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Steinmeier vs. Milliardär Hanauer – der Geisterfahrer und sein ungehörter Mahner auf dem Highway des Kapitalismus

Anfang der 2000er Jahre gehörte es ja noch weitgehend zum „fabrizierten Konsens“ (Chomsky) besonders hierzulande, dass Reiche sich ihren Reichtum größtenteils durch Leistung verdient hätten, dass der Sozialstaat ein ineffektives Unterfangen sei (Stichwort: „soziale Hängematte“) und dass Steuererhöhungen auf Kapital und Vermögen Arbeitsplätze kosteten. Mittlerweile lässt sich allerdings nicht mehr verschweigen, dass auch innerhalb der industrialisierten Länder der Welt erneut eine Ungleichheit zwischen Arm und Reich besteht, wie man sie zuletzt vor der 1929er Krise beobachten konnte, dass diese Ungleichheit von Jahr zu Jahr wächst und dass keine Trendwende in Sicht ist, wenn nicht entschieden eingegriffen wird, um über die Primärverteilung (Lohn vs. Gewinn) oder zumindest die Sekundärverteilung (Steuern) etwas zu ändern. Selbst etablierte Institutionen des neoliberalen Kapitalismus, wie etwa der IWF oder die OECD, haben dies teilweise erkannt und in ihren Analysen dargelegt. Die Geschichte vom Trickle-Down-Effekt (man stopfe die Reichen, und die Armen würden kräftig von den Resten profitieren) kann mittlerweile an jeder Ecke durch entsprechende Darstellungen als Märchen entlarvt werden. Der ganze Graben zwischen Arm und Reich und das System zu seiner Vertiefung hat sogar solche besorgniserregenden Maße angenommen, dass seit längerem auch manch Großkapitalist regelmäßige Warnungen an die politisch Verantwortlichen aussendet, wie dies etwa Multimilliardär Warren Buffett mit seiner berühmten Feststellung vom Klassenkampf der Reichen gegen die Armen, den die Klasse der Reichen eindeutig gewinne, es jedoch nicht sollte, bereits 2006 getan hat.

Kürzlich hatte sich auch noch Multimilliardär Nick Hanauer zu Wort gemeldet, um seinen reichen Kumpels mit ihren systemzerstörerischen Falscherzählungen die Leviten zu lesen („Ich sehe Mistgabeln“). Nun ist auch ein Kurzvideo von einem Vortrag an der TED University zu sehen, in dem er in wenigen Minuten noch einmal darauf verweist, wie Wirtschaften eigentlich funktioniert, dass es nämlich nicht die Unternehmer sind, die Arbeitsplätze schaffen, sondern die Beschäftigten selbst, da sie als Kunden jene Nachfrage erzeugen, die den Unternehmen erst die Möglichkeit eröffnet, Beschäftigung anzubieten:

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=bBx2Y5HhplI)

Wer nun meint, bei diesem Zusammenhang handelte es sich doch um eine Trivialität, der  oder die unterschätzt die ideologische Verblendung der Eliten nach mehreren Jahrzehnten Neoliberalismus. Natürlich, es ließe sich leicht aufzeigen, dass Steuersenkung und Lohndrückerei nicht etwa Arbeitsplätze schafft, wie man es den Leuten weiß machen will. Ein Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland macht dies sehr schnell recht deutlich. Deutschland hat sich besonders im letzten Jahrzehnt ja durch umfassende gesamtwirtschaftliche Lohndrückerei ausgezeichnet, so sehr wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Und es hat auch seine Steuern für Unternehmen und Reiche so stark gesenkt, wie nie zuvor. Doch was ist das Ergebnis? Die Unternehmen investieren so wenig wie nie zuvor:

Nettoanlageinvestitionen Privatsektor

Man überlässt den Reichen also zusätzliches Geld, nimmt es primär (Lohn) und sekundär (Steuern, Stichwort: Mehrwertsteuererhöhung) den Beschäftigten, RentnerInnen und SozialgeldempfängerInnen und was passiert? Die Unternehmen investieren weniger in Anlagen und Maschinen als je zuvor. Warum sollten sie auch anderes tun? Es gibt ja keine zusätzliche Nachfrage, wenn sich die Beschäftigten durch finanzielle Verknappung die Güter, die sie selbst produziert haben, hinterher gar nicht mehr in dem Umfang leisten können, da man ihnen den Lohn gekürzt und auch dem Staat durch Steuersenkung eine zusätzliche Nachfrage untersagt hat.1

Diese Zusammenhänge sind eigentlich einfach, wo jedoch die Interessen groß und die finanzielle, somit also die politische Macht noch größer ist, da kann man sie getrost unter den Tisch fallen lassen und weitermachen wie bisher, ja sogar noch Wahlen gewinnen, trotz Plünderung der Mehrheit und sich das Label „Sozialdemokrat“ anhängen, um dann stolz mit den Steuersenkungserfolgen und Sozialstaatszertrümmerungsprogrammen zu prahlen, wie dies erst Steinmeier 2013 auf dem Deutschen Arbeitgebertag tat:

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=ZiH20g2vWF4)

Die Sozialdemokraten haben sie verpasst, die Ausfahrt zur Realität und die wahlbefähigte Bevölkerung hierzulande leider mit ihnen. Vielleicht sollte Milliardär Hanauer auf Deutschland Tournee gehen. Die hunderttausenden Jubilierenden wie die deutsche Fußballnationalmannschaft wird er mit seinen Botschaften freilich nicht zusammenkriegen, doch bei seiner Thematik geht es ja auch um Wesentlichkeiten, und Wesentlichkeiten scheinen so gar nicht mehr im Trend zu liegen. Sehr Schade.

  1. Deutschland hat hierbei sogar noch die Möglichkeit durch Exportüberschüsse gehabt, die Nachfrage aus dem Ausland abzugreifen, doch auch dies konnte die mangelnde Nachfrage der Beschäftigten und staatliche Nachfrage nicht komplett ausgleichen, so dass es durch gut ausgelastete Kapazitäten zu umfassenden Nettoinvestitionen gekommen wäre. []

Jascha Jaworski

14 Kommentare

  1. Jau, genau so ist es – Danke für diesen Artikel!
    Ergänzend könnte man noch hinzufügen, dass die Vorstellung, die Zentralbanken könnten Inflation erzeugen (Monetarismus), eindeutig falsch ist.
    Heiner Flassbeck hat klar dargelegt, dass die Inflation maßgeblich durch die Lohnstückkosten bestimmt wird – die Löhne machen die Preise!
    Deshalb laufen die Programme der Notenbanken in Japan, USA und der Eurozone ins Leere. Die Nachfrage fehlt!
    Dazu diese Charts bzw. dieser Vortrag von Flassbeck:

    http://www.levyinstitute.org/conferences/minsky2014/flassbeck_s4.pdf (Charts)

    http://www.youtube.com/watch?v=_iWFk1AmplY (Vorträge)

    LG Traumschau

  2. Ein sehr guter Artikel. In dem Zusammenhang erinnere ich mich auf einen kürzlich erschienenen Bericht in der FAZ, indem in fast unschuldiger Offenheit die Aussagen von Flassbeck bestätigt wurden: dass die Großunternehmen heutzutage nicht Nettoschuldner sind (wie es richtig wäre), sondern Nettogläubiger. Die Situation ist absurd und das Resultat einer gescheiterten Politik. Seit Kohl u. Schröder wurde behauptet, dass Unternehmen höhere (Real-)Investitionen leisteten, wenn man ihnen nur einen größeren Teil des Volkseinkommen überließe. Empirisch wurde das Gegenteil berichtet: an (Real-)Investitionen wird nicht im Traum gedacht; die Unternehmen verhalten sich vielmehr wie Zockerbanken. Weil Sie zu viel Geld haben und keine lukrativen Anlagemöglichkeiten sehen, die höher als eine mickrige Festgeldverzinsung rentiert.

  3. All das ist nicht verwunderlich, im geschichtlichen Zusammenhang betrachtet.

    Die SPD [und auch die DGB-Gewerkschaften] wurden schon frühzeitig von außen durch die Union [besonders in den 1950-60ern] mittels der Kommunismus- und Marxismuskeule bearbeitet, aber auch danach bis heute sowie von innen durch rechte SPDler [in den 1970ern Kanalarbeiter, heute Seeheimer], so dass die SPD wie auch die DGB-Gewerkschaften intellektuell wie ideologisch nach und nach entwaffnet wurden. Stets wurden Marxisten aus der SPD [und den DGB-Gewerkschaften] vertrieben oder aus der Partei ausgeschlossen. Man gucke sich mal das bis 1959 gültige Görlitzer und Heidelberger Programm der SPD an und dann das Godesberger Programm, worin schon ein scharfer Antikommunisums enthalten war.

    http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0004_spd&object=pdf&st=G%C3%B6RLITZER%20PROGRAMM&l=de

    http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0013_god&object=pdf&st=GODESBERGER%20PROGRAMM&l=de

    Das Besitzbügertum [Milliardäre & Multimillionäre] und ihre politischen Vertreter der Laissez-faire-Wirtschaftsliberalen [‚Neoliberale‘] eroberten sich die im Krieg und insbesondere in der Nachrkriegszeit teilweise verlorengegangene politische Macht ab den 1970ern zielstrebig über Jahrzehnte zurück.

    Erster Ausfluss dieser Politik war das Lambsdorff-Tietmeyer-Papier, mit dem die sozialiiberale Koalition beendet und der Burgfrieden zwischen Arbeiterbewegung und dem rabiateren Teil des Besitzbürgertums von eben demselben aufgekündigt wurde.

    http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0079_lam&object=pdf&st=&l=de

    Von da ab zieht sich eine Spur der Verwüstung der Gesellschaft durch die neuere deutsche Geschichte. Im Osten wurden nach der Wiedervereinigung dann auch folgerichtig alle üblen Konzepte zur Niederringung und Unterwerfung der Menschen ausprobiert.

    Schon unter Kohl wurden Arbeitnehmerrechte geschliffen und der Staat hemmungslos ausgeplündert, wie man in dem ‚Schwarzbuch Helmut Kohl‘ von Bernt Engelmann nachlesen kann.

    http://de.scribd.com/doc/22817557/Schwarzbuch-Helmut-Kohl

    Schröder perfektionierte das Ganze mit seiner Agenda 2010 zu einem perfiden Unterjochungssystem [SGB II] und setzte damit auf die Politik Kohls noch oben etwas drauf.

    Dass Schröder 2005 in Davos vor den Milliardären und Multimillionären mit vor Stolz geschwellter Brust seine Vollzugs- und Erfolgsmeldung verkündete, ist da nicht weiter überraschend. Es ist der Endpunkt einer langen Entwicklung.

    ‚… Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt. …‘

    Fast überflüssig zu erwähnen, dass die SPD deshalb den gesetzlichen Mindestlohn seit 2002 verhinderte und hintertrieb.

    http://www.linksfraktion.de/nachrichten/weg-flaechendeckenden-gesetzlichen-mindestlohn/

    Es fügt sich eben alles zusammen.

  4. Der Beitrag mag aus Arbeitgebersicht Sinn machen, ja, er stellt auch den derzeitigen Status Quo in unserem Land – und auch den USA richtig da.
    ABER, solange die Konsumideologie bei den Massen von teils erschreckender Dummheit und selbstzerstörerischer Sucht nach schwachsinnigen Gütern gepolt ist, dürfte ein radikaler Kaufkraftentzug und damit eine Schrumpfung der Wirtschaft das einzig mögliche Mittel sein, die Massen zum Nachdenken zu bewegen!
    Wer arm und ohne Kaufkraft seinen Alltag meistern muss, der besinnt sich wieder auf die wesentlichen Dinge des Lebens, er sollte es als seine Chance betrachten, seine Chance dem Konsumwahn den Rücken zu kehren, und sei es eben gezwungenermaßen!
    Würden die Massen in den letzten Dekaden die gleichen Kaufkraftzuwächse erhalten haben, würden nicht die erwirtschafteten Mittel, der Reichtum auf immer weniger Menschen konzentriert, wäre wohl unsere Umwelt schon völlig am Ende.
    Sollte jemals Vernunft das Sein der Menschen auf diesem Planeten bestimmen, dann wird der Mensch automatisch für eine gerechte Verteilung sorgen, da dann Privateigentum als das erkannt ist, was es ist – die Initialzündung zur Magdeburgisierung des sozialen Wesens Mensch, was übrig bleibt ist ein Wettkämpfer, ein Eigennutzoptimierer, der sich schlicht keine Gedanken um seine Nächsten macht, solange er nur genügend Erfolge feiert, in seinem Raff- und Sammelwahn.
    Gib eine Arbeitslosen einen sehr gut bezahlten Job, oder schenke ihm eine Million Euro – er wird von Null auf Hundert zum Konsummonsturm werden, ein Glück, die 10 Millionen Niedriglöhner verhalten sich wenigstens halbwegs Vernünftig was den Konsum betrifft – schlicht, weil sie keine Zähne mehr haben, die Ökosysteme zu zerreißen.

    Nur wenige Menschen die hohe Kaufkraft generieren, nutzen diese um soziale Löcher zu stopfen und dort wo Not herrscht zu helfen – die meisten bauen eine Statusfassade auf, konsumieren in teils aberwitzigen Dienstleistungsbereichen (was den dortigen Leistungserbringern erlaubt – ihrerseits die Statusfassade aufzubauen!) und stellen den Finanzfaschisten ihre Vermögen zur Verfügung um die Welt in den Abgrund zu jagen!
    So zynisch es klingen mag – nur ein armer Mensch ist ein Mensch der die Umwelt in Ruhe lässt – zumindest in unseren Breiten.
    Die absolut armen Menschen müssen teils ihre Umwelt völlig vernichten, um kurze Zeit überleben zu können, wir sind sogar zu dumm, diese Systematik abzustellen, indem wir dort helfen.
    In meinen Augen ist eure soziale Zielsetzung leider zu kurz gedacht – ihr impliziert wohl, mit der Kaufkraft der Masse, käme plötzlich auch die Vernunft der Masse in die Welt hinein – nun – ich sehe das leider nirgends.
    Kaum eine Klasse verhält sich konsumtiv dümmer, als die – noch – kaufkräftige Mittelschicht, mich freut jeder Tag, an dem sie von den Plutokraten um ein kleines Bisschen mehr von ihrer Kraft „befreit“ wird.

    Natürlich – die Zustände sind furchtbar – nur – liegt dies an den 85 Milliardären, die mehr besitzen, als die ärmsten 3,5 Milliarden Menschen, oder liegt es an den 3,5 Milliarden Menschen die zwar keine Millionäre, aber doch willige Helfer des Systems sind?
    De nobis ipsis silemus, von uns aber schweigen wir – das Zitat nützen vor allem Akademiker, wenn sie ihre persönliche Bescheidenheit ausdrücken möchten, ich würde sagen, es ist ein passendes Zitat für die Menschen, die gute Jobs, gute Bezahlung und den Traum vom materiellen Zuwachs träumen – das ist der Motor der Wirtschaft, das sind die Massen, die dafür sorgen, dass die Ärmsten noch ärmer und die Reichsten noch reicher werden!
    ….. und das – sorry – das seid ihr und das war auch ich – lange Zeit.

    Ich schreib darüber auf meinem Blog – ohne eine grundsätzliche Transition werden wir keine Chance bekommen – mit eurer klassischen Dogmensammlung stimmt ihr das falsche Lamento an – wir sollten lamentieren, kritisieren und vor allem dort anklagen, wo das Herz des Molochs schlägt, der Funktionsmensch in seiner Funktionswabe – er ist der Henker unserer Zukunft!

    • Einmal davon abgesehen, dass ich behaupten würde, wenig konsumfreudig zu sein – ich empfinde den Krempel meist eher als belastend und zeitverschwendend, ebenso den Kampf um ihn (oder mit Schopenhauer: „Es bringt nichts, um nach außen zu gewinnen, nach innen zu verlieren“) – halte ich deinen Kritikpunkt ja für angebracht, die Lebensgrundlage wird momentan zielsicher kaputt gemacht, mindestens wenn man die Berichte zum Weltklima betrachtet. Ich möchte nur daran erinnern, dass Ziel und Weg zweierlei sind. Ich glaube nicht daran, dass die meisten Menschen aus ihrer Lebensrealität durch Not, Sorgen und Elend gerissen werden können, einmal abgesehen vielleicht von katastrophalen Zustände mit millionen Toten, so wie auch nach dem Zweiten Weltkrieg bei vielen offenbar ein anderes Bewusstsein einsetzte, das in den nachfolgenden Jahrzehnten z.B. eine Friedensbewegung hervorbrachte. Einige Menschen gibt es natürlich immer, die früh wesentliche Probleme erkennen, ihr Leben grundlegend umstellen und im Nachhinein Recht behalten, die Geschichte zeigt jedoch, dass dies nicht ohne Weiteres für jene Vielzahl von Menschen gilt, die es bräuchte, um einen grundlegenden Wandel einzuleiten. In Zeiten, in denen die Menschen auf das alltägliche Schicksalsbrett des Überlebenskampfes (ob nun physisch oder sozial) genagelt sind, sind sie wenig dazu in der Lage, über das eigene Nahumfeld hinauszuschauen. Die führenden Konsumkritiker*innen, die einer perversen Ressourcenverteilung in den Händen zynischer Eliten das Wort reden, damit die Armen weniger zum Zuge kommen, die Umwelt zu belasten, können sich ja einmal fragen, wie die Entstehungsgeschichte ihrer eigenen Position so aussieht, ob sie verallgemeinerungsfähig ist, oder doch eher unter gewissen Bildungsprivilegien steht. Und dann könnten sie sich fragen, ob Massenarbeitslosigkeit, Einkommensnot und Existenzsorge bei Millionen Menschen in familiärer Verantwortung einerseits und propagandamächtige, um Machterhalt bemühte Industrieeliten andererseits, wohl eine ökologisch nachhaltigere Welt hervorbringen.

      • „… Die führenden Konsumkritiker*innen, die einer perversen Ressourcenverteilung in den Händen zynischer Eliten das Wort reden, damit die Armen weniger zum Zuge kommen, die Umwelt zu belasten, können sich ja einmal fragen, wie die Entstehungsgeschichte ihrer eigenen Position so aussieht, ob sie verallgemeinerungsfähig ist, oder doch eher unter gewissen Bildungsprivilegien steht. Und dann könnten sie sich fragen, ob Massenarbeitslosigkeit, Einkommensnot und Existenzsorge bei Millionen Menschen in familiärer Verantwortung einerseits und propagandamächtige, um Machterhalt bemühte Industrieeliten andererseits, wohl eine ökologisch nachhaltigere Welt hervorbringen. …“

        Das sehe ich genau so. Vor allem ‚übersehen‘ – wohl nicht rein zufällig, wie man bspw. anhand der aus bürgerlichen Kreisen stammenden Grünen sehen kann – die sogenannten ‚Konsumkritiker‘ , dass ein paar andere Dinge zu beachten sind.

        Freiwilliger Verzicht ist etwas für einzelne Personen, die genau so leben wollen. In der Masse führt das so wie der in den westlichen Ländern durch neoliberale Regierungen und Wirtschaft den Arbeitnehmern auferlegte Sparzwang zu einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale. Danach geht es den meisten Menschen schlechter.

        Wer aber in Armut gehalten oder in die Armut gezwungen wird, kann in der Konsumkritik nur blanke Menschenverachtung einer überheblichen Schicht erkennen.

        Freiheit von Armut hingegen ist erst die Voraussetzung für demokratische Entwicklung, wenn genügend bewußte Denker und Vordenker sich in der Gesellschaft gebildet haben und so in der Gesellschaft weitere kritische Bewußtheit und Bewustsein schaffen können. Nicht umsonst sprach Marx deshalb von den gesellschaftlichen Bedingungen, die das jeweilige Bewußtsein schaffen.

        Eines der gegenwärtigen Probleme liegt in der sehr schnellen und starken Vermehrung der Menschheit. Allein in den letzten 60 Jahren verdreifachte sich die Anzahl der gleichzeitig lebenden Menschen. Betrachtet man das biologisch, erfasst man die sich darin anbahnende Gefahr, denn wir sind im Vergleich zu allen anderen Lebewesen eine der wenigen Großtierarten mit entsprechenden Bedarfen.

        Gegenwärtig fehlt es an einer breiten Massenbildung, deren Rückgang nicht rein zufällig von rückschrittlichen Kräften herbeigeführt wurde. Anstelle dessen wurde und wird Massenverblödung betrieben, man lese mal BILD und SPIEGEL als zwei Seiten derserben Medaile und gucke, was aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gemacht wurde, auch mit Hilfe und des Einflusses des vor gut 30 Jahren erzwungenen privaten Fernsehens.

        Es fehlen vor allem auch sehr viele Naturwissenschaftler, Ingenieure und ideologiefreie Gesellschaftswissenschaftler. Erstere für eine vernünftige Enwicklung der richtigen Produkte und letztere für eine sachliche und nüchterne Darstellung menschlicher Gesellschaften, damit man aus diesen Erkenntnissen lernen und entsprechend handeln kann.

        Wie die Produktion von Verbrauchsgütern von Menschen für Menschen aussehen könnte und sollte beschreibt unter anderem der Chemiker und Ingenieur Michael Braungart in seinem Buch Cradle to Cradle.

        http://de.wikipedia.org/wiki/Cradle_to_cradle

        Das stellte er unter anderem in einem Fernsehbeitrag ‚Nie mehr Müll‘ recht gut dar.

        http://www.ardmediathek.de/tv/Doku-am-Nachmittag/Nie-mehr-Müll/Einsfestival/Video?documentId=18583062&bcastId=13980890

        Es geht also darum, die Menschen aufzuklären, damit sie Mut haben, ihren eigenen Verstand zu nützen, anstelle sie zu verängstigen. Letzteres machen jedoch die sogenannten ‚Konsumkritiker‘ aber bereits seit Jahrzehnten, wohl in der Tradition eines Malthus aber auch eines Club of Rome.

      • …. ich schrieb nur Arbeitgeber – natürlich müsste es Arbeitnehmer lauten (und sollte auch für Arbeitgeber gelten).

        zur Replik – zuerst Danke für die Antwort. Leider ist sie nicht dezidiert auf meine Vorwürfe gerichtet, sondern stempelt die Kritik allgemein ab.
        Meine Intension ist keinesfalls jene, die Menschen massenhaft in Not und Elend zu verfrachten, um sie vom Konsum abzuschneiden.
        Dies ist gängige Praxis, in anderen Regionen wird das Produktions-Nachfragekarussell hingegen geradezu „vorbildlich“ gedreht, natürlich wieder nur für selektive Gruppen (jene Gruppen die ich oben so zynisch in die Armut wünsche…. – aber bitte – da ist ein Unterton, der sollte Ihnen auffallen….).
        Es ist in der Tat richtig, dass seit ein winziger Anteil der Menschheit die Realitäten anprangert, sich ihnen ostentativ verweigert (oft kostete es das Leben, wurden diese mutigen Leute kurzerhand einem Sonderflug aus dem Leben heraus zugeführt…. – heute lassen zivilisierte demokratische Kulturen manche Menschen per Sonderflug ins Nichts fliegen – ….. nur eine Episode am Rande – natürlich sind Migranten keine Mustersozialkritiker, sondern geradezu Musterwunschkonsumenten (und ich nehme diesen Menschen, wie allen die es so sehr wünschen….- nicht persönlich übel! Sie können in der Tat meist nichts dafür!)
        Nur – gerade das junge reflektierte Artgenossengefolge, es möchte doch bitte einmal neue Argumentationswege und vor allem Vorschläge unterbreiten!
        Es müssten nicht einmal neue sein, den wie der Mensch eine gerechte und vor allem zukunftsfähige Gemeinschaft gestalten könnte, ist von unzähligen unserer Vorderen schon beschrieben worden.
        Nur – wenn man alle jenes, welches nicht in die schulmäßigen Raster einzuordnen ist, als utopisch und unrealistisch verbrämt, ja, Entschuldigung, wie soll dann wirklich Neues entstehen?
        Sie selbst haben die Nachkriegspflänzchen, welche aus absoluter Not entstanden angesprochen, (auf Deutschland bezogen….), doch das Establishment hat sich erneut durchgesetzt, nicht zuletzt, da aus den Universitäten letztlich doch wieder angepasste Karrieristen strömten und die wirklich idealistischen Überzeugungstäter eliminiert wurden – sie waren ja auch immer eine Minderheit!
        Gerade wir in Europa sind nicht ans Brett genagelt, keiner von uns!
        …. und ich darf das wohl sagen, da ich das Los aus der Samenlotterie bezüglich Erbe und Netzwerk tunlichst ausgeschlagen habe – ich kenne die golfende, saturierte, selbstgerechte „Leistungsträgerschicht“ zu genüge und nirgends ist die Luft stickiger, als in ihren Sphären.
        Ich hoffe für Euch, ihr diffundiert nicht in diesen Kreislauf hinein, als akademisierter Zeitgenosse, ist die Gefahr nicht gering, das genau dies passiert.
        Ihr müsst die Hexis aufbrechen, aus ihr heraustreten und vermeiden je wieder einen Habitus zu entwickeln, der schon von sich alleine als eine diskriminierende Aura auf jene wirkt, die gerade auf andere Hoffnungen bezüglich Lösungen hegen.
        Vielleicht gibt es noch noch die Menschen, die Führen ohne zu verführen und auszunützen, jene die keiner Hierarchie bedürfen, sondern sich der Verantwortung für das Leben an sich bewusst werden.
        Nicht ein Amt macht einen guten Helfer aus, sondern seine Taten sollten zählen, seine Bescheidenheit sollte ihn ehren und das Strahlen in seinen Augen, sollte vom Glück künden, welches in seinem Innern leuchtet.
        So entstünde eine Gesellschaft die man wohl als soziale Anarchie bezeichnen könnte.
        Der Mensch wäre dem Menschen und der Erde ein gütiges – da intelligentes Wesen – der weder Raub, noch Mord, noch Fressen und Gefressen werden zu praktizieren hat, da seine Vernunft ihm andere Lösungen ermöglicht, soziale, kooperative und visionäre Wege würde er gehen – gemeinsam, ohne Eitelkeit und ohne den Habitus eines den Anderen Überlegenen!
        Ich wünsche Euch jedenfalls die Kraft, den Verlockungen des Spiels zu widerstehen und ein neues Spiel mitzugestalten!

        Natürlich ist in unserem Spiel für die Gewinner eine Menge im Jackpot, doch man sollte nicht vergessen welchen Preis die Verlierer zahlen!
        (….. und das widerspricht mit keinem Wort meiner ersten Kritik….. – schaut hinter die Winkel….. – ich kann jetzt keine KdrV verfassen…)
        …. Ihr seid am Zug!

        • Es wurde dann doch ein „übermorgen“, pardon. Nun aber eine Erwiderung meinerseits.
          Ich teile vieles von dem, was Sie sagen (v.a. in diesem zweiten Kommentar). Beim „Produktions-Nachfrage-Karussel“ kann es in der Weise nicht bleiben. Ich wäre ohnehin für eine Wirtschaft, deren Steuerungsprinzip der Bedürfnislage der Menschen entspricht, und nicht wie gegenwärtig eine, die mit ausgefeilter kommerzieller Propaganda und Eventisierung eine Konsumkultur befeuert, die nur das Mittel zum Zweck ist, wobei der Zweck Profitmaximierung (und Machterhalt) lautet. Da Konsum dabei mit dem Sozialen querverschränkt wurde und Menschen stark um ihre soziale Stellung bedacht sind, werden sie dabei in eine scharfe Einkommenskonkurrenz geführt, die viel fremdbestimmte Arbeit für die meisten nach sich zieht, und meiner Meinung nach nicht wenige dabei niemals ein eigenes Thema im Leben entwickeln lässt, das der Kultur des „Habens“ jene des „Seins“ entgegensetzen könnte (um es mal mit Fromm zu halten). Hierüber kann man ja lang diskutieren und nachdenken, entscheidend wäre für mich jedoch, dass man für sich eine Art Wirkmodell vor Augen hat (um es einmal technokratisch auszudrücken). Welche Elemente sind fatal für Mensch und Natur, welche Bedingungen tragen zu ihrer Aufrechterhaltung bei und wie sähe ein realistischer Übergang in eine Welt aus, die menschlicher und ökologischer ist? Utopien sind meiner Meinung nach sogar sehr wünschenswert, man sollte sie jedoch nicht mit dem Hier-und-Jetzt verwechseln. Es braucht immer zwei Ideensätze, einen der die Welt beschreibt, wie man sie eines Tages gern hätte und einen, der den Übergang dorthin beschreibt. Letzteres wird meinem Eindruck nach gern vernachlässigt. Zu Letzterem gehört aber, dass man die Welt, wie sie jetzt ist, in ihrer gesellschaftlichen „Mechanik“ genauer kennenlernt. Und zu letzterem gehört für mich auch, dass möglichst viele Menschen diese Möglichkeit haben, so dass ihre Vorstellungen und Handlungen eben gemeinschaftlich auf eine neue Idee hinauslaufen (eine, die dann erst im historischen Rückblick deutlich wird, anstatt von einzelnen Menschen am ideologischen Reißbrett entworfen und allen anderen aufgepfropft worden zu sein). Dafür jedoch braucht es Bedingungen, die viele Menschen auch hierzulande gegenwärtig nicht haben. Verantwortung für Kinder, Einkommensnot, Arbeitsplatzängste, ein konservativ-strafendes Umfeld etc. sind für die meisten Menschen offenbar nicht der Rahmen, innerhalb dessen sie zur Neuorientierung gelangen. Auch wenn die Karrieristen in einer postneoliberalen Welt – so wir sie denn (wieder) hätten – gesellschaftlichen Fortschritt erneut verraten könnten.

          • … zu dieser Replik kann ich nur sagen – wir bewegen uns auf einem gemeinsamen Nenner.
            …. und ich verzeihe Ihnen sogar den Begriff „Mechanik“, da unsere Denkstrukturen – wohl leider – sich einer gewissen Mechanik nicht entziehen können, noch nicht entziehen können – man betrachte nur die algorithmische Kommunikation, mit der heute praktisch alle maßgeblichen Systemprozesse verschränkt und orchestriert werden.
            …. für mich lautet die Frage auch, werden die Menschen noch aus diesem mechanisch anmutendem Habitus ausbrechen können?
            (Empathie, Altruismus, Güte, Liebe, alles völlig chaotische Eigenschaften, die man kaum in eine Befehlswirkungsleiste wird eingießen können, die aber unsere Zukunft, zumindest eine – in meinen Augen lebenswerte – Zukunft bestimmen könnten.)
            Gerne weise ich hier auf die Erkenntnisse hin, welche die Wissenschaft schon mehrfach beschrieben hat:
            Der Mensch fühlt das größte Glück in dem Moment, da er anderen beistehen, ihnen ohne eigennützige Gedanken zu verfolgen, ganz selbstlos helfen kann.
            Diese Kraft – wie sie formulieren – in eine Art „Sozialmechanik“ zu modellieren, die – ich denke es musste zeitnah geschehen – die Mehrheiten gegen alle Widerstände des Establishments von ihrer Wirksamkeit überzeugt, das ist die „Wunderdroge“ die wir Menschen – zumindest wir, die sogenannten 99%, bräuchten.
            Ich wünsche Euch viel Erfolg auf diesem Weg.

            Falls ihr mal Ruhe und Entspannung sucht, Kraft sammeln wollt – ihr seid bei mir im Wald in der Hütte, jederzeit willkommen.

        • Lieber Oberham,
          ich stimme Ihnen voll und ganz zu, dass Konsum und Ressourcenverbrauch ein Problem sind, das die Zukunft der gesamten Menschheit bedroht. Aber ich glaube nicht, dass es hilft, wenn ein spürbarer Teil der Bevölkerung kaum noch konsumieren kann, und zwar aus folgenden Gründen:
          1. Wer wenig Geld hat, kauft billig. Billige Produkte haben aber meistens ein schlechteres Verhältnis von Materialverbrauch zu Lebensdauer und werden oft lediglich unter Einhaltung von Minimalstandards in puncto Umweltverträglichkeit hergestellt. Arme Leute konsumieren weniger, aber das Konsumierte ist oft problematischer.
          2. Wer ums Überleben kämpft, dem ist die Umwelt weniger wichtig bzw. er schließt mehr Kompromisse – nicht nur beim Konsumverhalten, sondern auch politisch betrachtet. Es ist kein Zufall, dass die Grünen die reichste Wählerschaft haben. Und umgekehrt: Versuchen Sie mal, einen HartzIV-Empfänger zu überzeugen, dass nicht knappes Geld, sondern Umweltverschmutzung sein größtes Problem ist. Er wird Sie auslachen – zu Recht, denn Umweltverschmutzung macht sein Leben vielleicht in 30 Jahren kaputt, aber Armut und soziale Ausgrenzung schaffen das in den nächsten fünf Jahren.
          3. Meiner Erfahrung nach geben zufriedene Menschen ihr Geld nicht für immer mehr Waren aus, sondern für Information oder Erlebnisse wie z.B. Kultur. Längst nicht jeder, der zu Geld kommt, wird zum „Konsummonster“.

          Was wir brauchen, ist eine größere Wertschätzung von immateriellem Reichtum – Reichtum an Wissen und Erkenntnis, menschlichen Beziehungen und, ja, unberührter Natur. Das bedeutet aber, dass weniger Arbeit in die Produktion von materiellen Dingen und mehr in Dienstleistungen fließen muss. Und das wiederum bedeutet, dass Geld aus dem Produktionssektor abgezogen und in den Dienstleistungssektor umgeleitet werden muss. Dafür braucht es Politik, und damit einen gesellschaftlichen Konsens. Und diesen Konsens erreicht man nicht, wenn ein wesentlicher Teil der Bevölkerung Angst vor Armut hat – weil jemand, der Angst vor Armut hat, meist keine Energie für Visionen aufbringen kann. Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass Armutsbekämpfung eine wesentliche Rolle für das Erreichen von mehr und besserem Umweltschutz spielt – auch im vergleichsweise reichen Deutschland.

      • Ich denke nicht, daß jemand der perversen Ressourceverteilung in den Händen der Eliten das Wort redet, sondern der menschlichen Dummheit, die – überspitzt gesagt – ausgehend von welchem Ausgangsstatus auch immer, nur ein Ziel hat, sobald sie die Möglichkeit dazu erblickt: Schneller, größer, weiter, mehr. Es wurde der Arbeitslose genannt, der plötzlich einen sehr gutbezahlten Job hat. Und schon dreht er durch und macht genau das, was er vorher den ‚Eliten‘ angekreidet hat. An diesen Realitäten kommt – glaube ich – keiner vorbei, der sich ein wenig Selbstkritik bewahrt hat.

        • Naja, wenn die „menschliche Dummheit“ denn so da ist, wie sie da ist, dann kann man entweder fatalistisch werden („Sei’s drum, irgendwie endet es“) oder man betrachtet sie als Potential, das nur gegenwärtig besonders ausgeschöpft wird und fragt sich, wie man das Gegenwärtige ändern kann. Wenn einzelne Menschen so schwach sind, immer wieder unter rücksichtslosem Eigennutz zu handeln, gilt es dann doch, über die Strukturen nachzudenken, die verhindern könnten, dass sie hierzu so umfassend in der Lage sind. Die meisten Menschen haben, glaube ich, ein ganz gutes Gespür dafür, was die Bedürfnisse der anderen sind und was die anderen als gerecht oder ungerecht empfinden. Probleme sind jedoch besonders dadurch gegeben, dass sehr falsche Vorstellungen gestiftet werden und dies wiederum ist Ergebnis recht einseitiger und wirkmächtiger Interessen basierend auch auf einer perversen Ressourcenverteilung. Wenn dieser Zustand sich erst einmal verändert hätte, könnte man immer noch über Eigennutz und Dummheit sprechen.

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