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Die “stabilisierte Mitte” im Wettbewerbsautoritarismus

Die neuesten Befunde aus der Reihe der “Mitte”-Studien, in denen seit Jahren rechtsextreme Einstellungen in Deutschland erhoben werden, sind nun veröffentlicht worden. Die Autoren kommen zu Ergebnissen, von denen man sagen kann, dass sie (bedauerlicherweise) in die Landschaft auch der jüngsten Ereignisse um den Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in Tröglitz passen.

Sehr auffällig ist, dass bei einer Abnahme der allgemeinen Ausländerfeindlichkeit und rechtsextremer Einstellungen, die sich in der Studie aufzeigen ließ (die Autoren sprechen nun von “stabilisierter Mitte”), zugleich ein geradezu erschreckendes Maß an Abwertung gegenüber bestimmten Gruppen besteht, nämlich Asylsuchenden, Muslimen und Musliminnen, sowie Roma und Sinti. Die Autoren verweisen auf ihre weiteren Beobachtungen, die diesen Umstand erklären können:

“Wie die Gruppen­diskussionen im Rahmen der „Mitte“-Studien zeigten, wird vielmehr zwischen den Ausländergruppen unterschieden (Decker et al. 2008): Die „guten Ausländer“ sind einerseits jene, die mit der eigenen Gruppe identifiziert werden, andererseits jene, die einen Mehrwert erbringen, einen Beitrag leisten. Diejenigen jedoch, die als Bedrohung der Stärke des idealen Selbst-Objekts phantasiert werden, sind beständig von Abwertung bedroht.”

(Decker, Kiess & Brähler, Die stabilisierte Mitte Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014)

Dabei verwenden die Autoren zur Erklärung den Begriff des “sekundären Autoritarismus”, der – in Anlehnung an Ideen von Freud – bezeichnen soll, dass sich Bevölkerungsgruppen nicht mehr auf einen Führer in Person ausrichten, sondern auf eine unpersönliche Autorität, die jedoch genauso wie die personifizierte Gehorsam organisiert und zugleich zur Aggression gegenüber jenen “anderen” führt, die diesem Regime nicht unterworfen scheinen:

“[…] die Wahrnehmung von Migrantinnen und Migranten wird dadurch bestimmt, ob sie Deutschland einen Ertrag bringen oder kulturell nahe stehen. Ein britischer Bürger oder eine polnische Ärztin sind der Diskriminierung deutlich weniger ausgesetzt als Armutsflüchtlinge (Decker et al. 2008), denn sie bringen Deutschland einen Ertrag und unterliegen demselben ökonomischen Primat wie die hiesige Mehrheitsgesellschaft.

[…] Wir konnten nachweisen, dass die starke Wirtschaft mehrere psychologische Funktionen erfüllt: Erstens wirkt sie als narzisstische Plombe, zweitens ist sie an die Stelle der personellen Autorität getreten, die zuvor die autoritäre Masse konstituiert hatte. In der Gegenwartsgesellschaft herrscht ein sekundärer Autoritarismus, der die ökonomische Rationalität alternativlos macht und autoritäre Aggressionen freisetzt.”

(Decker, Kiess & Brähler, Die stabilisierte Mitte Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014)

Wer daran denkt, welch abwertende und von Missgunst und Aggression geprägte Stimmung hierzulande gegenüber Griechenland in weiten Teilen der Bevölkerung und Medien (nicht allein Bildzeitung) zu beobachten ist (so auch in Form von Kommentaren auf Medienartikel hin, die die humanitäre Krise in Griechenland nicht einmal verschweigen), wird das Bild der “narzisstischen Plombe” und des “sekundären Autoritarismus” erneut bestätigt sehen. Zugleich sieht man, wie ökonomische Bedingungen (Sozialstaatsabbau, Ausweitung prekärer Beschäftigung etc.) im Verbund mit Propaganda (und zwar damals: “Sozialschmarotzer”, “soziale Hängematte”, “Gürtel enger schnallen”, heute: “Pleite-Griechen”, “faule Griechen” etc. und die Falscherzählung von der “Griechenlandrettung”) zusammenwirken, um auf Basis der neoliberalen Ideologie (“Wettbewerbsfähigkeit” als Daseinszentrum und Erlösungsversprechen) gefährliche Emotionslagen in der Bevölkerung hervorzurufen.

Der Aufruf zu solidarischen Aktionen und Demonstrationen gegen rechtsextreme Auswüchse ist als Sofortmaßnahme sicherlich wichtig, doch wird er nicht genügen, um die gewalthaften und reaktionären Entwicklungen aufzuhalten, schließlich ist es nicht das Innen, das hier die Ursache ist, sondern das gesellschaftliche Außen. Das zu begreifen, benötigt aber eine Aufarbeitung von schädlichen Ideologien, zumindest dürfte man ihnen real nicht mehr folgen. Doch ihr Weiterbestehen in Anbetracht des größten Scheiterns ihrer Ideen hängt mit Macht und Machterhalt zusammen, und hier lässt sich auch in Demokratien umso besser ein Machtmissbrauch begehen, umso besser man zuvor die Ideologien in den Köpfen und Institutionen implementiert hat.

Jascha Jaworski

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