Claus Peter Ortlieb, den ich sehr schätze, u.a. da er der mathematisch verbrämten Ideologie der Neoklassik mit ihrer armutserzeugenden Realitätskonstruktion den Kampf angesagt hat, kritisiert das Anliegen des umFAIRteilen-Bündnisses. Da wir mit zu den Aktionen aufgerufen haben, sei hier als ein Kontrapunkt selbstkritisch auf seine Einwände verwiesen:
„Linkskeynesianischer Wunschpunsch“
Zwar bin ich mit der Wirtschaftskritik aus marxistischer Perspektive nicht vertraut genug, als dass ich diese kommentieren möchte und wohl sehe ich ebenfalls den Neoliberalismus als eine Folge des Kapitalismus auch in seiner sog. rheinischen Variante, doch begrüße ich das Bündnis aus Gewerkschaften, Sozialverbänden und Nichtregierungsorganisationen, sowie weiteren Mitmenschen, da ich die Möglichkeit sehe, dass dadurch überhaupt einmal wieder in der Breite der Bevölkerung die Aufmerksamkeit auf die Verteilungsverhältnisse gerichtet wird und somit hoffentlich auch auf die tiefgreifenden Konsequenzen des aktuellen Wirtschaftssystems, was die Lebensrealität betrifft. M. E. n. sind die explodierenden Ungleichheiten die nahe Ursache für Finanzmarktderegulierung, während die entferntere Ursache (wie von Ortlieb angesprochen) der Druck zur Verlagerung von überschüssigem Kapital in das Kreditsystem ist (m. a. W.: Kapital, das als bloße finanzielle Forderung gegen die Schuldner akkumuliert wurde), doch glaube auch ich nicht daran, dass die Krisen des Kapitalismus sich dauerhaft mit Umverteilung nach der Produktion (z.B. über das Steuersystem) in den Griff bekommen lassen. Ich erhoffe mir jedoch, dass durch die umFAIRteilen Kampagne die ökonomische Alphabetisierung etwas vorangebracht wird, so dass es den neoliberalen Kräften fortan nicht mehr gelingt, mit ihren schlampig gebastelten Potemkinschen Dörfern durchzukommen. Zudem sehe ich nicht, wie eine akute Krise, die tatsächlich die Lebensverhältnisse der meisten Menschen selbst in den reichsten Ländern der Welt sprunghaft ins Chaos stürzen würde (wie es in Südeuropa bereits der Fall ist), sich in der Wende hin zu einem menschenfreundlicheren System äußern könnte, das den Kapitalismus von heute auf morgen überwindet. Gerade Brünings Krisenkurs, den Ortlieb erwähnt, mündete ja in der faschistischen Katastrophe, wohl auch, da die Nationalsozialisten mit ihren Erklärungen erfolgreicher auf der Klaviatur der rechtskonservativ gestimmten Bevölkerung zu spielen wussten. Ist die Situation heute so sehr eine andere? Leider scheint gerade die faschistische Partei Chrysi Avghi momentan in der vom Kürzungskurs gequälten Bevölkerung Griechenlands im Aufwind zu sein. Den Teufel will ich nicht an die Wand malen, doch denke ich, dass links denkende Menschen dazu aufgerufen sind, sich breitenwirksam einzubringen und unter ihren Mitmenschen mit verständlichen Worten dafür zu werben, dass die Verarmung wachsender Bevölkerungsteile keine Naturgesetzlichkeit ist und erst recht nicht grausamen Ideen überlassen werden sollte.