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No 284

„Die politischen Erscheinungsformen des Postfaktischen (ob sie nun als Trump oder als AfD daherkommen) werden gemeinhin als die Symptome allgemeiner Unzufriedenheit skizziert. Da Millionen Menschen mit ihrer wirtschaftlichen Situation nicht einverstanden sind und sich abgehängt fühlen, floriert deren Politik. Auch wenn das etwas vereinfacht ist, darf man dem wohl zustimmen. Man muss es aber konkretisieren: Viele Wähler haben sich für Parteien und Gesichter mit postfaktischer Kompetenz entschieden, weil sie über Jahre hinweg von einer Ökonomie an der Nase herumgeführt wurden, die dasselbe Geschäft betrieb wie all jene, von denen man sich jetzt fürchtet. […]
Man kann fast aufzählen was man will, es wird klar, dass sämtliche Vorstellungen neoliberaler Ökonomen von postfaktischen Affekten geleitet waren. Ständig sprachen sie sich gegen Fakten aus. Im Kleinen wie im Großen. Ob sie nun an ideologischen Stellschrauben fummelten und Arbeitslosigkeit zu einem persönlichen Mangel an Eigeninitiative umfunktionierten oder den Mindestlohn als große Gefahr, ob sie nun den Casinokapitalismus als sichere Bank hinstellten, bevor der Laden über die Klippe ging oder die Privatrente als letzte Rettung vor der Altersarmut postulierten: Immer hatten wir es mit Faktenverweigerung und dem Ignorieren von Gegenargumenten zu tun.
Die Neoklassik, auf der das ökonomische Gedankengebäude unserer Zeit baut, war immer schon als faktenarmer Erklärungsansatz angelegt. Sie ist ein Nährboden für das Postfaktische, wenn man so will. Wer seine Ökonomie auf sie gründet, der reckt den Mittelfinger hoch und erteilt den Fakten eine Abfuhr: Postfuck you!“

(Roberto J. De Lapuente, freier Publizist – Postfuck you!, Neues Deutschland, 1.12.2016)

Jascha Jaworski

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