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No 744

“Über die Berichterstattung deutscher Medien seit dem 7. Oktober habe ich ein Buch geschrieben und dafür wollte ich auch wissen, ab wann hätten es Medien eigentlich besser wissen können, besser wissen müssen, was in Gaza passiert? Und die Antwort ist: Von Beginn an. Am Tag 1 machten Menschenrechtler und Reporter vor Ort aufmerksam auf den wahren Charakter der israelischen Angriffe. In einem Bericht vom 11. Oktober der drei großen palästinensischen Menschenrechtsorganisationen ist die Rede davon, wie Israel systematisch zivile Infrastruktur und die Lebensgrundlagen in Gaza zerstört. Ganze Stadtviertel mit über 1000 Wohnungen lägen bereits in Trümmern. Universitätsgebäude, Schulen, Krankenhäuser stünden unter Beschuss, dutzende Fischerboote, Rettungswägen und Bäckereien seien zerstört worden. Nicht einmal vier Tage nach Beginn der israelischen Angriffe warnten die Menschenrechtler vor einem Völkermord in Gaza und mit dieser Warnung blieben sie nicht allein. Zwei Tage später schloss sich der erste renommierte israelische Genozidforscher ihrer Warnung an. Zwei Wochen später warnten auch UN-Experten erstmals vor einem Genozid in Gaza. Und auch israelische Politiker und Militärs machten nie einen Hehl aus ihren Absichten. In deutschen Medien fand man das Wort Genozid trotz immer neuer Belege lange Zeit so gut wie gar nicht, und wenn doch, dann in Form von Spott, von Irreführungen, von Verleumdungen oder Antisemitismusvorwürfen. Auswirkungen auf die Berichterstattung hatten die akribischen Untersuchungen und Warnungen von Experten so gut wie keine. Anders als die unbelegten Behauptungen der israelischen Armee. Wie diese zur wichtigsten und oftmals einzigen Quelle für viele deutsche Journalisten werden konnten, das erzähle ich in meinem Buch >>Staatsräsonfunk – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza<<, und das ist ein Buch darüber, wie Medien die gut dokumentierte Realität in Gaza systematisch verschwiegen, verharmlosten oder rechtfertigten, und es ist auch ein Buch darüber, wie Medien jene diskreditierten, die diese Realität beim Namen nannten.”1

(Fabian Goldmann, Journalist und Autor – >>Über deutsche Medien und den Genozid in Gaza<<, X-Kanal von Fabian Goldmann, Tweet vom 20.2.2026)

  1. Anm. JJ: Dankenswerterweise gibt es auch bereits eine Reihe von wissenschaftlichen Studien, die sich mit der Medienberichterstattung speziell zur Zeit ab dem 7. Oktober auseinandersetzen. Zum Aspekt der unterschiedlichen Opferdarstellung, siehe z.B.: “Hierarchies in death: coverage of Palestinian and Israeli victims in the context of October 7 and the war on Gaza” (Grimm, Könneker & Salehi, 2025), Abstract: “Diese Studie untersucht die Darstellung israelischer und palästinensischer Todesfälle in deutschen Medien. Im Fokus steht die Konstruktion von Trauer im öffentlichen Diskurs nach dem 7. Oktober 2023, in der Anfangsphase des Gaza-Krieges. Anhand der Berichterstattung fünf führender deutscher Zeitungen analysiert die Studie, wie sprachliche Entscheidungen und kontextuelle Darstellungen die öffentliche Wahrnehmung tödlicher Gewalt prägten, Empathie für einige Opfer förderten und Distanz zu anderen verstärkten. Die Ergebnisse zeigen, dass israelische Opfer häufig eine stark personalisierte Berichterstattung erfahren, die individuelle Schicksale, familiäre Hintergründe und emotionale Erzählungen in den Vordergrund rückt. Palästinensische Opfer hingegen werden überwiegend als unpersönliche Statistiken dargestellt, als Kollateralschaden des Krieges verharmlost und in abstrakte Konfliktnarrative eingebettet. Durch die Gegenüberstellung dieser divergierenden Darstellungen wirft die Studie kritische Fragen zur Medienethik und zum Verhältnis zwischen Konfliktjournalismus und den Bedingungen öffentlicher Trauer um Gewaltopfer auf. Sie fordert zudem eine kritischere Auseinandersetzung mit epistemischen Praktiken, die soziale Interaktion und Empathie inmitten von Massengewalt untergraben.” (Übers. Maskenfall) []

Jascha Jaworski

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