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Gastgewerbe – Menschen ohne Durst?

Der Binnenkonsum “boomt” immer noch! Diesmal schlägt “der Boom” nach dem Einzelhandel (+0,1% Umsatz, 2013) urplötzlich im Gastgewerbe zu, dort hat der Umsatz 2013, laut einer Pressemitteilung des statistischen Bundesamts vom Montag, um -1,1% “zugelegt”.

Verfolgt man die Umsätze der Teilgewerbe “Beherbergung, Gastronomie und Getränkeausschank” der letzten 20 Jahre, so erhält man folgendes bemerkenswertes Bild:

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Es ist ein drastischer Einbruch der Umsätze im Gastgewerbe zu erkennen (-33% seit 1995). Der Umsatzverlust in den einzelnen Teilbereiche des Gastgewerbes (Beherbergung -18%, Gastronomie -41%, Getränkeausschank -56%) ist umso stärker je größer der Anteil der niedrigeren Einkommensgruppen an den Konsumenten des Teilbereichs ist1.

Die am stärksten vom Lohnverfall betroffenen Haushalte gehören den niedrigen Einkommensgruppen an: Nach einer kurzfristigen Erholung der Einkommensverluste des unteren Zehntels (Dezil) haben die Einkommen (reales verfügbares Haushaltseinkommen) dieser Gruppe laut DIW-Bericht (November 2013) 2011 erneut 5% eingebüßt. Auch das Median-Einkommen, das die Einkommenshöhe repräsentiert, die genau zwischen der oberen und der unteren Hälfte der Einkommensverteilung liegt, hat sich 2011 um 2% verringert.

Diese Haushalte müssen ihre Ausgaben für Erholung und gesellschaftliches Leben als allererstes  zurückfahren. Die Haushalte, die sich schon zuvor keinen Urlaub in Hotel, Ferienwohnung oder Hostel leisten konnten, müssen sich nun auch den sporadischen Restaurantbesuch verweigern. Andere, für die eine Mahlzeit im Restaurant zuvor nicht finanzierbar war, müssen sich nun auch das Bier in der Kneipe sparen. Vermutlich stellen letztere Haushalte die größte Gruppe dar.

Diese Entwicklung zeigt, wie wichtig die Einführung eines tatsächlich flächendeckenden Mindestlohns ist. Nur bei einer angemessenen Höhe kann es tatsächlich zu einem spürbaren Konsumschub  und vermehrter gesellschaftlicher Teilhabe der Niedriglöhner kommen.

Wenn Wirtschaftsminister Gabriel neuerdings den verteilungsneutralen Spielraum (wenn man ihm die Verwendung preisbereinigter Größen unterstellt) für sich entdeckt, ohne diese Vorstellungen in einen Mechanismus zur automatischen Mindestlohnanpassung zu integrieren, so misst er offenbar mit zweierlei Maß. Auch Niedriglöhner tragen zur gesamtwirtschaftlichen Produktivität bei und haben mit Preissteigerungen zu kämpfen! Herr Gabriel denkt lieber neosozialdemokratisch2 daran, den Mindestlohn von 8,50 so einzuführen, dass er “möglichst nicht zu Verlusten von Arbeitsplätzen führt”. Selbst wenn der Mindestlohn zu einem konsolidierenden Verlust von Arbeitsplätzen führte, so würde der ehemals arbeitslose Zwangsleiharbeiter oder “aufstockende” Zwangs-Minijobber sicherlich kurzfristige Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen, wenn ihm danach ein gut bezahlter sozialversicherungspflichtige Vollzeitjob zur Verfügung steht. Vielleicht meinte Gabriel auch eigentlich den “Verlust der Arbeitgeber von preiswerten Arbeitnehmer_innen zweiter Klasse”.

  1. bzw. je geringer der Preis der gewöhnlicherweise im betreffenden Teilbereich angebotenen Leistungen ist []
  2. angebotstheoretisch []

Johannes Stremme

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