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No 516

“Die Schlagzeilen sprechen hauptsächlich von >>Zusammenstößen<<, >>Konflikten<< und >>Opfern auf beiden Seiten<<. Die Politiker rezitieren Binsenweisheiten über Israels >>Recht, sich selbst zu verteidigen<< – ein Recht, das Palästinenser anscheinend nicht haben. Die US-Regierung fordert, dass >>alle Parteien deeskalieren<<, ohne anzuerkennen, dass es US-Mittel sind – 3,8 Mrd. US-$ pro Jahr -, die teilweise die Bombardierung des Gazastreifens durch Israel ermöglichen. Dies ist die bekannte amerikanische Routine, wenn Israel in den Krieg zieht.
Es war kein Zufall, dass der Aufstand in Jerusalem begann. Das besetzte Ostjerusalem ist ein kleines Beispiel für das Bestreben der israelischen Regierung das Prinzip >>maximales Territorium, minimale Araber<< zu sichern, wie David Ben-Gurion die Ziele der zionistischen Bewegung sah. Israel hat dieses Ziel in Ostjerusalem verfolgt – das es 1967 besetzte und 1980 offiziell annektierte -, indem es Palästinensern nahezu unmöglich machte, Genehmigungen für den Bau von Häusern zu erhalten, wodurch Tausende von Menschen für Vertreibungen anfällig wurden und ihre Häuser für den Abriss vorgesehen waren.[…]
Diese diskriminierende Logik zeigt sich insbesondere in Sheikh Jarrah, dem Stadtteil Ostjerusalems, in dem israelische Siedler versuchen, mehrere palästinensische Familien aus ihren Häusern zu vertreiben. Diese acht Familien, die während des Krieges von 1948 aus ihren ursprünglichen Häusern geflohen sind, leben seit mehr als einem halben Jahrhundert in der Nachbarschaft. Jetzt behaupten israelische Siedlerorganisationen – die maßgeblich von amerikanisch-jüdischen Spendern finanziert werden -, dass die palästinensischen Familien vertrieben werden müssen, weil solche Häuser einst jüdischen Gruppen gehörten. Es gibt jedoch kein korrespondierendes Recht für Palästinenser, die eine Rückerstattung für Eigentum anstreben, das sie während der Nakba zurückgelassen haben, als während des Krieges von 1948 etwa 700000 Palästinenser vertrieben wurden oder aus ihren Häusern flohen. Gemäß Israels >>Gesetz zum Eigentum Abwesender<< wird das Eigentum palästinensischer Flüchtlinge vom israelischen Staat kontrolliert.”

(Joshua Leifer, Redaktionsassistent bei >>Jewish Currents<< – US funds make Israel’s bombardment of Gaza possible. When will they be halted?, The Guardian, 13.5.2021, Übers. Maskenfall)

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No 515

“Wir stecken in ernsthaften Schwierigkeiten. Denn selbst mitten in einer Pandemie dieses Ausmaßes halten uns eine Handvoll Regierungen und ein paar CEOs regelrecht gefangen. Sie weigern sich partout, ihre Rechte an geistigem Eigentum, das sie für sich selbst beanspruchen, aufzugeben. Aber eigentlich müsste man sehr wohl diskutieren, wessen Eigentum das ist. Schließlich haben in vielen Fällen die Regierungen, besonders in den USA, in Großbritannien und in Deutschland, die Forschung maßgeblich mitfinanziert. Die Frage ist also, warum schreiten die Regierungen nicht ein? Der Grund hierfür wiederum ist: Sie selbst hängen in einem Netz aus Interessen an geistigen Eigentumsrechten, welche sie – im Gegensatz zum menschlichen Leben – für sakrosankt halten. Diese Ehrerbietung gegenüber privater Marktmacht zeigt, wie verkehrt die Weltordnung ist. Wenn wir von der WTO abhängen, um diese Pandemie zu überwinden, dann hat die Welt im Jahr 2021 ein ernsthaftes Governance-Problem – und ein Problem mit der Kontrolle von multinationalen Unternehmen. Es ist absurd, dass mitten in einer Krise der öffentlichen Gesundheit sechs oder sieben Unternehmen am Lenkrad sitzen: Sie entscheiden, wohin geliefert wird, wer für sie zu welchem Preis produziert, welche Ausnahme- und Entschädigungsklauseln verankert oder auch welche Vereinbarungen zur Geheimhaltung getroffen werden. Sie unterminieren weltweit demokratische Institutionen. In Südafrika kämpfen wir um den Zugang zu den grundlegendsten Informationen darüber, wie mit öffentlichem Geld Impfungen gekauft werden. Es ist aber der CEO von Pfizer, der über Zugang, Verteilung und Versorgung bestimmt. Die Öffentlichkeit in Südafrika weiß davon nichts. Ich denke, das ist ein Weckruf für Menschen auf der ganzen Welt, um zu zeigen, warum Widerstand gegen die Pharmaindustrie insbesondere für die öffentliche Gesundheit so wichtig ist. Deren Handeln kostet uns wertvolle Zeit und viele Menschenleben.”

(Fatima Hassan, südafrikanische Juristin – >>Wir stecken in ernsthaften Schwierigkeiten<<, im Interview auf Tagebuch.at, 1.5.2021)

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No 514

“[Prof. Georg Götz, Universität Gießen:] >>Wir finden in unseren Analysen keinen Unterschied in der Inzidenzentwicklung in den Kreisen mit und ohne nächtliche Ausgangssperre, zumindest keinen statistisch signifikanten.<<
Doch diese Studie wird kaum zitiert. Insgesamt scheint die Studienlage für die Maßnahme Ausgangssperre widersprüchlich. Bei einem so massiven Grundrechtseingriff müsse die Regierung aber belegen, dass es das am besten geeignete Mittel ist, um die Inzidenz zu senken. Weil sie das nicht könne, seien Ausgangssperren verfassungswidrig, sagen Verfassungsrechtler*innen.
[Prof. Anna Katharina Mangold, Universität Flensburg:] >>Ausgangssperren sind verfassungsrechtlich unzulässig, weil sie nur als Ultima Ratio, als letztes Mittel angeordnet werden dürfen, und in dem aktuellen Konzept diese Bedingung nicht erfüllt ist.<<”1

(Jan Schmidt, Jochen Taßler, Redakteure des Politmagazins Monitor  – Corona-Ausgangssperren: Wissenschaftlich fragwürdig, verfassungsrechtlich bedenklich, Monitor, 29.4.2021)

  1. Anm. JJ: Auch wenn man großer Befürworter von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ist, was ich bin, die Abwägung von Grundrechten darf nicht zu kurz kommen, und in diesem Punkt handelt es sich um einen weiteren, in dem sich die Regierung deutlich verrannt hat. []
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No 512

“Der Senat ist der Auffassung, dass dem Land Berlin keine Gesetzgebungskompetenz für den Erlass von öffentlich-rechtlichen Mietpreisgrenzen zusteht. Er begründet diese Auffassung in zwei Schritten: Erstens handele es sich bei jedweden Regelungen zur Miethöhe für frei finanzierten Wohnraum um bürgerliches Recht, das bekanntlich der konkurrierenden Gesetzgebung unterfällt (Art. 74 Abs. 1 Nr. 1 GG). Im Kompetenztitel des Wohnungswesens, das bekanntlich der ausschließlichen Gesetzgebung der Länder unterfällt (Art. 70 Abs. 1 GG), seien Mietpreisgrenzen darum nicht mehr enthalten. Mit Bezug auf die Miethöhe habe der Bund, zweitens, mit der sog. Mietpreisbremse (§§ 556d ff. BGB) von seiner Kompetenz abschließend Gebrauch gemacht.
[…] 2006 aber hat der verfassungsändernde Bundesgesetzgeber mit dem Kompetenztitel Wohnungswesen ausschließlich den Ländern die öffentlich-rechtlichen Instrumente zur Bewältigung der Probleme sozialer Wohnungsversorgung an die Hand gegeben. Damit geht eigentlich einher, dass seitdem die Länder auch die Autorität innehaben, politisch über den Einsatz dieser Instrumente zu entscheiden. Zu diesen gehörte lange anerkannt auch öffentlich-rechtliches Preisrecht in Gestalt von politisch bezifferten und damit vom Marktmechanismus entkoppelten Mietpreisgrenzen.
Das Bundesverfassungsgericht sagt nun in der Quintessenz: Indem sich der Bundesgesetzgeber politisch konsequent für das bürgerliche Recht entschieden hat, hat er zugleich den verfassungsrechtlichen Kompetenztitel des Wohnungswesens um Mietpreisgrenzen verkürzt […].
Das ist verfassungsrechtlich nicht vertretbar. Der Gehalt von Kompetenztiteln kann nicht durch die politische Ausrichtung der Aktivität des einfachen Bundesgesetzgebers geändert werden, und sei sie auch über längere Zeit konsequent durchgehalten. Der Gehalt von Kompetenztiteln kann nur durch förmliche Verfassungsänderung geändert werden. […]
[…] Das Gesetz wurde rückwirkend für nichtig erklärt. Das entspricht zwar dem gesetzlich vorgesehenen Regelfall für verfassungswidrige Gesetze (§ 95 Abs. 3 S. 1 i.V.m. § 78 S. 1 BVerfGG), entspricht aber nicht unbedingt der regelmäßigen Praxis. Eine Unvereinbarkeitserklärung mit Wirkung für die Zukunft (vgl. § 31 Abs. 2 S. 3 GG) erfolgt insbesondere dann, wenn das rückwirkende Außerkrafttreten der Rechtsnorm erhebliche Nachteile mit sich bringen würde, die die Nachteile der zeitweisen Geltung des Gesetzes überwiegen. Ohne die hier im Raum stehenden Nachteile – die potentiell katastrophalen Konsequenzen aus der Nachzahlungsverpflichtung, gerade in Zeiten von Corona – auch nur in einem Halbsatz zu würdigen, sah der Senat hierzu >>keinen Anlass<< […]”

(Florian Rödel, Professor für  Bürgerliches Recht, Arbeits- und Sozialrecht, Verfahrensbevollmächtigter des Landes Berlin im Verfahren um die Mietpreisbremse und Selma Gather, wissenschaftliche Mitarbeiterin – Formlos verfassungsändernde ‘Staatspraxis’ und Gesetzesauslegung nach Parlamentsrede, Verfassungsblog, 15.4.2021)

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No 511

“Und dann gibt es einen dritten schönen Fall, Korea. In Korea war es ganz genauso, Korea hat sich massivst abgeschottet, hat irre Mauern gehabt. Korea hatte zu den Zeiten, wo es seine eigene Autoindustrie aufgebaut hat Zölle auf westliche Autos, Mercedes und alle deutschen inklusive von 400%. […] Und niemand hat etwas dagegen gesagt. Warum hat man nichts dagegen gesagt? Aus einem einfachen Grund, weil die Amerikaner wollten, dass Japan und Korea erfolgreich sind. Deswegen hat man denen das erlaubt, das zu tun. […]
Und jetzt gehen wir mal nach Afrika, was passiert in Afrika? Erlaubt man heute irgendeinem Land in Afrika seine Grenzen zuzumachen und sich aus sich heraus zu entwickeln, damit es auch eigene industrielle und andere Kapazitäten aufbauen kann? Null. Nichtmal in der Landwirtschaft erlaubt man es diesen Ländern, sich zu entwickeln, sich vernünftig zu entwickeln. Sondern wir sagen ihnen, nein, ihr macht eure Grenzen auf und dann ist alles gut, ner? Dann fallen euch die komparativen Vorteile in den Schoß und ihr werdet euch entwickeln, wunderbar entwickeln. Und das Ergebnis ist: Nichts! Außer da, wo man ein bißchen Rohstoffe hat. Da passiert was, weil man die Rohstoffe dann verscherbeln kann in den Westen und den Norden, aber sonst passiert nichts. Weil es ja gar keine Chance gibt. Was soll denn ein afrikanischer Bauer, der noch mit dem Spaten auf dem Feld steht und seinen Acker umgräbt von Hand, wie soll der denn konkurrieren mit Landmaschinen, die inzwischen GPS haben und ferngesteuert riesige Felder beackern. Es ist vollkommen unmöglich. Es wird auch in 100 Jahren noch vollkommen unmöglich sein. Es gibt keinen komparativen Vorteil, den man diesem Land geben könnte, wenn man ihm nicht erlaubt, seine Grenzen zuzumachen und zu sagen: >>Produziert erstmal euer Zeug allein, und wir helfen euch dabei, euer Zeug allein zu produzieren. Und dann, wenn ihr es alleine produziert habt, wenn ihr da Kapazitäten geschaffen habt und so langsam euch an die absoluten Kostenniveaus herangearbeitet habt, die man international braucht, dann könnt ihr auch eure Zölle wieder abbauen, aber vorher braucht ihr einen Schutz, weil sonst geht das niemals.”

(Heiner Flassbeck, ehem. Chefvolkswirt der UNCTAD – Es ist ja nur Theorie? – Wie falsche Wirtschaftspolitik Armut schafft, YouTube Kanal des AK Politische Ökononomie an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung, April 2021)

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No 510

“Die Ostermärsche 2021 stehen vielerorts im Zeichen der bevorstehenden Bundestagswahl. Im Mittelpunkt steht in vielen Städten die Forderung nach der Abkehr von der 2-Prozent-Vorgabe der NATO. Gerade die Pandemie hat gezeigt, dass die immer weitere Erhöhung der Militärausgaben kein sinnvoller Beitrag für unser aller Sicherheit ist. Stattdessen müssen endlich Investitionen in zivile Bereiche wie den Gesundheits- und Pflegebereich, die Bildung und den sozialverträglichen ökologischen Umbau her!
Ein weiteres zentrales Thema der diesjährigen Ostermärsche ist die nukleare Abrüstung. Dieses Ur-Thema der Ostermarsch-Bewegung ist auch 2021 noch brandaktuell, wie eine gestern veröffentlichte repräsentative Umfrage von >>Greenpeace Deutschland<< zeigt. Vier von fünf Menschen in Deutschland wünschen sich den Beitritt Deutschlands zum Anfang des Jahres in Kraft getretenen Atomwaffenverbotsvertrags. Ebenso deutlich spricht sich eine Mehrheit der Menschen in Deutschland für den Abzug der in Büchel stationierten Atomwaffen aus. >>Die Bundesregierung handelt konsequent gegen den eindeutigen Wunsch der Bevölkerung. Die Atomwaffen müssen endlich raus aus Deutschland. Pläne zur Anschaffung neuer atomwaffenfähiger Trägerflugzeuge lehnen wir ab!<<, erklärt dazu Kristian Golla.”

(Netzwerk Friedenskooperative – Friedensbewegung fordert Abrüstung, Atomwaffenverbot und Nein zu Kampfdrohnen, friedenskooperative.de, 2.4.2021)

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No 509

“Vor einem Jahr veröffentlichte das Institute for Policy Studies >>Milliardärs-Bonanza 2020: Vermögensregen, fallende Steuern und Pandemieprofiteure<< und begann, die Vermögenszuwächse von Milliardären zu verfolgen, während die Arbeitslosigkeit zeitgleich anstieg. Wir haben uns mit Americans for Tax Fairness (ATF) zusammengetan, um das Vermögenswachstum der amerikanischen Milliardäre im letzten Jahr zu verfolgen. Dieser Bericht fasst das außerordentliche Vermögenswachstum der jetzt 657 Milliardäre auf der Grundlage von Echtzeitdaten von Forbes vom 18. März 2021 zusammen.
Hier sind die Highlights der letzten 12 Monate des Wachstums der Milliardärsvermögen:
– Das Gesamtvermögen der 657 Milliardäre der USA stieg seit Beginn der pandemiebedingten Lockdowns um mehr als 1300 Millarden US-Dollar oder 44,6 Prozent. […] In denselben 12 Monaten erkrankten mehr als 29 Millionen Amerikaner*innen an dem Virus und mehr als 535.000 Menschen starben daran. Als das Vermögen der Milliardäre anstieg, verloren zwischen dem 21. März 2020 und dem 20. Februar 2021 fast 80 Millionen Menschen ihre Arbeit […]
– Es sind seit dem Beginn der Pandemie 43 neue Millardäre zu den bereits vorhandenen 614 hinzugekommen. Ein Teil der neuen Milliardäre trat der Liste nach einem Börsengang durch Unternehmen wie Airbnb, DoorDash und Snowflake bei.
– Der Anstieg des Gesamtvermögens der 15 Milliardäre mit dem größten absoluten Reichtumzuwachs betrug 563 Milliarden US-Dollar oder 82 Prozent. […] Das Wohlstandswachstum von nur diesen 15 macht über 40 Prozent des Wohlstandswachstums aller Milliardäre aus. Ganz oben auf der Liste stehen Elon Musk (137,5 Milliarden US-Dollar reicher, 559 Prozent), Jeff Bezos (65 Milliarden US-Dollar, 58 Prozent) und Mark Zuckerberg (47 Milliarden US-Dollar, 86 Prozent).”

(Chuck Collins, Mitarbeiter am Institute for Policy Studies (Washington, D.C.) – Who Are the 10 Biggest Pandemic Profiteers?, Inequality.org, 23.3.2021, Übers. Maskenfall)

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No 508

“Nun, das eigentliche Problem, das wir hier betonen sollten, ist, dass dies ein künstlicher Mangel ist, dass, wenn wir eine Außerkraftsetzung [Waiver, Anm. JJ] auf Rechte am geistigen Eigentum hätten, etwas, das gerade in der WTO diskutiert wird – aber, leider haben sich die Industrieländer, inklusive der Vereinigten Staaten, nicht für solch eine Außerkraftsetzung ausgesprochen – könnte man, wie Präsident Biden herausgestellt hat, Merck dabei helfen lassen einen Impfstoff, der entdeckt wurde, entwickelt von einem anderen Unternehmen, herzustellen, weil sie freie Kapazitäten hätten, es gibt viele Unternehmen in den Entwicklungsländern, die riesige Mengen an Impfstoffen herstellen könnten, wenn sie das Recht dazu bekämen […], wenn sie Zugang zur Techonlogie bekämen.
Deshalb ist es für uns so wichtig, die Aussetzung von geistigen Eigentumsrechten […] mit Bezug zu COVID-19 zu haben. Es ist einfach dumm, dass wir das nicht tun. Und es ist besonders unverständlich, da die Regierungen der Industrieländer tatsächlich einen sehr großen Teil der Forschung finanziert haben und die Unternehmen selbst bereits vielfach Renditen gemacht haben.”

(Joseph Stiglitz, US-Ökonom, ehemaliger Vizepräsident und Chefökonom der Weltbank – Share the Vaccines, Erase the Debt: Joseph Stiglitz on How the U.S. Can Help Developing Countries, DemocracyNow!, 12.3.2021, Übers. Maskenfall)

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No 507

“Immer wieder kommen Lobby-Skandale aus der Politik ans Licht. Amthor, Nüßlein und Spahn sind nur die Spitze des Eisbergs. Auch das lang verzögerte Lobbyregister wird der systematischen Beeinflussung kein Ende setzen. […]
Nur selten kommen sie ans Tageslicht und wenn, dann sind sie meist nicht strafrechtlich relevant, weil Abgeordnete fast alles dürfen, was in einer Behörde und in den meisten Unternehmen verboten wäre. Auch hohe Spenden oder Bezüge für Vorträge sind ganz legal. Solange nicht bewiesen werden kann, dass Geld geflossen ist, um eine bestimmte politische Tätigkeit >>einzukaufen<< – dass jemand also sein oder ihr Mandat missbraucht –, ist alles erlaubt. Und dafür Beweise zu erbringen, gelingt natürlich nur selten. […]
Wir sind längst in der Postdemokratie angekommen. Die Politik wird ökonomisiert und die Interessen einzelner mächtiger Lobbys stehen über dem Gemeinwohl der Gesellschaft. Abgeordneten und Mandatsträgern wird es viel zu leicht gemacht, sich Vorteile durch Lobbyismus zu verschaffen. Und den Lobbys wird es wiederum immer wieder ermöglicht, durch Spenden, Geschenke, Hinterzimmertreffen, und manchmal sogar offizielle Treffen, Einfluss auf die Politik zu nehmen.
Einseitiger und profitgetriebener Lobbyismus hat System, weil unsere politische Ordnung längst keine demokratische Volksvertretung mehr ist. Heute gilt: für die Wenigen, nicht die Vielen.1
Konkret brauchen wir klare Regulierungen: Neben dem Lobbyregister müssen Nebenverdienste eingeschränkt werden. Spenden und Sponsoring sollten völlig offengelegt und limitiert werden. Und nicht zuletzt braucht es ein Verbot von Aktienoptionen, ein Verbot des Seitenwechsels sowie Lobby- und Transparenzbeauftragte für den Bundestag. Gesetze müssen einen legislativen Fußabdruck aufweisen, damit einsehbar ist, wer an welchem Gesetz mitgeschrieben hat.”2

(Marco Bülow, Bundestagsabgeordneter, Mitglied DIE PARTEI – Lobbyrepublik, Jacobin Magazin, 4.3.2021)

  1. Anm. JJ: Eine Diagnose, die nicht zuletzt bereits eine Studie im Auftrag des Arbeitsministeriums empirisch untermauern konnte, erinnere No 326. []
  2. Anm. 2: Ähnliche Forderungen siehe auch LobbyControl. []
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No 506

“Aber zum vierten Mal seit den 1990er Jahren forderte ein Präsident einen Technokraten aus der Finanz- und Bankwelt auf ein Kabinett zu bilden, auf halbem Weg durch ein Parlament. Acht der 23 Minister von Draghi sind nicht gewählte Technokraten in einer sogenannten Expertenregierung.
Wenn diese Figuren nicht parteipolitisch sind, haben sie zumindest ähnliche Hintergründe und Instinkte. Wirtschaftsminister Daniele Franco ist ein ehemaliger Funktionsträger der italienischen Zentralbank, der den berühmten EZB-Brief von 2011 verfasst hat, in dem die Regierung angewiesen wurde, Privatisierungen durchzuführen und Tarifverhandlungen zurückzustutzen. Der frühere CEO von Vodafone, Vittorio Colao – heute Minister für Innovation und digitalen Übergang – ist ehemaliger Partner der privaten Beratungsfirma McKinsey & Company.
Nun wurde bekannt, dass McKinsey mit der Ausarbeitung des italienischen Wirtschaftsplans für die kommende Periode beauftragt wird1, der Ende nächsten Monats der Europäischen Kommission zur Überprüfung vorgelegt werden soll. Bekannt für seine Rolle im Enron-Skandal sowie für die Finanzkrise von 2008 – da es die grenzenlose Verbriefung von Hypothekenvermögen vorantrieb – und die verpfuschte Einführung von Impfstoffen in Frankreich, wird das Unternehmen nun aufgefordert, die >>Reform<<-Agenda der Draghi-Regierung zu gestalten.”2

(David Broder, Redakteur und Historiker – Italy’s Government Is Outsourcing Its Economic Strategy To Private Management Consultants McKinsey, Jacobin, 6.3.2021, Übers. Maskenfall)

  1. Anm. JJ: Es handelt sich jedoch “nur” um eine beratende Funktion hierbei, siehe hier. []
  2. Anm. JJ: Der Neoliberalismus ist erstaunlich lebendig, in Form und Inhalt. Ein Finanztechnokrat engagiert eine Unternehmensberatung, um sich beraten zu lassen, wie man Italien marktkonform in den Augen der marktfixierten EU-Kommission machen kann. Das klingt sehr nach einer Ausrichtung der italienischen Wirtschaft in Richtung mehr staatliche Investitionen, regionale Förderung, Industriepolitik und Reduktion von Armut und Arbeitslosigkeit, oder? Empfehlenswert hierzu, Thomas Fazi zum Konzept der “technokratischen Regierungen” und dem “vincolo esterno” als Machtinstrument: “Draghi ist kein Heilsbringer” (Makroskop, 18.2.2021) []