Thomas Konicz über Krisenkonkurrenz und psychischen Leidensanstieg

Thomas Konicz setzt sich mit den Befunden des Fehlzeiten-Reports 2012 (Wissenschaftliches Institut der AOK) auseinander, verknüpft sie mit weiteren Informationen zur psychischen Deformation unserer Arbeitsgesellschaft und stellt das Ganze in den Kontext unseres real existierenden Neoliberalismus:

„Die kränkelnde Arbeitsgesellschaft“

Bemerkenswert ist, wie die alarmierenden Zahlen des Reports auf der Pressekonferenz der AOK ins neoliberal konstruierte Weltbild eingepasst wurden:

„Flexibel zu arbeiten eröffnet für den Einzelnen und für die Unternehmen große Chancen. Wer selbst bestimmt, wo und wann er arbeitet, kann die Anforderungen von Beruf und Privatleben besser aufeinander abstimmen.“

Dies soll also in Zeiten der dauerhaften Massenarbeitslosigkeit der Fall sein, in denen nicht nur ein Hartz-IV Drangsal-System geschaffen wurde, das Angst und Schrecken verbreitet, sondern die externe Flexibilisierung (Stichwort: Outsourcing, Befristung, Leiharbeit, Werkverträge etc.) ungeahnte Ausmaße angenommen hat, so dass atomisierte und besorgt bis verängstigte Arbeitnehmer_innen mit historisch geschwächten Gewerkschaften einem Agenda 2010 dekorierten Unternehmenssektor gegenüberstehen, dessen Abwanderungsdrohungen politisch-mediale Glaubwürdigkeitshilfe erhielten.

Zurecht erinnert Konicz außerdem daran, welches Bild von Arbeit und Menschenwürde in diesem Land geradezu forciert wird:

„Ohne Lohnarbeit ist der Lohnabhängige ein Ausgestoßener, ein Aussätziger der Fetischgesellschaft, dessen sozialer Status weitaus niedriger angesetzt ist als der des elendsten Tagelöhners.“

Und er bemerkt: „Überdies werden die Arbeitslosen mit dem ganzen Folterinstrumentarium der Krisenverwaltung, das seit Hartz IV entwickelt wurde, dahingehend schikaniert, jedwede Arbeit anzunehmen.“

Wer Details zum entwürdigenden „Folterinstrumentarium“ des Hartz-Systems wünscht, sei etwa auf die Berichte von Ralph Boes verwiesen.

Wünschenswert wäre eine gesellschaftliche Debatte darüber, worum es bei der Lohnarbeit überhaupt geht und vor welche Zerrspiegel sich die Gesellschaft hat schieben lassen. Diese Debatte sollte natürlich durch eigene Überlegung und mitmenschlichen Dialog und nicht wie bisher durch Talkshow- und Bildzeitungsvorgaben getragen sein. Menschen sollten die Möglichkeit haben, ihr eigenes Hamsterrad mitzugestalten und sich nicht dauernd auf scheinbar naturgesetzliche Veränderungen zum bilanziert Schlechteren verweisen lassen. Technischer Fortschritt wird genauso wie globale Konkurrenz als Selbstzweck verkauft. Oder man tut so, als gäbe es keinen Einfluss auf ihre Konsequenzen. Dabei kann es sich bei einem technischen Fortschritt, der scheinbar notwendig auf Kosten des sozialen Fortschritts geht, doch nur um einen „zwecklosen Zweck“ handeln. Wenn die Menschen nämlich ihr eigentliches Fundament in dieser Welt, nämlich das psychische, dabei auf’s Spiel setzen. Tja, wäre Bewusstheit über die eigene Rolle im Produktionsapparat und ausgiebige Reflexion über Lebenssinn und Lebenszufriedenheit doch nur renditesteigernd: wir alle wären Philosophen.

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