Die erneute Blütephase psychologischer Kriegsführung

Am 23.6. fand die Demo „War starts here – Keine Kriegs-Konferenz in Kiel!“ statt, durch die sich ein Bündnis aus unterschiedlichen antimilitaristischen und Friedensgruppen gegen die „Kiel-Conference 2015“ positionierte. Wir berichteten über die Hintergründe hier. Für attac Kiel durfte ich eine kurze Rede zu psychologischen Aspekten der Kriegsvorbereitung halten. Da ich von einigen danach gefragt wurde, ist der Kurzbeitrag nun hier nachzulesen.

Ich will die Gelegenheit nutzen, einige Hinweise und Quellen anzufügen für diejenigen, die sich mit dem Thema Kriegspropaganda weiter auseinandersetzen wollen. Die Zeit, in der wir uns befinden, macht derartige Inhalte wieder aktueller denn je.

Was die Feindbildproduktion anbelangt, kann ich einen Text des Psychologen Gert Sommer sehr empfehlen, der die Merkmale, individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Feindbildern erläutert und am Beispiel des 2. Golfkriegs (1990/91) anschaulich macht:

„Zur Relevanz von Feindbildern – am Beispiel des Golfkrieges“ (Wissenschaft & Frieden 1991-3: Zukunft der Rüstung)

Der Text „Der inszenierte Krieg“ von Wilhelm Kempf auf der gleichen Seite (oder hier) ist ebenfalls lohnenswert, da er wichtige Mechanismen beim Medienmanagement verdeutlicht.

Für die Rolle von Medien im Krieg sei zudem noch einmal auf die Dokumentation des australischen Reporters und Dokumentarfilmers John Pilger verwiesen, der u.a. anhand von Interviews mit Journalistinnen und Journalisten sehr gut aufdeckt, wie Konformität, Machtdruck, Ideologie und staatliche Desinformation zusammenspielen, um Menschheitsverbrechen, die vom Westen ausgehen, vor den Bevölkerungen in diesen Ländern zu verbergen. Als erschütternde Erfahrungsquellen werden hierbei der Afghanistan-, sowie der Irak-Krieg 2003 angeführt:

„The War You Don’t See“ (John Pilger, 2010)

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe an Studien, die sich mit der Zeit nach dem 11. September unter massenpsychologischen und medialen Gesichtspunkten mit dem totalitären „War on Terror“ und den imperialen Kriegen auseinandersetzen. Es ist sagenhaft, wie diese Erfahrungen in der heutigen veröffentlichten Meinung bei der Analyse der außenpolitischen Rolle der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten nahezu komplett ausgeblendet werden.

Hierzu ein paar Studien zur Wirkungsweise von Medien in unserem Kriegszeitalter:

„Cascading Activation: Contesting the White House’s Frame After 9/11“ (Entman, 2003. Betrachtet wird die Kopplung der Massenmedien an die Regierung, sowie ihre Funktionsweise im Dienste der herrschenden Elite.)

„Framing the War on Terror“ (Reese & Lewis, 2009. Hier wird die verantwortungslose mediale Verbreitung und Anwendung der von der Regierung Bush II konstruierten mächtigen Propagandametapher „War on Terror“ in der Berichterstattung der größten US-Tageszeitung USA Today analysiert.)

„Misperceptions, the Media, and the Iraq War“ (Kull, Ramsay & Lewis, 2003. Hier wird die Falschinformiertheit der US-Bevölkerung über die herbeigelogenen Massenvernichtungswaffen und al-Qaida-Verbindungen des Irak, sowie die Ausprägung der öffentlichen Meinung zum Irak-Krieg in anderen Ländern in Abhängigkeit der Mediennutzung  betrachtet. Je mehr falsche Überzeugungen, desto stärker war, wie zu erwarten, die Zustimmung zum völkerrechtswidrigen Krieg. Der Sender Fox News nahm eine besonders herausragende Stellung bei der Desinformierung ein.)

Zum Kosovo-Krieg und der Propaganda, mit der die Bomben auf Jugoslawien 1999 gerechtfertigt werden sollten, siehe erneut die WDR Dokumentation von 2001:

„Es begann mit einer Lüge – Deutschlands Weg in den Kosovo-Krieg“ (WDR, 2001)

(Worum es bei dem Krieg eigentlich ging, das durfte der ehemalige Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Willy Wimmer, 2000 auf einer Konferenz in Bratislava zur Kenntnis nehmen. Wie sehr sich der Krieg für die NATO gelohnt hat, davon zeugt nicht zuletzt die errichtete Militärbasis Camp Bondsteel im Kosovo.)

Was die Instrumentalisierung von Opfern anbelangt, um die Zustimmung mindestens aber Tolerierung großer Bevölkerungsteile gegenüber Kriegsmaßnahmen zu gewinnen und aufrechtzuerhalten, so sei noch auf eine Arbeit zur unterschiedlichen Darstellung der Opfer (Konzept der >worthy< und >unworthy victims<) verwiesen:

„Worthy victims : die Berichterstattung über alliierte Kriegsgefangene und ihre Nutzbarmachung für die Eskalation der Kriegsziele im 2. Golfkrieg“ (Kempf & Reimann, 1993. Ab S. 17 (PDF-Zählung) werden die Stilmerkmale erläutert.)

Im Zusammenhang mit der Stimmungsmanipulation durch Opferinstrumentalisierung dürfte auch der von WikiLeaks veröffentlichte CIA Bericht zur Unterbindung von Widerstand aus der deutschen und französischen Bevölkerung gegen die weitere Stationierung von ISAF-Truppen in Afghanistan lehrreich sein:

„Afghanistan: Sustaining West European Support for the NATO-led Mission—Why Counting on Apathy Might Not Be Enough“ (CIA Dokument veröffentlicht durch WikiLeaks, 2010. Jüngst berichtete auch Neues Deutschland darüber.)

Was das Ausmaß der Ressourcen staatlicher Institutionen für die Streuung von Falschinformationen und Erzeugung der gewünschten Stimmung in der Bevölkerung anbelangt, so sei hier noch einmal auf eine Recherche der Associated Press von 2009 allein zum Pentagon verwiesen:

„Pentagon Boosts Spending On PR Efforts, Raises Propaganda Concerns“ (The Huffington Post, 2009)

Es kann wohl niemand ernsthaft bezweifeln, dass in der heutigen Konfrontation rund um die Ukraine starke Propagandaanstrengungen von Russland unternommen werden, es sei jedoch daran erinnert, dass hierzulande wiederum die Ideologie aufrecht erhalten werden soll, dass „der Westen“ eben nicht auf Propaganda zurückgreifen würde (in Anbetracht der Befundlage und Forschung hierzu geradezu abenteuerlich) und es seinen Eliten eben auch nicht um geopolitisch und ökonomisch knallharte Interessen ginge, sondern Menschenrechte und Demokratisierung (wenngleich Strategiepapiere relativ offen von den eigentlichen Hintergründen sprechen). Diese Ideologie jedoch trägt zu einer Situation bei, die für die Menschen in allen Ländern verheerend ist. Man darf glücklicherweise davon ausgehen, dass ein Großteil der Menschen dies merkt.

Siehe hierzu auch:

„>>Putins Trolle<< und der freie Fluss der Information“ (Telepolis, 22.3.2015)

In diesem Zusammenhang sei in Sachen Ukraine-Krise noch auf das professionelle Informationsmanagement der Befürworter des Umsturzes der Regierung Janukowytsch eingegangen, bei dem Emotionalität, Auslassungen und Framing eine große Rolle spielten. Hier sei etwa an das eigentlich plumpe Video „I Am A Ukranian“ erinnert, dem im Zuge der gewalthaften Auseinandersetzungen auf dem Maidan ein erfolgreiches viral marketing gelang, was dann neben vielem Anderen einen Beitrag dazu geleistet haben dürfte, die öffentliche Stimmung in die vom Westen gewünschte Richtung zu lenken (Der Produzent Ben Moses ist u.a. bekannt durch den Propagandafilm „Good Morning, Vietnam“ ((Ein Film, den ich als Jugendlicher zugegebenermaßen gern schaute.)) ).

Zu den geopolitischen Interessen und Durchsetzungstechniken westlicher Länder, von denen in den Massenmedien hierzulande allenfalls in homöopathischer Dosis berichtet wird, erinnere ich ergänzend und abschließend an einen Doppelartikel von uns:

„Westliche Geopolitik und ihre Umsetzung – das Beispiel Ukraine“ (Teil 1, Teil 2)

 

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