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Brzezinski – Der Zauberlehrling und die gefährlichen Geister des Kalten Krieges

1997 beschrieb Zbigniew Brzezinski, der als jahrzehntelanger Berater zahlreicher US-Präsidenten (von Carter bis Obama) als „graue Eminenz“ der Außenpolitik gilt, in seinem Buch „The Grand Chessboard“ die Grundlage für die Aufrechterhaltung einer unipolaren Welt, wie sie nach dem Ende von Sowjetunion und Warschauer Pakt entstanden war, und den Vereinigten Staaten als einzig verbliebene Weltmacht die alleinige Vorherrschaft über den Planeten eröffnet hatte. Die Gedanken im Buch beziehen sich auf die zentrale Landmasse Europas und Asiens, die als „eurasischer Kontinent“ 75% der Weltbevölkerung und den größten Teil der weltweiten Energievorkommen umfasst. Wer Herrscher in der unipolaren Weltordnung sein will, müsse sich den Zugriff auf diesen Kontinent sichern, weshalb die außenpolitischen Anstrengungen der Vereinigten Staaten sich darauf zu richten hätten, Russland zu isolieren und dafür Sorge zu tragen, dass die Länder Eurasiens keine stabile und friedliche Kooperation mit einander finden, durch die die USA ihren hegemonialen Einfluss letztlich weltweit verlieren würden.1 Bei diesem Anliegen sollte Europa den Vereinigten Staaten wiederum als Mittel zur Sicherung ihres Einflusses in Eurasien dienen, Zitat Brzezinski: „Schließlich könnte ein solches Europa sogar ein Eckpfeiler einer unter amerikanischer Schirmherrschaft stehenden größeren eurasischen Sicherheits- und Kooperationsstruktur werden.“2

Ein Text von Hauke Ritz aus dem Hintergrund von 2008 ist hierzu sehr empfehlenswert und lässt große Vorhersagekraft für die heutigen Geschehnisse u.a. rund um den Ukraine-Konflikt erkennen (siehe „Die Welt als Schachbrett – Der neue Kalte Krieg des Obama-Beraters Zbiegniew Brzezinski“). Hauke Ritz geht dabei nicht nur auf das Buch von 1997 ein, sondern ebenfalls auf ein weiteres, das Brzezinski 2007 herausgab unter dem Titel: „Second Chance: Three Presidents and the Crisis of American Superpower“. Darin beklagt Brzezinski besonders das Vorgehen der Neokonservativen unter Bush II, indem durch mangelnde Bündnispolitik und Unilateralismus die Vormachtstellung der USA gefährdet worden sei, es nun allerdings eine zweite Chance gebe, diese langfristig zu sichern. Hauke Ritz unterlegt hierbei die Darstellung der Bücher von Brzezinski einerseits mit Aussagen aus Reden Putins, die dieser 2007 auf der Münchner Sicherheitskonferenz und dem G8-Treffen in Heiligendamm getätigt hat, und erinnert andererseits an die geschichtlichen Ereignisse seit Ende der Sowjetunion, so etwa das Verhalten der „westlichen Verbündeten“ gegenüber Russland im Zuge der neoliberalen Schocktherapie Anfang der 90er Jahre3 oder in der Angelegenheit des geplanten Raketenschutzschildes, der sich angeblich gegen den Iran richten soll, und lässt hierbei deutlich werden, wie stark die Idee der Isolierung Russlands und Spaltung Eurasiens zur Aufrechterhaltung einer westlichen Weltordnung unter Vorherrschaft der USA die außenpolitische Realität bislang bestimmt hat.

2012 schien zumindest Brzezinski dann jedoch eine überraschende Wendung vollzogen zu haben und zu der Erkenntnis gelangt zu sein, dass die unipolare Weltordnung sich nicht aufrecht erhalten lässt. Wie wiederum Hauke Ritz in einem Artikel hierzu in den Blättern für deutsche und internationale Politik über das im gleichen Jahr erschiene neueste Buch von Brzezinski mit dem Titel: „Strategic Vision: America and the Global Crisis of Power“ darlegt, wird hier die alte Idee, dass Globalisierung durch ein „geknüpftes Netz“ von „multinationalen Korporationen, Organisationen […]“ als „Weltsystem“, das die „Insignien des derzeitigen Herrschers der Welt“ trägt (so Brzezinski noch 1997), aufgegeben:

„Nun aber nimmt Brzezinski von dieser Vision entschieden Abstand. Er erkennt die zunehmende Schwächung der westlichen Staatengemeinschaft. Gelingt es dem Westen nicht, mit Russland und der Türkei langfristige Kooperationen einzugehen, laufe er Gefahr, in der Welt isoliert zu werden. Angesichts der sichtbaren Annäherung von Russland und China ist das von brennender Aktualität. Brzezinski bereitet seine Leser sogar darauf vor, dass die USA ihren Einfluss in Mexiko verlieren könnten. Für ihn steht fest: Die Zeit ist vorbei, da der Westen mit großspuriger Attitüde gegenüber Russland, China, Indien, Brasilien, Pakistan oder Iran auftreten kann.“

(Hauke Ritz, „Warum der Westen Russland braucht“, Blätter für deutsche und internationale Politik, Juli 2012)

Brzezinski verweist hierbei, wie Hauke Ritz berichtet, u.a. auf das weltweite politische Erwachen, durch das den Menschen bewusst werde, in welcher Weise der Westen unter Vormachtstellung der USA seine Macht ausübt:

„Erlittenes Unrecht während der Kolonialzeit, Interventionen der USA seit dem Zweiten Weltkrieg, der ungelöste Israel-Palästina-Konflikt und die jüngsten Kriege im Nahen Osten: All dies werde der Weltbevölkerung nun bewusst und habe zu einem weitreichenden Legitimitätsverlust westlicher Außenpolitik geführt. In mehreren Teilen der Welt könnte dies sogar zu einer grundsätzlichen Neubewertung der Beziehungen zum Westen führen, die dann andere Mächte, wie beispielsweise China, zu ihrem Vorteil nutzen könnten. Angesichts dieser neuen Situation könne die westliche Staatengemeinschaft nur überleben, wenn sie ihr Verhältnis zur übrigen Welt grundsätzlich überdenkt.“

(Hauke Ritz, „Warum der Westen Russland braucht“, Blätter für deutsche und internationale Politik, Juli 2012)

Zudem zieht Brzezinski in seinem neuen Buch den Vergleich zwischen dem Ende der Sowjetunion und dem drohenden Ende der Vorherrschaft der USA, wie Hauke Ritz berichtet und dabei die Aufzählung Brzezinskis wiedergibt: ein reformunfähiges politisches System, ein teurer, übermäßiger Militärapparat, ein sinkender Lebensstandard für große Bevölkerungsteile, steigende soziale Ungleichheit, die Kompensation des innenpolitischen Legitimitätsverlusts durch außenpolitische Feindbilder, sowie außenpolitische Selbstisolation.

Nun ist es sicherlich erfreulich, dass auch ein Brzezinski sein Weltbild, das er immerhin über Jahrzehnte als einflussreicher Berater von US-Präsidenten hat in die Weltpolitik einfließen lassen, den veränderten Verhältnissen anzupassen in der Lage scheint. Mit Goethes Zauberlehrling bleibt jedoch die Frage, inwiefern die Geister, die auch er einst rief, sich wieder loswerden lassen. Brzezinskis Gedanken und Ideen werden bestehen bleiben, auch wenn der Urheber persönlich sich von ihnen ernsthaft verabschiedet haben sollte, waren sie für den Kern der Befürworter doch ohnehin wahrscheinlich nur insofern tauglich, wie sie eine Variante aufzeigten, die eigenen Privilegien und Machtansprüche intellektuell und strategisch weltweit durchzusetzen. Doch auch Brzezinski selbst kann sich wohl vom jahrzehntelangen Denken und Wahrnehmen nicht wirklich lösen. So rief er in einem Artikel in der Washington Post vom März 2014, zu dem Zeitpunkt, zu dem Russland auf der Krim die ukrainischen Kasernen blockieren ließ, als das Referendum über die Abspaltung der Halbinsel noch ausstand, alarmistisch dazu auf:

„Viel hängt davon ab, wie deutlich der Westen dem Diktator im Kreml – einer teilweise komikhaften Nachahmung von Mussolini und einer zunehmend bedrohlichen Erinnerung an Hitler – vermittelt, dass die NATO nicht passiv sein kann, wenn Krieg innerhalb Europas entsteht. Wenn die Ukraine zerschlagen wird, während der Westen einfach zuschaut, wird die neue Freiheit und Sicherheit im angrenzenden Rumänien, Polen und den drei baltischen Republiken ebenso gefährdet sein.“4

(„Zbigniew Brzezinski: After Putin’s aggression in Ukraine, the West must be ready to respond“, The Washington Post, 3. März 2014)

Einerseits scheint Brzezinski also weiterhin im Denken des Kalten Krieges verhaftet zu sein, bzw. relexhaft aufgrund akuter Entwicklungen diesem zu verfallen. Im gleichen Zeitungsartikel forderte er jedoch andererseits dazu auf, dass der Westen unmissverständlich klar machen solle, dass er eine friedliche Annäherung an Russland wolle und nicht danach strebe, die Ukraine in die NATO zu führen oder sie gegen Russland zu positionieren. Hier scheint Brzezinski also einen neuen Kalten Krieg (oder gar „heißen“ Krieg) verhindern zu wollen. So sehr er sich jedoch wünschen mag, dass die eingeforderte Zusicherung an Russland ehrlich gemeint sein möge, so wenig sprechen die Ereignisse rund um die Ukraine dafür, dass nicht zumindest Teile der NATO-Staaten eben ganz andere Absichten verfolgen. Die jahrelangen „Fördergelder“ in der Ukraine v.a. der Vereinigten Staaten, auf die etwa Victoria Nuland stolz in einem Vortrag verwies, der Putsch unter westlicher Unterstützung (für beide Punkte siehe etwa „Der Kampf um das Erdgas in der Ukraine“, Monitor, 14.3.2014), die neue Regierung unter Beteiligung klar russlandfeindlicher Kräfte, die militärpolitischen Passagen im unterzeichneten Assoziationsabkommen5 usw. usf. sprechen doch die deutliche Sprache, dass Sicherheitsbedenken Russlands weder berücksichtigt, noch ein kooperatives und auf mehr Gleichberechtigung hinauslaufendes Modell der Machtverteilung auf dem eurasischen Superkontinent angestrebt wird.

Hierzu zeigt auch ein Monitorbeitrag besonders zum jüngeren Verhalten der NATO gegenüber Russland sehr schön auf, wie offensiv bis aggressiv das vermeintliche „Verteidigungsbündnis“, dessen Auftrag mit dem damaligen Ende des Kalten Kriegs ja eigentlich ebenso hätte enden können, auftritt:

„Russland vs. NATO: Droht ein neuer Kalter Krieg?“ (Monitor, 21.8.2014)

Was die zukünftige Ausrichtung und Strategie der USA betrifft, wird diese wohl auch stark davon abhängen, welche Kräfte die kommende Regierung stellen werden, womit die Frage verbunden ist, in welchem Maße neokonservative Hintergrundinteressen sich durchsetzen können. Auf einen Beitrag von Norman Birnbaum auf den NachDenkSeiten sei dabei noch abschließend verwiesen, in dem dieser u.a. auf die unterschiedlichen Linien von Barack Obama und Hilary Clinton eingeht:

„>>Clinton, Obama und die neue Ära des American Empire<< – Der zweite Bericht des NDS-Freundes Norman Birnbaum aus Washington“ (NachDenkSeiten, 20.8.2014)

Aber auch vieles wird davon abhängen, wie viel Pluralität in der westlichen Medienlandschaft übrig bleiben wird, wenn sich die Verhältnisse noch weiter zuspitzen. Propangandastrukturen bestimmen den Handlungsspielraum der Hardlinder auf allen Seiten. Ein neuer Kalter Krieg kann schließlich erst dann dauerhaft bestehen, wenn er nicht allein die Köpfe der Eliten, sondern ebenso jene der demokratischen Öffentlichkeit eingenommen hat, die sich dem entgegenstellen könnte. Die bisherige Tätigkeit der Medien in oberster Hirtenfunktion lässt hierbei leider wenig Gutes erwarten.

 

  1. Überlegungen zur Bedeutung Eurasiens für eine weltweite Vorherrschaft wandte bereits der Geologe Mackinder Anfang des 20. Jhdt. auf das britische Imperium an, siehe Heartland-Theorie []
  2. Siehe Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Berlin 1997, S. 307, zitiert nach Hauke Ritz, Hintergrundartikel vom 26. August 2008 []
  3. siehe hierzu auch die Dokumentation zu Naomi Kleins Buch “The Shock Doctrine”, z.B. hier, ab min. 39:00 []
  4. Original: „Much depends on how clearly the West conveys to the dictator in the Kremlin — a partially comical imitation of Mussolini and a more menacing reminder of Hitler — that NATO cannot be passive if war erupts in Europe. If Ukraine is crushed while the West is simply watching, the new freedom and security in bordering Romania, Poland and the three Baltic republics would also be threatened.“ []
  5. siehe „Ukraine: Ringen um die Machtgeometrie“, IMI-Studie, 21.7.2014 []

Jascha Jaworski

Ein Kommentar

  1. Ich danke Ihnen,Jascha Jaworski, für diese sachlichen Darlegungen.Ein wirklicher Genuss, nach dem wochenlangen Verzehr von medialem Einheitsbrei.

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