Die Auseinandersetzung rund um den Auftritt Sahra Wagenknechts in der Sendung „Markus Lanz“ dürfte mittlerweile allgemein bekannt sein. Herr Lanz und Herr Jörges legten geradezu inquisitorische Anwandlungen an den Tag, um die EU-Kritik von Frau Wagenknecht als Europafeindlichkeit und „Populismus“ zu verkaufen. Als wäre scharfe Kritik an Verträgen und Institutionen, die nicht nur auf dem Papier tiefgreifend neoliberal sind, sondern ebenso in ihrer Umsetzung (Stichworte: Austeritätspolitik, Fiskalpakt, Wettbewerbswahn) oder eben scharfe Kritik an Eliten, denen demokratischer Entscheidungsspielraum eher lästig geworden ist, gleichzusetzen mit Nationalismus. Da Lanz und Jörges jedoch den Argumenten von Frau Wagenknecht nicht auf inhaltlicher Ebene begegnen konnten, machten sie das, was meistens in Talkshows zu beobachten ist. Sie versuchten, den linksdenkenden Gast ihrer „Realitätsferne“ zu überführen und mundtot zu machen, was in Anbetracht der Argumentationsarmut des Duos nur durch eine Portion von Unverschämtheit und Gebrüll auf Erfolg hoffen konnte, die selbst dem einen oder anderen Konservativen die Sprache verschlagen haben dürfte.
In der Folge kam es zu einer Online-Petition, in der das ZDF aufgefordert wird, sich von Herrn Lanz als Moderator aufgrund seiner Unfähigkeit im Umgang mit abweichenden Meinungen zu trennen. Auch eine politische Dimension ist mit der Petition verbunden:
„Ein Moderator, der offenbar große Probleme damit hat, dem politischen Spektrum links von der Mitte mit einem Mindestmaß an Höflichkeit zu begegnen, passt nicht in ein öffentlich rechtliches Format“
Dies war für die meinungsführenden Medien hierzulande nun Grund genug, Front gegen die empörten Zuschauer_innen zu machen. Was Herr Lanz an den Tag gelegt hätte, sei „sauberes Handwerk“ gewesen und „Manche Laune kann im Rahmen der digitalen Schneeballsysteme zu einem >>Shitstorm<< anschwellen. Doch ein paar hunderttausend Petitionsklicker sind keine Bewegung […]“ (SZ). Oder: „Seit der Lanz-Talkshow tobt ein Shitstorm von links. Offenbar soll Kritik an der Ikone Sahra Wagenknecht tabuisiert werden […]“ (Stern).
Auch die politische Botschaft der Petition, dass kruder Umgang und mediale Benachteiligung gerade gegenüber linken Meinungen im ZDF Sendungsformat besteht, wird als Absurdität im Allgemeinen abgewiesen: „Und Sahra Wagenknecht? Sie und ihre Partei gefallen sich einmal mehr in der Rolle als aufrechte Linke gegen die bösen bürgerlichen Medien, als unermüdliche Kämpfer gegen ein Europa der Banken und Konzerne sowie als Bollwerk gegen Demokratieabbau in Berlin und in Brüssel […]“ (Berliner Tagesspiegel).
Albrecht Müller (NachDenkSeiten) dokumentierte diese Fälle dankenswerterweise und kommentierte zum politischen Hintergrund:
„Zusammenfassend: die Reaktion der Medien auf die Petition sagt viel über den traurigen Zustand der deutschen Medien: unkritisch gegenüber den Herrschenden, allzeit bereit zu Kampagnen gegen alles, was links von der neoliberal geprägten herrschenden Meinung liegt, mittelmäßig, PR gesteuert.“
Wer nun weiterhin geneigt sein mag, eher dem Berliner Tagesspiegel zuzustimmen, dass es sich um eine bloße Konstruktion linker Kräfte handelt, wenn sie beklagen, von den bürgerlichen Medien ausgegrenzt zu werden, wer also die Erzählung von den alles in allem neutralen und pluralen Medien hierzulande glaubt, sei auf ein paar bloße Oberflächenindikatoren verwiesen, die kürzlich z.B. auf annotazioni.de zusammengestellt wurden (siehe: „Es geht nicht nur um Wagenknecht: Zur Präsenz linker Personen und Inhalte im Fernsehen“). Sie machen deutlich, welch ein Missverhältnis zwischen dem medialen Raum, der der Linkspartei zugestanden wird einerseits und ihren Wahlergebnissen andererseits besteht. Das Onlinemagazin Telepolis verweist zudem darauf, dass die Fernsehpräsenz der Linkspartei gerade zu jenem Zeitpunkt ihren historischen Tiefststand erreicht, da dieser aufgrund ihrer neuen parlamentarischen Rolle als Oppositionsführung eigentlich wesentlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit unter demokratischen Gesichtspunkten gebühren würde. Die reinen Zahlen verdeutlichen also, dass linke Kräfte hierzulande medial eindeutig benachteiligt werden. Wer die Ereignisse zudem auf inhaltlich-politischer Ebene analysiert – und dabei vielleicht auch ein wenig den historischen Bezugsrahmen verwendet – weiß, was es mit dem durch Albrecht Müller beschriebenen traurigen Zustand deutscher Medien auf sich hat.
Wer nun Aufschluss darüber haben möchte, wie es zu einer massiven Homogenisierung politischer Meinungen in der Medienlandschaft von Formaldemokratien kommen kann, obwohl sie doch keiner Zentralsteuerung und -zensur unterliegen, sei von uns erneut auf das Propagandamodell von Herman und Chomsky verwiesen (Originalquelle siehe „A Propaganda Model“, S. 257). Das Modell nimmt politisch-ökonomische Bedingungen in den Blick und benennt eine Reihe von Filtern, die in besonders relevanten Themenbereichen (solchen, in denen die jeweiligen Eliten eines Landes ein relativ einheitliches Interesse aufweisen), den Durchlass von Meinungen zu einem Nadelöhr verkommen lassen. Die sozialen Selektionsprozesse für Journalistinnen und Journalisten ergänzen das Propagandamodell von Herman und Chomsky wiederum auf psychologisch-soziologischer Ebene, indem Habitus und Herkunft in hohem Grade darüber entscheiden, wer zu den hauptberuflichen Meinungsmultiplikatoren hierzulande gekürt wird. Ein Telepolis-Artikel verweist hier auf entsprechende einschlägige Forschungsergebnisse.
So muss es denn auch nicht verwundern, wenn die eingangs geschilderten Mainstreammedienmacher, die sich aufgrund von Herkunft oder eben Ziel als Elitenvertreter verstehen dürfen, etwas schockiert auf die Online-Forderung der Nicht-Eliten in Sachen Lanz reagieren: „Das riecht vielmehr nach dem fauligen Atem eines billigen Medienmobs, der sich aufschwingt, sein Besserwissen als Maßstab zu etablieren […]“ (siehe DWDL.de).
Da die Auseinandersetzung zwischen Frau Wagenknecht und dem Duo Lanz/Jörges gerade auch als eine Auseinandersetzung um die Kritikwürdigkeit der neoliberalen EU-Krisenpolitik gelesen werden kann, sei noch auf einen Hintergrundartikel von 2009 verwiesen, der deutlich macht, wie für einen kurzen Moment die Meinung der Marktfanatiker und ihrer medialen Steigbügelhalter leiser zu werden schien in Anbetracht der Finanzmarktkrise, so dass der Autor der Frage nachging, wie sie überhaupt derart dominant werden konnte und hierzu eine kleine Medienanalyse unternahm.
Markus Lanz und die Reaktion der Leitmedien auf die Online-Petition sind also wahrlich nur Löcher im Zement der medialen Mauer aufgrund unsauberer Arbeit, durch die ab und an, selbst für Sehgeschwächte, das tief ideologische Geschehen im Innenraum der Republik klar erkennbar wird.