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UK: Vom Individualismus zur Individualitis, und wieder zurück? – Teil 1: Personen und PR

Mit Jeremy Corbyn bewirbt sich aktuell jemand als Spitzenkandidat der britischen Labour Party, der zunächst so gar nicht in die Zeit passen will, geht man von der Zukunft als sich geradlinig verschärfender Fortschreibung der Vergangenheit aus. Vielleicht ist der Kandidat, für den viele Menschen Begeisterung aufbringen, ja ein weiterer Ausdruck für einen gesellschaftlichen Wandel, der bereits im Gange ist. Als Dreh- und Angelpunkt könnte man hier den Zustand der Individualitis heranziehen, eines Individualismus, der in die Pathologie getrieben wurde, weite Teile der Wählerschaften von den heutigen Parteien mit ihren Inhalten entfremdete und viele Menschen tief frustriert.

Wichtig erscheint mir hierbei, eine doppelte Wirkung in den Blick zu nehmen, die unsere Leidenschaft für die Wahrnehmung von Personen auf demokratische Prozesse ausübt. Diese Wirkung ist in vielen Ländern zu beobachten, soll jedoch aus gegebenen Anlass nachfolgend auf die Verhältnisse im ‚Vereinigten Königreich‘ reduziert werden.

Zunächst aber ein wenig Psychologie…

Zur Wahrnehmung von Personen

„Personen“ sind Einheiten, die wir als Menschen aus unserem Wahrnehmungsstrom herausfiltern, um einen großen Teil unserer kulturellen Welt auf ihnen aufzubauen. Vögel etwa können keine Personen wahrnehmen, sie können vielleicht einen bestimmten Menschen wiedererkennen und eine gewisse Vertrautheit verspüren, was eine Person jedoch für uns zur Person macht, sind ihre vielen Eigenheiten, das, womit sie sich identifiziert, die Eigenschaften, die wir ihr in der Unterscheidung zu anderen Personen zuschreiben, insgesamt all jenes, was sich aus ihrer individuellen Veranlagung im Zusammenspiel mit ihrem Lebensweg ergeben hat oder wir von ihr glauben, dass es sich ergeben hat. Als Menschen sind wir wohl die einzig bekannten Geschöpfe, die diese Art der Weltwahrnehmung besitzen, indem wir – in eifriger Weise – unserem Gegenüber nicht nur irgendwelche komplexen Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle zuschreiben, sondern eben ganz bestimmte, und zwar aufgrund der Person, die er oder sie für uns verkörpert. Wir interpretieren Personen dann gern und reden über sie. Und je näher wir ihnen stehen, desto weniger handelt es sich dabei um eine bloße Schichtung von Stereotypen, also groben Bildern oder Mustern, auf die wir sie reduzieren (z.B. „er ist >>Grieche<<, >>homosexuell<< und >>fährt einen Porsche<<), sondern um reiche Erfahrungen, die wir mit ihnen in diversen Situationen gemacht haben und die uns gut begründete Erwartungen über sie ausbilden lassen.

Die erste Wirkung, die unsere Personenfixation nun auf die Demokratie hat, ist gemeinhin bekannt. Ich meine hier jedoch nicht den grundlegenden Umstand einer Führungsfigur, die wir in dem einen oder anderen Kontext an der Spitze akzeptieren mögen, um ihr gegenüber strikte Loyalität zu zeigen und uns ihrer Autorität unterzuordnen etc. (ein Umstand, der die Gesellschaften nach wie vor durchzieht, wobei man die Verleugnung seiner Realität wohl in vielen Kontexten eher als demokratische Folklore bezeichnen muss, leider). Die Problemlosigkeit mit der dies gelingt, ist wohl mit unserer archaischen Vergangenheit zu begründen, die ein Organisationsmuster hervorgebracht hat, das sich zugleich in weiten Teilen der Natur vorfinden lässt, und eben auch – trotz Aufklärung – institutionell jeden Tag eingeübt wird (Schule, Universität, Arbeitsplatz etc.).

Worauf hier jedoch angespielt werden soll, wenn es mir um Personenfixation geht, ist gerade unser evolutionsbiologisch relativ „junges“ System der Personenwahrnehmung. Nutzen wir das System in unserem alltäglichen Nahumfeld in einer Art und Weise, wie sie von der Lästerei bis zum Mitgefühl und zur Bewunderung für das reicht, was eine Person ausmacht (unser Denken und Fühlen ist erfüllt von Individuen, ihren Handlungen und Eigenheiten), so lässt dies im Bereich der Politik eben allzu häufig gerade das Überpersönliche an der Politik, die eigentlichen Ziele und Werte aus dem Blick verlieren, die die Person nur als Funktionsträger*in im Auftrag der Wählerschaft umsetzen sollte. Die Funktionsträger*innen werden durch ihre Personenhaftigkeit stattdessen jedoch gern zu einer Art Selbstzweck, sie ersetzen politische Inhalte oder dienen als Verpackung, durch die sich die Politik in geeigneter Weise „verkaufen“ lässt. Leider funktioniert dies allzu gut, so gut, dass es sich als allgemein zu beobachtendes Prinzip in diesem unserem Neoliberalismus immer mehr durchgesetzt hat und ihn zugleich mit am Leben erhält. Die Verpackung und Projektionsfläche „Merkel“ etwa lässt grüßen, schließlich verschafft sie der CDU/CSU in Wahlumfragen 43 Dauerprozent (wohl eher sehr heterogener) Zustimmung, indem sie doch so breite Möglichkeiten für stereotype Schichtungen bietet (von der „zurückhaltenden Rationalistin“, über die „strenge Sparerin“ bis hin zur „verlässlichen Mutter“).

Um jedoch nicht missverstanden zu werden: Personen können sicherlich wichtige Träger*innen von Themen, Werten und Zielen sein, indem sie uns einen leichteren Zugang zu diesen verschaffen. Wir lernen ja auch gern von Personen oder fragen uns, warum sie aufgrund ihres Lebensweges gerade diese oder jene Positionen vertreten, um so vielleicht zugleich etwas über die Positionen selbst zu lernen. Doch wird unsere Personenwahrnehmung dadurch eben zu Gunsten bestimmter Interessen instrumentalisierbar, die sich einem häufig nicht im geringsten offenbaren wollen. Die gesamte PR-Industrie (= Propagandaindustrie)1 baut darauf auf und wird dabei immer stärker in der Politik eingesetzt, um die tiefe Struktur der gewollten Alternativlosigkeit nicht nur hinter unterschiedlichen Verpackungsbeschriftungen und Minithemenvariationen, sondern ebenso einer bunten Auswahl grinsender Konterfeis oder distinguiert blickender „Charaktermasken“ (Marx) zu verbergen.

Personen als Stoff, aus dem PR gemacht wird – die „Marke Tony Blair“

Wesentliche Unterschiede, wie sie sich bei einzelnen Gruppen oder Strömungen zu Weilen noch immer innerhalb von Parteien finden lassen, gehen hier spätestens im allgemeinen Rauschen unter, zumindest für die Mehrheit all jener, die wenig Zeit mit politischen und gesellschaftlichen Betrachtungen verbringen (können). Das ist auch einer der Gründe, weshalb schließlich niemand mehr um die geeignete Wahl der Verpackung herumzukommen scheint, will er oder sie zumindest die kleinste Aussicht auf Mehrheiten haben. PR als professionelle Verpackungskunst ist jedoch dadurch gekennzeichnet, dass für sie der eigentliche Inhalt keine Rolle mehr spielt, solange sie ihr „Verkaufsziel“ erreicht.

Es gibt ein Fallbeispiel, das hier gut dokumentiert ist. Nachdem die Labour Party in UK nach 18 Jahren konservativer Regierung schließlich 1997 mit ihrem Spitzenkandidaten Tony Blair wieder die Unterhauswahlen gewann, versuchte sie sich mit ihrem neoliberalen „Dritten Weg“ als „New Labour“ die sog. „Neue Mitte“ als Wählerbasis zu erobern. Nach mehreren Jahren Regierungsführung hatte dieses Projekt jedoch deutlich abgewirtschaftet. Nicht allein Stammwählerinnen und -wähler hatte „New Labour“ – wie zu erwarten – kräftig vor den Kopf gestoßen. Mit ihrem nicht zuletzt durch den mit Lügen über Massenvernichtungswaffen begonnenen Angriffskrieg gegen den Irak im Jahr 2003, hatte sie den deutlich artikulierten Willen der Mehrheitsbevölkerung (Großdemonstrationen und überwältigende Kriegsablehnung) im eigenen Land komplett ignoriert. Die Wahl 2005 drohte verloren zu gehen und engagiert wurde die PR-Agentur „Promise“, um die „Marke Tony Blair“ wieder aufzupolieren. Die PR-Agentur selbst hatte ihre Tätigkeiten stolz dokumentiert, so dass ihre Methoden heute einsehbar sind (siehe hierzu einen Artikel der Sozialwissenschaftlerin Margret Scammel2). Ich hatte darüber bereits in unserem Beitrag „Der PR-Käfig im Neoliberalismus“ berichtet, so dass ein Auszug hieraus genügen möge, um das Vorgehen der Agentur, durch die die Labour Party die allgemeine Fixation auf Personen ausnutzen konnte, zu verdeutlichen:

Als entscheidende Zielgruppe wurden dabei die unentschlossenen Frauen identifiziert, die zuvor Labour gewählt hatten, nun jedoch enttäuscht und wütend waren. Die beauftragte Agentur erhob daher Stichproben aus dieser Bevölkerungsgruppe, die darum gebeten wurden, Briefe an Tony Blair zu verfassen, in denen sie ihm ihre Meinung darlegten, wobei ihnen mitgeteilt wurde, dass diese Briefe später Blair persönlich vorgelegt würden. Zudem wurden Rollenspiele veranstaltet, in denen die Frauen wiederum ihre Meinung gegenüber einem imaginierten Blair darlegen sollten3, um dann die Rolle von Blair selbst einzunehmen und darzustellen, was er wohl antworten würde, sowie abschließend noch darzustellen, was sie sich von ihm wünschen würden, das er antwortet. Die Erkenntnisse hieraus wurden schließlich eingesetzt, um die Wahlkampfstrategie von Blair festzulegen und seine Reden entsprechend zu gestalten. Konstruiert wurde die Marke des >>gereiften Tony<<, die den >>ursprünglichen, Hoffnung vermittelnden Tony<< mit dem späteren >>verlogenen und arroganten Tony<< in einen neuen Typ überführte, der nun, nach vielen wichtigen Erfahrungen zur Erkenntnis des >>wir<< gelangt sein sollte (>>we can only do this together<<) und hierfür bereit war, sich den schärfsten Kritikern zu stellen. Wie der Artikel darlegt, wurden gezielt aggressive Interviewer in TV-Shows aufgesucht, um der o.g. Zielgruppe zu signalisieren, wie ernsthaft dieser Tony es nun mit diesem – psychotechnisch veranlassten – >>wir<< als Heimkehr zur enttäuschten Wählerschaft meinte. Es handelte sich also um sozialwissenschaftlich professionalisiertes Illusionstheater, das Blair jedoch trotz erheblicher Stimmenverluste schließlich einen erneuten Wahlsieg bescherte. Wie der Artikel noch am Rande bemerkt, war die Jahre zuvor erfolgte Neuausrichtung der Partei zur >>New Labour<< (siehe Schröder-Blair-Papier) ein einziger >>Triumph der Markenbildung<<, der von der >>Wirtschaftswelt bewundert wurde<<, wie es im Papier heißt, weshalb es auch umso wichtiger gewesen sei, dass Blair als Ikone entsprechend einer Imageanpassung unterzogen wurde.“

Die Ära, in der der Einheitsbrei parteipolitischer Inhalte durch PR unterlegt wurde, hatte jedoch um einiges früher begonnen. Sie soll für Großbritannien in einem zweiten Artikel weiter aufgegriffen werden, der die Thatcher-Jahre und ihr offenbar verführerisches Potential ein wenig beleuchten soll, durch das die Wünsche des Big Business ohne Rücksicht auf Verluste umgesetzt werden konnten. Hier soll nicht nur die Frage behandelt werden, worin die zweite Wirkung unserer Vorliebe für Personen auf die Demokratie besteht, sondern ebenso, inwiefern der aktuelle exotische Bewerber für das Spitzenamt der Labour Party, Jeremy Corbyn, der die klassischen Inhalte der Partei wieder nach vorn bringen will, tatsächlich den Ton der Zeit treffen könnte.

 

  1. Der Ausdruck „Public Relations“ wurde vom Propagandisten Edward Bernays erfunden, wie er selbst stolz verkündet hat, da der Begriff „Propaganda“ durch die Nazis verbrannt war. []
  2. Margaret Scammel (2007). Political Brands and Consumer Citizens: The Rebranding of Tony Blair, Annals of the American Academy of Political and Social Science, 611, pp. 176-192 []
  3. Das Beispiel einer der Frauen: >>I thought you were one of us. A people person. Yet you were more interested in sucking up to people more famous than yourself. To do that you even put our boys’ lives at risk in Iraq even though more than a million people had marched against that war. Why didn’t you listen? Why are you spending so much time away from us? Why didn’t you come home straight away after the Tsunami? How could you stay on holiday when our people were dying?<< []

Jascha Jaworski

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