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Norbert Häring: “Ein Gelbwestenprogramm für Deutschland 2019”

Dem Augenscheine nach könnte man sich darüber wundern, dass die technische Entwicklung kumulativ ist, sie also auf Vergangenem aufbaut, um Erkenntnisse systematisch zu einer Ausweitung von Problemlösungen zu nutzen, während die soziale Entwicklung in weiten Teilen durch die systematische Nichtnutzung von Erkenntnissen gekennzeichnet scheint. Die Menschheit kann ihre Apparate über die Grenzen des Sonnensystems hinausschicken, sie kann Hände transplantieren und Quantencomputer entwickeln, Altersarmut, Kinderarmut, steigende Obdachlosigkeit, eklatante Wohnungsnot, verfallende Infrastruktur und unzivilisierte Verteilungsverhältnisse etc. etc. bekämpfen kann sie gerade in den reichsten Ländern der Welt scheinbar nicht.

Sozialer Fortschritt (in gesellschaftlich relevanter Dimension) hat freilich den Nachteil, dass er in seiner Umsetzung auf den real gegebenen politischen Transmissionsriemen angewiesen ist, der – dazu braucht man mittlerweile keine Studien mehr – recht kaputt ist. Man muss sich also nicht wundern, wenn technischer und sozialer Fortschritt solch unterschiedliche Entwicklungskurven an den Tag legen. Soziologie und Geschichtsforschung der Zukunft werden vielleicht einst aufzeigen können, welche Faktoren hier eine Veränderung hätten bedingen können.

Die gute Nachricht jedoch: Wir leben in einem sehr ausgereiften gesellschaftlichen System, das zahlreiche Schnittstellen bereitstellt, um gewünschte gesellschaftliche Zustände herzustellen. Es gibt etablierte Institutionen mit einer Fülle an Wissen und v.a. mit den nötigen Zugängen und Möglichkeiten zur Beseitigung von Missständen und zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen. Wir leben nicht mehr im vorbismarck’schen Zeitalter, in dem es weder Sozialversicherungen, noch flächendeckende Fürsorgeleistungen, geschweige denn ein ausgebautes Tarifsystem, effiziente Steuerbehörden oder auch nur volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen gab. Die Nichtnutzung dieser Möglichkeiten hat also hauptsächlich mit politischem Willen zu tun. Umso wichtiger, dass man all jenen, die von Status-quo-Erhaltungswünschen und Ideologien nicht hoffnungslos befallen sind, die Möglichkeiten noch einmal vor Augen hält. So wie dies Norbert Häring mit seinen Vorschlägen für ein “Gelbwestenprogramm für Deutschland 2019” getan hat, auf das wir gern verweisen wollen:

“Ein Gelbwestenprogramm für Deutschland 2019” (Norbert Häring, 1.1.2019)

(Mit jenen Befunden, die Anlass für solch ein Programm geben, haben auch wir uns seit längerer Zeit auseinandergesetzt, z.B. hier, hier, hier und hier.)

Jascha Jaworski

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