Wir dürfen beobachten (und dabei mitmachen), wie weltweit Bewegungen entstehen, die sich für eine bessere, eine menschlichere Zukunft einsetzen. Aufstände und Revolutionen rund um den Arabischen Frühling für mehr Demokratie und Menschenrechte. Hunderttausende Protestierende gegen soziale Ungerechtigkeiten in Israel. Hunderttausende gegen die privatisierte Bildung in Chile. Hunderttausende in Italien, Portugal, Spanien und Griechenland, aber auch Großbritannien gegen Spardiktate und den Diebstahl der Hoffnung auf ein auskömmliches Leben. Die Occupy Wall Street Bewegung in den USA gegen die Herrschaft der Finanzmärkte und eine Wirtschaft, die allein den Interessen einer winzigen Minderheit von absurd Überprivilegierten dient. Und schließlich ihr aufkeimendes Pendant von Menschen in ganz Europa, die zunehmend erkennen, wer der eigentliche Souverän in einer Welt ist, deren oberste Repräsentanten die Anbetung der Finanzwirtschaft lange Zeit als nüchternes Effizienzdenken verkaufen konnten.
Man muss kein eingefleischter Marxist sein, um zu begreifen, dass wir als die Protestierenden neben dem Wunsch nach einer aussichtsreicheren Zukunft besonders eines gemeinsam haben: wir treten an gegen die Interessen von mächtigen Minderheiten, die ihre wirtschaftliche und somit politische Macht nicht ohne Weiteres aufgeben werden, ja nicht einmal zu jenem Maß an Knechtung der Mehrheit zurückkehren werden, welches diese Mehrheit sich vielerorts ohne Umsturzversuche bisher gefallen ließ.
Die überprivilegierten Minderheiten werden noch mehr kreative Energie darauf verwenden (und erkaufen), uns „übrige“ Menschen von den relevanten Entwicklungen in der Welt abzulenken und abzuschotten. Sie werden durch ihre sensationsgetriebenen TV-Sender und Zeitungsverlage verstärktes Störfeuer eröffnen lassen[1], auf dass wir den roten Faden verlieren und wieder brav der skurrilen Themengewichtung der Leitmedien folgen. Sie werden Bauernopfer bringen, um unsere Empörung zu absorbieren und umzulenken. Sie werden uns einen neuen falschen Konsens fabrizieren[2]. Sie werden Zuckerstückchen austeilen, um die Menschen „in der Mitte“ von den Menschen „unten“ weiter abzutrennen, zu signalisieren, dass es für die einen ein Fleckchen an der Sonne geben kann, solange die anderen im Schatten gehalten werden[3]. Sie werden verstärkt aufmarschieren mit ihren gemieteten Experten[4] und Charismaattrappen, um die Deutungshoheit zu bewahren und so weiterhin Symptome als Ursachen und Ursachen als Symptome verkaufen zu können.
Diese Möglichkeiten, Herrschaft auszuüben gegen uns, die wir unser Leben häufig auf den lokalen, alltäglichen Selbsterhalt fixiert haben oder fixieren mussten, sind vielfältig. Besonders, da wir den Blick auf „das System“ weitgehend verlernt haben, wir zum oberflächlichen Jonglieren mit Begriffen wie „Demokratie“, „Menschenrechte“ oder „Marktwirtschaft“ angehalten wurden, um so der Illusion des bereits erfüllten Gemeinwohls anzuhängen.
Als Menschen ist die biologische Grundlage unseres Denkorgans das Ergebnis einer Entwicklung in kleinen Stammesgesellschaften, zwar erhielten wir so die Fähigkeit zum systemischen Denken, hingegen weniger die Neigung. Und selbst, wenn es uns möglich ist, gar viermal um die Ecke zu denken, scheint dieses Potential doch häufig erstaunlich auf die Nahumfeldbereiche unserer Lebenswelt verdichtet zu sein. Während wir uns als Mehrheit also gern völlig im Kleinteiligen von Brotkauf und Kinobesuch verloren haben, haben die minderheitlich Herrschenden sich die Welt im Großen aufgeteilt. Doch da das Bühnenbild der sachzwängigen Welt nun wieder einmal einzustürzen droht, bemerken wir, dass hinter vielem, was als unhinterfragte Gewohnheit außerhalb unserer bewussten Wahrnehmung lag, sich von Gier und Selbstsucht durchzogene Systemregeln verbergen. Vieles, was wir für ein Naturgesetz hielten, bietet sich uns nun als soziale Konstruktion dar, die es neu auszuhandeln gilt.
Machen wir es konkret (ein paar thematische Angebote):
– Warum führt ein kontinuierliches Wachstum der Wirtschaft in den USA und Europa dazu, dass wir als Bevölkerungsmehrheiten immer weniger haben?
– Warum stieg das Vermögen in diesen Ländern und sind zugleich ihre Staatssektoren verschuldeter als jemals zuvor?
– Warum leisten wir uns hierzulande einen raschen Anstieg der Millionäre und Milliardäre, doch zugleich die steigende Abhängigkeit vieler Menschen von den Tafeln?
– Woher soll Wirtschaftswachstum kommen, das doch so dringend benötigt wird, um die steigenden Zinsen der reichen Minderheit zu bedienen, ohne dass die Mehrheit hierbei verliert, wenn diejenigen, die kaufen wollen, doch immer weniger Geld haben?
– Wie sollen auf Systemebene diejenigen, die Schulden haben, ihre Schulden zurückzahlen, wenn Schulden und Geldvermögen einander per Konstruktion entsprechen, zunehmend aber nur noch jene Menschen an Geld gelangen, die dieses Geld dazu verwenden, an noch mehr Geld zu gelangen, ohne jedoch den traditionellen „Umweg“ von Investition und Arbeitsplatzschaffung zu gehen, um somit den Verschuldeten durch Vergrößerung des wirtschaftlichen Kreislaufs die Rückzahlung in der Zukunft zu ermöglichen?
– Was nützt es, wenn wir hierzulande unser Wachstum auf die Nachfrage anderer Länder stützen und sie somit in eine Verschuldung drängen, die sie nicht bewältigen können?
– Warum wurde durch eine Globalisierung ohne Halteseile dem Kapital ein Dauerticket für seine Reise um die Welt ausgestellt, wenn die Arbeit und somit die Mehrheit der Menschen sich auf diese Weise weltweit gegeneinander ausspielen lassen muss, indem sie sich den Lohn drücken, die Vermögens- und Unternehmenssteuern senken und Sozialleistungen kürzen lassen muss?
– Warum sollen wir uns auf einen „schlanken Staat“ einlassen, wenn die Mehrheit der Menschen nun einmal auf öffentliche Schulen und Spielplätze angewiesen ist?
– Warum sollen wir für die Privatisierung von Infrastruktur und Leistungen der Daseinsfürsorge sein, wenn es doch nur der Staat und somit das Vergemeinschaftete ist, was uns eine demokratische Mitsprache gestattet, da wir, die Mehrheit der Menschen doch nicht im Vorstand mächtiger Unternehmen oder Banken sitzen?
– Warum sollen wir uns auf die Privatisierung der Rente einlassen mit dem Argument einer alternden Bevölkerung, wenn es sich im finanziellen Jetzt doch gleich bleibt, ob wir unsere Alterssicherung vom Brutto oder vom Netto bestreiten? Und warum sollte unsere wachsende Wirtschaft nicht mehr in der Lage sein, die Bevölkerung zu versorgen, wenn die Wirtschaft doch schneller wächst als die Bevölkerung altert? Und warum sollen wir die Rentenvorsorge auf zwielichtige, riskante Finanzmärkte schieben, um sie irgendwo auf der Welt anzulegen, anstatt sie transparent in die Nachfrage hierzulande fließen zu lassen, um so Investitionsimpulse auszulösen und Strukturen für die Zukunft vor der eigenen Haustür zu schaffen?
– Ist ein Wirtschaftssystem gerecht, das dem Einen hundert oder tausend Mal mehr an Gehalt zukommen lässt als dem anderen?
– Worin besteht die Leistung von Banken, die Zentralbankgeld an klamme Staaten für überteuerte Zinsen verleihen, wenn der üppige Zinszusatz nicht als Risikoprämie gelten kann, da ja – tritt das Risiko erst ein – doch wieder ein Staat und somit das Gemeinwesen zur Rettung eilt?
– Warum gibt es auf dieser Welt einzelne Menschen mit 50 Millarden Euro und zugleich eine 1 Milliarde Hungernder?
– Was ist Eigentum? Wie gelangt man an Eigentum? Wie sollte man an Eigentum gelangen? Was ist mit „Eigentum verpflichtet“ gemeint? Gibt es eine Obergrenze für Eigentum? Sollte es eine geben aus sozialen, wirtschaftlichen, demokratischen Gründen?
Die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen und jeder einzelne Punkt wäre wohl tausendfach diskussionswürdiger als das thematische Gerümpel, durch das die Herrschenden die Beherrschten und Geknechteten durch alle Zeiten hindurch von Emanzipation, Solidarisierung und dem Streben nach einer gerechteren und leidensfreieren Zukunft abhalten wollten, um das für sie gemütliche, selbstherrliche Modell, das sie der Welt aufgepfropft haben, nicht demontieren zu müssen. Wie viele Steinchen werden ihm wohl diesmal entfernt werden?
[2] „manufacturing consent“ ist ein von Walter Lippmann geprägter Begriff, der einen Prozess öffentlicher Meinungsbildung beschreibt, welcher den aus Herrschaftsperspektive wohl unglücklichen Umstand kompensieren soll, dass eine Bevölkerung durch demokratische Wahlen an Entscheidungsprozessen beteiligt ist. Lippmann selbst war als Propagandist während des 1. Weltkriegs in den USA damit beauftragt, die öffentliche Meinung in Richtung der Befürwortung einer amerikanischen Kriegsteilnahme zu lenken.