Flucht zum Konkreten als Flucht vor der Verantwortung

Erfordert es eigentlich eine besondere Neigung zur Kritik oder gar Selbstüberschätzung, wenn man die virulenten Klumpen von Weltproblemen (Finanzkrise, Umweltkrise, Arbeitsmarktkrise, Rassismus, Ausbeutung, Hunger etc.) zur Kenntnis nimmt, sie der alltäglichen Themagewichtung seiner Mitmenschen gegenüberstellt und schließlich von kollektiver Verantwortungsflucht sprechen möchte?

Eine Finanzkrise jüngeren Datums begann 2007 in den USA, erreichte einen Höhepunkt mit der Insolvenz von Lehman Brothers 2008, expandierte schließlich in Europas Bankensphäre und löste sich hierzulande 2009 scheinbar per Schuldenkollektivierung in staatlichen Garantien und Finanzhilfen auf.
Was waren ihre Ursachen? Habgier? Missmanagement? Realitätsverlustige Hypothekarisierung und Verbriefungstollheit? Eine Mischung aus allem? Gibt es Bezüge zur Asienkrise 1997 oder zur New Economy Krise 2000? Deuten wiederkehrende Krisen vielleicht auf strukturelle Fehler im Finanzsystem hin? Wenn ja, auf welcher Ebene sind diese gelegen? Geht es um einen Katalog neuer Regeln oder um Systemwechsel? Welche Alternativen gibt es überhaupt?

Wenn der Finanzmarkt als notwendig für die komplexe Koordination wirtschaftlicher Austauschprozesse angesehen wird, wenn jedoch die komplexe Koordination wirtschaftlicher Austauschprozesse überlebenswichtig für die Versorgung großer Teile der Menschheit ist, sollten diese Fragen dann nicht zentral für alle Verantwortsbefähigten und Betroffenen sein und einen exponierten Platz in ihrer Aufmerksamkeit erhalten?
Und wenn unter Demokratie eine Herrschaft der Bevölkerungen zu verstehen ist, die sich nicht in der blinden Motorik eines Urnengangs erschöpft, sondern darin, dass einem Willen Ausdruck verliehen wird, der nicht nur artikuliert ist, sondern auch weiß, worauf er sich einlässt, wäre es dann nicht ratsam, dass sich „der Souverän“ auch hierzulande aus seiner gewohnten Welt ewiger Produktvergleiche und wöchentlicher Treffen mit seinen Kegelfreunden ab und an herausschält, um der Obrigkeit nicht jedes noch so dilettantisch gebastelte Potemkinsche Dorf abkaufen zu müssen?

Die globalisierte und von Technik durchzogene Welt, deren Teile immer komplexer miteinander wechselwirken, stellt zunehmend höhere Anforderungen an das menschliche Abstraktionsvermögen. Diese höheren Anforderungen werden jedoch erst bewusst, wenn sich der Mensch als ein Wesen begreift, das nicht abgeschottet von jener Welt, die jenseits des eigenen Stadtteils liegt, sein Dasein in Ignoranz und kindlicher Verantwortungsübertragung aufgehen lässt.
Wenn deutsche Exportüberschüsse, z. B. durch Lohndrückerei bedingt, zu Einkommenseinbrüchen und Verschuldung in anderen Ländern führen, wenn abstrakte Handlungen in Form rücksichtsloser Geldgeschäfte an Warenterminbörsen im Hungerleiden vieler Menschen münden, wenn verschwenderische CO2-Emissionen hoch industrialisierter Länder Dürren in ohnehin benachteiligten Weltregionen auslösen, kann der Durchschnittseuropäer hierauf weder durch Alltagsbeobachtungen aufmerksam werden, noch durch Bunte- oder Sportbild-Wissen besagte Ursache-Wirkungs-Ketten herbeidenken.

Hat man also seine ethischen Koordinaten festgelegt, ist es notwendig, sich den Dingen nicht allein durch Augenschein zu nähern. Ethischer Impetus ist der Anfang, das Ende jedoch, das gerechte Handeln, erreicht man erst durch Wissen. Wirft man seinem Nachbarn einen Stein an den Kopf und schreit dieser auf, ist man sich seiner ursächlichen Rolle bei der Leidentstehung unmittelbar und durch bloße Beobachtung gewahr. Anders hingegen verhält es sich mit den Wirkungen, zu denen man etwa als Konsument, Geldanleger oder Wähler irgendwo auf der Welt beiträgt. Sie sind zeitverzögert und über vielzählige und abstrakte Mechanismen vermittelt. Das Ende solch einer Kausalkette erzeugt jedoch im Zweifelsfalle unsagbares Leid, vielleicht in Form knochenzerreibender Arbeitsbedingungen, würdevernichtender Menschenverwahrung oder lebensumfeldzerstörender Mülldeponien. Und dieses Leid, wäre es uns nur so konkret, wie es seinen Empfängern ist, würde uns jeden Daseinsmoment vor Augen halten, dass es ein Verbrechen ist, sich weniger für genannte Wirkzusammenhänge zu interessieren, als für das Angebot der neu eröffneten Taco Bar.

Der Ethologe Konrad Lorenz1 war der Ansicht, dass die „genetisch programmierten Neigungen des Menschen“ den heutigen sozialen Anforderungen in Gesellschaften mit Millionen von Individuen nicht genügen würden. Der Mensch sei nur „gut genug für die Elf-Mann-Sozietät“, würde seine ethischen Fähigkeiten jedoch nur sehr eingeschränkt für die anonymen Mitglieder der Massengesellschaft einsetzen können. Bedenkt man den Mitleidsgradienten, der sich von der eigenen Familie über die unmittelbaren Nachbarn, über ethnische, gesellschaftliche und staatliche Grenzen hinweg bis hin zu den anonymen Menschen in Entwicklungsländern zeigt, kann man obiger Ansicht wohl zustimmen, die Frage ist jedoch, ob sich diese „genetisch programmierten Neigungen“ durch Gedanken, Vorstellungskraft und Bildung überwinden lassen. Die Frage ist also, ob wir unser Dasein in diesem Punkt auf die vegetative und animalische Seele beschränken oder eben doch die Grenzen zur Vernunft passieren.

1Lorenz, K. (1983) „Der Abbau des Menschlichen“. München: R. Piper & Co. Verlag

0 Kommentare zu „Flucht zum Konkreten als Flucht vor der Verantwortung“

  1. Wie ich kürzlich leider erfahren musste, war Konrad Lorenz offenbar ein leidenschaftlicher Anhänger des Nationalsozialismus, der seine wissenschaftliche Perspektive nicht nur in den Dienst der wohl menschenfeindlichsten Ideologie überhaupt gestellt hat, sondern zudem seine an Tieren gewonnenen Erkenntnisse in fahrlässig leichtfertiger Weise auf den Menschen zu übertragen bereit war, indem er gesellschaftliche Entwicklungen auf genetische Entwicklungen weitestgehend reduzierte und hiermit nicht nur dem Rassismus, sondern auch der Eugenik mit seiner wissenschaftlichen Reputation Vorschub leistete.
    Ich kannte seine einschlägig nationalsozialistischen Äußerungen nicht und habe wohl eher den altersmilderen und vielleicht auch kalkuliert zurückhaltenderen Lorenz der 80er Jahre gelesen, dessen Worte ich in meinem Weltbild ausgelegt hatte, das den Schwerpunkt für die wesentlichen menschlichen Entwicklungen in solch kurzen Zeiträumen wie Jahrhunderten oder Jahrtausenden stets in den gesellschaftlichen Verhältnissen, nicht jedoch im Genpool angelegt sieht.
    Da ich nicht zensieren will, werde ich das Zitat von Lorenz nicht streichen und auch die Quelle stehen lassen. Ich überlasse es den Leser_innen, sich eine Meinung zu bilden.

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