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Terrorismus als Spiegelbild – Wenn der ‚Kampf gegen‘ tatsächlich der ‚Aufbau von‘ ist

Nach dem Anschlag in Würzburg und dem Lastwagenattentat in Frankreich darf man ja darum bangen, wie in Zeiten beobachtbarer Radikalisierung und ihrer Oberflächenerscheinungen die politischen Hardliner nach und nach als Trendsetter in Sachen Weniger-Demokratie-wagen fungieren (Erdogan erprobt unter einem anderen Vorwand ja gerade die Grenzen dieser Transformationsfähigkeit).

Abgesehen von den platten Bestrebungen der Hardliner nach Machterhalt und Machtausbau ist ein Element, das sie dazu befähigt, ihre Vorstellungen umzusetzen, das Denken in Kategorien direkter Kausalität und dieses Denken hat sich leider in jenem Bereich chronifiziert, wo es am relevantesten ist, nämlich bei politisch-gesellschaftlichen Zusammenhängen. Ursachen werden hier nämlich einfach dort gesucht (oder propagiert), wo ihre Effekte in Erscheinung treten.

Als bei den Anschlägen vom 13. November letzten Jahres in Paris Attentäter mit schwerer Bewaffnung mordeten, wurde einfach an dem nächst vorgelagerten Glied der Kausalkette für die Therapie angesetzt. Es wurden der Ausnahmezustand verhängt und schwer bewaffnete Soldaten auf die Straße geschickt, damit sie sich potentiellen weiteren Attentätern mit möglichst großer Feuergewalt entgegenstellen können. Es wurden Bombardements auf vermutete IS-Stellungen in Syrien durchgeführt, um „unerbittlich gegenüber den Barbaren von Daesh [zu] sein“, bzw. „über die Barbarei zu triumphieren“ (Hollande zu den Anschlägen vom 13. November). Präsident Hollande spricht von einem „Krieg“, in dem sich Frankreich befinde.

Wie viele Anschläge, die sich in der einen oder anderen Weise auf eine Organisation wie den IS beziehen, bräuchte es wohl hierzulande, damit die Instrumentalisierung von Begriffen wie „Krieg“ und „Sicherheit“ endgültig freie Hand nicht nur für deutsche Militäreinsätze jenseits des Völkerrechts, sondern auch die Bundeswehr im Innern und die dauerhafte Suspendierung der Bürgerrechte gäbe? (Ein Schäuble, der mit Otto Depenheuers Ideen vom „Bürgeropfer“ zu liebäugeln scheint, würde sich sicherlich auch als Finanzminister nicht verweigern, seine innenpolitische „Expertise“ wieder einzubringen, wenn die Stunde es endlich hergibt).

Die Bedauerlichkeit des Denkens in Kategorien direkter Kausalität, wie es sich im Bereich politischer Gewalterscheinungen in den Köpfen festgesetzt hat und zugleich Steigbügelhalter für die Kriegsbefürworter, Sicherheits- und Freiheitsverdreher ist, zeigt sich dabei in besonders dramatischer Weise an den Ergebnissen der mittlerweile 15 Jahre „Krieg gegen den Terror“. Die Vorstellung, dass es sich bei dem, was man als Terrorismus mit islamistischem Hintergrund einordnet, um ein primär physisches Phänomen handelt, bei dem der Feind aus zahlreichen Kämpfern und ihren Führern besteht, ein Phänomen, das sich vornehmlich im Nahen und Mittleren Osten in einem eingrenzbaren Territorium befindet, bei dem man die Infrastruktur des Terrors durch Bombardements einfach beseitigen kann, ist dabei offenbar resistent geworden gegenüber der reichhaltigen gegenteiligen Befundlage, die sich einem doch so leicht erschließen müsste. 15 Jahre „Krieg gegen den Terror“ (oder eben auch in der europäisch verträglicheren Variante: „Kampf gegen den Terror“) und der Terror ist in Ausmaß und Opferanzahl weltweit steil angestiegen. Lag die Anzahl der Todesopfer 2001 noch bei rund 7000, stieg sie bis 2014 auf 32 000 pro Jahr an (siehe z.B. hier). Doch natürlich hat der Islamismus den Terror nicht für sich allein gebucht, auch wenn die Stereotype mittlerweile entsprechend gesetzt sind. Erinnert sei allein an Behring Breivik oder den rechten Terror hierzulande gegen Flüchtlinge. Und natürlich zählen zu den Hauptbetroffenen nicht die USA und Europa. Nachwievor ist es ja wahrscheinlicher, von einem Kühlschrank erschlagen zu werden, als Terroropfer in diesen Ländern zu werden. Hauptbetroffene sind die Länder im Nahen und Mittleren Osten, dabei vorneweg Afghanistan und Irak (von 2001 bis 2014 kamen 31% der weltweiten Todesopfer durch Terrorismus allein im Irak ums Leben, siehe dazu „Unter dem Terror leiden weltweit vor allem Muslime“, NZZ).

Wie könnte nun ein Denken nicht in direkter Kausalität, sondern systemischer aussehen?

Da Terrorismus ein Phänomen der Extremisierung ist, lässt er sich mit Krieg und Gewalt nicht beseitigen, sondern ruft diesen gerade hervor. Im Namen welcher Weltanschauung seine Träger ihn dabei verüben, ist nicht wichtig, die jeweilige Weltanschauung ist nur das Instrument auf dem die Melodie gespielt wird. Vor Terrorismus schützen kann sich eine betroffene Gesellschaft langfristig nur, wenn die grundlegenderen Ursachen des Terrorismus beseitigt werden, und diese bestehen neben den Kriegen, die ganze Länder zerstören, hunderttausende Menschen umbringen und traumatisieren, in einer himmelschreiend ungerechten, vom Westen durchgesetzten Weltordnung, in der einem großen Teil der Menschheit signalisiert wird, dass er nicht zählt. Diese Menschen werden fortwährend gedemütigt, indem man ihre Länder als Rohstoffquellen missbraucht und ihren Despoten die nötigen Waffen liefert, um diesen Zustand aufrecht zu erhalten.

Doch darüber wurde viel geschrieben, ich möchte lieber auf etwas Sozialpsychologie verweisen, die auf Mechanismen der Extremisierung zu sprechen kommt. In der Studie „Mortality Salience, Martyrdom, and Military Might“ untersuchten Tom Pyszczynski und Kolleg*innen die Befürwortung extremer Gewalt in Abhängigkeit der sog. Mortalitätssalienz. Dieses Konzept bezeichnet einen Zustand, in dem einem die eigene Sterblichkeit und der eigene Tod stärker zugänglich sind. In dem Experiment wurde nun iranischen Studierenden die Beschreibung zweier angeblicher Kommilitonen vorgelegt, von denen der eine religiös unterlegte Selbstmordattentate gegen die Vereinigten Staaten aktiv befürwortete, der andere sie hingegen aktiv ablehnte. Die Studierenden wurden dann nach ihrer Sympathie für die fingierten Kommilitonen befragt, sowie danach, inwiefern sie deren Sache unterstützen würden. In der Kontrollbedingung überwogen bei den befragten Studierenden bei weitem die Sympathien für den Kommilitonen, der sich aktiv gegen das Märtyrertum aussprach gegenüber jenem, der Märtyrertum befürwortete. Hatte man in den Studierenden jedoch zuvor Mortalitätssalienz hervorgerufen, indem man sie einige Zeit im Vorhinein dazu aufforderte, genau aufzuschreiben, wie sie sich das eigene Sterben vorstellen, kippten die Ergebnisse ins Gegenteil und die Befürwortung für den Kommilitonen mit märtyrerbefürwortender Einstellung überwog deutlich. Es gab hierbei ein zweites Experiment, das als Symmetriebedingung dem religiösen Fundamentalismus eine Form von gewaltbereitem Nationalismus gegenüberstellte. Hierbei wurden US-amerikanische Studierende zu ihrer Haltung gegenüber extremer militärischer Gewalt befragt. Sie sollten einen fingierten Kommilitonen bewerten, der u.a. für den Einsatz von Kernwaffen, chemischen Waffen oder die Inkaufnahme des Tods tausender Zivilisten in Ländern wie dem Iran oder Syrien plädierte, wenn US-Interessen es erforderten.  Auch hier stieg die Befürwortung des Kommilitonen als Ideenträger extremer Gewalt dramatisch an, wenn die Studierenden sich zuvor mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen mussten.

Was diese Studie und viele weitere nun seit mehreren Jahrzehnten an Ergebnissen hervorgefördert haben, ist ein grundlegender Zusammenhang zwischen Mortalitätssalienz, dem eigenen Weltbild und dem Selbstwert, der theoretisch unter dem Begriff „Terror Management Theory“ gefasst wird. Auf den Punkt gebracht geht diese Theorie davon aus, dass Menschen, die als einzige Wesen einen Lebenstrieb mit einer Bewusstheit um die eigene Sterblichkeit verbinden, in Anbetracht dieses Umstandes eine permanente Todesangst in sich haben, die sie dadurch abmildern können, dass sie sich selbst als sinnhaft erleben, als etwas, das Teil von einer bedeutungshafteren Struktur ist, die den Tod überdauert. Hierzu dienen gemäß „Terror Management Theory“ Weltbilder, egal ob es sich nun um einen Nationalismus handelt, der die Nation als bedeutungsstiftende Struktur darstellt, welcher zu dienen einen an der Bedeutsamkeit teilhaben lässt und auf diese Weise zu einer Art symbolischer Unvergänglichkeit führt, oder eben religiöse Glaubenssysteme, die Sinn und Unvergänglichkeit auf noch konkretere Weise transportieren. Der Selbstwert spielt in diesem Kontext dahingehend eine Rolle, dass er sich aus dem Weltbild ableiten kann, andererseits jedoch als eigenständiger Puffer gegen Todesangst dient. In den Studien zeigte sich nämlich immer wieder, dass die latente Verfügbarkeit von Todesgedanken nicht nur dann abnimmt, wenn das eigene Weltbild verstärkt wird, sondern auch dann, wenn diverse Ereignisse den Selbstwert steigern (wie dies etwa bei sozialer Unterstützung der Fall war). Wird der Selbstwert wiederum geschwächt, verstärkt sich das Streben nach dem bedeutungsstiftenden Weltbild.

Die untersuchten Zusammenhänge legen letztlich noch einmal auf sozialpsychologische Weise nahe, dass religiöser Fundamentalismus, der sich in Form von Attentaten und unsäglicher Gewalt äußert als Spiegelbild einer Welt betrachtet werden kann, die von Kriegen, Demütigung und der Auslösung von Todesängsten im (falschen) Namen der Bekämpfung eben dieser Erscheinungen durchzogen ist. Und auch der Nationalismus und die zahlreichen politischen Extremismen, deren Aufschwung wir miterleben dürfen, werden nicht dadurch gemildert werden, dass man sie durch die typisch westliche Selbsterhöhung, Triumphalismus und Kriegspropaganda oder eben die Zerstörung des Sozialen (erinnere Selbstwert) verstärkt.

Nein, gut sind sie nicht, die Aussichten!

Jascha Jaworski

Ein Kommentar

  1. Danke für diesen Beitrag. Sollte jeder westlicher Redaktion, und westlichen Herrschenden, zur Pflichtlektüre werden. Denn die Frage, die man sich stellen muss, ist, werden wir im Westen instrumentalisiert, damit die westlichen Eliten ihre imperiale und menschenverachtende Politik durchsetzen können?

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