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„10 Strategien der Manipulation“ revisited

Im Internet kursiert eine geschlossene Auflistung von „10 Strategien der Manipulation“. Gemeint sind Strategien zur Lenkung nicht einzelner Personen, sondern ganzer Bevölkerungen. Als Autor wird mancherorts ein gewisser Sylvain Timsit benannt, anderenorts endet eine Suche wiederum beim französischsprachigen interdisziplinären Journal „Les cahiers psychologie politique“ und als Autor wird Noam Chomsky aufgeführt. Wer die Strategien letztlich umrissen hat, soll hier jedoch nicht mein Thema sein. Ob sie ursprünglich primär satirisch gemeint waren oder nicht, soll mir ebenfalls weniger bedeutsam sein. Entscheidender ist, dass die Strategien relativ schlicht, plausibel und – bei ein wenig Alltagsdistanz – gut beobachtbar scheinen. Hier dürften besonders jene Menschen zustimmen, die das politische Geschehen nicht allein durch Rückgriff auf die Mainstreammedien, mit ihrer fragmentierten Themenauswahl und ihrem verkürzten, häufig rahmenlosen Informationsbombardement verfolgen. Jene aber, die dies tun und die Welt dabei aus der Perspektive eines liberalen Pluralismus heraus betrachten, demgemäß es in der Gesellschaft kein Machtzentrum, keine (längerfristig weitgehend geschlossene) Elite, keine Herrschaft gibt, sondern viele unterschiedliche Akteursgruppen, die ihren Einfluss einigermaßen ausgeglichen ausüben, so dass sich beim Angebot der Ideen jene durchsetzen, die den grundlegenden Interessen der Mehrheit entsprechen, werden die Auflistung wahrscheinlich eher ablehnen.

Im eigenadaptierten, beispielangereicherten Durchlauf (Original siehe obige Verlinkung):

Strategie 1: Umlenkung der Aufmerksamkeit…

Das Stichwort lautet hier wohl „Unwesentlichkeit“. Aufmerksamkeit ist eine sehr begrenzte Ressource, und wenn eine demokratische Gesellschaft so organisiert werden soll, dass relativ Wenige profitieren, während die meisten Anderen langfristig das Nachsehen haben, muss die Mehrheit mit solchen Dingen beschäftigt werden, die den Partikularinteressen nicht in die Quere kommen. Ein solcher Ablenkungszustand ist unter dem Begriff „Brot und Spiele“ durch Juvenal schon der römischen Republik attestiert worden.

Wer nun einmal auf die Themenauswahl in TV, Radio, Zeitung oder auch in den eigenen oder den Gesprächen seiner Mitmenschen achtet, um sich dann zu fragen, welche Relevanz die einzelnen Themen wohl genau für das eigene oder eben das Leben der Mitmenschen haben, indem er oder sie hierbei den Fokus allerdings auf die Bedingungen zur Aufrechterhaltung einer langfristigen Daseinsfreude (z.B. im Sinne Epikurs) legt und dann überprüft, wie das Verhältnis von Beschäftigungszeit/Aufmerksamkeitsaufwand zu Lebensrelevanz ist, kommt vielleicht zur Erkenntnis, dass man von einer Art „Verkehrung“ der Dinge sprechen kann. Um es reißerisch zu machen: Sonderangebote im Supermarkt, Tabellenergebnis der Lieblingsmannschaft, Farbe der neuen Übergardinen, Liebesaffäre von Promi XY, Namenskuriosität des Nachbarkindes, Vorzüge von Halbfett- gegenüber normaler Margarine usw. usf. vs. Demontage der Bürgerrechte, Folter, sowie Drohenmassenmord und Geheimkriege durch westliche „Vorbilder“, fortschreitende Verankerung von Krieg, Rassismus und Prekarisierung in der Normalität, sowie die Verfälschung von Krisenursachen und Beförderung von Krisen durch Herrschaftsideologien usw. usf.[1]

Strategie 2: Der forcierte Zyklus von Problem, Reaktion und Lösung…

Wenn jemand das Auto absichtlich zu tanken vergisst, in der Hoffnung, dass so die ungeliebte Verabredung für die Oper ins Wasser fällt, mag von Schlingelei die Rede sein. Wenn jedoch Gesellschaftsprobleme geradezu fabriziert werden, um in der Bevölkerung ein spezifisches Orientierungsbedürfnis hervorzurufen, das dann eine Lösung in die von Anfang an gewünschte ideologische Richtung ermöglicht, wird ein schweres Verbrechen begangen, besonders dann, wenn sich die Lebensbedingungen der Menschen hierdurch verschlechtern. Neoliberale Ideenträger sind hierbei sehr begabt, wie sich etwa am Beispiel der staatlichen Finanzierungsbasis zeigen lässt, die zunehmend kaputt gemacht wurde, wodurch die öffentlichen Schulden in die Höhe schnellend unter Schützenhilfe von Medien und Unternehmerlobbies die nötige Angst erzeugten, um falsche Lösungen in Form von Schuldenbremsen durchzusetzen, die schließlich zu Folgeproblemen (Finanzierungsengpass, Wirtschaftsstagnation, weiterer Staatsschuldenanstieg) führen, die als nachfolgende Lösung dann das altbekannte Privatisierungskonzept revitalisieren, zunehmend jedenfalls das Einflussfeld für das (pervers konzentrierte) Privatkapital stark erweitern dürften. Wie sagte Herbert Giersch, führender Neoliberaler, Wirtschafts„weiser“ und Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft doch: „Dies heißt Privatisierung und Deregulierung und ein Kürzen der Staatsausgaben. Widerstand gegen das Abspecken des Staates auf der Ausgabenseite kommt von der Bürokratie und den Subventionsempfängern. Wahrscheinlich muß daher das Abmagern auf der Steuerseite ansetzen: Steuersenkungen zum Mobilisieren des Diktats der leeren Kassen. Dies läßt allerdings, wie die Erfahrung zeigt, die Staatsdefizite steigen.“[2]

Auch in der momentanen „Eurokrise“ lässt sich eine derartige Strategie gut beobachten. So werden durch Sozialkürzungen Wirtschaftseinbrüche forciert, die die Massenarbeitslosigkeit ansteigen lassen, wobei eingeleitete Tarifsystemdemontagen dann Lohnsenkungen befeuern, die wiederum zu Folgeproblemen und somit einer Erweiterung von Herrschaftswirkpunkten führen.[3]

Naomi Klein hat derartige Vorgehensweisen in ihrem Buch unter dem Titel „The Shock-Doctrine“ an zahlreichen Beispielen aufgezeigt. Wer sich nun vor Augen hält, welchen Informationsvorsprung Eliten gegenüber ihren abgelenkten Bevölkerungen haben, besonders wenn Massenmedien als „vierte Gewalt“ unter Ressourcenknappheit, sowie Faktoren der Kapitalbindung und unter Gesinnungsgleichklang agieren, braucht nicht viel Phantasie, um zu erkennen, wie leicht sich Krisen, Katastrophen und sonstige Probleme in vielen Bereichen verschärfen und nutzen lassen.

Strategie 3: Abstufung von Veränderungen…

Wie es für basale Größen (Licht, Druck, Schallstärke etc.) im Bereich der Wahrnehmung eine Selbstverständlichkeit ist, dass ihre Veränderung ein gewisses Ausmaß je Zeiteinheit übersteigen muss, um überhaupt bemerkbar zu sein, so hängt auch die Wahrnehmbarkeit politischer Veränderungsprozesse von deren Abstufung ab. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche etwa kann nicht per Krise von heute auf morgen eingeführt werden, vielmehr muss sie von einflussreichen Institutionen über Generationen hinweg kulturell sedimentiert werden, wenn schließlich das Kosten-Nutzen-, Markt- und Managementmodell zum totalen Gesellschaftsprinzip werden soll.

Auch im kleineren Maßstab werden derartige Techniken angewandt. Eine OCED Veröffentlichung empfiehlt im Falle geplanter Kürzungen im Schul- und Universitätsbereich etwa, wegen der Gefahr von Protesten der betroffenen „politisch wachsamen“ Gruppe, nicht die staatlichen Förderbeträge zu senken, sondern sie einfach nominal konstant zu halten, um durch Inflation oder die Einführung „administrativer Beschränkungen“ (- die aufkommenden Mehrbedarf abwehren -) schrittweise das gleiche Ergebnis hervorzurufen.[4]

Dieser Inflationstrick durch Nicht-Steigerung von Nominalbeträgen kommt auch seit Längerem beim Abbau des Rentenniveaus zur schleichenden Anwendung.[5]

Strategie 4: Aufschub von Veränderungen…

Sollen geplante Verschlechterungen der Bedingungen für einen Großteil der Bevölkerung eingeführt werden, gilt es, die vermeintlichen Gründe hierfür früh genug an den Horizont zu heften. Solange es noch nicht akut ist, wird die Zivilgesellschaft wenig Motivation aufbringen, die Behauptungen zu überprüfen, ist es akut, lässt sich auf eine Geschichte der Ankündigungen verweisen, die das konstruierte Problem als vertraute Tatsache erscheinen lassen. Demographischer Wandel und globale Konkurrenz wurden hierzulande etwa frühzeitig ins Rampenlicht gesetzt (und entsprechend drapiert), so dass selbst in Zeiten des neoliberalen Dauerversagens Lohn-, Renten- und Sozialkürzung weiterhin als zwar „schmerzhafte“, jedoch zeitgemäße Ideen erscheinen. In der Zwischenzeit wurde die Marktlogik zudem so im Alltagsleben verankert, dass innerhalb ihrer engen Grenzwände Slogans wie „There is no alternative“ (Margret Thatcher) oder „Das ist alternativlos“ (Angela Merkel) nicht als Indikatoren für Demokratieunfähigkeit zur sofortigen Abwahl führen, sondern allenfalls verbale Restwiderstände hervorrufen.

Strategie 5: Anrede in Kindersprache…

Will man unangenehme Inhalte verkünden, wird in der Politik einerseits gern auf Nullbotschaften zurückgegriffen, in denen verklausuliert und fehlbetont wird, so dass sich Beliebiges in das Gesagte hineindeuten lässt, jedoch ohne gezieltes Nachfragen – das häufig nur durch das Nadelöhr gestattet wird – keine Angriffsfläche für ernstzunehmende Kritik aufkommt. Wird die Bevölkerung hingegen direkt angesprochen, bietet es sich an, das kollektive Gegenüber in die Kinderrolle zu zwängen, indem eine schlichte Sprache, die auf relevante Details verzichtet, in einen gönnerhaften oder auch fürsorglich-mitfühlenden Ton gekleidet wird. Menschen werden früh daran gewöhnt, bestimmten Rollenmustern zu entsprechen, die durch Umgebungsreize aktiviert werden. Und gerade in einer stark konservativen Gesellschaft, der klare Hierarchien und Verhaltensmuster eingraviert sind, dürfte diese Technik den gewünschten Erfolg in Form von Nicht-Hinterfragung und vertrauensseliger Hinnahme erzielen.

Strategie 6: Reflexionen durch Emotionen ersetzen…

Was gemeinhin als „Denken“ bezeichnet wird, ist eine Fähigkeit, die evolutionsgeschichtlich recht jungen Datums ist. Der Grundstock des menschlichen Geistes ist ein emotionaler, der auch über solche Wege zum Urteilsvermögen führt, an deren Toren Wächter der Vernunft ihren Dienst schlicht verweigern. Wirken die Inszenierung der heilen Familie oder das Dankeswort an die lächelnde Frau samt Kindern in US-präsidentiellen Auftritten dann doch eher plump auf viele Menschen hierzulande, so werden das Seriösität ausstrahlende Brillengestell eines Frank-Walter Steinmeier, die mütterliche Physiognomie von Frau Merkel oder auch das mit „Modernität“, „Nachhaltigkeit“ und „Verantwortung“ assoziierte Label der Grünen trotz langfristiger und systematischer Verprellung der Mehrheit leider weiterhin von dieser Mehrheit gewählt. Hier dürften prähistorische Wesenszüge einerseits und moderne PR- und Markenbildungstechniken andererseits ineinander greifen, so dass in Abstimmungen und an Wahlurnen eigentlich zwei Stimmzettelkästen platziert werden müssten: einer für die Fragestellung, ob Frau Merkel eine irgendwie beruhigend pflichtbewusste Mütterlichkeit ausstrahlt und einer für die Fragestellung, ob Renten und Sozialleistungen europaweit gesenkt, Ungleichheit und Arbeitslosigkeit rasch zunehmen, „Wettbewerbsfähigkeit“ und Bevölkerungskonkurrenz zum obersten Leitmotiv der Menschheit und deutsche Panzerlieferungen an Diktaturen zwecks Aufstandsunterdrückung zum Normalfall werden sollen.

Strategie 7: Ignoranzförderung…

Ignoranz kann sowohl das Nicht-Wissen, als auch das Nicht-Wissen-Wollen umfassen. Beide Umstände dürften eng miteinander verkoppelt sein, etwa darüber, dass Nicht-Wissen in als relevant erachteten Belangen Scham auslösen kann. Verschiedene Möglichkeiten der Schamvermeidung können dann nämlich das Nicht-Wissen-Wollen begünstigen. So kann man sich komplett Umfeldern fernhalten, die etwa gesellschafts- und machtpolitische Themen anschneiden, um auf diese Weise das schambehaftete Erkennen des eigenen Nicht-Wissens aus dem Bewusstseinsfokus zu ziehen. Oder man kann die Relevanz des Wissens bestreiten und auf Formeln wie „Es bringt doch eh nichts!“, „Da kann man nichts machen!“, „Die Welt ist nun einmal so!“ ausweichen, die wie Vorhänge überall dort angebracht werden, wo ansonsten das beruhigende Ambiente gestört wäre. Dies sind zwar menschliche Verhaltensmuster, jedoch zugleich solche, die von staatlicher und kapitalistischer Obrigkeit zum Nachteil der Bevölkerungsmehrheit ausgenutzt werden.

Beispielhaft kann auf die enorme Diskrepanz zwischen Wissen und Wissensrelevanz in ökonomischen Belangen verwiesen werden: Was ist Geld? Welche Funktion tragen Löhne und Produktivität innerhalb einer Volkswirtschaft? Wie sehen die Verteilungsverhältnisse aus und wie haben sie sich entwickelt? Wem gehört was und warum? Warum gibt es Massenarbeitslosigkeit und wie wirkt sie sich auf die Machtverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft aus?

Seltsamerweise werden derartige Fragen in Schule und Privatfernsehen kaum, nicht kontrovers oder lediglich fragmentiert behandelt, obwohl die mit ihnen verbundenen Begrifflichkeiten doch immer dann das letzte Wort stellen, wenn es darum geht, einschneidende Veränderungen von gesamtgesellschaftlicher Tragweite zu rechtfertigen. „Das kostet Arbeitsplätze!“, „Wir können uns diesen Sozialstaat nicht mehr leisten!“, „Wir brauchen Strukturreformen!“, „Die Wettbewerbsfähigkeit muss gesteigert werden!“ usw. usf. Umfassendes Wissen würde hier also zur demokratischen Notwendigkeit gehören (- zumindest wenn sich Demokratie nicht auf einen blinden motorischen Akt an der Wahlurne beschränken soll). Systematische Ignoranz der Menschen wird hierbei jedoch durch privatwirtschaftlichen Lobbyismus, durch mediale Verblödung, oder auch durch zunehmende Arbeitsverdichtung, Einkommenskonkurrenz und Statusängste – die den Fokus auf das Nahumfeld verengen – in ihren Bedingungen gefördert.

Strategie 8: Durchschnittlichkeit propagieren…

Eines der Probleme von Eliten in formalen Demokratien besteht darin, dass sich trotz ablenkender und verschleiernder Techniken dennoch ein Teil der Menschen für gesamtgesellschaftliche, politische und machtbezogene Entwicklungen interessiert und dieser Teil an relevante Informationen gelangt, um andere auf Systemverbrechen[6] aufmerksam machen zu können. Hier gilt es, die richtige Haltung in den Menschen auszulösen, um die brisanten Informationen auf unfruchtbaren Boden fallen zu lassen: „Ihr seid durchschnittlich! Kümmert euch nicht um derart gehobene Probleme, das regeln andere! Es hat nichts mit eurem Lebensumfeld zu tun!“. Arbeiten, konsumieren, massengefertigte Unterhaltungsangebote wahrnehmen und sich im Kleinen die Redlichkeit leisten, über die im Großen nur gespottet werden kann, daraus besteht die genormte Realität, die die Menschen anzunehmen und ihren Mitmenschen gefälligst weiterzuvermitteln haben.

Strategie 9: Widerstand in ein schlechtes Gewissen überführen…

Stéphan Hessel, der berühmte Kämpfer der Résistance und Mitverfasser der Menschenrechtserklärung forderte in einem kleinen Buch auf: „Empört Euch!“. Er zielte auf die diskriminierenden, antisozialen und machtkonzentrierenden Verhältnisse unserer Zeit ab, wie sie die Zivilisation tiefgreifend bedrohen und plädierte hierbei für eine engagierte und informierte Lebenshaltung, die auch auf Mittel des zivilen Ungehorsams zurückgreift. Um gerade die Voraussetzungen dieser Art von Lebenshaltung zu sabotieren, geht es bei der Aufrechterhaltung der Verhältnisse aus Sicht der Funktionseliten darum, den Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen, um sie zu lähmen. Es wird ihnen vermittelt, dass sie unzureichend seien oder gar die Natur des Menschen insgesamt schlecht sei. Der Mensch sei ein Egoist, gierig und faul, und wer daran nicht glaubt, ist ein „Gutmensch“. Diese mehr oder weniger implizit vermittelte Botschaft lässt sich etwa in den vielfältigen factual entertainment TV-Formaten beobachten, sie klingt hindurch in Slogans wie „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“ oder kommt zum Ausdruck bei der Etablierung abwertender, strafender und künstlich verknappender Lebensumfelder, wie sie etwa millionenfach durch die Hartz-Umkonstruierung des Sozialsystems geschaffen wurden, die begleitet war von einer öffentlichen Hetzerei gegen die sozial Benachteiligten in diesem Land. Die hierbei erzeugte Atmosphäre demoralisiert nicht allein die direkt Betroffenen, sondern ebenso weite Teile der Bevölkerung, da sie die allgemeine Abneigung auf jene Mitmenschen lenkt, die an den Sozialstaat gebunden sind, anstatt diese Abneigung gegen die eigentlichen Kollektivursachen des Leids zu richten. Diese Atmosphäre entsolidarisiert zudem, indem jede oder jeder in Bezug auf sich selbst oder seine Mitmenschen zum schlechten Gewissen aufgerufen wird, das den Rückzug ins Nahumfeld empfiehlt, um wenigstens dort „anständig“ und leistungsbereit zu sein.

Strategie 10: Mehr Wissen über Menschen anhäufen, als diese es über sich selbst tun…

Während allerlei alltägliches Trommelfeuer und kommerzielle Aufmerksamkeitsmagneten die Bevölkerung in Unwissen und Ablenkung gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen zu fixieren vermögen, hindert jene, die viel zu verlieren und zugleich umfassende Ressourcen haben, um dies zu verhindern, natürlich nichts daran, ganz nach der Aussage „Wissen ist Macht“ zu handeln oder auch stellvertretend für sich handeln zu lassen. Thinktanks z.B. fungieren hier als Institutionen, die Millionensummen seitens mächtiger Kapitalinteressen als Input erhalten und dafür Herrschaftswissen durch eigene oder in Auftrag gegebene Studien erzeugen und für Funktionseliten und Entscheidungsträger geeignet aufbereiten.[7]

Diese Form systematischer Wissensanhäufung speziell zur Gesellschaftslenkung war bereits zu Anfang des 20. Jhd. bekannt, so schrieb etwa einer der Begründer der PR-Industrie, Edward Bernays, in seinem Werk „Propaganda“ von 1928 [8]: „Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land. Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben. Sie beeinflussen unsere Meinungen, unseren Geschmack, unsere Gedanken. Doch das ist nicht überraschend, dieser Zustand ist nur eine logische Folge der Struktur unserer Demokratie: Wenn viele Menschen möglichst reibungslos in einer Gesellschaft zusammenleben sollen, sind Steuerungsprozesse dieser Art unumgänglich.“[9]

Betrachtet man die Welt als ein kausales Netzwerk, in dem eine unendliche Vielzahl von Ursachen und Wirkungen miteinander auf verschiedensten Ebenen verbunden ist, müssen ressourcenstarke Institutionen nicht einmal wissenschaftlich tiefgreifende Theorien entwerfen, sondern können allein über umfassende Dokumentation und statistische Analysen ein sagenhaftes Interventionswissen auf gesellschaftlicher Ebene hervorbringen[10], das zugleich nicht der Gesamtbevölkerung zur Immunisierung zur Verfügung gestellt wird, sondern stattdessen ihrer „sanften Manipulation“ dient. Die Kombination aus immensen Datensammlungen, wie Google und Facebook sie vornehmen, defizitären Datenschutzbestimmungen und enormen Rechenkapazitäten, setzt der Phantasie jedenfalls kaum Grenzen. Nicht zuletzt die jüngere Anwendung moderner Techniken zu Überwachungszwecken (z.B. INDECT, PRISM) zeigt, wie staatliche und privatkapitalistische Interessen hier an einem Strang ziehen. Ein neoliberalisierter Wissenschaftsbetrieb von atomisierten Karrieristen lässt hierbei leider wenig Widerstand erwarten.

Mehr denn je wären also all jene Menschen, die in den Herrschaftskalkülen lediglich zur Verwaltungsmasse gehören, die mit ihren bescheidenen Interessen nach einem auskömmlichen und friedlichen Leben leider den Großinteressen als Störfaktor gegenüberstehen, gut beraten, sich zu organisieren und sich an das altbekannte „Sapere aude!“, „Habe Mut, zu wissen!“ zu halten. Dies selbst, wenn sie nur zu den klugen Egoisten gehören sollten, denen die Lotterie „vom Tellerwäscher zum Millionär“ ein zu unsicheres Unterfangen ist.

 
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[1] Zugegeben, eine Dauerbeschäftigung mit letzteren Themen würde nicht unmittelbar die Daseinsfreude steigern, doch geht es hier ja um die Sicherstellung der Bedingungen ihrer Aufrechterhaltung (was im Endzeitalter des Neoliberalismus immer unwahrscheinlicher wird). Zudem würde wohl eine größere Gelassenheit in so manches Bühnenstück des Alltags Einzug halten, wenn man sich vor Augen führte, wo die eigentlichen Probleme liegen, und zusätzlich eine glaubwürdige Erzählung darüber gewänne, was die abstrakten Ursachen hinter so vielen gesellschaftlichen Pathologien sind.

[2] Herbert Giersch (1991), Europas Wirtschaft 1991. Ordnungspolitische Aufgaben in Ost und West, S. 17/18, http://www.stiftung-marktwirtschaft.de/uploads/tx_ttproducts/datasheet/khb07.pdf

[3] „Aber das sind doch zwei unterschiedliche Dinge: Zum einen die Sparprogramme der Regierungen. Zum anderen Maßnahmen zur Lohnsenkung, die ein Land wieder wettbewerbsfähig machen sollen?“ – Hans-Werner Sinn: „Das ist dasselbe: Die Sparprogramme führen zu Wirtschaftsflaute und Arbeitslosigkeit. Damit sinken die Löhne und das Preisniveau, und die Wettbewerbsfähigkeit wird wieder hergestellt. Das geht im Euro nur durch ein Tal der Tränen.“ […], Quelle: Berliner Zeitung, 23.11.2012.

[4] Siehe OECD, POLICY BRIEF No. 13, S.26, http://www.oecd.org/dev/1919076.pdf: „Another politically risky measure would be to reduce the number (or amount) of grants paid to secondary school and university students. Even though this measure has no negative social effect if the government maintains all types of aid for the children of poor families, the risk involved is considerable, because the group affected is politically conscious, easy to mobilise, supported by the media and, in principle, close to the opposition. It is therefore preferable to proceed with caution, for example by freezing the nominal amount of the grants despite inflation, or introducing additional administrative constraints.“

[5] Diese spezielle Maßnahme hat wiederum den Zusatzvorteil, dass Inflation als Entreicherung selbst bei der überwiegenden Mehrheit derjenigen erlebt wird, die kein relevantes Finanzvermögen besitzen, so dass der Ruf nach „Preisstabilität“ eine Fixierung auf Hartwährungspolitik ermöglicht, die die Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit dauerhaft verhindert.

[6] So sind Dinge wie die feudale Selbstgefälligkeit von Konzernen (die ganze Bevölkerungen plündern oder ihre misslungenen Geschäfte aus der Gemeinschaftskasse finanzieren lassen), die Hybris lobbyverfilzter Politiker_innen, die Beseitigung von Dissidenten (ob es sich nun um einzelne Personen oder ganze Regierungen handelt), die imperiale Kriegstreiberei, Massenmord und Folter usw. usf., die in ihrer Summe Ausdruck von struktureller Menschenverachtung in den obersten Machtetagen besonders auch der „westlichen Welt“ sind, zu einem gewissen Grad sogar Thema der Mainstreampresse.

[7] In Deutschland gibt so etwa die neoliberale Bertelsmann-Stiftung als einer der großen Thinktanks Strategiepapiere wie „Die Kunst des Reformierens“ heraus, die Analysen zur Durchsetzung von Reformen an den großen gesellschaftlichen Gegeninteressen vorbei liefern. So wird als erfahrungsbasierte Empfehlung etwa resümiert: „Policy-Designs, die gezielt die Schwächung der internen Kohärenz von potenziellen Vetospielern bzw. von starken Interessengruppen anpeilen, begünstigen Reformen. In Schweden wurden beispielsweise bei den berufsständisch organisierten Gewerkschaften bestimmte Klientele aus der Reform ausgespart und andere einbezogen, was den geschlossenen Widerstand der Gewerkschaften schwächte. In der deutschen Gesundheitspolitik wurden in den letzten Reformen die Hausärzte aufgewertet, um so die Einheitlichkeit der ärztlichen Interessenvertretung zu schwächen und deren interne Kohärenz zu mindern.“ Siehe: Rüb, Alnor, Spor (2009). Die Kunst des Reformierens, S. 65

[8] Original, siehe Bernays (1928), Propaganda, http://ia700804.us.archive.org/4/items/Porpaganda/PropagandaedwardBernays1928.pdf, S. 9

[9] Dieser Umstand wurde von dem US-Propagandisten und damaligen Berater von Präsident Wilson, Walter Lippmann, als „Fabrizierung von Konsens“ bezeichnet, bei der eine kleine Schicht von „Spezialisten“ der „verwirrten Herde“ der Normalbevölkerung als ihrem „Handlungsobjekt“ gegenübersteht.

[10] Die Frage, ob überhaupt Konzepte existieren, die im Falle gesellschaftlicher Phänomene eine reine Auflistung loser Techniken und Gesellschaftszusammenhänge gegen Theorien breiter Erklärungskraft ersetzen können, soll hier nicht interessieren.

Jascha Jaworski

2 Kommentare

  1. Diese zehn Strategien und die angeführten Besipiele beschreiben sehr plausibel den Instrumentenkasten ideologischer Herrschaftssicherung in einer Fassadendemokratie wie der unsrigen.Solange die „Herde“ mit subtilen,manipulativen Methoden zusammengehalten werden kann,sind offene Repressionen verzichtbar.
    Ja,genau so funktioniert der Laden.
    Es ist leider sehr schwer, diese Strategien wirksam zu durchkreuzen. Der Appell: „Habt Mut,zu wissen“ erscheint mir zwar richtig, aber auch etwas hilflos.Es reicht nicht, die Funktion von „Brot und Spielen“ zu entlarven, wenn man nicht auch die emotionalen Bedürfnisse, die der Wirksamkeit dieses Ablenkungsmanövers zugrunde liegen, berücksichtigt.Gerade Linke setzen oft auf Rationalität, auf die Macht der Logik und des Arguments. Das ist sicher auch gut so, aber eben nicht ausreichend.Strategien, die die Herrschaftsstrategien durchkreuzen wollen, müssen neben der politischen Aufklärung auch die emotionalen Bedürfnisse, das Alltagsleben und die Alltagssorgen ihrer Zielgruppen berücksichtigen. Dazu gehören u.a. auch Spiel und Spaß. Nichts ist unattraktiver als eine sauertöpfische Linke, die vorwiegend oberlehrer mit erhobenen Zeigefinger herumläuft.
    Vor diesem Hintergrund erscheinen mir neuere Ansätze linker Stadtteilarbeit interessant.

    Andreas

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