No 763

„Die AfD hat längst gelernt, damit umzugehen. Teile dieser Partei leben ihren Rechtsradikalismus inzwischen offen aus – auch im Fernsehen. In Sachsen-Anhalt etwa wird der Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft; die Behörde verweist unter anderem auf rassistische Forderungen und Verstöße gegen Menschenwürde und Demokratieprinzip. Und was macht der Politikjournalismus? Noch ein Höcke-Clip. Noch eine Distanzierungsfrage. Noch einmal zehn Minuten moralische Empörung. Die AfD sagt inzwischen häufig einfach: Nein, wir distanzieren uns nicht. Sie geht in die Konfrontation, macht weiter und verkauft genau diese Verweigerung anschließend als Beweis dafür, dass sie sich vom „System“ nichts sagen lasse. Wenn man sie dagegen einmal mit ihren konkreten politischen Vorhaben, ihren Widersprüchen und den Folgen ihrer Politik konfrontiert, wird es sehr viel interessanter. Aber genau diese Auseinandersetzung findet viel zu selten statt.
Und dann schaue ich auf SPD, Grüne und leider auch auf die Linke und sehe häufig das genaue Gegenteil: bloß nicht anecken, bloß nicht radikal wirken, bloß jeden Vorwurf ernst nehmen, bloß anschlussfähig an irgendeine imaginierte Mitte bleiben. Gerade eine Linke darf so nicht funktionieren. Eine Linke darf nicht staatstragend sein. Ihre Aufgabe kann nicht darin bestehen, bestehende Machtverhältnisse etwas sozialer zu verwalten und sich gleichzeitig von jedem Moderator erklären zu lassen, welche ihrer Positionen gerade noch gesellschaftlich akzeptabel sind.
Wenn ein Antisemitismusvorwurf Quatsch ist, dann muss eine linke Politikerin auch sagen können: Das ist Quatsch. Diese Unterstellung akzeptiere ich nicht. Wenn Vergesellschaftung politisch gewollt ist, dann soll sie sie verteidigen. Wenn Eigentumsverhältnisse, Rüstungspolitik oder große Vermögen angegriffen werden sollen, dann darf man das nicht im nächsten Satz wieder weichmoderieren, nur damit irgendwann vielleicht eine Koalition mit irgendeiner Partei möglich bleibt. Eine Rechte, die keinerlei Hemmung mehr hat, ihren politischen Gegensatz offen auszuleben, trifft auf eine progressive Politik, die teilweise panische Angst davor hat, überhaupt noch einen grundlegenden Gegensatz zu formulieren. Und parallel produziert der Journalismus weiter dieselben Distanzierungs- und Empörungsrituale, obwohl man inzwischen jahrelang beobachten konnte, dass sie Parteien nicht automatisch schwächen.“

(‚Nurder Koch‘, X-User – Tweet vom 21.9.2026, X-Kanal von ‚Nurder Koch‘, 21.9.2026)

1 Kommentar zu „No 763“

  1. Das was hier von „Nurder Koch“ geschrieben wurde, reflektiert meiner Meinung nach die philosophische / ideologische / politische Sackgasse in der sich viel, am Wohle der Menschen, interessierte Menschen bewegen.
    „Rechts“, „Links“, „Mitte“ sind Begriffe, die Ihre Bedeutung verloren haben, weil sie die Realität nicht mehr abbilden/beschreiben.
    Der Begriff „Links“ stammt aus der Zeit der französischen Revolution. Links saß der „Pöbel“ ergo das Volk. Rechts saß der Adel, der Klerus.
    Bis vor dem 2.Weltkrieg konnten „Linke“ Parteien noch mit der Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung weitgehend identifizieren werden. In der Zeit nach dem 2.Weltkrieg hat sich dies zunehmend verflüchtigt.
    Wenn vertreten die sich Links bezeichnenden Parteien heutzutage? Die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung? Mitnichten! Sie vertreten Partikularinteressen von Minderheiten bis hin zu verbrämten Machtinteressen der herrschenden Oligarchie!

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