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No 420

“Es gab schlicht nichts Neues. Man nannte die Politik, die den Keynesianismus mit seiner Betonung der Nachfrage ablösen sollte, >>Angebotspolitik<< und berief sich auf Say’s Law aus dem 18. Jahrhundert (>>Das Angebot schafft sich seine Nachfrage<<). Aber das war, wie ich schon 1982 gezeigt habe (in dem Aufsatz >>Was ist Angebotspolitik?<<, der in der Zeitschrift >>Konjunkturpolitik<< erschien), eine intellektuelle Bankrotterklärung. Denn es war ja nur der Rückgriff auf das einzelwirtschaftliche Denken, das durch die Einführung des gesamtwirtschaftlichen Denkens im Zuge der keynesianischen Revolution in seine engen Schranken gewiesen worden war.
Würde man in der Physik heute zurückkehren zur Newtonschen Mechanik und alles danach entdeckte und vielfach bewiesene Wissen für irrelevant erklären, würde man für verrückt erklärt. In der Ökonomik konnte man akademisch reüssieren, indem man einfach die alten Irrlehren wiederentdeckte und die Fortschritte des Keynesianismus, die unbestreitbar in der neuen gesamtwirtschaftlichen Dimension zu finden sind, ignorierte. Anders gesagt, man nahm aus der Entscheidungssituation, in der sich der (investierende) Unternehmer befindet, erneut die Nachfrageseite heraus, nachdem man gerade (eben in den 30er Jahren) entdeckt hatte, dass man diese Seite unbedingt braucht, um überhaupt relevante Aussagen machen zu können.
Ich habe dazu vor fast zwanzig Jahren in einem Aufsatz zum Thema Angebot und Nachfrage geschrieben:
>>Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Angebots– und Nachfragepolitik. Während erstere auf ‘mittelfristig greifende, strukturelle’ Wirkungen ohne Berücksichtigung der akuten Gesamtsituation hofft, setzt Nachfragepolitik auf die Verbesserung der Gesamtbedingungen, unter denen die Unternehmen in dem von ihnen zu überschauenden Zeitrahmen agieren. Dieser ist in der Tat ‘kurzfristig’. In der realen Welt gibt es aber keinen anderen Zeitrahmen für Unternehmer. Das, was die Angebotspolitiker ‘mittelfristig’ nennen, meint nur: Wenn sonst alles gut geht, wird meine Maßnahme das Gesamtergebnis noch etwas verbessern. Ob alles gut geht, darüber kann die Angebotspolitik jedoch nichts sagen, sie ist vielmehr darauf angewiesen, dass alles gut geht, die Impulse also von woanders kommen.<<
Wie konnte man hoffen, auf der Basis einer schon durch die Sichtweise dermaßen eingeschränkten Theorie bessere Wirtschaftspolitik machen zu können als auf der Basis einer Theorie, die einfach den weiteren und damit relevanteren Horizont hatte?”1

(Heiner Flassbeck, ehem. Chefvolkswirt der UNCTAD, Mitherausgeber von Makroskop – Das große Paradox: Der Liberalismus zerstört die Marktwirtschaft – 2, 9.7.2019)2

 

  1. Anm. JJ: Und man glaubt es kaum, schaut man in Vorlesungsmaterial, mit dem die heutigen Ökonomie-Studierenden versorgt werden, wird die Sichtweise der “langen Frist” – klingt doch schön nachhaltig, nicht wahr? – mit reichlich absurden Annahmen unterlegt. Da werden mikroökonomisch und allenfalls in der kurzen Frist! (konstanter Kapitalstock) noch evtl. gerade so tolerierbare  Zusammenhänge (Produktionsfunktion mit sinkenden Skalenerträgen für den Faktor Arbeit, Marshall-Kreuz für Arbeitsangebot und -nachfrage) einfach für die Makrökonomie “in der langen Frist” recycelt. Das macht doch nichts, das merkt doch keiner! Und schon haben wir eine vom “Angebot” her begrenzte ökonomische Welt, in der niemand mehr nach der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu schauen braucht. Das wäre ja auch die kurze Sicht, und die wollen wir nicht! Wenn man für Verdummung Schmerzensgeld einfordern könnte, würde eine ganze Reihe an Ökonomie-Lehrstühlen ihre Hochschulen in Finanznöte bringen. []
  2. Anm. JJ: Wir können ein Abonnement von Makroskop nur empfehlen für diejenigen, die sich einen raschen Blick auf (nicht nur) ökonomische Dogmen verschaffen wollen, deren machtbezogene Relevanz viele Menschen leider massiv unterschätzen oder noch immer nicht wahrgenommen haben. []

Jascha Jaworski

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