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No 564

“Und der Grund, weshalb Sie 1990 eine liberale internationale Ordnung bekamen, war, weil wir uns in eine unipolare Welt bewegten, in der der dominierende Staat eine liberale Demokratie war. Sie müssen verstehen, wie speziell […] die Struktur des internationalen Systems 1990 war. Wir hatten noch nie zuvor eine unipolare Welt gesehen. Sie war schon immer entweder multipolar – wie es vor 1945 war – oder bipolar – wie es von ’45 bis ’89 war, die Zeit des Kalten Krieges. Wir hatten zum ersten Mal in der aufgezeichneten Geschichte eine unipolare Welt. Und natürlich war der einzige Pol Uncle Sam und Uncle Sam ist eine liberale Demokratie. So ist es kaum verwunderlich, dass Sie ein Land bekommen, das versucht, eine liberale internationale Ordnung zu schaffen. Und in einer liberalen internationalen Ordnung achtet der einzige Pol nicht auf Realpolitik und eine Politik der Machtbalance. Und der Grund ist, dass es keine anderen Großmächte gibt. […]
Das bringt uns zu der Frage: Was ist schief gelaufen? […]
Was ist wirklich schief gelaufen? Die Ordnung enthält die Saat ihrer eigenen Zerstörung. Und lassen Sie mich die Argumentation so schnell wie möglich durchgehen. […]”1

(John Mearsheimer, US-amerikanischer Politikwissenschaftler – The liberal international order, Vortrag am Centre for Independent Studies, Australien, YouTube-Kanal vom Centre for Independent Studies, August 2019, Übers. Maskenfall)

  1. Anm. JJ: Man muss die Argumentation von Mearsheimer sicherlich nicht in allen Punkten teilen, doch bietet er mit seinem sog. “neorealistischen” Blick – in der ihm eigenen Variante – einen Analyserahmen, den einzunehmen, sich durchaus lohnt. Zu erklären ist doch, weshalb sich so viele krisenhafte Ereignisse in unserer Zeit verdichten. Dass sich gerade eine neue Weltordnung herausbildet, dürfte offensichtlich sein, Mearsheimer formuliert diesen Wandel weg von dem, was er eine liberale internationale Ordnung nennt, jedoch aus und liefert dabei viele Punkte, die m.E.n. nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen sind. Wer die 1990er und 2000er Jahre politisch bewusst verfolgt hat, dürfte miterlebt haben, wie glatt die westliche Erzählung im Sinne von Fukuyamas “Ende der Geschichte” mit ihrem Triumphalismus von Demokratie und freien Märkten – im Zusatz von Bush II “to every corner of the world” – gewesen ist.  In seinen Vorträgen macht Mearsheimer deutlich, wie fatal und zum Scheitern verurteilt dieses hegemoniale (und dabei imperiale) Projekt gewesen ist. Spannend ist, dass Mearsheimer dabei alles andere als ein Linker ist. Seine Grundlinie als “Neorealist” besteht in der Annahme über die Dominanz der Sicherheitsinteressen der großen Mächte, die alles andere Geschehen entscheidend prägen und die in dieser unserer bestehenden Welt fatale Konsequenzen haben, wenn man sie ausblendet oder gar verleugnet. []

Jascha Jaworski

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