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No 367

“Aber dieser Markt hat einen Doppelcharakter, nämlich, wenn der Markt das Universelle, das Allgemeine ist, nach dem sich alle richten müssen. Der Markt ist doch dann der, der heimliche Gott, der hinter allem steht, und der hat etwas unheimlich Autoritäres, weil wir uns dann doch nach den Marktgesetzen, nach Preisen, nach Leistungsfähigkeit beständig richten müssen. Und in all unserer Freiheit, all unserer Individualisierung steht dieser stumme Gott des Marktes hinter uns und richtet über uns. Und das ist das, was einige Sozialwissenschaftler den >>sekundären Autoritarismus<< nennen, also den Autoritarismus über den Markt vermittelt. Und ich glaube, dass das heute sehr stark verbreitet ist, weil die Angst vor dem Scheitern, diese Angst, die produziert Wut und autoritäre Verhaltensweisen. […]
In der alten Gesellschaft, wenn Sie da gescheitert sind, da war der Chef Schuld, der Kapitalismus, der böse Unternehmer, die Gesellschaftsstrukturen, und man hatte ein Millieu, was einen aufgefangen hat. Was einem eine gewisse Deutung für das eigene Scheitern geben konnte. Und wo man auch solidarische Erfahrungen machen konnte. In der individuellen Gesellschaft, die nur auf Leistung und Erfolg ausgerichtet ist, und wo jeder nur selbst dafür >>eigenverantwortlich<< verantwortlich ist, in dieser Gesellschaft, ist, wenn man scheitert, wenn man nicht erfolgreich ist, ist man auch nur selbst für seinen Misserfolg verantwortlich.”1

(Oliver Nachtwey, Ökonom und Soziologe – >>Der soziale Kitt bröckelt<<, Interview im Deutschlandfunk, 1.7.2018)

  1. Anm. JJ: Die entwürdigende Abschottungspolitik im Dienste des bayerischen Regionalwahlkampfes ist derzeit ja nur ein Ausdruck der Wende ins Rechtskonservative. Die politischen Entwicklungen in den Industrieländern allgemein sprechen da eine deutliche Sprache. Wer dies verhindern will, darf sich nicht defensiv von rechtspopulistischer Agendasetzung treiben lassen oder eben – anderes Extrem – in der eigenen Gesinnungsethik schmoren, die sich gegenüber ungewünschten Bedürfnislagen abschottet. Man muss verantwortungsethisch und zugleich strategisch denken. Und hier gilt: Probleme lassen sich häufig nicht dort lösen, wo sie in Erscheinung treten. Umso wichtiger, die tieferen Ursachen für die Rechtsverschiebung zu erkennen. Oliver Nachtwey erinnert im Interview an den Begriff des >>sekundären Autoritarismus<<, der bereits in den berühmten “Mitte”-Studien zur Anwendung kam, und plausibel darlegt, warum von allen Etagen der Gesellschaft aus nach unten getreten wird. Auch ein spannendes Gegenmittel hält er bereit. []

Jascha Jaworski

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