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Paul Schreyer über Selbstgefälligkeit und Kritikkompostierung bei der SZ

Langsam scheint sich ja herumzusprechen, dass der Medienmainstream ein gewisses Problem hat: er verliert an Glaubwürdigkeit. Mehrere Faktoren sind dafür verantwortlich. So ist es in Zeiten des Internets zunehmend wieder auch den kleinen, nicht kapitalstarken Beitragslieferant*innen möglich, gewisse Informationen und Gedanken auf weite Bahnen zu schicken (eine Möglichkeit, die über lange Jahre weitgehend dadurch verloren ging, dass Massenverbreitung mit hohem Kapitalaufwand einherging, auch heute ist dieser Umstand freilich nicht aufgehoben). Die althergebrachten Medienflagschiffe haben heute jedoch größere Schwierigkeiten, ihren Deutungsrahmen zur Meinungsreduktion (der sich aus ihren strukturellen Gemeinsamkeiten ergibt) aufrecht zu erhalten. Wer regelmäßig kleine, kritische Portale liest, weiß die Fundiertheit in vielen sich herausbildenden Strukturen der Gegenöffentlichkeit zu schätzen. Sie ermöglicht es einem, nicht nur auf viele Widersprüche im Mainstream überhaupt erst aufmerksam zu werden, sondern für diese auch noch tragfähige Erklärungen zu erhalten.

Ein zweiter Faktor, der an der Glaubwürdigkeit des Medienmainstreams kratzen lässt, besteht auch darin, dass wir es mit einer immer konflikthafteren Welt zu tun haben. Die neoliberale, unipolare Weltordnung hat tiefe Risse davon getragen, und hinter gewalthaften Auseinandersetzungen treten ihre Widersprüchlichkeiten in verdichteter Form zu Tage. Die Ukraine-Krise, der Nahe Osten, aber auch ökonomische Verwerfungen und Aufstände innerhalb der alten kapitalistischen Kernländer bieten ein breites Feld, um den Medienmainstream in seinem Deutungs- und Selektionsverhalten zu beobachten und so gnadenlos dort zu kritisieren, wo Schwerwiegendes verschwiegen, Tatsachen verdreht oder mit zweierlei Maß gemessen wird (ohne dass dies den Produzenten selbst bewusst sein muss).

Ein gewisser Teil der Bevölkerung scheint sich durch diese Entwicklungen jedenfalls zunehmend dafür zu interessieren, wie diese Medien mit der Verantwortung umgehen, die ihnen zukommt. Hier hat in letzter Zeit besonders die einseitige und filternde Berichterstattung in Sachen Ukraine die Gemüter zurecht erhitzt. Wer „Ukraine“ in unserer Suchfunktion eingibt, kann dem selbst noch einmal nachgehen.

Gerade in jenem Moment, in dem einseitiges Medienverhalten einen neuerlichen Höhepunkt erlebte, kam nun der Medienwissenschaftler Uwe Krüger mit einer Arbeit zu den Netzwerkaktivitäten leitender Journalisten in einschlägigen Think Tanks in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Er zeigt mit seinen Befunden, dass es sich lohnt, genauer darauf zu schauen, welche Zusammenhänge bestehen zwischen Meinungen im Medienmainstream und Strukturen, die gewisse Meinungen befördern. Dass die unter Glaubwürdigkeitsproblem geratenen Medienmacher – die die Deutungshoheit in solchen wesentlichen Themenfeldern wie kriegerischen Konflikten oder geopolitischen Interessenlagen natürlich bewahren wollen – nicht gerade amüsiert darauf reagieren, wie nun auf einmal das Publikum Bezug auf wissenschaftliche Befunde nimmt, um Fehlverhalten aufzuzeigen, ist verständlich. Gleichwohl ist die Reaktion aus den Leitmedien umso diagnostischer für die Vorherrschaft von Selbstgefälligkeit und Elitedünkel dort, wo doch Argument und Vernunft das Maß der Dinge sein sollten. (Eine Erzählung, an die man noch nie glauben musste, versteht sich).

Paul Schreyer berichtet in einem Telepolisartikel, in welch plumper Weise nun Stefan Kornelius, Außenressortchef der SZ und Journalist in reger transatlantischer Think Tank Vernetzung die Arbeit von Uwe Krüger zu diskreditieren versucht, um sich nicht der Selbstkritik aussetzen zu müssen. Auch wird in dem Artikel darauf eingegangen, wie die SZ die unliebsame und kritische Meinungsvielfalt der Leserinnen und Leser in gewünschte und kritikblasse Bahnen zu lenken versucht:

„Auf dem Höhepunkt der Krise im Sommer diesen Jahres beschloss man dann offenbar bei der SZ eine Umstrukturierung der Leserforen. Zum 1. September wurde diese öffentlich bekannt gegeben. Seitdem gibt es nicht mehr die Möglichkeit, direkt unter den Artikeln zu kommentieren. Stattdessen beschließt eine Abteilung >>Leserdialog<< der Redaktion nun zwei bis drei Themen pro Tag, zu denen das Publikum losgelöst von konkreten Artikeln diskutieren soll. Begründung: in den Diskussionen zuvor sei >>zu viel durcheinander<< gegangen."

Siehe:  „Zwischen Lesern und Lobbynetzwerken“ (Telepolis, 4.11.2014)

Jascha Jaworski

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