Manchmal passiert es ja, dass straffe Herrschaftssysteme durch ihre verlogenen Fassaden einen kleinen Strahl der Aufrichtigkeit hindurch schimmern lassen, da ihre Funktionsträger sich vielleicht nicht durchgängig auf ihre einzige Funktion des Systemerhalts reduzieren lassen. Oder weil sie eben in der langfristigen Perspektive eine Veränderung des Systems für dessen Selbsterhalt in Anbetracht der Verhältnisse als notwendig erachten. Die dritte Variante, dass ein Mensch trotz des bewusstseinswandelnden Marschs durch die Institutionen sich nicht hat zum Funktionsrädchen des Bestehenden machen lassen und zugleich den diversen Filterungsprozessen auf dem Weg zum realen Einfluss entging, mag auch zu Weilen vorkommen. Welche Variante auf Papst Franziskus zutrifft, ob er – zu einem gewissen Grade zumindest – Systemfehler oder eben einfach cleverer Minimalkorrekturmechanismus ist, soll mich an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen. Tatsache ist, dass er in seinem „Apostolischen Schreiben“ (quasi der Mitgliederrundbrief) ein paar scharfe Salven gegen das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem abgefeuert hat, die ihm sogleich auch „kreative“ Kritik der Grima Schlangenzunges des Neoliberalismus, so etwa aus dem Millieu der NATO-affinen Eliten rund um Die Zeit, eingebracht hat. Ein Umstand, zu dem Franziskus gratuliert werden sollte.
Ein paar Auszüge aus dem Schreiben des Papstes:
„Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.“
„Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht >>Ausgebeutete<<, sondern Müll, >>Abfall<<.“
„In diesem Zusammenhang verteidigen einige noch die >>Überlauf<<-Theorien (trickle-down Theorie), die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorzurufen vermag. Diese Ansicht, die nie von den Fakten bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaftliche Macht in Händen halten, wie auch auf die sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems. Inzwischen warten die Ausgeschlossenen weiter.“
„Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligence geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist.“
Diese Worte haben die Besitzstandswahrer aus den gehobenen Etagen der christlichen Kirchen nun offenbar so verschreckt und um ihren Oberklasse Dienstwagen fürchten lassen, dass sie sogleich ein Beschwichtigungsprogramm auflegen zu müssen glaubten, um die verwirrten Schäfchen an der Basis nicht in Zorn über die moderne Ausbeutungspyramide geraten zu lassen. In ihrer „Ökomenischen Sozialinitiative“ bemühen sie sich sichtlich, das Illusionstheater um die „Soziale Marktwirtschaft“ weiterhin auf Tournee zu schicken, in einer besonders dümmeligen Variante. Für die Kritik an der das falsche Bewusstsein stiftenden Initiative verweise ich allerdings mit Vergnügen auf einen Artikel aus dem – man lese und staune – Managermagazin:
„Von der Feigheit der Christenmenschen“
Die Welt steht auf dem Kopf, möchte man meinen. Die Rollenverdrehungen haben wohl aber eher mit der betriebswirtschaftlichen Schmalgeistigkeit im gehobenen Segment der Kirchen zu tun. Empirieblinde Ideologie und Dummheit befruchten sich halt gern gegenseitig.