Wir leben in einer Kultur geradezu menschenfeindlicher Münchhausenhaftigkeit. Abenteuerlich sind die Geschichten, die Tag für Tag von den mandatstragenden Wirtschaftsmarionetten und ihren auf bloße Weiterleitung gepolten Mainstreammedien willfährig in die Gesellschaftssphäre emittiert werden. Auf dass diese noch weiter durchsetzt werde von den altbekannten Giften, wie dem Nationalismus, dem Chauvinismus, dem Biologismus, dem Imperialismus und welche Ismen ähnlichen Schlags es sonst noch geben mag, die eines gemeinsam haben: dass sie nämlich Feinde der Idee menschlicher Würde waren und sind und in ihrem Endresultat das Übel auf der Welt nur vermehrt, nie jedoch geschmälert haben. Sie sind nichts weiter als Geburtsstätten schlechter Antworten (z. B. „Keine Hilfsgelder!“), auf falsche Fragen (z. B. „Warum dulden wir die Faulheit der Südeuropäer?“). Diese Antworten jedoch sind einfach und plausibel, weil sie die archaischen Anteile in uns bedienen, wie etwa Xenophobie oder unsere Neigung die Welt zu hierarchisieren. Zugleich suggerieren sie dem Konkretisten ins uns, dass sie hochrelevante Phänomene (z. B. Staatsschulden, Arbeitslosigkeit) mit vertrauten Alltagskonzepten verstehbar machen (z. B. Schmarotzerei, Leistungsverweigerung). Leider verschweigen sie dabei, dass es sich um den bloßen Eindruck des Verstehens handelt, mit dem nicht etwa eine belastbare Ursachenkenntnis einhergeht.
Es kommt zu öffentlichen Ankündigungen wie „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“, die begründet werden mit Aussagen wie „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“, und die Mehrheit nickt mit staatstragender Miene, ohne einmal zu hinterfragen, was in einer Volkswirtschaft „über die Verhältnisse gelebt“ eigentlich bedeutet, wer mit „wir“ gemeint ist, wer „den Gürtel enger schnallen“ soll, was darunter zu verstehen ist und inwiefern es sich als kausale Therapie welcher Probleme genau anbietet. Was bedeuten Slogans wie „Vorfahrt für Arbeit“ und „sozial ist, was Arbeit schafft“? Bedeuten sie, dass Arbeit gleich welcher Art ein Zweck an sich ist und nicht etwa dekomponierbar sein muss in Aspekte wie sinnvolle, fähigkeitserweiternde Tätigkeit mit sozialen Bezügen und soziokultureller Existenzsicherung? Soll die antike Sklavenhaltergesellschaft als Modell zukünftiger sozialer Marktwirtschaften dienen? Ist die Mehrheit der Menschen in erster Linie Träger des Faktors Arbeit, der im wirtschaftlichen Prozess den Kapitalbesitzern, somit also der Minderheit ihren Mehrwert zu gebären hat, auf dass dieser Mehrwert sinnentleert und bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag gemehrt werde und dabei noch weitere Milliarden Existenzen ihrer Freiheit, Muße und Träume beraubt?
Wem dies zu pathetisch klingt, der halte sich vor Augen, welche irrwitzigen Debatten geführt werden. Debatten über eine Wochenarbeitszeit von 45 Stunden, über ein Renteneintrittsalter von 69 oder gar 70. Debatten darüber, dass ArbeitnehmerInnen zunehmend das unternehmerische Risiko mitschultern müssten, indem sie mehr „Eigenverantwortung“ (z. B. Zielvorgaben ohne unternehmerische Prüfung auf Realisierbarkeit) und mehr Flexibilität (z. B. Befristung und Leiharbeit) zu ihren Pflichten zählen müssten. Dabei sollen sie Lohnzurückhaltung üben und dem Rentenniveau bei seinem Wettlauf auf die Zielmarke „garantierte Altersarmut“ zuschauen. Sie sollen privat vorsorgen für Alter, Krankheit und Studium der Kinder und hierfür an die Wahlurnen laufen, um Endorphin ausschüttende Sätze wie „Mehr Netto vom Brutto“ zu honorieren, auf dass zumindest die Versicherungswirtschaft ein goldenes Zeitalter erlebt, wenn sie selbst doch in das eiserne Zeitalter des Neoliberalismus hineinbetrogen wurden.
Sie könnten sich jedoch auch emanzipieren von den Rollenvorgaben als bloßer Mehrwertbeschaffer, als bloßer Konsument oder von der Rolle als „leistungswilliger Mitläufer“ (Hannah Arendt). Sie könnten dazu übergehen, danach zu fragen, warum eine beständig real wachsende Wirtschaft offenbar immer weniger für die Mehrheit der Gesellschaft übrig hat, der sie doch dienen soll. Warum das Bruttoinlandsprodukt zwar größer wird, eine schrumpfende Bevölkerung (Stichwort: demographischer Wandel) dabei jedoch immer leerer ausgehen soll. Warum das Geldvermögen hierzulande zwar wesentlich schneller steigt (1999: 3539 Mrd. EUR, 2009: 4726 Mrd. EUR) als die Staatsverschuldung (1999: 1199 Mrd. EUR, 2009: 1657 Mrd. EUR), dennoch aber von einem Generationenproblem gesprochen wird, hingegen nicht von einem Verteilungsproblem, wie die Statistik zur Vermögensverteilung etwa nahe legt, indem sie aufzeigt, dass die obersten 10% der Bevölkerung mehr als 60% des Gesamtvermögens besitzen, hingegen die unteren 50% nahezu kein Vermögen besitzen. Sie könnten fragen, wo diese Entwicklungen enden werden, wenn ausgleichende Mechanismen immer weniger in Mode sind. Sie könnten fragen, was die arbeitende Bevölkerung von dauerhaften Exportüberschüssen haben soll. Sie könnten fragen, wer der Schuldner der Exportüberschüsse ist und wer der Gläubiger der Staatsschulden. Sie könnten fragen, was Geld ist, welche Aufgaben es eigentlich zu erfüllen hätte und welche es gegenwärtig tatsächlich erfüllt.
Das alles könnten sie fragen und würden durch die Antworten, die sie erhalten, zumindest wenn sie nicht jeder erstbesten von ihnen Glauben schenken, immer unnachgiebiger. Sie würden mehr und mehr die Lust an der Benutzeroberfläche zur gesellschaftlichen Pseudoorientierung verlieren und müssten immer weniger den geradezu großmütterlichen Wirtschaftserklärungen der Meinungsmacher nachlaufen, die durchsetzt sind von Psychologisierungen und wirtschaftliche Entwicklungen attribuieren auf Einzelverhalten und Dispositionen, wie es etwa die Begriffe „Anreizmangel“ oder „Sparwille“ ausdrücken. Wenn die negativ Betroffenen oder auch der Citoyen (so es diesen denn noch gibt) die etablierte Münchhausenhaftigkeit jedoch nicht durch kritische Nachfragen auf den bloßen humoristischen Wert reduzieren, sondern weiterhin Leitfaden politischer Entwicklungen sein lassen, werden sie zunehmend weniger Zeit und Möglichkeiten zum Fragen haben, weil die Auswirkungen der anfangs genannten verführerischen Alternativerklärungen jedweden argumentativen Zugang versperrt haben dürften.