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No 751

“In dem Maße, in dem die Erinnerung an den Nationalsozialismus zur Staatsangelegenheit erklärt und dann auch mit viel Geld gefördert wurde, verlor sie beziehungsweise ihre Protagonisten gewissermaßen ihren >>counter-culture<<-Aspekt. Man musste nicht mehr kämpfen, sondern die eigene Arbeit war plötzlich staatlich anerkannt und bedeutungsvoll. Ich rede hier auch von mir selbst. Zugleich vollzog sich ein Prozess der massiven De-Politisierung. Wir gedenken der Opfer, aber wir erklären kaum noch, wie es dazu kam. Man hört wenig darüber, wie die regimetreuen Kräfte erst einmal Zehntausende von politischen Gegnern einschüchtern, wegsperren, außer Landes treiben oder umbringen mussten, bevor man mit dem biopolitischen, antisemitischen und rassistischen Umbau der Gesellschaft beginnen konnte. Man fragt auch ungern, wer daran verdient hat. Und das Wort >>Antifaschismus<< wird meist müde belächelt. Ich empfehle jedem, einmal Bücher wie die Biografie der Krankenschwester Betty Rosenfeld aus Stuttgart zu lesen, um ein Gefühl davon zu bekommen, was dieses Wort für eine ganze Generation junger jüdischer wie nicht-jüdischer Jugendlicher bedeutet hat.
Es geht also darum, Freiraum zu schaffen, damit sich neue Generationen die Geschichte ihres Landes selbst aneignen, auch wenn uns die Formen manchmal nicht passen. Davon sind wir allerdings gerade weiter entfernt denn je. Die junge Generation erlebt die zur Staatsräson geronnene Erinnerungskultur als starres, autoritäres Regelwerk. Das hat zu einer Entfremdung der arabischen, muslimischen, aber auch anderer migrantischer Communitys und von Teilen der jungen Generation insgesamt geführt. Sie empfinden und erleben den ganzen deutschen Diskurs zwischen Erinnerungskultur, Ukraine und Gaza als heuchlerisch und verlogen. Da gibt es einen richtigen Bruch – und wie gesagt, ich höre das auch von braven deutschen Mittelschichtskids, die nicht politisch aktiv sind. […]
Da wäre mein Vorschlag recht einfach, wenngleich er quasi von der Erinnerung in die Gegenwart reicht: Wie würde sich der Diskurs und die Stimmung verändern, wenn wir ein tieferes, gesellschaftliches Verständnis des Nationalsozialismus als Gesellschaftsform einerseits und der Vielheit der Verfolgten und ihrer Geschichten andererseits erlangen würden? Die NS-Zeit ist nicht nur eine des Antisemitismus, sondern ein Prozess der dauernden Ausschließung, in der eine faschistische Idee von Gesellschaft durchgesetzt wurde. Wie entsteht eigentlich die faschistische Gesellschaft? Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus könnte so zu etwas erweitert werden, das alle adressiert, die in diesem Land lebten und leben. Das wäre ein brandaktueller Minimalvorschlag, der anschlussfähig an heutige Erfahrungen machen könnte.”

(Stefanie Schüler-Springorum, Historikerin und Antisemitismusforscherin – Vorwärts und nicht vergessen, Website von medico international, 23.2.2026)

Jascha Jaworski

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