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Der Aufschwung der Meinungsfabrikation – Teil 2

Hier die Fortsetzung von Teil 1 zum Thema Meinungsfabrikation, in der es um einige Betrachtungen zu den Mechanismen der öffentlichen Meinungsbildung und Propaganda gehen soll. Bemerkenswert ist zunächst, dass eine Sensibilisierung in diesem Bereich nicht zum institutionell verankerten Bildungsprogramm selbst innerhalb jener Länder gehört, die sich als funktionstüchtige Demokratien verstehen. Wer an die liberal-plurale Sichtweise und die Erzählung vom „verantwortungsvollen Bürger“ glaubt, müsste bereits hier ins Grübeln kommen, ist doch der Prozess der öffentlichen Meinungsbildung von entscheidender Bedeutung dafür, welchen politischen Pfad ein Land einschlägt und wie sich somit die Lebensverhältnisse der Menschen zukünftig gestalten. Nicht nur hier gibt es bemerkenswerte Fehlstellen im Bildungskanon. Auch in Hinblick etwa auf makroökonomische Konzepte, Zusammenhänge und Gegebenheiten (Welche Funktion haben Löhne in der Volkswirtschaft? Wie hängen Schulden und Finanzvermögen zusammen? etc.) – wohlgemerkt, es ginge nur um einige Grundlagen, nicht akademische Diskussionen – fehlt offenbar der Wille, den Bevölkerungen ein Urteilen über gesellschaftliche Entwicklungen und ein Beurteilen von Argumenten und Auswirkungen z.B. diverser „Reformen“ zu ermöglichen.1

All diese Umstände sind bereits Teil der tiefgreifenden Propagandastrukturen. Die Fähigkeit zum Verstehen gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen wird eingeschränkt und abhängiger von Autoritäten gemacht, zudem wird ein Empfinden dafür verhindert, welche Relevanz o.g. Wissen mit sich bringen würde. Man braucht nicht sonderlich theoretisch zu werden, um zu erkennen, dass auf diese Weise bestimmten Interessen, die auf eine Aufrechterhaltung der extrem ungleichen Machtverteilung zielen, in die Hände gespielt wird. Dies wird deutlich, schaut man sich allein die Verteilungsverhältnisse in der Bundesrepublik an und bedenkt, mit welcher Dominanz etwa die Sachverhalte Staatsverschuldung, Demographie, Inflation und internationaler Wettbewerb ins Feld geführt wurden und werden, um politische Maßnahmen zu rechtfertigen, die eine direkte Verschlechterung der Lebensverhältnisse für weite Bevölkerungsteile mit sich bringen.

Ja, vielen kritischen Menschen ist dies sehr gut bekannt. Leider jedoch bestehen Überzeugungs- und Kommunikationssphären, die jeweils weitgehend gegeneinander abgeschottet sind. Die Mehrheit wird vom Informationsrauschen der Mainstreammedien versorgt mit Pseudopluralität und der Illusion der Vorherrschaft des (halbwegs) redlichen Argumentierens2, was gesellschaftliche Richtungsentscheidungen anbelangt. Diese Mehrheit bildet dann jene Basis, durch die politische Stimmungsverlagerungen sich innerhalb kalkulierbarer Spannweiten vollziehen. Hierdurch ist es dann auch den widerständigen Minderheiten erlaubt, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung auszuüben, ohne dass die Machtverhältnisse jemals tangiert würden.

Es soll hier nicht behauptet werden, Propaganda sei die einzige Quelle des falschen Bewusstseins, sie stellt jedoch ein wichtiges Stützkorsett zur Durchsetzung und Aufrechterhaltung selbst solcher Zustände dar, die bei genauerer Betrachtung offensichtlich gegen die Interessen der Mehrheit verstoßen. Wünschenswert wäre es daher, dass die Träger*innen der öffentlichen Meinung (nicht zu verwechseln mit den Produzenten, die im neoliberalen Chor auf sie einwirken) sich stärker über die menschliche Anfälligkeit und Verbreitung von Propaganda im Klaren wären. Nachfolgend sei somit an einige der Mechanismen erinnert.

Agenda-Setting – Was wird überhaupt zum Thema?

Die Massenmedien nehmen eine zentrale Rolle dabei ein, all jene Themen zu liefern, die über das persönliche Lebensumfeld hinausgehen. Sie setzen die Themen, über die es nachzudenken gilt. Sie legen als Gesamtkomplex weitgehend fest, was ein nachrichtenwertes Ereignis ist. Welche gewalthaften Konflikte auf der Welt erhalten Aufmerksamkeit? Welche Wahlen sind interessant? Welche Naturkatastrophen? Wird über emanzipatorische Bewegungen in Südamerika berichtet, die sich gegen Wasserprivatisierung und Konzernaktivitäten auflehnen, oder eher über die Hochzeit von Kronprinzessin XY?

Was im Grunde trivial erscheint, ist ein Umstand, der allgegenwärtig und daher zugleich in seinem Ausmaß wenig bewusst ist. Man hat selten ein Gefühl dafür, wie einem allein durch diesen Mechanismus in jedem Moment Realitäten medial gefiltert werden. Dabei zeigt die Medienwirkungsforschung zum Agenda-Setting seit den 70er Jahren, dass das, was an politischen Themen etwa in den Massenmedien den größten Raum erhält, mit jenem zusammenfällt, was die Rezipienten der jeweiligen Medien bei ihren Wahlentscheidungen als am wichtigsten empfinden.3 Andere Themen, die für den einzelnen Menschen und seine oder ihre Lebensverhältnisse viel schwerwiegendere Konsequenzen haben als die dargebotenen, werden so in der Rangliste zugeschriebener Bedeutsamkeit neu geordnet oder bleiben gar komplett außerhalb der Aufmerksamkeit.

Diejenigen, die die Medien machen und diejenigen, die über die entsprechenden Ressourcen verfügen, um einem Ereignis Nachrichten- oder gar Kampagnenwert zukommen zu lassen, erhalten hierdurch umfassende Einflussmöglichkeiten darauf, welche Themen Millionen von Menschen überhaupt zum Bewusstseinsinhalt werden, unabhängig davon, wie diese Themen schlussendlich dargestellt werden. Eine Untersuchung an auflagenstarken deutschen Tageszeitungen (u.a. FAZ, SZ, Bild), die auf der Basis einiger großer politischer Themen der 2000er Jahre vorgenommen wurde, zeigte so etwa, dass sich diese Tageszeitungen für die gewählten Beobachtungszeiträume in einem starken Gleichklang befanden, was die Platzierung und den Umfang der behandelten Themen im Zeitverlauf anbelangt.4

Auch wenn der Spielraum der Massenmedien hier nicht beliebig groß ist, und gerade seit Verbreitung des Internets viele alternative Plattformen entstehen, die diverse Nachrichteninhalte transportieren können, so spielen TV und leitende Printmedien doch weiterhin die Hauptrolle in der Themensetzung für die Mehrheit der Bevölkerung.5 Die Eigentümer und Produzenten der Mainstreammedien sind dabei aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung freilich alles andere als das repräsentative Sprechorgan der Gesamtgesellschaft, ein Umstand, der auch in einem systematischen Zusammenhang damit steht, in welcher Weise die Themen dann inhaltlich ausgerichtet sind.6

Die Sprache des Newspeak

Sprache ist die Grundlage menschlichen Denkens. Größere Zusammenhänge können nur durch sie im Geiste erfasst werden. Sie unterteilt die Welt in bedeutungshafte Einheiten. Somit verwundert es nicht, wenn Einfluss dadurch ausgeübt wird, dass versucht wird, bestimmte Sprechweisen vorzugeben. Sie sollen sich einerseits leicht kommunizieren lassen und andererseits bestimmten Interessen dienen. Es handelt sich also um den Umstand, den Orwell in „1984“ als Newspeak bezeichnete. Achtet man ein wenig darauf, fallen einem sicherlich so einige Beispiele für derartige Begrifflichkeiten und Formulierungen ein.

Ein paar Erinnerungen: Im ökonomischen Kontext wird gern von einer „Flexibilisierung des Arbeitsmarktes“ gesprochen, hinter der sich dann etwa der Abbau von Kündigungsschutz und die Verlagerung von Risiken auf die abhängig Beschäftigten verbirgt. „Lohnnebenkosten senken“ meint Löhne senken und den Abbau der Sozialversicherungsleistungen (Rente, Krankenversicherung etc.). Der verwendete Begriff hingegen weckt eher die Vorstellung, hier handele es sich um unnötige Kosten, die eben irgendwie „neben“ dem Lohn entstehen und vielleicht einfach durch bürokratische Akte aufkommen. „Sparpolitik“ suggeriert tugendhafte Zurückhaltung und Belohnung in der Zukunft („Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“). Die Maßnahmen, die hinter dem Begriff stehen, sind jedoch – wie in der Eurokrise beobachtbar – Kürzungen, Sozialabbau, Nachfrageausfall und steigende Massenarbeitslosigkeit.

Was den „sicherheitspolitischen“ Kontext anbelangt, so war in der Medienberichterstattung lange Zeit der Begriff „umstrittene Verhörmethoden“ weit verbreitet.7 Gemeint war die gründsätzlich menschenrechtswidrige Folter. Als „Kollateralschäden“ werden jene Menschen bezeichnet, die zu den massenhaft getöteten Unbeteiligten an Kriegshandlungen zählen, deren Anteil in den „modernen Kriegen“ mit ihren „Präzisionswaffen“ zwischen 70 und 90% liegt. Auf die NATO als weltweit mächtigste Militärstruktur (rund 53% der weltweiten Rüstungsausgaben bei rund 12% der weltweiten Bevölkerung)8, die sich durch Kriege und Völkerrechtsbrüche auszeichnet, wird durch den Begriff „Verteidigungsbündnis“ referiert. All diese Begriffe und Formulierungen leisten ihren Beitrag dazu, die Gedankenfreiheit zu begrenzen und von der eigentlichen Bedeutung der Sachverhalte, die sie bezeichnen sollen, fortzuführen.

Metaphern als falsche Vergleiche

Metaphern kommt als Sprachmittel eine unentbehrliche Funktion im menschlichen Denken zu. Sie dienen in erster Linie nicht als Stilelement, sondern als gedankliche Brücke, indem sie einen unvertrauten Sachverhalt in einen vertrauten, häufig bildhaften übertragen.9 So jedoch kann man innerhalb des Bildes auch zu falschen Schlussfolgerungen gelangen. Der Begriff „Schuldenbremse“ etwa lässt das Bild aufkommen, bei der Staatsverschuldung handelte es sich um einen Vorgang, der mit einer Fahrt vergleichbar wäre, die immer schneller und gefährlicher würde. Die Bremse jedoch würde diese Fahrt verlangsamen oder gar stoppen. Hier wird eine direkte Kausalität und Kontrollierbarkeit suggeriert, die gesamtwirtschaftlich nicht gegeben ist. Hört man wiederum von der „schwäbischen Hausfrau“, meint man, der Staat könne ebenso wie diese Geld einfach durch Verzicht beiseite legen, um seine Position im nächsten Moment verbessert zu sehen.10

In der Außenpolitik wiederum werden z.B. Staaten gern in Metaphern wie jener von der „Familie“ oder „Gemeinschaft“ betrachtet (z.B. „großer Bruder“, „Freunde“). Hierdurch treten ihre Eigenschaften als völkerrechtliche Gebilde, sowie Akteure mit Machtinteressen vornehmlich derjenigen, die die Exekutive bilden, in den Hintergrund.

Seit dem 11. September 2001 geht die Metapher vom „Krieg gegen den Terrorismus“ um die Welt. Das Bild vom „Krieg“ soll dabei suggerieren, es handelte sich um einen klar definierten und verorteten „Feind“, gegen den es sich in legitimer Weise zu verteidigen gelte, bis dieser schließlich „besiegt“ sei. Abgelenkt wird dabei von der völligen zeitlichen und räumlichen Entgrenzung der gewaltbasierten Auseinandersetzung, von ihrer nicht vorhandenen rechtlichen Grundlage (Stichwort: Verschleppungen, Folter, willkürliche Dröhnenmassentötungen, so etwa im Jemen, Somalia, Pakistan etc.) oder auch vom willkürlichen und ausufernden Feindbegriff.11

Framing – Auf die Rahmenstory kommt es an

Eine gewisse Verwandtschaft zu Metaphern besteht im Framing, das genutzt wird, um Ereignisse mit einem geeigneten Interpretationsrahmen zu umgeben. Durch die passende Rahmenerzählung soll die Aufmerksamkeit auf bestimmte Elemente eines Sachverhalts gelenkt werden, es sollen bestimmte Interpretationen ausgelöst werden, während andere unterdrückt werden. Die Hartz-„Reformen“ hierzulande, die den schwerwiegendsten Abbau des Sozialstaats in der Geschichte der Bundesrepublik darstellen, wurden unter Slogans wie „Fördern und Fordern“, „Es gibt kein Recht auf Faulheit“ (Gerhard Schröder) oder „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ (Franz Müntefering) eingeleitet und umgesetzt. Arbeitslosigkeit wurde dargestellt als ein Problem individueller Leistungsverweigerung. Auch hier leistete ein Großteil der Medien durch die Auswahl „geeigneter“ „Experten“, sowie die Präsentation der „geeigneten“ Fallbeispiele die entsprechende Begleitmusik. Der Umstand, dass im Jahr 2000 auf 3,2 Millionen Arbeitslose lediglich 0,2 Millionen offene Stellen entfielen, der Umstand, dass die Massenarbeitslosigkeit ein makroökonomisch bedingtes Problem mangelnder Arbeitsplätze war (und bis heute ist), konnte hierdurch erfolgreich ausgeblendet werden.

Seit dem Ende des sog. „Kalten Krieges“ (der mit seinen Stellvertreterkriegen für viele Länder in Wahrheit ein heißer Krieg war), haben sich auch die Rahmenerzählungen für diese Form zivilisatorischer Katastrophen gewandelt. Nun ging es nicht mehr um die „Verteidigung“ der „freien Welt“ gegen den feindlichen Machtblock, sondern um „humanitäre Interventionen“ (z.B. Kosovo), „Demokratisierung“ (z.B. Irak), „Brunnenbau“ oder „Mädchenschulen“ (z.B. Afghanistan). Kriege werden somit als Mittel zur Umsetzung der Menschenrechte dargestellt. Neben dem Umstand, dass die westlichen Länder es mit den Menschenrechten ihrerseits nicht sonderlich genau nehmen, könnte einem natürlich in den Sinn kommen, dass etwa die Rüstungsausgaben der Vereinigten Staaten zu ihren Ausgaben für Entwicklungshilfe im Verhältnis 20 zu 1 stehen, oder dass für das Geld jeder einzelnen Luft-Boden-Rakete bei einem Preis von 100 000 US-$ (und weit, weit aufwärts) hundert Menschen für mehr als zwei Jahre aus der absoluten Armut (1,25 US-$ pro Tag) geholt werden könnten. Das jedoch sind Gedankengänge, die es beim Framing zu vermeiden gilt.

Framing ist hierbei ein sehr einflussreiches Mittel, das auch schon in dezenter Anwendung Wirkung zeigt. In einer Serie von Experimenten wurden so z.B. Zeitungsausschnitte zum Kosovo-Krieg für Versuchspersonen lediglich anders angeordnet, ohne dabei den Inhalt der Artikel zu verändern. Die Neuanordnungen erfolgten so, dass das eine Mal das Leiden der Menschen im Kosovo in den Hauptteil gesetzt wurde, das andere Mal die Gefahren für die US-Soldaten, die in den Krieg geschickt wurden. Bereits dies führte dazu, dass die Zustimmungswerte der Versuchspersonen zum Kriegseinsatz sich je nach Bedingung in die jeweils erwartete Richtung verschoben.12

Falschgruppierungen als Legitimationshebel

Da von zahlreichen politischen „Reformen“ und anderen Maßnahmen – wie es leider zur Faktenlage im Neoliberalismus gehört – viele Menschen negativ betroffen sind, andere, wenige wiederum profitieren, geht es seinen Propagandisten darum, solche sprachlichen Gruppierungen der Betroffenen vorzunehmen, die möglichst dem eigenen Anliegen Legitimität verschaffen. Im Falle des berühmten „Wir Deutschen“ gegen „Die Griechen“ wird die Technik noch um nationalistische und chauvinistische Elemente erweitert. So wird die mittellose Mutter in Deutschland dazu gebracht, sich – wohl eher unbewusst – gegen die mittellose Mutter aus Griechenland zu wenden, die unter verordneten Kürzungsprogrammen zu leiden hat, während sie sich zugleich mit der deutschen Multimillionärin, deren Vermögen es vor dem Anlageverlust im Ausland zu „retten“ gilt, ungewollt solidarisiert. Aber auch jenseits nationalistischer Kategorien lässt sich erfolgreich mit Falscheinteilungen hantieren. „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“, „wir müssen den Gürtel enger schnallen“. Hier geht es schlicht darum, Differenzierungen zu verhindern, indem das „wir“ schon die rechten Vorstellungen im Kopf entstehen lässt. So werden denn auch Staatsschulden gern als Problem der „Generationengerechtigkeit“ gedeutet, als würde nicht die historisch bewährte Grenze zwischen Arm und Reich verlaufen. Die Schulden des Staates werden so aus ihrem Verwandschaftsverhältnis mit den Vermögen der Gläubiger gelöst. Und an die kleine Minderheit, die über den Großteil des Vermögens verfügt, um ihn an die kleine Minderheit der nächsten Generation zu vererben, mag bei dieser Grenzziehung in Sachen Gerechtigkeit niemand denken.

Im außenpolitischen Kontext wird wiederum gern von „dem Westen“ gesprochen, dessen Wünsche häufig mit jenen der Welt gleichgedacht werden sollen, wenn von „der internationalen Gemeinschaft“ die Rede ist. So werden denn die meisten anderen Staaten der Welt samt ihren Bevölkerungen zwangsgruppiert, um in Wirklichkeit allein dem Willen einiger Eliten aus einigen der Industrieländer zur Durchsetzung zu verhelfen.

Wiederholung – Die Warheits- und Mehrheitsstifterin

Die meisten Dinge, die man über die Welt weiß oder zu wissen glaubt, lassen nicht mehr erkennen, woher sie kommen. Sie sind einfach da und man richtet sich nach ihnen. Je weiter die Sachverhalte dabei von der eigenen Handlungsebene entfernt liegen, desto schmaler ist die Gelegenheit, sich von falschen Vorstellungen zu lösen. Begründungen und stichhaltige Belege weichen hier dem Gefühl der Vertrautheit. Und dieses wiederum entsteht durch bloße Wiederholung. Wiederholung ist somit eines der mächtigsten Mittel, um Realität zu setzen. Und es bringt den Vorteil mit sich, dass in vielen Fragen nur diejenigen die breite Öffentlichkeit mit ihren Wiederholungen erreichen, die über die nötigen Ressourcen verfügen.

Experimente aus der Sozialpsychologie zeigen hierbei auf, dass eine Vertrautheit, die auf bloßer Wiederholung basiert, die Wahrnehmung für die Popularität der wiederholten Meinung beeinflusst. Personen, die die Mehrheitsverhältnisse für eine bestimmte Position (z.B. zum Thema Abtreibung) innerhalb einer ihnen unbekannten Partei abschätzen sollten, kamen auch dann zu einer höheren Einschätzung der Mehrheitsverhältnisse, wenn ihnen die Meinung von ein und demselben Parteimitglied einfach drei Mal präsentiert wurde, selbst dann, wenn sie darauf hingewiesen wurden, dass es sich bei der Wiederholung um einen bloßen Präsentationsfehler handelte.13 Und wahrgenommene Mehrheiten gehen wiederum mit wahrgenommener Legitimität einher, wie etwa eine Studie aus den USA zeigt. In dieser wurde eine repräsentative Stichprobe aus der Bevölkerung dazu befragt, wie hoch sie die Zustimmung in der Bevölkerung zu militärischen Alleinhandlungen der USA einschätzte. Die Befragten überschätzten dabei nicht nur systematisch diese Zustimmung, sondern es zeigte sich auch, dass mit höherer wahrgenommener Zustimmung eine höhere Akzeptanz der entsprechenden Politik unabhängig von der eigenen Position einherging.14

In der Gesamtschau deutet sich somit das Bild an, dass durch Wiederholung Mehrheitsverhältnisse falsch wahrgenommen werden, die wiederum einen falschen Eindruck der Legitimationsbasis politischer Maßnahmen erzeugen.

Dekontextualisierung und Auslassung – Der elegante Weg nach Absurdistan

Das vielleicht mächtigste Mittel der öffentlichen Meinungsbildung besteht aber darin, die Entwicklungen aus ihren größeren Zusammenhängen einfach herauszulösen, und jene Befunde auszulassen, die Zweifel an der eigenen Erzählung wecken.

Um wieder das Beispiel der Staatsverschuldung aufzugreifen: Es würde einem hierzulande ja geradezu unheimlich werden, würde in der Öffentlichkeit in wiederholter und umfassender Weise jemals die Staatsverschuldung in ihrer historischen Bedingtheit und ökonomischen Funktion dargestellt werden und dabei eine ernsthafte Betrachtung der Einnahmeseite vorgenommen werden. So ließe sich schließlich die Gleichsetzung zwischen Verschuldung und staatlicher Verschwendungssucht oder Überschwang nur noch schwerlich aufrecht erhalten. Ebenso verwundert es nicht, wenn auch bei der Betrachtung von Armut und Reichtum die Zusammenhänge schlicht demontiert werden, um keine allzu unliebsamen Handlungsaufforderungen aufkommen zu lassen. Hier analysierte eine Studie von Arlt und Storz die Art und Weise, wie führenden Medien über das Thema berichten. Die Studie resümiert:

„1. Der blinde Fleck des Journalismus ist die stumme Macht des Reichtums.

2. Die Armut wird mit Sorge registriert und zugleich in Problemgruppen portioniert.

3. Wirtschaft ist, wie sie ist. Bildung und Arbeit als Lösung, die Politik als Sündenbock.

4. Die Entwicklung von Armut und Reichtum wird nicht im Zusammenhang gesehen.

5. Rein quantitativ: Die soziale Kluft ist kein Problem von besonderer Brisanz.

[…]“

(Arlt & Storz (2013), „Portionierte Armut, Blackbox Reichtum“)

Besonders leicht vom Kontext „befreien“ lässt es sich bei der öffentlichen Meinungsbildung jedoch auf dem Themenfeld der Außenpolitik. In der Ukraine-Krise hatte der Medienmainstream zwar so sehr übertrieben, dass der aufgrund zahlreicher Publikumsbeschwerden eingeschaltete Programmbeirat der ARD in seinem geleakten Protokoll eine lange Liste dessen aufführte, was an grundlegenden Auslassungen in der Mediendarstellung der ARD mindestens vorzuwerfen ist. Wer aber nimmt dies zur Kenntnis? Bei zahlreichen anderen zentralen Themen bleiben derartig aufklärerische Elemente ganz im Verborgenen. So hat sich die Gefahr des Terrorismus in die Köpfe eingebrannt, und umfassende militärische und geheimdienstliche Maßnahmen wurden mit ihr gerechtfertigt. Wenig bis gar nicht hingegen wurden die Entstehungsbedingungen und Aufbauprogramme durch die westlichen Staaten benannt (z.B. die Folgen des Irak-Kriegs oder die Dschihad-Förderung durch die CIA). Auch der Rückgriff auf eigene Terroraktivitäten wird durch Schweigen aus der öffentlichen Meinungsbildung herausgehalten (so etwa die NATO-Geheimarmeen und die „Strategie der Spannung“ oder die Deckung von Terrorismus gegen Kuba). Auf anderen Feldern wird viel von den Menschenrechtsbrüchen der nicht-westlichen Staaten gesprochen, die zahlreichen Menschenrechtsbrüche „des Westens“ jedoch lässt man in dem Kontext unerwähnt (z.B. Drohnentötungen ohne Gerichtsverfahren, Militärgerät für Diktaturen, Folter, und zwar in langer und brutalster Tradition, Unterdrückung freiheitlicher und sozialer Menschenrechte usw. usf.).

Die veröffentlichte Meinung zwingt der öffentlichen Meinung auf diese Weise ihre geradezu amnestischen Züge auf.15 Die Dauerpraxis, Dinge aus ihrem Kontext herauszulösen und Relevantes auszulassen, bedingt hier eine sagenhafte Lernresistenz. Sie ist ebenso die Grundlage für das fortwährende Messen mit zweierlei Maß.

Auf diese Weise wird eine weit verbreitete und gefährliche Überzeugung tief im öffentlichen Bewusstsein verankert: „Wir sind die Guten!“. Damit aber sind wir wieder bei jenem Element, das zum Kern der Propaganda gehört: „die Komplementarität vom überhöhten Selbstbild und denunzierendem Fremdbild“, bei der die „Wahrheit dem instrumentellen Kriterium der Effizienz“ untergeordnet wird. Der Aufschwung der Meinungsfabrikation kann sich somit auf ungestörte und, wie nicht nur an Ukraine-Krise und Russlandkonfrontation ersichtlich, zunehmend gefährliche Weise fortsetzen.

 

Nachtrag:

Verwiesen sei noch auf eine prägnante und sehr gelungene kabarettistische Darstellung Volker Pispers zur Politik der verlogenen „westlichen Wertegemeinschaft“ und ihrer absurden Eigendarstellung:

„Volker Pispers über Ukraine und USA“ (14.9.2014)

Zitat: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Doppelmoral“

Nachtrag 2:

Der Artikel zur Meinungsfabrikation bedient sich einer überaus zurückhaltenden Sprache und stellt nur einen kleinen Ausschnitt an Befunden dar, um Propagandamechanismen zu verdeutlichen. In Anbetracht der beobachtbaren politischen Verhältnisse sollte zielgerichtete und unnachgiebige Empörung selbstverständlich zum Standardrepertoire all jener Menschen gehören, für die Begriffe wie Menschlichkeit und Zivilisation noch Bedeutung tragen.

 

  1. Im Gegenteil, schaut man sich an, wie Schüler*innen z.B. dem PR-Material der Kapitalseite überlassen werden, kann der Eindruck aufkommen, dass systematische Falschinterpretationen erzeugt werden sollen. []
  2. Ein Eindruck, der wahrscheinlich auch dadurch entsteht, dass die Erfahrungen mit Kommunikations-, Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen aus dem eigenen Nahmumfeld mehr oder minder auf den Rahmen gesellschaftlicher Prozesse verallgemeinert werden. []
  3. Siehe z.B. McCombs (2005), „A Look at Agenda-setting: past, present and future“ []
  4. Besagte Studie „Konformitätsverhalten und Medien-Kampagnen der Leitmedien in der Politik-Berichterstattung“ (Degenhard, 2010) kommt basierend auf einer Zeitstichprobe zu den Themen Klimadebatte, Hartz-IV-Debatte und Gesundheitsdebatte zu dem Schluss: „Das Ergebnis der vorliegenden Studie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die quantitativen Befunde der empirischen Studie bestätigen das konforme Systemverhalten der Leitmedien. Diese Anpassung in der Berichterstattung ließ sich in den Auswertungen der Faktoren Themengleichheit, Zeitgleichheit, vergleichbarer Mediendruck nachweisen.“ Siehe hierzu auch die Grafiken auf Seite 230 []
  5. Gleichwohl schwindet der Einfluss vornehmlich der Printmedien, besonders, wenn man die rapide sinkenden Auflagenzahlen anschaut. []
  6. siehe erneut “A Propaganda Model” (Herman & Chomsky (1988), ab S.257; “Plebejer müssen draußen bleiben” (Telepolis vom 21.3.2012); “Meinungsmacht – Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse”, Uwe Krüger []
  7. In den USA wird auch heutzutage noch medial gern die Bezeichnung „erweiterte Verhörmethoden“ verwendet. []
  8. siehe zu den Rüstungsausgaben: SIPRI Military Expenditure Data Base []
  9. So lernt man in der Schule etwa, Elektrizität mit einem Wasserstrom zu vergleichen, der unterschiedlich dicke Rohre (= Widerstände) passiert. []
  10. Derartige Metaphern sind hauptsächlich dafür gedacht, der breiten Bevölkerung die entsprechenden politischen Maßnahmen zu verkaufen. Die Begründungen im politischen Bereich für Kürzungen bei den Staatsausgaben sind natürlich in akademisch „eindrucksvollere“ Kostüme gehüllt, siehe z.B. Grunert (2013), „Die kläglichen Fundamente der Austeritätspolitik“ []
  11. siehe z.B. „The Secret Government Rulebook For Labeling You a Terrorist“, The Intercept, 23.7.2014 []
  12. Es handelte sich um einen statistisch bedeutsamen „kleinen Effekt“, siehe Berinsky & Kinder (2006), „Making Sense of Issues Through Media Frames: Understanding the Kosovo Crisis“; für einen Eindruck der Propagandaanstrengungen zur Begründung des Kosovo-Krieges sei erneut verwiesen auf: „Es begann mit einer Lüge”, WDR-Dokumentation, 2001 []
  13. Siehe Weaver, Garcia, Schwarz & Miller (2007), Inferring the Popularity of an Opinion From Its Familiarity: A Repetitive Voice Can Sound Like a Chorus“ []
  14. siehe Todorov & Mandisodza (2004), „Public Opinion on Foreign Policy“ []
  15. So muss auch nicht verwundern, dass über den allumfassenden Anspruch der Überwachung durch NSA & Co nach einem Aufflackern im Spiegel 1989 und einer erneuten Empörungswelle über Echelon in den 2000er Jahren, mit den Snowden-Enthüllungen seit 2013 in der öffentlichen Meinung erneut das Bild entstand, als handelte es sich um ein völlig unerwartetes Verhalten der entsprechenden Geheimdienste. []

Jascha Jaworski

2 Kommentare

  1. Ich stimme ihnen in allen Punkten zur Meinungsmanipulation zu, allerdings war es nie einfacher als heute an alternative Informationsquellen zu gelangen und von daher kann ich die hiesige Propaganda nicht als maßgebende Ursache für die erschreckende Untätigkeit der Bürgerinnen und Bürger sehen. Die Regierung würde keinen Tag im Amt bleiben, falls beschlossen würde ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen einzuführen, den Benzinpreis auf 5€ den Liter zu erhöhen oder im Zuge eines Vereinigten Europa die deutsche Nationalmannschaft abzuschaffen; selbst unter Einsatz massivster Propaganda. Austerität, Hartz 4 ,Auslandseinsätze usf. sind von der Mehrheit der Bürger geduldet, wenn nicht, sogar befürwortet. Die Kritik an der Ukraine Berichterstattung resultiert doch eher aus Angst vor dem „irren Ivan“ und seinen Atombomben als aus Empörung über wissentlich verdrehter Tatsachen. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen Jugoslawien hat schließlich nicht zur Spaltung und Auflösung von SPD und Grüne geführt, obwohl die Mitglieder, als politisch aufgeklärte Bürger, über die Tatsachen informiert waren. Montäglich wird in Stuttgart gegen S21 demonstriert in Dresden gegen die Islamisierung des Abendlandes, aber Irak oder Afghanistan treibt keinen auf die Straße. Vor dem Hintergrund das selbst das massenhafte abtransportieren und vergasen von 6 Mio. jüdischer Mitbürger keinen Widerstand im deutschen Bürgertum hervorgerufen hat, sollte wenigstens die Ablehnung von Auslandseinsätzen als Imperativ im deutschen Wesen unauflöslich verankert sein. Stattdessen verharrt dieses Bürgertum in seiner Dumpfheit und in seiner hysterischen Angst auch nur einen Krümel von seiner Tafel abzutreten.

  2. Was Sie aufzählen, bringt mehrere wichtige Aspekte zum Ausdruck:
    1. Propaganda muss sich an gewisse Spielregeln halten, Menschen sind schließlich keine einfachen Reiz-Reaktions-Apparate, wie man noch in der Mitte des 20.Jhd. in der Propagandaforschung annahm. Auch die plumpen Nazibotschaften hatten ihren längeren Vorlauf, durch den die Menschen in eine bestimmte „Realität“ geführt wurden.
    2. Dazu gehörte, dass man selbst eben immer die hehren Absichten verfolgt, so grausam diese auch zunächst wirken mögen. Der Faschismus sah sich selbst schließlich als eine fortschrittliche Bewegung an, die „die Deutschen“ vor dem Untergang bewahren wollte. Die sagten ja nicht „Wir sind grausame Eroberer, Menschenverachter und Holocaustveranstalter, die die Welt in Schutt und Asche legen“. Zudem proklamierten sie, wirklich nur den Frieden zu wollen und sich eben nur zu wehren (daher u.a. auch die Inszenierung des Überfalls durch Polen).
    3. Propaganda kann umso besser funktionieren, umso weiter sie – wenn auch nur scheinbar – vom Nahumfeld der Menschen entfernt liegt (5€ Benzin, Fußballmannschaft und Tempolimit würde unmittelbar und konkret in Gewohnheiten eingreifen). Hier bräuchte es schon einen großen Vorlauf. Ebenso verhält es sich wohl teilweise mit S21.
    4. Die Massenmedien sollte man nicht unterschätzen. Sie deuten vielen Menschen ein, was empörend ist und was nicht. Würden die Medien nicht Erzählungen um die Sinnhaftigkeit eines Afghanistan-Krieges transportieren bis unterstützen (weite Teile der Presse teilen den erweiterten Sicherheitsbegriff rund um das „notwendige Risikomanagement“), sondern deutlich machen, wie hier ein Kriegszeitalter eingeleitet wird, würden die Proteste sicher anders aussehen (eine Mehrheit der Menschen hierzulande ist gegen derartige Einsätze. Als die Stimmung auch aufgrund der Afghanistan-Papiere damals noch weiter zu kippen drohte, legte man medial nach mit humanitären Begründungen).
    Und 5. Sie haben meiner Meinung nach Recht, wenn Sie von „Dumpfheit“ sprechen. Es sind eben schon tiefere gesellschaftliche Bedingungen rund um Kommerzialisierung, Konkurrenz, Statusstreben etc., die der Propaganda ein leichteres Spiel machen. Ich hatte anfangs ja geschrieben, dass Propaganda nur das Stützkorsett ist. Und sie wirkt eben langfristig, auch indem sie Veränderungen, dort, wo Missstände offensichtlich werden, zu verhindern hilft.

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