Hat man sich erst einmal dazu entschieden, auf den gesellschaftlichen Rahmen zu schauen, in dem sich das eigene Leben ereignet, dies jedoch nicht aus dem Wunsch heraus, mit vermeintlich allumfassenden Theorien zu hantieren, die einem vornehmlich symbolisches Kapital anhäufen helfen, sondern schlicht aus dem Bedürfnis nach äußerer Konsistenz, will man sich also auf nüchterne Weise nicht mehr mit den lieblos gebastelten Potemkin-Dörfern abspeisen lassen, die ein jedes System zu seinem Machterhalt benötigt, bleibt noch die Frage nach der Ebene, auf der die eigene Kritik am Bestehenden ansetzt.
So kann man die immense Verschwendungssucht beklagen, die sich vornehmlich in der nördlichen Hemisphäre auf Kosten der Ökologie des Planeten ereignet, ohne dabei jedoch genauer auf die aufrechterhaltenden Bedingungen von Konkurrenz und Befriedigungsersatz sinnentkernter Lebensverhältnisse im Dienste von Profitmaximierung einzugehen. Oder man kann detaillierter in den Innenraum der Machtmechanik schauen und sich überlegen, warum es nicht einmal gelingt, die widerlichste Form des zeitgenössischen Kapitalismus, den Neoliberalismus, abzuschaffen, obwohl er im Grunde nicht einmal die künstlich erzeugten Bedürfnisse der meisten Menschen bedient – ich halte Masochismus für nicht mehrheitsfähig – und auch historische Vorgänger hat, die sich zumindest als weniger hässlicher Bruder darstellen. Oder man kann Ausschau halten nach solchen Begebenheiten, die sich weniger auf gesellschaftliche Ideologien zur Aufrechterhaltung von Macht beziehen als auf primitive Interessen, die mit der Brutalität der Möglichkeit umgesetzt wurden, nicht nur an der Öffentlichkeit vorbei, sondern auch am überwiegenden Teil jener, die als unmittelbar Verantwortliche (z.B. Parlamentarier*innen) auserkoren wurden.
Wer den Blick gerade in letztere Bereiche lenkt, wird sich wohl mit den schärfsten Abwehrmechanismen konfrontiert sehen, da das Geschehene sich wahrlich auf keine Weise mehr legitimieren oder in seiner Verantwortung diffundieren lässt. Mit derartigen Begebenheiten hat sich u.a. der Historiker Daniele Ganser auseinandergesetzt. Er ist in seiner Dissertation dem Stay-behind-Netzwerk nachgegangen, das in zahlreichen Ländern damals als geheime Struktur zur Abwehr möglicher Bedrohungen aus den Staaten des Warschauer Paktes von der NATO (am Parlament vorbei) installiert wurde und im Falle Italiens unter dem Namen „Gladio“ staatlichen Terrorismus verübt hat, um selbigen hinterher kommunistischen Kräften in die Schuhe zu schieben und so in der Bevölkerung das Bedürfnis nach mehr staatlichen „Sicherheits“maßnahmen aufkommen zu lassen. In einem sehr informativen Vortrag an der Universität Basel aus dem Jahr 2009 geht Daniele Ganser neben diesem Thema auch noch auf die Ereignisse des 11.September 2001 ein und zeigt dabei auf, welche Ungereimtheiten, und somit welcher Forschungsbedarf, hier weiterhin verbleibt:
„Die NATO und ihre Geheimarmeen“ (Dr. Daniele Ganser)
Herr Ganser geht auch kurz darauf ein, wie eine Auseinandersetzung mit derartigen Themen durch das Abwehrlabel „Verschwörungstheorie“ erschwert wird. Um nicht missverstanden zu werden: Auch ich bestreite nicht, dass es empirisch hanebüchene Verschwörungstheorien gibt, wie könnte dem auch anders sein in einer Welt vieler Milliarden Menschen, in der so viele Geschehnisse zentraler öffentlicher Relevanz nicht nur schwer zu durchschauen, sondern eben auch dem eigenen Nahumfeld weit entfernt liegen. Doch sollte man sich fragen, wie diese Kategorie eigentlich verwendet wird und an welchen Stellen sie womöglich reflexartig hervorgeholt wird, um Dinge zu diskreditieren, die trotz empirischer Anfangshinweise so gar nicht ins eigene Weltbild passen. Eine pauschale Ablehnung weltbildkonträrer, jedoch relevanter Fragen wäre jedenfalls eine überaus unwissenschaftliche (wenn auch sehr weit verbreitete) Haltung, die sich zudem im Falle der NATO-Geheimarmeen auch als borniert erwiesen hat, da deren Existenz spätestens durch Untersuchungsausschüsse u.a. des italienischen Senats nachgewiesen werden konnte, wodurch nun also eine „offizielle“ bestätigende Version der Geschehnisse vorliegt, deren Erkenntnisse allerdings bis heute den aller meisten Menschen unbekannt sein dürften.
Wer sich mit dem zu Weilen missbrauchten Label „Verschwörungstheorie“ auseinandersetzen will, sei noch auf einen Text aus der Soziologie verwiesen, der sich mit dieser Art von Abwehrmechanismus zur Aushebelung berechtigter Fragen rund um Macht, Korruption und Motiv beschäftigt:
„Dangerous Machinery: >>Conspiracy Theorist<< as a Transpersonal Strategy of Exclusion“ (Husting & Orr, 2007)