview mit Greenwald über die Frage von objektivem Journalismus und Aktivismus kommen morgen bei Zapp. Ob ich Greenwald „unterliege“ oder nicht kann ja jeder in der Langform für sich selber entscheiden. Für mich war das Gespräch übrigens kein „Kampf“, sondern ein konstruktiver Austausch, aus dem ich viel mitgenomme habe. Meine Gedanken dazu hier: http://danielbroeckerhoff.de/2014/05/24/greenwald-im-interview-journalisten-sind-immer-aktivisten/

  6. Sehr geehrter Herr Jaworski,

    haben Sie ausdrücklichen Dank für Ihre geradezu endoskopische Analyse des „Fall Bröckerhoff“! Mit zunehmender Faszination habe ich verfolgt, wie unerbittlich konsequent Sie jeder noch so mikroskopisch kleinen Aktions- und Rechtfertigungswindung des windungsreichen Herrn Bröckerhoff nachgestiegen sind, um ihn tatsächlich immer wieder am letzten Hemd- oder Hosenbeinzipfel zu fassen zu kriegen und der Manipulation (mein Begriff), mindestens der Inkonsistenz überführen zu können. In dieser erbarmungslosen Minuziosität der Analyse ein Glanzstück journalistischer Aufklärungsarbeit. Chapeau! Auch isoliert von der politischen Dimension ist Ihre Analyse auch auf einer sozialpsychologischen Ebene ein schöner Nachweis dafür, wie konditioniert und letztlich versagend das sich angeblich selbst hinterfragende, kritische Selbstbild der eigenen Wirklichkeit hinterherhinkt.

    Den eindeutig größten Gewinn und Nutzen dieses Ihres kostenlosen Journalisten-Psychogramms wird deshalb wohl Herr Bröckerhoff selbst generieren können, sollte er in seinen jungen Jahren schon (oder noch?) die Fähigkeit zu auch schmerzhafter Fremd- und nachfolgenden Selbstreflexion besitzen.

    Aus politischer Sicht ist Ihnen für diese kluge, aufwändige Dechiffrierung sowieso herzlich zu danken!

    • Vielleicht bin ich nicht intelligent, selbstreflektiert oder einsichtig genug, aber ich verstehe nach wie vor nicht, wen ich hier zu welchem Zweck manipuliert haben soll, wenn ich doch davon ausgehen muss, dass der Großteil der hier Kommentierenden eigentlich meiner Meinung ist: Journalisten raus aus solchen Gruppen und für mehr Transparenz im Arbeiten!

      In einfachen Worten bitte. Ich bin ja wirklich bemüht Sie alle hier zu verstehen. Aber leicht wird mir das nicht gemacht.

      • Sehr geehrter Herr Bröckerhoff,
        erst einmal meinen größten Respekt, dass sie sich hier persönlich und mehrfach zu Wort gemeldet haben. Es war ihn sicherlich bewusst, dass sie möglicherweise heftiger Kritik ausgesetzt sein werden, und doch haben sie sich nicht abschrecken lassen. Ich hoffe, sie lassen sich in dieser Hinsicht von dem ein oder anderen Kommentar nicht unterkriegen!

        Trotzdem habe ich, so wie mein Kollege Herr Jaworski und die anderen Kommentatoren, Bedenken in Bezug zu der Botschaft, die ihr Bericht dem Zuschauer vermittelt. Da Sie, wie Sie es selbst formuliert haben, bisher nicht so ganz verstanden haben, über was sich die Kommentatoren dieser Seite genau ärgern, möchte ich Ihnen einmal versuchen zu erklären, warum ich Ihre Forderung nach Transparenz allein im Zusammenhang mit der Medienbrichterstattung nicht für ausreichend halte.

        Natürlich ist die von Ihnen geforderte Transparenz vernünftig. Allerdings kommt es in Ihrem Beitrag so rüber, als ob man ausschließlich diese Transparenz einführen müsste, so dass jeder Leser sofort erkennen könne, welche Beiträge möglicherweise einseitig sind, und sich entsprechend die Artikel heraussuchen kann, die er persönlich für neutral hält.
        Dieser Ansatz klingt vernünftig und kann in vielen Fällen auch helfen. Er überspringt jedoch die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass viele Berichte und Kommentare in allen für die Masse der Bevölkerung ausgelegten Leitmedien (Vor allem Tagesschau, aber auch die von Herrn Kornelius, der anscheinend auch in russischen Denkeinrichtigen unterwegs ist) oft sehr einseitig waren, und in ihren Inhalten viele sehr interessante Fakten im Bezug zur Ukrainekrise ausgelassen oder nur unzureichend ausdrücklich vermittelt haben.

        Da wären zum Beispiel:
        – Das die faschistische Swoboda von Anfang gleichberechtigt an den Protesten mit den anderen beiden Parteien beteiligt waren und diese auch offiziell mit organisierten.
        – Das die anderen Oppositionsparteien indirekt von der deutschen CDU und amerikanischen Parteien finanziert wurden.
        – Die Medien es moralisch toleriert haben, dass man „passive Gewalt“ nutzt, um Regierungsgebäude zu stürmen und beliebig lange jene und das Parlament zu belagern, und diese Personen immer wieder als „Kämpfer für Freiheit und Demokratie“ hingestellt wurden, obwohl es sich teilweise um Faschisten handelte.
        – Es wurde nur sehr unzureichend (vor allem während der heißen Phase) berichtet, dass das Land tief gespalten ist und im Osten der Ukraine keine Zustimmung für die Proteste gewonnen werden konnte. So befürworteten nur 50% der Ukrainer die Proteste, während die anderen 50% tatsächlich dagegen waren.
        – Die kuriose Abwahl von Janukowicz wurde unzureichend dargestellt
        – Die Befreiung von Julia Timoschenko aus dem Gefängnis, trotz ihrer zuvor tatsählich korrupten Geschäfte, wurde nicht gegeißelt. Auch das von Oligarchen extrem dominierte Parteiensystem, an dem Bürger kaum beteiligt werden, wurde in diesem Zusammenhang meines Wissens nicht erwähnt. Oligarchen und ihr allgemein korrupter Einfluss in der Ukraine wurden ebenso wenig thematisiert.
        – Der Zwischenfall in Odessa wurde nicht genau beschrieben, so dass der Zuschauer nur selten erfuhr, dass extreme pro-ukrainische Faschisten überwiegend nicht bewaffnete Gegner des Kiewer Regimes töteten. Auch die Tatsache des pro-ukrainischen Polizeiverhaltens und die Frage, ob es möglicherweise noch deutlich mehr Opfer gab, wurde nicht nachgegangen.
        – Die politische Tendenz der ukrainischen Bevölkerung im Osten wurde selten so dargestellt, dass man das Gefühl hatte, dass es auch viel Zustimmung für den Widerstand gegen das Übergangsregime gab. Das gilt auch in Bezug auf die Arbeiter des Oligarchen Achmetow.
        – Die Präsenz von radikalen Einheiten, die sich zu einem hohen Teil aus dem pro-ukrainischen „rechten Sektor“ bildeten, wurde kaum erwähnt.
        – Das Hunter Biden – Sohn des US-Vizepräsidenten – Mitglied im Vorstand des ukrainischen Konzern Burisma wird, der auf dem Krim und im Osten der Ukraine Gas fördert, wurde meines Wissens nicht gemeldet.
        – Es wurde ebensowenig gemeldet, dass im Zusammenhang mit dem Syrienkonflikt zwei renommierte Forscher (Richard Lloyd, ein früherer UN-Waffeninspekteur, und Theodore Postol, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT)) heraufanden, dass die Angaben, die die US-Regierung zu dem Giftgasangriff im August 2013 gemacht hat, falsch waren, so dass nicht mehr ausgeschlossen werden kann, dass Rebellen den Angriff verübten.

        Es gibt sicherlich noch viele weitere solcher wichtigen Hintergrundfakten, die in den wichtigen Medien nicht auftauchten, obwohl sie jeder an Aufklärung interessierte Journalist berichten müsste. Genau diese Tatsache, dass die Medien eben viele Fakten ausgelassen haben, wodurch ein sehr einseitiger pro-westlicher Blick auf die Krise entstand, ist für mich auch der entscheidende Grund, warum die Frage nach Transparenz alleine nicht entscheidend ist. Was würde mir Transparenz bringen, wenn es bei den für die Masse der Bevölkerung wichtigen Medienformaten gar keine Auswahl zwischen guten und schlechten Artikeln gibt, weil einfach alle mangelhaft sind?

        In diesem Zusammenhang muss man sich fragen, warum die Medien so einseitig berichten, und genau deshalb hat ZDF Sendung „Die Anstalt“ auch diese Zusammenhänge mit den Thinktanks aufgezeigt. Ob dies der einzige/entscheidende Grund für die Berichterstattung ist, mag man hinterfragen können, aber es ist zumindest erstmal eine plausible Idee. In dieser Sendung der „Anstalt“ wurde zuvor nämlich auch klar darauf hingewiesen, wie einseitig die Medien mit dem Wort „Putinversteher“ Kritiker der Medien diffamieren wollten. Transparenz ist hier, wie gesagt, keine Lösung, um so einseitiger Berichterstattung zu begegnen. Man braucht in so eine Situation Theorien, die erklären können, warum es die Berichterstattung nicht sachlich ist.

        Darüberhinaus kann ich anhand Ihres Beitrags bei Zapp nicht genau nachvollziehen, wo Sie deutlich machen, dass Personen aus diesen Gremien austreten sollen. Sie fragen zum Schluss doch nur die Zuschauer.

        Ich hoffe, ich konnte Ihnen einigermaßen verständlich machen, warum ich Transparenz gutheiße, aber sie nicht als Lösung für das Problem schlechter Berichterstattung empfinde.

        Mit freundlichen Grüßen,
        Jochen Schölermann

      • Lieber Herr Bröckerhoff,

        entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen erst jetzt antworte; ich war erst vorhin wieder auf dieser Seite…

        Nun, wenn Sie so kokettierend-rhetorisch fragen, ob Sie „vielleicht nicht intelligent, selbstreflektiert oder einsichtig genug sind“, die Kritik an Ihnen zu verstehen, dann möchte ich Ihnen doch antworten, dass es an Ihrer Intelligenz eindeutig nicht liegt. Die beiden anderen von Ihnen genannten Eigenschaften sind dagegen sicher zu relativieren.

        Zunächst glaube ich Ihnen, dass Sie sich nicht richtig verstanden fühlen und auch, dass Sie die Kritik an Ihnen wirklich verstehen möchten. Ich unterstelle einfach, dass das so ist. Und wenn dies so ist, dann bleibt eigentlich nichts weiter übrig, als dass Sie erkennen müssen, mit Ihrem Zapp-Beitrag mindestens (!) eine Doppelbotschaft ausgesandt zu haben. Wer Ihnen allerdings Ihr Selbsterkenntnisinteresse nicht abnimmt, der muss freilich davon ausgehen, dass Ihr Beitrag völlig bewusst und vorsätzlich unter dem Deckmantel Ihrer angeblichen Intention („Journalisten raus aus solchen Gruppen…!“) das höchst brisante Thema schleifen, verharmlosen und kleinreden wollten. Herr Jaworski hat, wie gesagt, eine geradezu lückenlose Analyse dazu erstellt, die viele mit ihm teilen.
        Es macht deshalb schon ein wenig Staunen, dass Sie nach dieser für Sie niederschmetternden „Beweisführung“ Jaworskis noch so mutig sind und diese nahezu vollständig zurückweisen. Da Sie dies aber tun, bin ich zurück bei meiner Eingangsfeststellung, dass ich Ihnen Ihre Irritation abnehme. Und damit bei der Doppelbotschaft, die Sie nicht erkennen können. Hierzu sei kurz diese Zwischenbemerkung eingeschoben:
        Es dürfte ziemlich klar sein, dass Sie als Angestellter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens selbstverständlich keiner dezidiert linken, sehr amerikakritischen oder gar antiamerikanischen, „antitranslantischen“ Weltsicht frönen werden und dass alles das, was Sie innerhalb Ihres Weltbildes als vielleicht schon grenzwertig kritisch innerhalb Ihres Arbeitsumfeldes erleben, für viele andere, vor allem Linke natürlicherweise nur als lauwarm, unvollständig und unzureichend aufgenommen werden kann. Da sollten weder Sie sich wie auch wir, Ihre Kritiker keine Illusionen machen und von Ihnen keine revolutionären Ambitionen erwarten. Ich finde wirklich, dass man an dieser Stelle auch die Kirche im Dorf lassen sollte.

        Wenn es also so sein sollte, dass Sie die Kritik Jaworskis wirklich nicht verstehen und sich selbst als Moderator erlebt haben, der seine Botschaft „Journalisten raus aus solchen Gruppe…!“ klar und deutlich durchgebracht hat, dann sollten Sie sich wohl dringend mit den in Ihnen offenbar unbewussten wirkenden Botschaften auseinandersetzen. Die Eintrittskarte dazu hat Ihnen Herr Jaworski überreicht.

        Aber damit das ganz klar und deutlich ist: Das „Unbewusste“ in diesen Kontexten hat freilich nichts, aber auch gar nichts mit einem psychischen Defekt oder auch nur irgendeinem wie immer gearteten Malus zu tun! Uns alle eint nunmal, dass wir uns nur über einen, über viele Spiegel wirklich erkennen können. Und Selbstreflexion ist was wirklich Schönes, doch ohne Spiegel reflektiert sie blöderweise nur das, was das Unbewusste durch den eigenen, stets verbrämenden Filter lässt. Mei, so sammer halt, würde der Bayer sagen.

  7. Und ich baue darauf, dass die Leser*innen meine Kritikpunkte am ZAPP-Beitrag nachvollziehen, überprüfen, dann überprüfen, was Herr Bröckerhoff dem entgegenstellt (und wie er in Bezug auf meine Person entgegnet) und dann zu ihrer eigenen Meinung der Auseinandersetzung gelangen.

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