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No 492

“Bei einem Treffen im Oktober im sogenannten TRIPS-Rat [TRIPS ist das WTO-Abkommen zur Schaffung und Durchsetzung geistiger Eigentumstitel] der Welthandelsorganisation schlugen Indien und Südafrika vor, den Ländern zu gestatten, dass sie Patente in Bezug auf Covid-19-Medikamente und -Impfstoffe ignorieren können, bis die globale Immunität erreicht ist. Sie wurden von 99 Ländern sowie von Ärzte ohne Grenzen unterstützt. Die reichsten Staaten lehnten den Vorschlag jedoch ab. Unter ihnen sind die USA, die EU, Großbritannien, Japan, Kanada, Brasilien, Australien, Norwegen und die Schweiz – Länder, die separat Vereinbarungen über so viele Dosen für sich geschlossen haben, dass sie viel zu wenig von dem übrig lassen, was für die Länder mit den größten Bevölkerungen produziert werden müsste. Durch COVAX [Organisation, gegründet für einen weltweiten Zugang des Impfstoffs, Anm. JJ] wird den afrikanischen Ländern der Zugang zu mindestens 220 Millionen Dosen des Impfstoffs garantiert. Im Oktober stellte Dr. John Nkengasong, Direktor des Afrikanischen Zentrums für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten, fest, dass diese Zuweisung für einen Kontinent mit einer Bevölkerung von über 1,3 Milliarden Menschen völlig unzureichend ist.
Der südafrikanisch-indische TRIPS-Vorschlag ist ein Versuch, Solidarität zu erlangen und mutige Schritte zu unternehmen, die nicht wie gewohnt ablaufen, argumentiert Umunyana Rugege, Direktorin von Section 27, einem südafrikanischen Rechtszentrum für das öffentliche Interesse.
>>Reiche Länder, die sich gegen die Verzichtserklärung ausgesprochen haben, handeln eher im Interesse der Unternehmen als im öffentlichen Interesse<<, sagt sie gegenüber Investigate Europe. >>Sie sollten jedoch jenen Regierungen nicht im Wege stehen, die versuchen, die öffentliche Gesundheit zu schützen, und die nicht reich genug sind, um alle zukünftigen Vorräte aufgekauft zu haben.<<“

(Wojciech Cieśla und Ingeborg Eliassen, Journalist*innen – History repeats itself: Attempts to prevent vaccine injustice have provided questionable results, Investigate Europe, 25.11.2020, Übers. Maskenfall)

Jascha Jaworski

Ein Kommentar

  1. Sicher sind die Motive des Westens egoistisch. Allerdings argumentieren die Kritiker offenbar aus der Perspektive, dass man Immunität herbeiimpfen muss, und das wohl “flächendeckend”. Und das bei einem Virus, das bei sehr vielen Menschen keine oder nur milde Symptome hervorruft.

    Die einzige Rechtfertigung dafür wäre, dass eine Impfung die Infektiösität dieser ungefährdeten Gruppe vermindert (eine Impfung schützt ja nicht vor Infektion, sondern mildert oder verhindert die Infektionskrankheit).
    Man muss sich die Frage stellen, wie groß ein solcher Effekt ausfallen würde, und zwar hinsichtlich der dadurch vermiedenen schweren Verläufe und Todesfälle (wobei hier keine exakte Antwort erwartet werden kann).

    Und weitere Fragen:
    wie vielen verhinderten schweren Verläufen und Todesfällen stehen (schwere) Nebenwirkungen durch die Impfung entgegen?
    Warum impfe ich nicht nur die gefährdeten Gruppen?
    Welche Ressourcen werden für wie lange bei so groß angelegten und ggf. zu wiederholenden Impfaktionen anderen Bereichen des Gesundheitssystems entzogen?
    Wie lange dauert es, die gesamte oder einen Großteil der Bevölkerung zu impfen und wieviel natürliche Immunität (ohne Nebenwirkungen) erreichen wir in dieser Zeit ?
    Wie sicher sind diese im Schweinsgalopp entwickelten Impfstoffe, insbesondere da die derzeitigen Top-Kandidaten mRNA-Impfstoffe sind?
    Wie sieht es mit der “antikörperabhängigne Verstärkung” (Verschlimmerung der Erkrankung durch Impfung) aus, die bei den Impfstoffen gegen die Coronaviren SARS und MERS beobachtet wurden?
    Warum setze ich nicht auf Prophylaxe und Frühbehandlung mit billigen Mitteln bzw. prüfe die dazu vorliegenden Arbeiten (Einstieg siehe z.B. https://swprs.org/on-the-treatment-of-covid-19/)?

    Also wenn ich Verantwortlicher im Gesundheitswesen eines afrikanischen Landes wäre, ich würde mich nicht um diese Impfstoffe reißen und statt dessen überlegen, wie ich meine Ressourcen am besten zum Wohle Aller einsetzen kann – mit Blick auf alle Krankheiten und die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Die zugesagten 220 Millionen Dosen für Afrika würden im Übrigen bei gezieltem Einsatz (gefährdete Gruppen) mindestens ein sehr guter Anfang sein.

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