Stephan Kaufmann: „Das Märchen von den Griechen“

Stephan Kaufmann liefert eine hervorragende Betrachtung der auf Griechenland fixierten Erzählung von der Eurokrise:

„Das Märchen von den Griechen“

Er zeigt sehr schön auf, dass die in der öffentlichen Debatte verwendeten Begriffe („Versprechen“, „Rettung“ etc.), die eigentlich dem zwischenmenschlichen Bereich entstammen, Assoziationen auslösen, die unter wirtschaftlicher und politischer Betrachtung der Sachlage höchst unangemessen sind. Die Analyse macht deutlich, wie derartig erzeugte Zerrbilder nicht nur zu Pseudoverstehen führen, sondern dazu beitragen, dass sich Partikularinteressen gegen Bevölkerungsmehrheiten durchsetzen können.

In der Kognitionswissenschaft wird zwischen unterschiedlichen geistigen Domänen unterschieden, die dem Menschen als Orientierungsgrundlage angeboren sind: einem System, das uns die Welt unter physikalischer Perspektive sehen lässt (Dinge fallen, können geworfen werden, stoßen einander an, zerbrechen etc.) und einem System, das die Welt unter psychologischer Perspektive darstellt (Dinge haben Absichten, Wünsche, fürchten sich, mögen sich etc.). Auffällig bei wirtschaftlichen Themen ist die große Kluft zwischen Mainstream-„Experten“ einerseits und der mit Erzählungen bei Laune gehaltenen Bevölkerung andererseits. Während Erstere Anhänger eines bis ins Lächerliche übertriebenen Physikalismus übertragen auf reale wirtschaftliche Gegebenheiten sind („der Markt“ als ein physikalisches Gleichgewichtssystem, siehe Neoklassik), lassen sich Letztere mit moralindurchtränkten (somit rein psychologisch erklärenden) Geschichten gegen jene aufbringen, die eigentlich genauso verloren haben, wie sie selbst (Stichwort: Lohnsenkung, Sozialabbau, Flexibilisierung, Prekarisierung und Wettbewerbsdruck, vulgo: Kapital ist leicht beweglich, Arbeit in ein soziales Umfeld eingebettet.) Doch diese beiden Extremsichtweisen verbindet der hegemoniale Faden des Neoliberalismus.

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