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No 339

“Kurz vor dem Ersten Weltkrieg klafften in Deutschland große Unterschiede. Die Jahrzehnte der Industrialisierung hatten Arbeitern zwar höhere Löhne beschert, Gutverdiener aber reich gemacht. 1913 entfielen auf die obersten zehn Prozent Haushalte gleich 40 Prozent aller Einkommen, so eine neue Studie. Die Pointe: Weil sich das Land nach Dekaden der Annäherung zuletzt deutlich gespalten hat, vereinnahmen die Bestverdiener inzwischen wieder einen genauso hohen Anteil vom Kuchen wie 1913. Anders gesagt: Deutschland ist heute so ungleich wie vor 100 Jahren. […] Dieses Ergebnis steht im ersten >>Weltreport über Ungleichheit<<. Verfasst hat ihn eine Forschergruppe um den Mann, der das Thema weltweit in die Schlagzeilen brachte: Thomas Piketty, Autor des Bestsellers >>Das Kapital im 21. Jahrhundert<<. […]
Nach dem Zweiten Weltkrieg verteilten sich die Früchte des Wirtschaftswunders noch stärker auf die ganze Bevölkerung, so die Forscherin Charlotte Bartels in einer 60-seitigen Studie über Deutschland. Ab den 70er Jahren kehrte sich der Trend um. Hatte die untere Hälfte der Gesellschaft ihren Anteil an allen Einkommen bis dahin auf ein Drittel ausgedehnt, halbierte er sich bis heute. […]
Die oberen zehn Prozent dagegen steigerten ihren Wert von einem Drittel auf 40 Prozent – jenen Löwenanteil, den sie vor 100 Jahren schon einmal kassierten. Bartels macht dafür mehrere Gründe aus: Den wachsenden Niedriglohnsektor, die schwindende Macht der Gewerkschaften, Steuersenkungen am oberen Ende – und den Exportboom: >>Die wirtschaftliche Elite profitiert stärker von Deutschland als Exportweltmeister als die übrige Bevölkerung.<< Einkommen aus Kapital würden immer wichtiger. Aber nur jeder zehnte Bundesbürger besitzt Aktien.”1

(Alexander Hagelüken, Journalist und Autor, Deutschland ist so ungleich wie vor 100 Jahren, Süddeutsche Zeitung, 14.12.2017)

  1. Anm. JJ: Leider wird in Deutschland die neoliberale Trutzburg wider aller Vernunft durch eine besonders hartnäckige Erfahrung und ihre Missdeutung verteidigt. Stichwort: Teilprekarisierung nach innen (Hartz-Reform, Niedriglohn, Rentenabbau) zum Ausbau der Exportstellung. Das Ergebnis sind Altersarmut und Working poor, in einem Land, das zugleich 8% seines Erwirtschafteten (2017 rund 240 Mrd. Euro) in Form von Exportüberschüssen Jahr für Jahr als Finanzforderungen verpuffen lässt. Den grotesken Zustand belegt man dann mit dem Satz “Uns geht es gut”, bei dem viele nicken, ohne die Hintergründe zu durchsteigen. Man muss die Propagandakette jedoch zurückverfolgen: “Uns geht es gut” ist falsch und meint eigentlich: “Der Wirtschaft geht es gut”, ist jedoch auch falsch und meint eigentlich: “Den Unternehmen und somit ihren Beschäftigten geht es gut”, ist aber schon wieder falsch und meint eigentlich: “Vielen Unternehmen und einem Teil ihrer Beschäftigten geht es gut”, ist jedoch nicht ganz vollständig und meint eigentlich: “Einem Teil der Beschäftigten geht es gut, v.a. aber geht es den Kapitaleignern gut, während die von der nach innen betriebenen Teilprekarisierung Betroffenen in Unsicherheit, Angst und unter Kontrolle gehalten werden, während man die Weltmärkte auf Kosten auch der Beschäftigten in anderen Ländern erobert.” Weitere Anmerkung: Der Hauptbericht zur Ungleichheit, der Abschnitte zu Deutschland enthält, kann auf der Seite der World Income Data Base heruntergeladen werden, z.B. hier. []

Jascha Jaworski

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