Naomi Klein über die Unbelehrbarkeit konservativer Ideologen, die Klimakrise, die nicht wirtschaftsunkritischen Grünen überlassen werden sollte und ein alternatives Weltbild, das die Menschen nicht atomisiert und in Konkurrenz zueinander setzt, sondern gemeinsam und gleichberechtigt an einer weniger barbarischen Zukunft arbeiten lässt: „Der neue Antihumanismus“
Gesellschaftliche Möglichkeiten gibt es viele, die in Stellung gegen eine düstere Zukunft gebracht werden könnten. Es mangelt nicht an wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Kräften, wohl aber am Willen sie einzusetzen. Dieser Wille ist allerdings nicht der substantielle Wille der Allgemeinheit, was man an der Verdrossenheit gegenüber den Machthabenden und auch der sonstigen politischen Apathie der Menschen bemerken kann. Viele Menschen halten sich für unpolitisch, weil sie nicht bemerken, wie ihr Denken und Empfinden in den Dienst der Privilegierten gestellt wurde. Sie glauben von sich selbst, nicht konservativ zu sein, empfinden aber etwa den Hartz-IV-Satz (374 €) einerseits und tausendfach höhere Spitzengehälter andererseits als gerechtfertigt (unartikulierte Annahme: jeder hat das, was er aufgrund seiner Leistung verdient). Wenn einer per Erbrecht auf den Gegenwert von vielen millionen Stunden Arbeit zurückgreifen kann, halten sie dies für natürlich (unartikulierte Annahme: Reichtum ist reine Privatsache). Es hat sich ein atomistisches, auf direkte Kausalität (z. B. arm weil leistungsschwach) setzendes Weltbild in allen Gesellschaftsschichten durchgesetzt, das linke Grundwerte (z. B. systemische Kausalität: arm weil gesellschaftlich benachteiligt) aus den Provinzen des Denkens vertrieben hat. Dies müssen wir den Menschen allerdings bewusst machen, damit sie überhaupt erst befähigt sind, ihre eigenen Ideologien zu bemerken und durch die Kenntnisnahme der Alternativen freier darin werden, bewusst zu entscheiden, welchen Werten sie folgen wollen.