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Konjunktur 2016: Glückliche Triebkräfte lassen nach, doch das interessiert kaum jemanden

Um 1,9% ist die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr nach ersten Schätzungen real gewachsen. Das ist im Vergleich zum Ausland tatsächlich nicht schlecht. Von einem guten Wachstum kann jedoch trotzdem nicht die Rede sein, wenn man sich vergangene Wachstumszahlen anschaut, und die Umstände der historisch niedrigen Kreditzinsen, des niedrigen Wechselkurses und des schwachen Ölpreises betrachtet. Umstände, von denen eigentlich alle europäischen Länder profitieren müssten. Zudem ist auch noch dieses immerhin relativ gute deutsche Wachstum keine Nachwirkung einer besonderen Wirtschaftspolitik, wie z. B. der „großartigen“ Agenda 2010-Reformen. Das Wachstum war stattdessen eher glücklich und ziemlich berechenbar. Dazu eine kleine Veranschaulichung der Ergebnisse.

Wirtschaftswachstum dank niedrigen Energiepreisen und Flüchtlingen

In meiner letzten Konjunktureinschätzung Anfang 2016 bin ich auf die Entwicklung im Jahr 2015 eingegangen, und habe dort bereits darauf hingewiesen, dass die heftige Zunahme der Einwanderung (Flüchtlinge als auch die allgemeine Einwanderung) und die gesunkenen Energiepreise einen sehr hohen Anteil an dem guten Beschäftigungszuwachs und Wachstum in 2015 hatten. Der staatliche und der private Konsum hatten damals seine Wachstums-Beiträge im Vergleich zum Vorjahr 2014 mehr als verdoppelt. Die Beiträge der Unternehmens-Investitionen, zumeist Anzeichen für eine gute binnenwirtschaftliche Eigendynamik, halbierten sich jedoch. Ich ging schon damals davon aus, dass daher auch in 2016 aufgrund der erst zum Jahresende 2015 angestiegenen Flüchtlingszahlen noch deutlich steigende Staatsausgaben die Wirtschaft stützen werden. Dafür habe ich einen nachlassenden Anstieg des Privatkonsums durch stagnierende Energiepreise, sowie einen eher schwächeren Export infolge der angespannten Weltwirtschaft erwartet. Entsprechend habe ich ebenso ein Abflauen des Beschäftigungsanstiegs in 2016 prognostiziert. Damit wollte ich darauf hinweisen, dass die deutsche Wirtschaft 2015 nicht von einer guten eigenen Wirtschaftspolitik profitiert hat, sondern von eher glücklichen Faktoren (aus dem Ausland), die 2016 nicht mehr lange oder zumindest nicht verlässlich andauern konnten.

Genau diese Prognose von Anfang 2016 hat sich – bis auf eine Fehleinschätzung meinerseits bei der Entwicklung der Energiepreise aus Verbrauchersicht – bestätigt. Es waren erneut die Konsumausgaben des Staats (für vor allem Flüchtlingsleistungen), die den Wachstumsbeitrag des staatlichen Konsums von 0,5 Prozentpunkten (2015) auf 0,8 Prozentpunkte (2016) haben steigen lassen. Während die Investitionen in Ausrüstungen1 praktisch kaum noch das Wachstum anschoben, stützte der gleichfalls durch Niedrigzinsen, Einwanderung und Flüchtlingskrise beflügelte Bausektor mit 0,3 Prozentpunkten ebenso die Wirtschaft. Der Export hat erwartungsgemäß tatsächlich wenig zum Wachstum beigetragen. Überrascht hat mich nur der private Konsum. Obwohl die Börsenpreise des Öls im Vergleich zu 2015 kaum noch Abschwächungen zeigten, gaben viele Händler die seit Ende 2014 gesunkenen Preise erst 2016 in vollem Umfang an die Verbraucher weiter2, wodurch der Wachstumsbeitrag des privaten Konsums mit 1,1 Prozentpunkten erneut auf dem ordentlichen Niveau von 2015 lag. Dabei hatte ich für die nominalen Lohnerhöhungen durch den Wegfall des Mindestlohneffekts ein ganz gutes Gespür, denn diese liegen vermutlich mit ca. 2,5% pro Stunde unter einem Zuwachs, der bei einer verteilungsneutralen Lohnentwicklung gerecht gewesen wäre3. Nur dank der niedrigen Energiepreisentwicklung reichte es wieder für ein ordentliches, aber glückliches Reallohnplus. Zusammen trugen der vom niedrigen Ölpreis gehobene private Konsum, der staatliche Konsum infolge der Flüchtlingskrise sowie der ebenfalls von äußeren Umständen profitierende Bausektor 2,2 Prozentpunkte zu dem Wachstum von 1,9 Prozentpunkten bei. Damit zeigt sich dann, wie viel Wachstum die deutsche Wirtschaft selbstständig ohne Impulse von außen leisten konnte: wenig bis nichts!

In Anbetracht der Tatsache, dass in allen volkswirtschaftlichen Standardtheorien in der Regel (zurecht) von einer geschlossenen Wirtschaft ausgegangen wird4, ist Deutschland mit seiner Wirtschaftspolitik daher ein schlechtes Beispiel für andere Staaten. Hier sei auch zudem noch einmal auf die immer noch sehr hohen und unfair geschaffenen Exportüberschüsse Deutschlands verwiesen, die die schlechte deutsche binnenwirtschaftliche Entwicklung der letzten 20 Jahre extrem kaschieren und die Absatzchancen anderer Länder verringert haben.

Die Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung beginnt zu stagnieren

Wie bereits Anfang 2016 erwartet, ist die Beschäftigungsentwicklung trotz des stärkeren Konsums in eine Stagnationsphase eingetreten. Obwohl die Energiepreise im Durchschnitt 2016 niedriger als 2015 waren, beginnen sie seit Anfang 2016 wieder zu steigen, und bremsen damit nun tatsächlich langsam die Kaufkraft der privaten Verbraucher. Außerdem ist durch die abnehmende Zahl ankommender Flüchtlinge der Druck zur weiteren Steigerung staatlicher Ausgaben und privater Bauinvestitionen gesunken. Im Jahresmittel 2016 ergibt sich noch ein Wachstum der in Deutschland gearbeiteten Stunden von ca. 0,7% gegenüber 20155. Das ist jedoch überwiegend nur das Resultat davon, dass das Ausgangsniveau in 2015 niedriger als in 2016 war. Die eintretende Stagnation zeigt sich auch an der Summe der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, die seit Anfang 2016 kaum bis gar nicht mehr gestiegen ist.

Zwar ist die deutsche Arbeitslosenquote im internationalen Vergleich – trotz der sich andeutenden Stagnation in der Entwicklung – selbst infolge der zunehmenden Anzahl an Erwerbspersonen aus dem Ausland ziemlich niedrig. Allerdings ist dies im langfristigen Trend in einem hohen Maße die Folge einer extremen Förderung von Teilzeit sowie des demografischen Wandels6 geschuldet, und nicht einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik7. Bezieht man meine Konjunkturanalyse zur Entwicklung im Jahr 2014 mit ein, kommt man sogar zu dem Ergebnis, dass die deutsche Wirtschaft seit Mitte 2011 (oder wahlweise 2008, 2000 oder 1995) zu keinem nennenswerten Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt mehr beigetragen hat, der unabhängig vom Ölpreis und der Zuwanderung stattgefunden hat.

Es wird dringend Zeit, dass man wirtschaftspolitisch umdenkt. In einer Zeit, in der die Privatwirtschaft trotz günstigster Umstände8 und offensichtlich (sowie voraussehbar) gescheiterter wirtschaftsliberaler Reformen9 nicht selbstständig wächst, muss der Staat eine aktivere Rolle in der Konjunkturpolitik übernehmen. Das bedeutet die Sicherstellung der Rahmenbedingungen für eine arbeitnehmerfreundlichere Lohnpolitik zur Erhöhung der Kaufkraft und höhere Staatsausgaben für vor allem die Löhne öffentlich Beschäftigter, Investitionen sowie kostenintensive Forschungen & Innovationen.

Da die globale Konjunktur trotz einiger potentieller Krisenherde10 stabil blieb, ist der deutsche Export zukünftig wieder die Hoffnung, an die sich viele klammern. Doch in Anbetracht zu erwartender Gegenmaßnahmen (z. B. aus den USA und Frankreich), schwinden auch die Exportchancen trotz des noch niedrigen Wechselkurses langfristig. Tendenziell gehe ich für das Jahr 2017 noch von einer Entwicklung zwischen Stagnation und leichtem Anstieg beim Export aus. Präzise Vorhersagen für den Export kann ich an dieser Stelle aufgrund der für mich schwer einzuschätzenden Weltkonjunktur jedoch nicht machen. Die Beschäftigungsentwicklung wird meiner Ansicht nach 2017 insgesamt eher stagnieren11.

Medien interessieren sich kaum für die Entwicklung

In den Medien wird wie üblich das nur relativ hohe Wachstum im Jahr 2016 gefeiert, obwohl dies unter besagten Umständen12 ziemlich schwach ist. Der Spiegel nennt es einen „Boom!“ und die ARD spricht vom „Besten Wert seit 2011„. Zwar ist auf Spiegel-Online die Rede von einem höheren Wachstum dank Flüchtlingen und niedrigen Energiekosten, aber zukünftige Probleme infolge nachlassender Impulse werden nicht daraus abgeleitet. Stattdessen sollen die privaten Konsumausgaben laut „Experten“ auch im nächsten Jahr wieder die Hauptstütze des Wachstums sein, obwohl es in diesem Jahr tatsächlich nicht mehr möglich sein wird, die niedrigen Energie-Verbraucherpreise aus dem Vorjahr merklich zu unterschreiten. Eher das Gegenteil wird der Fall sein. Ohne eine stärkere Lohnentwicklung wird der private Konsum in diesem Jahr den Arbeitsmarkt nicht beleben können. Bei einer nominellen Lohnentwicklung unterhalb der goldenen Lohnregel13 wird der Arbeitsmarkt wenig reagieren, ggf. sogar negativ beeinflusst.

Wie wenig die Medien und einige Experten im Allgemeinen über Entwicklungen in der Wirtschaft nachdenken, zeigt auch die im ARD-Artikel wiederholte Behauptung der „Verunsicherung“, die angeblich durch Trump oder den Brexit entstehen würde. Jens Berger hat auf den Nachdenkseiten ausführlich dargelegt, wie sehr solche Wirkungen beim Brexit überschätzt wurden. Die einzelnen Unternehmen sind viel zu sehr Pragmatiker und viel zu sehr auf die Absatzentwicklungen der von ihnen bedienten Märkte fixiert. Wenn ein Unternehmen irgendwo gute Absatzchancen sieht, wird es sich diese nicht durch ungewisse und eher kleinere Risiken nehmen lassen. Vor allem wenn man bedenkt, dass ein einzelnes Unternehmen durch seine Marktkonkurrenten und Konsumentenentscheidungen ständig viel größeren Ungewissheiten ausgesetzt ist.

Aber was schert die Medien des recherchearmen Quoten-Journalismus schon die Analyse von Wirtschaftsdaten. Wenn man Zahlen und Wirtschaftsprognosen unkritisch publiziert und somit zur Bildung einer überheblich positiven Haltung gegenüber der (für mich gescheiterten) deutschen Wirtschaftspolitik beiträgt, fühlt man sich wohl schon den anderen im „postfaktischen Zeitalter“ überlegen.

 

  1. Vor allem die Ausgaben von Unternehmen in Maschinen. []
  2. Siehe ab Seite 17 in dem Papier. []
  3. Bei einem europäischen Inflationsziel von 1,9% + der Produktivität pro Stunde von 1,2% (2016) wäre eine Erhöhung der Stundenlöhne von 3,1% angemessen gewesen. []
  4. Ein großer Wirtschaftsraum, wie die Welt als Ganzes im Extremfall, hat kein Ausland, von dem es Impulse bekommen kann. Deshalb ist es auch die grundlegende Idee der Volkswirtschaftslehre, die Gesamtwirtschaft ohne Effekte von Außen anzuregen. Nur wenn jede einzelne Wirtschaft als Teil der Welt Wirtschaftsimpulse aus Eigenantrieb generiert, kann auch die Weltwirtschaft als Ganzes profitieren. []
  5. Das ist das Ergebnis des realen Wirtschaftswachstums minus der Arbeitsproduktivität je Stunde. []
  6. Siehe Seite 16 im verlinkten Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit. Dort wird geschildert, wie sehr Ostdeutschland von dem niedrigen Erwerbspersonenzuwachs beim Abbau der Arbeitslosigkeit profitiert. []
  7. Die Zahl der jährlich geleisteten Arbeitsstunden hat in den letzten 25 Jahren nicht wirklich zugenommen, obwohl die Exportwirtschaft vor allem durch die niedrige Lohnentwicklung extrem zum Beschäftigungsaufbau beigetragen hat! Das zeigt noch einmal das schlechte Niveau der deutschen Binnenwirtschaft, und die Unverhältismäßigkeit der deutschen Wirtschaftspolitik. []
  8. Hohe Wettbewerbsfähigkeit, niedrige Zinsen und niedriger Wechselkurs []
  9. Steuerreform 2000, Agenda 2010 und Sonstiges []
  10. China, Brasilien, Großbritannien & USA []
  11. Ich gehe von einer Entwicklung zwischen 0% und +0,5% Arbeitsstundenzuwachs aus. []
  12. Niedriger Ölpreis, niedrige Zinsen und niedriger Wechselkurs []
  13. Zielinflation von 1,9% + Arbeitsproduktivität pro Stunde []

Jochen Schölermann

Ein Kommentar

  1. Selbst das „arbeitgebernahe“ IW Köln hat neuerdings den Wachstumsbeitrag staatlicher Ausgaben entdeckt – und zwar durch die Flüchtlingskrise. Die Ausgaben steigen von ca. 17 Mrd. € in 2016 auf 28 Mrd. € in 2020. Diese Würdigung der Nachfragekomponente mutet schon etwas merkwürdig an: Jahrzehntelang hat das IW Köln „uns“ erklärt, staatliche konsumtive Ausgaben müssten reduziert werden und Nachfragewirkungen staatlicher Ausgaben wären allenfalls Strohfeuer, die die Inflation treiben. Angenommen, es hätte keine „Flüchtlingskrise“ gegeben und der Staat hätte die o.g. 16 Mrd. € für Arbeitslose, Rentner, Schulen etc. ausgegeben. Was hätte das IW Köln dann wohl verlautbart? Selbst bei der (gesetzeskonformen) Rentenerhöhung 2016 schrieb die FAZ etwas von „unverantwortlichen sozialen Wohltaten auf Kosten der jungen Generation“.

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