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Bekämpfung der Kriminalität: Besser als ein aufgeblähter Sicherheitsapparat ist eine niedrige Arbeitslosigkeit

Spätestens durch die AfD ist das Thema Sicherheit wieder stärker in die Schlagzeilen gekommen, und damit auch die Debatte über den Umfang der Mittel für die Polizei. Dass ein Staat ein gewisses Maß an Sicherheitsinfrastruktur und Kontrolle braucht, ist wohl unstrittig. Doch kann Abschreckung allein wenig ändern, wenn es Einflüsse auf die Einstellung der Menschen gibt, die sie zu moralisch bedenklichen Handlungen treiben. Zudem führen Aufwendungen in die Sicherheit nur bedingt zu einer eintretenden Vermeidung von Verbrechen, sondern zumeist zu einer höheren Aufklärungsquote, die den angerichteten Schaden nicht wieder gutmacht, und große Summen verschlingen kann. Deshalb lohnt sich ein Blick auf die wichtigste wirtschaftliche Ursache für kriminelles Verhalten, die Arbeitslosigkeit, um so mehr. Dessen Einfluss scheint gewaltig zu sein, und es ist schon kurios, dass viele der lautesten Ächter der Kriminalität sich für jene gar nicht interessieren.

Statistische Zusammenhänge

Schaut man sich die Quote der wegen Verbrechen verurteilten deutschen Staatsbürger1 an, kommt man ins Staunen, wie stark diese Quote zwischen 1980 und 2015 schwankt. Das gilt insbesondere für die der jüngeren Menschen. Ist man allerdings über die Entwicklung der Konjunktur und der Arbeitslosigkeit informiert, stellt man einen erschreckend auffälligen Zusammenhang fest. Bedenkt man, dass die Jugendarbeitslosigkeit von der allgemeinen Arbeitslosigkeit etwas abweicht, zu Beginn der 80er also besonders hoch war2 und zuletzt deutlich stärker als die durchschnittliche Unterbeschäftigung gesunken ist, erklären sich die Strafverfolgungsquoten-Schwankungen bei den Jugendlichen noch etwas besser. Dass die niedrige Arbeitslosigkeit ab 2006 nicht zu einem stärkeren Rückgang der Verbrechen geführt hat, lässt sich wohl damit erklären, dass hier die Arbeitslosigkeit nach internationalen Standards berechnet wurde, bei der Personen mit Teilzeit-Beschäftigungen wie Mini-Jobs nicht als arbeitslos zählen.

Ebenfalls interessant ist der Vergleich zwischen den Bundesländern. Betrachtet man die Kriminalitätsrate und die jeweilige Arbeitslosigkeit, fällt einem sofort wieder ein eindeutiger Zusammenhang auf. Länder mit niedriger Arbeitslosigkeit haben wenig überraschend die niedrigeren Raten. Dass die städtischen Bundesländer so hohe Quoten haben und Mecklenburg-Vorpommern eine vergleichsweise mittelmäßige, scheint offenbar auch an der Bevölkerungsdichte der jeweiligen Region zu liegen. Je mehr Menschen sich auf einem Fleck befinden, und je anonymer sie sich fühlen, desto geringer scheint möglicherweise die Hemmschwelle zu sein. Und um eines auch noch einmal klarzustellen: der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung kann keine Rolle spielen, da die Länder mit den niedrigsten Raten einen recht hohen Ausländeranteil aufweisen.

Die Bedeutung der Erkenntnis

Damit zeigt sich, dass…

…Vollbeschäftigung und eine gute Wirtschaftspolitik3 nicht nur aus finanzieller und menschlicher Hinsicht4 erstrebenswerte Ziele sind, sondern dass sie vielmehr auch ein entscheidender Schlüssel für eine angst- und verbrechensfreie Gesellschaft sind.

Dieser Zusammenhang gilt natürlich weltweit und damit auch für unsere europäischen Nachbarn, die in den letzten Jahren unter hoher Arbeitslosigkeit und somit auch unter einem Kriminalitätsproblem leiden, das sich zum Teil auch außerhalb ihrer Grenzen und ggf. in Deutschland äußert. Echte Solidarität und eine vielversprechende Wirtschaftshilfe dort wären also nicht nur menschlich und vernünftig, sondern würden sich auf dem Gebiet der Kriminalitätsbekämpfung möglicherweise auch für Deutschland auszahlen.

Wer aber immer nur von weiteren Ausgaben und mehr Personal für die Polizei redet, der hat sich mit den Ursachen der Kriminalität offensichtlich nicht ausreichend beschäftigt, und wird sie dementsprechend auch nicht nachhaltig verringern können.

  1. Auf Seite 12 in dem verlinkten Werk zur Strafverfolgung findet sich eine übersichtliche Grafik. []
  2. Eintreten der geburtenstarken 60er Jahrgänge in den Arbeitsmarkt. []
  3. Mit einer guten Wirtschaftspolitik meinen wir jedoch nicht jene neoliberalen Thesen, mit denen zu Lasten der Arbeitnehmer und der Schwächsten in der Gesellschaft Sozialabbau betrieben wurde. []
  4. So erhalten nicht nur zuvor arme Bürger wieder ein solides Einkommen und eine soziale Perspektive, sondern auch die Aufwendungen der Gesellschaft zur Finanzierung der Sozialhilfe entfallen. []

Jochen Schölermann

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