Hans-Jürgen Krysmanski über die Machtelite

Herr Krysmanski ist Soziologe und hat ein Buch über die extrem reichen und einflussreichen Kreise im zeitgenössischen Kapitalismus geschrieben:

Die Geldelite verselbständigt sich

Er kommt auf die gesellschaftsanalytische Ausblendung dieser sehr einflussreichen Gruppen zu sprechen, die auch in der Allgemeinbevölkerung kaum demokratiebezogene Aufmerksamkeit erhalten, Zitat aus dem Telepolis Interview: „Die Mittelschichten beobachten die Unterschichten im Auftrag der Oberschicht. Bestenfalls beobachten verschiedene Mittelschichtenfraktionen noch einander. Wer aber beobachtet die Oberschicht?“. Krysmanski beleuchtet zudem die Rolle der Intellektuellen, den Rückzug der herrkömmlichen politischen Systeme, sowie die Perspektiven des Widerstandes.

Wer der Ansicht ist, dass wir in einer substantiellen Demokratie leben, in der, abgesehen von einigen komplexitätsbasierten Notwendigkeiten, doch weitestgehend zum Wohle der Allgemeinheit gehandelt würde, der oder die möge sich vor Augen halten, welche Parallelrealitäten in unserem gesellschaftlichen System toleriert werden. Armut und Prekarisierung steigen, während immer höhere Millionärs- und Milliardärszahlen in entsprechenden Vermögenskreisen bejubelt werden. In den südlichen Euroländern wird mit Polizeigewalt gegen den Protest der sozial und wirtschaftlich entrechteten Bevölkerungen vorgegangen, alte Menschen können sich dort häufig keine notwendigen Medikamente mehr leisten, während den Profiteuren der Finanzmarktderegulierung und des Steuerdumpings nichts abverlangt wird, nachdem doch ihre Vermögen über die Finanzkrise hinweg von der Allgemeinheit in Form des Staates gerettet wurden. Aber bereits Jahre zuvor wurden auch in diesem, einem der reichsten Länder der Eurozone, die Hartz-Gesetze eingeführt, die die Verantwortung für Arbeitslosigkeit individualisierten und ein System von Mangel und Drangsal etablierten, das einen wirtschaftlichen und sozialen Abstieg für sehr viele Menschen nach sich zog, in einem Umfang, wie es ihn seit Gründung der Bundesrepublik nicht gegeben hatte. Nicht nur, dass Massenarbeitslosigkeit, wie sie seit den 70er Jahren besteht und eine makroökonomische Konsequenz der neoliberalen Wende ist, individualisiert wurde, auch die nötige soziale Hetze wurde organisiert, um die Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzubringen, auf dass sie die eklatante Verschlechterung ihrer Position einander ankreiden konnten, anstatt den eigentlich Verantwortlichen und Interessierten. Wolfgang Clement (damals SPD) ließ etwa vom Ministerium für Wirtschaft und Arbeit eine Broschüre herausgeben mit dem Titel „Vorrang für die Anständigen – Gegen Missbrauch, >>Abzocke<< und Selbstbedienung im Sozialstaat“, in dem es elegant einen biologischen Frame aktivierend hieß:

„Biologen verwenden für >>Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben<<, übereinstimmend die Bezeichnung >>Parasiten<<. Natürlich ist es völlig unstatthaft, Begriffe aus dem Tierreich auf Menschen zu übertragen. Schließlich ist Sozialbetrug nicht durch die Natur bestimmt, sondern vom Willen des Einzelnen gesteuert.“ (Zitat, S. 10).

Fragt man sich nun anhand dieses Beispiels, weshalb eine derartige Hetze etwa hierzulande betrieben wird, nur um ein Verknappungssystem zu rechtfertigen, das durch Sozialabbau und Lohnverfall, sowie Arbeitsprekarisierung die Gewinne und Vermögen explodieren lässt, scheint das Wirken mächtiger ideologisch koordinierter Interessen doch wohl nicht mehr allzu unplausibel.

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