Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken
1

No 218

“Dabei bleibt weitgehend unthematisiert, was die britischen Wissenschaftler Richard Wilkinson und Kate Pickett anhand zahlreicher Ländervergleiche bereits dokumentierten. Sie haben herausgefunden, dass eine Gesellschaft mit zunehmender Ungleichheit zersetzt wird. Das wiederum bringt nach ihrer Analyse steigende soziale wie gesundheitliche Probleme und Gewalt mit sich. […]
Ein Blick auf die Wahrnehmungen in der Bevölkerung zeigt nun, dass 2010 in unserer Studie 58% der Auffassung sind, dass die Realisierung von Gerechtigkeit nicht mehr gegeben ist, und 76% sagen, dass die Bedrohung des Lebensstandards die Solidarität mit sozial Schwachen verringert. 61% sind der Ansicht, dass in Deutschland zu viele schwache Gruppen mit versorgt werden müssen. Und 33% vertreten die Auffassung, dass wir es uns in Zeiten der Wirtschaftskrise, damals 2009, nicht leisten können, allen Menschen die gleichen Rechte zu garantieren. Wer nun nicht der Behauptung anhängt, dass die soziale Spaltung das Ergebnis von natürlichen Prozessen sei, die nach alternativlosen Gesetzen von kapitalistischer Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz abläuft und deshalb auch kein Widerspruch gegen eine Politik der Umverteilung von unten nach oben und ihre gesellschaftliche Zerstörungskraft erhoben zu werden brauche, muss sich fragen: Wer sind die Spaltungsakteure?
Direkte wie indirekte Spaltungsakteure sind politische und wirtschaftliche Entscheider ebenso wie intellektuelle Diskursagenten von wissenschaftlichen, insbesondere wirtschaftswissenschaftlichen, medialen und politischen Eliten. Man findet die Sprache der Verachtung etwa 2005 selbst in regierungsamtlichen Dokumenten des Wirtschaftsministeriums, etwa in der Broschüre »Vorrang für die Anständigen – Gegen Missbrauch, »Abzocke« und Selbstbedienung im Sozialstaat«. Dort heißt es in offen biologistischem Duktus: >>Biologen verwenden für »Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben«, übereinstimmend die Bezeichnung Parasiten<<. Ich möchte nicht wissen, durch wie viel Hände hoch gebildeter und hoch bezahlter Beamter dieser Passus unbeanstandet gegangen ist.”

(Wilhelm Heitmeyer, Konflikt- und Gewaltforscher, ehem. Leiter der 10-Jahres-Studie “Deutsche Zustände” – Rohe Bürgerlichkeit – Bedrohungen des inneren Friedens, in: Wissenschaft & Frieden, Nr. 2, 2012)

Jascha Jaworski

Ein Kommentar

  1. Danke für den Appetizer, nun habe ich gleich den ganzen sehr wichtigen Artikel gelesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.