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No 392

“Relotius war nicht irgendeiner, der gelegentlich Reportagen über die Landesgartenschau in Bad Schwalbach abgeliefert hat. Ihm hat man die großen Kaliber überlassen: Er berichtet über einen Häftling in Guantanamo, der sich so an seine Haft gewöhnt hat, dass er gar nicht mehr nach draußen will (erfunden). Über ein syrisches Geschwisterpaar im Volksschulalter, im Krieg zu Waisen geworden, das sich in der Türkei durchkämpft und nachts von Angela Merkel träumt (erfunden). Über eine typische amerikanische Kleinstadt, deren Bewohner*innen Waffen tragen, ihre Zeit auf örtlichen Western-Festivals verbringen und >>sonntags für Donald Trump beten<< (man ahnt es: erfunden). Die >>kruden Potpourris<<, wie sie Fichtner nun nannte, waren natürlich von Anfang an solche. Es waren Märchen, die geglaubt wurden, weil sie perfekt in das Weltbild und Selbstverständnis eines bankrotten, bürgerlichen Journalismus passten. […]
Für die Glaubwürdigkeitskrise des modernen Journalismus ist Relotius nur das Tüpfelchen auf dem i. Der Fall wurde nur durch ein journalistisches Selbstverständnis möglich, das sein Geschäft im Schönreden und Stabilisieren von Verhältnissen sieht, die längst diskreditiert sind. Um Fake News, ob auf Facebook oder in der Spiegel-Redaktion, wirklich Einhalt zu gebieten, braucht es Medien, die bereit sind, wirklich zu >>sagen, was ist<<.
Wir befinden uns in einer tiefen Krise des politischen und wirtschaftlichen Systems, die immer mehr Menschen desillusioniert und abgehängt zurücklässt. Eine Krise, die sich nicht mehr einfangen lässt, indem man umso beharrlicher auf die naturgegebene Überlegenheit und Alternativlosigkeit einer überkommenen neoliberalen Ordnung pocht. In dieser Hinsicht, und nur in dieser, unterscheiden sich Relotius’ Geschichten vom Normalzustand in bürgerlichen Redaktionen: Sie waren nicht nur falsch, sondern noch dazu erfunden.”

(Marcel Andreu, Autor – Der Fall Relotius: Symptom eines bankrotten Journalismus, Mosaik Blog, 28.12.2018)

Jascha Jaworski

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