Wenn Theorien sich Realitäten schaffen

So wie der Fisch das Wasser nicht bemerkt, das ihn stets umgibt, – eben gerade weil es ihn stets umgibt – laufen wir Gefahr, eine Theorie nicht zu bemerken, von der wir ständig umgeben sind. Was nicht variiert, wird nicht wahrgenommen. Und so wird wohl auch eine wirtschaftliche Theorie nicht als eine solche erkannt, wenn es an öffentlich wahrnehmbaren Dissidenten fehlt. Solch eine Theorie – also Struktur von Konzepten zur Erklärung bestimmter Phänomenbereiche, deren Güte sich (eigentlich) in der Anzahl ihrer korrekten Vorhersagen bemisst – wird dann allzu leicht mit dem verwechselt, was sie nicht ist: eine nüchterne Beschreibung der Welt.

Gemeint ist hier die neoklassische Theorie, wie sie nun schon seit Jahrzehnten Universitäten, internationale Institutionen und öffentlich ausgewiesene „Wirtschaftsexperten“ gekapert hat, ihre Schlussfolgerungen als politisches Programm des „Neoliberalismus“ der realen Welt aufprägte und auch nach der Finanzkrise weiterhin aufprägt und nicht zuletzt auf unbewusste Weise das Alltagsdenken des Mainstream nicht nur hierzulande durchzieht, erkennbar an ihren konsekutiven Tugenden, wie sie ihren Einzug in die Sprache gefunden haben: Wettbewerbsfähigkeit, Lohn„kosten“, Steuer„last“, kapitalgedeckte Altersvorsorge, Privatpatient, privates Bildungssparen, Universitäten als Unternehmen, Studierende als Kunden, Privatisierung, Deregulierung, Flexibilisierung… in summa: Roulette für die Lebensverhältnisse des Einzelnen, Solidarität war vorgestern.

Schauen wir uns das Ergebnis an, hat dieser theoretische Ansatz, bzw. seine Handlungsanweisungen, v. a. eines hervorzubringen geholfen: multiple und lähmende Ungleichheiten weltweit. Diese bestehen krasser denn je zwischen Lohneinkommen und Kapitaleinkommen, hohen und niedrigen Löhnen, öffentlicher Verschuldung und privatem Vermögen, sowie innerhalb der Verteilung privater Vermögen, aber auch dramatisch im Außenhandel zwischen Staaten.

Doch es gibt sie, die Dissidenten und es ist an jedem von uns, sie zu Wort kommen zu lassen. Thomas Trares etwa beschreibt in seinem Artikel „Ökonomenkritik“, wie sich die Neoklassik an der klassischen Physik ein Beispiel nehmen will, auf diese Weise jedoch die Mathematisierung wirtschaftlicher Phänomene auf Kosten des Realitätsgehalts vornimmt und Marktzusammenhänge als Naturgesetze ausgibt. So suggeriere sie eine Genauigkeit auf mehrere Nachkommastellen unter vollständiger Ausblendung erklärungsbedürftiger Entwicklungen. Heiner Flassbeck schildert in „Glasperlenspiel oder Ökonomie“ den bedauerlichen Umstand, dass gerade die Jünger der neoklassischen Theorie mit ihren Zirkelschlüssen eine herausragende Reputation als Politikberater genießen. Silja Graupe stimmt in „Monokultur des Denkens hemmt den Fortschritt“ mit ein und stellt die weltweite Reduzierung der Volkswirtschaftslehre auf eben jene Theorie dar, die „das ingenieurwissenschaftliche Formelinstrumentarium des 19. Jahrhunderts auf die soziale Welt zu übertragen“ lehrt, als einen Dienst im Sinne der Machthabenden. Wolfram Elsner eröffnet in seinem Vortrag „Der Beitrag des ökonomischen Mainstream zum Kasino-, Krisen- und Katastrophen-Kapitalismus – und Perspektiven der heterodoxen Ökonomik“ einen größeren historischen Horizont der Wirtschaftswissenschaften und verweist darauf, dass zentrale Annahmen der neoklassischen Theorie schon vor Jahrzehnten widerlegt wurden. André Orléan geht in dem Radiointerview „Ökonomie – Sozialwissenschaft wider Willen?“ u. a. auf die verkürzte Betrachtungsweise speziell der Neoklassik ein, die den Wert einer Sache als Fundament der Preisfindung wie eine objektive, gegebene Größe behandelt und hierbei starke Zusatzannahmen z. B. in Form des homo oeconomicus unternimmt, dem als Wirtschaftsakteur zukünftige Ereignisse vollständig vor Augen liegen und der keinen gesellschaftlichen Einflüssen unterliegt. Tobias Kröll beschäftigt sich mit dem wirtschaftspolitischen Ziehsohn der Neoklassik und pointiert in „Die Ideologie des Neoliberalismus als kulturelles Kapital“ das Wechselspiel von Theorie, Politikberatung, Medien und Öffentlichkeit, wodurch schließlich das „Modell der Realität zur Realität des Modells“ gemacht werde.

Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn soll die Popper´sche Ansicht, dass wissenschaftliche Theorien dadurch verschwinden, dass sie widerlegt werden, um die Zusatzbedingung erweitert haben, dass sie nicht nur widerlegt werden, sondern auch ihre Vertreter aussterben. Wollen wir hoffen, dass dies nicht immer der Fall sein muss. Dass jedoch auch Vertreter einschlägiger Institutionen mit neuem Denken in die Öffentlichkeit treten, wie dies der Chefökonom des IWF erst tat, mag hierbei als Lichtblick gewertet werden.

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