Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken
0

Michael Lüders zur „Ursünde“ und den Chaosstiftern im Nahen und Mittleren Osten

Der Politik- und Islamwissenschaftler, Publizist und ehem. Zeit-Redakteur Michael Lüders hat in einem Vortrag bei der Tele-Akademie Inhalte seines neuen Buchs „Wer den Wind sät: Was westliche Politik im Orient anrichtet“ vorgestellt. Es ist erfreulich, zu welch klargeistigen und unverblümten Analysen auch prominente Personen aus dem Medienbereich in der Lage sind, wenn Sie bereit sind, die fragmentierte Standarderzählung umfassend zu verwerfen. Herr Lüders zeigt in dem Vortrag die Täterschaft westlicher Staaten in Bezug auf die tiefgreifenden und verheerenden Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten auf und geht dabei in prägnanter Weise auf die ursächlichen Verbindungen zwischen den Ereignissen ein. Er startet mit dem Putsch gegen Mossadegh 1953, den er als „Ursünde“ bezeichnet. Er berichtet von der westlichen Aufbauhilfe des Dschihadismus 1979 in Afghanistan, mit der die damalige Sowjetunion in den Krieg gezogen werden sollte, und zeigt auf, wie hieraus die Strukturen für al-Qaida erwachsen sind. Er kommt auf die Rolle und die Ideologie Saudi-Arabiens zu sprechen, erläutert die Hintergründe des Iran-Irak-Krieges, sowie der beiden Irak-Kriege 1991 und 2003 und zeigt auf, wie hieraus die Strukturen des „Islamischen Staates im Irak“ entstanden sind, die sich im Verbund mit dem westlich unterstützen Versuch des Sturzes von Syriens Präsident Assad zum heutigen IS entwickelten (dessen Entstehen ja durch eine weitgehend dekontextualisierte Darstellungsweise und seine Reduktion auf die Kategorie „des Bösen“ gegenüber ernsthaften Erklärungsversuchen abgeschirmt wird). Zudem kommt er auf das Verhältnis zwischen Sunniten und Schiiten, die Auswirkungen der Beseitigung Gaddafis in Libyen und den Israel-Palästina-Konflikt in einer Art und Weise zu sprechen, die aufzeigt, wie Analysen aussehen können, die sich von Konformitätsdruck befreit haben. Er erläutert dabei auch das Projekt der „neuen Verantwortung“, durch das die Bevölkerung hierzulande ja von der Notwendigkeit kriegerischer Aktivitäten Deutschlands im weltweiten Maßstab überzeugt werden soll.

„Man schafft erst Chaos und dann schickt man noch mehr Soldaten, um das Chaos dann einzudämmen. Und das kann natürlich nicht funktionieren.“

(Michael Lüders, Wer den Wind sät… Was westliche Politik im Orient anrichtet, Vortrag bei der Tele-Akademie, gesendet am 12.4.2015)

Die Tele-Akademie hat aufgrund der Sendezeitbeschränkungen eine gekürzte Version (44:45 min.) des Vortrags ausgestrahlt, die vollständige Version (72 min., empfehlenswert) ist jedoch auch auf der Seite herunterzuladen (Direktlink dazu hier).

Es dürfte unmittelbar klar werden, welche Relevanz das Thema in Anbetracht der weltweiten Auswirkungen auch für politisch weniger interessierte Menschen hat. Die westliche Welt erlebt nicht nur zunehmende innere Unruhen aufgrund der neoliberalen Ideologie, die strukturelle Gewalt, die sie gegenüber anderen Ländern ausübt, und die Auswirkungen, die dies hat, wirken tagtäglich beobachtbar zurück.

Zwei Meldungen dazu:

„Das sind die neuen Pläne zur Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung“ (netzpolitik.org, 15.4.)

„Europa-Drohne nimmt Gestalt an“ (tagesschau.de, 31.3.)

Zur neuen deutschen Außenpolitik, die auf die strukturelle Gewalt nun noch mehr militärische Gewalt kippen möchte, verweisen wir noch einmal auf:

„Die >>Verantwortung<<, die sie meinen, die >>Macht<<, die sie wollen“

Die Informationsstelle Militarisierung hat außerdem eine hervorragende Broschüre zum Thema herausgegeben:

„Deutschland: Wi(e)der die Großmacht“ (IMI, 9.4.2015)

Wie die Vereinigten Staaten neben der Totalüberwachung (zumindest rechtfertigen sie diese damit) dem selbst geschaffenen Terrorismus (ein schwieriger Begriff) begegnen, hat der investigative Journalist Jeremy Scahill sehr beeindruckend dokumentiert, wodurch das oben angeführte Zitat von Herrn Lüders noch einmal nachdrücklich unterstrichen wird:

“Vor unseren Augen werden inoffizielle Kriege angezettelt, überall auf der Welt werden Ausländer und Amerikaner gleichermaßen per Dekret des Präsidenten ermordet. Der >>Krieg gegen Terror<< verwandelt sich in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Kann solch ein >>Krieg<< jemals enden? Und was geschieht mit uns, wenn wir endlich sehen, was direkt vor unseren Augen verborgen war?”

(Jeremy Scahill, „Dirty Wars – Schmutzige Kriege“, Dokumentation von 2013)

Jascha Jaworski

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *