„Die entscheidende Frage ist in diesem Zusammenhang, welche Konsequenzen aus der recht raschen Erosion der westlichen Vormachtstellung in der Welt gezogen wurden und werden. Vereinfacht gesagt gab und gibt es hier zwei Schulen: Eine, die auf einen allmählichen Übergang in eine multipolare Welt drängt, in der Macht und Einfluss gemäß der veränderten Lage neu verteilt werden; und eine, die darauf pocht, die westliche Vormachtstellung aggressiv zu verteidigen. Aktuell scheint es vor allem in den USA, aber auch in der EU und in Deutschland für die zweite Position eine Mehrheit zu geben. Als Resultat wurden spätestens seit 2008 unzählige hochrangige Beratungsgruppen zusammengerufen und dabei Strategien entworfen, die allesamt in der Schlussfolgerung mündeten, angesichts seiner bedrohten Vormachtstellung sei es zwingend erforderliche, dass >>der Westen<< künftig wieder enger und entschiedener bei der Verteidigung seiner >>Werte<< zusammenarbeitet. […]
Bahnbrechend war in diesem Zusammenhang die Veröffentlichung von >>Global Trends 2015<< im November 2008. In diesem Gemeinschaftsprodukt sämtlicher US-Geheimdienste wurde nicht nur – erstmals – ein gravierender machtpolitischer Abstieg der Vereinigten Staaten, sondern auch zunehmende geopolitische Konflikte bis hin zu drohenden direkten militärischen Auseinandersetzung mit den Aufsteigern China und Russland prognostiziert. […]
In diesem Zusammenhang wird mit dem >>Transatlantischen Partnerschafts- und Investitionsabkommen<< (TTIP) das Ziel verfolgt, den >>neoliberalen Westen<< zusammenzuschweißen und unverbrüchlich gegen den >>staatskapitalistischen Block<< in Stellung zu bringen.“
(Jürgen Wagner – Expansion – Assoziation – Konfrontation: EUropas Nachbarschaftspolitik, die Ukraine und der Neue Kalte Krieg gegen Russland, Studie im Auftrag von Sabine Lösing, MdEP und der Fraktion der GUE/NGL im Europäischen Parlament, Juli 2015)