Über die Quatschigkeit der Wohlstandsverteilung

Gern werden in Mainstreampolitik und –medien die massiven weltweiten finanziellen Ungleichheiten thematisch entweder komplett ausgespart, nur einseitig beleuchtet oder relativiert. Schädliche Ungleichheiten bestehen hierbei nicht nur zwischen den einzelnen Staaten, so etwa Entwicklungsländern als Schuldnern und entwickelten Ländern als Gläubigern, sowie auch entwickelten Ländern untereinander (z. B. USA und Deutschland), sondern ebenso zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor (Staatsschulden), v. a. jedoch zwischen den Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Landes.

Hierbei lässt sich das Bild einer sich vergrößernden Gruppe sozial massiv benachteiligter Menschen, die von wirtschaftlicher Teilhabe durch Arbeitslosigkeit oder Niedriglohn weitestgehend abgekoppelt sind, seit längerem auch in Deutschland beobachten. Auf der oberen Seite der Vermögens- und Einkommensverteilung findet man Menschen, die nicht nur über einen unbegreifbar größeren Wohlstand als die übrige Bevölkerung verfügen, den sie zudem häufig per Erbrecht leistungslos ausüben, sondern die auch immer höhere Zuwächse verzeichnen und beinahe das sämtliche Wirtschaftswachstum auf sich vereinigen.

Nun muss man wissen, dass die Schulden der einen stets die Forderungen der anderen sind und dass alles Geld durch Verschuldung in den Wirtschaftskreislauf gelangt. Dieser Umstand muss per se keine Destruktivität nach sich ziehen, wird dies aber tun, wenn er nicht durch entsprechende langfristige Umverteilungsmechanismen gesteuert wird. Dies war ursprünglich auch von den Gründern der sozialen Marktwirtschaft angedacht, wie es sich z. B. bei Ludwig Erhard nachlesen lässt:

„… So wollte ich jeden Zweifel beseitigt wissen, daß ich die Verwirklichung einer Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand da der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden.
Diese überkommene Hierarchie war auf der einen Seite durch eine dünne Oberschicht, welche sich jeden Konsum leisten konnte, wie andererseits durch eine quantitativ sehr breite Unterschicht mit unzureichender Kaufkraft gekennzeichnet. Die Neugestaltung unserer Wirtschaftsordnung musste also die Voraussetzungen dafür schaffen, daß dieser einer fortschrittlichen Entwicklung entgegenstehende Zustand und damit zugleich auch endlich das Ressentiment zwischen ‚arm‘ und ‚reich‘ überwunden werden konnten. Ich habe keinerlei Anlaß, weder die materielle noch die sittliche Grundlage meiner Bemühungen mittlerweile zu verleugnen. Sie bestimmt heute wie damals mein Denken und Handeln.”[1]

Als nachhaltige und gerechtigkeitsfördernde Umverteilungsmechanismen dienen etwa Löhne, die mit dem Wirtschaftswachstum Schritt halten, sinnvolle Nachfrage schaffen (z. B. nach Bildung und Pflege) und nicht lediglich als Kosten im Kalkül der Kapitalbesitzer betrachtet werden, die zu dämpfen oberstes Ziel ist. Es braucht Steuern  und Vermögensabgaben, die irrwitzige Ungleichheiten dämpfen und so Sozialsysteme finanzierbar machen, die die Bevölkerung von ihren Existenzängsten und den damit verbundenen Folgeerscheinungen (z. B. Apathie, Fremdenhass) befreien.

In Deutschland wird schnell das Wort „Neid“ als diskreditierender Abwehrschild gegen jedwede Bemühungen eingesetzt, die darauf abzielen, einmal darüber ins Gespräch zu kommen, wer eigentlich was und aus welchen Gründen vom gesellschaftlichen Reichtum erhält. Ebenso wäre eine Diskussion darüber interessant, welche Funktionen Geld eigentlich erfüllen sollte und welche es unter den jetzigen Umständen tatsächlich erfüllt.

Eine Vermögensanhäufung, die sich in keiner natürlichen Bedürfnisbefriedigung mehr niederschlagen kann, da auch der verschwenderischste Lebensstil keine Milliarden Euro aufzuzehren vermag, die hingegen machtmotivierten Größenideen entspringt und nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig durch schädliche Finanzspekulationen, statt der Schaffung nachhaltiger Strukturen (z. B. Umwelttechnologien, Bildung) auf Kosten der Allgemeinheit geht, kann nicht im Interesse selbiger Allgemeinheit liegen.

Wer sich für die Thematik der Ungleichheit interessiert, die als Dreh- und Angelpunkt wirtschaftlicher und in der Folge gesellschaftlicher Entwicklungen weltweit gelten kann, möge sich einen ersten Faktenüberblick für Deutschland z. B. durch folgende Quellen verschaffen:

 

DIW:

– „Polarisierung der Einkommen: Die Mittelschicht verliert“

Quelle:

http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.357513.de/10-24.pdf

– „Staatsverschuldung und gesamtwirtschaftliche Vermögensbilanz: Öffentliche Armut, privater Reichtum“

Quelle:

http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.364647.de/10-50.pdf

– „Alterssicherungsvermögen dämpft Ungleichheit – aber große Vermögenskonzentration bleibt bestehen“

Quelle:

http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.345838.de/10-3-1.pdf

 

Auch ein Blick auf die Lohnquote im historischen Vergleich ist sehr

aufschlussreich:

WSI:

– „Anhaltende Verteilungsdramatik – WSI-Verteilungsbericht 2008“

Quelle: http://www.boeckler.de/pdf/wsimit_2008_11_schaefer.pdf

– „Zukunfstgefährdung statt Krisenlehren – WSI-Verteilungsbericht 2010“

Quelle: http://www.boeckler.de/pdf/wsimit_2010_12_schaefer.pdf

 

Und eine Studie zur Einkommenssituation im internationalen Vergleich, in der auch Deutschland betrachtet wird:

OECD:

 

– „Growing Unequal? Income Distribution and Poverty in OECD Countries“

Quelle:

http://www.oecd.org/document/4/0,3343,en_2649_33933_41460917_1_1_1_1,00.html

– Zusammenfassung für Deutschland: http://www.oecd.org/dataoecd/45/27/41525386.pdf

 

Hierbei handelt es sich nur um die Binnenproblematik des deutschen Wirtschaftssystems. Wählt man einen internationalen Bezugsrahmen, um die externe Wirtschaftsmechanik erdrückender deutscher Exportsalden zu betrachten und bezieht man die Kausalität der Niedriglohnentwicklung mit ein, wird der weltwirtschaftliche Schaden sichtbar und es verdeutlicht sich, dass es nicht allein um soziale Fragen geht.


[1] Erhard, L. (1957). „Wohlstand für alle“, S.7, München: Econ Verlag.

Schreibe einen Kommentar