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No 601

“Die Konfrontation zwischen Großmächten kann ins Irrationale abgleiten. […]
Auch der zivilen Führung kann kein Zeugnis der Besonnenheit ausgestellt werden. Mehrfach war sie bereit, große Risiken für geringfügige Ziele einzugehen. Auf dem Höhepunkt der Kubakrise erhielt John F. Kennedy von Nikita Chruschtschow das Angebot, beidseitig und öffentlich Raketen abzuziehen. Trotz seiner Schätzung, die Krise könne mit 33 bis 50 prozentiger Wahrscheinlichkeit zu einem Atomkrieg führen, lehnte Kennedy ab. Er verlangte ‒ demütigend für die sowjetische Seite ‒ dass die USA ihren Abzug aus der Türkei nicht öffentlich machen müsse.
1983 ließ US-Präsident Ronald Reagan Simulationen eines Nuklearkriegs durchführen, welche die Sowjets der Überzeugung nahebrachte, einen Präventivschlag durchführen zu müssen. In dieses Jahr fällt Stanislaw Petrows berühmte Entscheidung, einen Alarm entgegen seinen Befehlen nicht weiterzugeben. Was wäre geschehen, wenn Stanislaw Petrow wie Powers ein psychisch instabiler Sadist oder auch nur ein strikt gehorsamer Soldat gewesen wäre?
Der letzte Chef der amerikanischen Nukleararsenale im Kalten Krieg, Lee Butler, urteilte nicht umsonst:
>>Wir entkamen dem Kalten Krieg ohne einen nuklearen Holocaust durch eine Mischung aus Können, Glück und göttlichem Eingreifen und ich vermute, das Letztere hatte den größten Anteil.<< […]
Bedeutende Realisten wie Hans Morgenthau oder John Mearsheimer haben vor einer Außenpolitik gewarnt, die von ideologischem Denken geleitet ist. Kriege für abstrakte Werte wie >>Demokratie<< und >>Freiheit<< hatten so verheerende Folgen wie riskant sie geführt wurden. Große Krisen – und für Mearsheimer ist der Ukrainekrieg die gefährlichste seit der Kubakriese ‒ verlangen aber nach einem nüchtern abwägenden, an realen Risiken orientierten Handeln. Prinzipienreiterei, verbunden mit Überheblichkeit, Wut oder Hass hingegen verengen den Blick und die verfügbaren Handlungsoptionen. In der gegenwärtigen Krise haben sie jedoch wieder Hochkonjunktur.”

(Amin Groh,  Autor auf Makroskop – Wie ich lernte, die Bombe zu verharmlosen, Makroskop.eu, 6.4.2022)

Jascha Jaworski

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