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No 420

“Es gab schlicht nichts Neues. Man nannte die Politik, die den Keynesianismus mit seiner Betonung der Nachfrage ablösen sollte, >>Angebotspolitik<< und berief sich auf Say’s Law aus dem 18. Jahrhundert (>>Das Angebot schafft sich seine Nachfrage<<). Aber das war, wie ich schon 1982 gezeigt habe (in dem Aufsatz >>Was ist Angebotspolitik?<<, der in der Zeitschrift >>Konjunkturpolitik<< erschien), eine intellektuelle Bankrotterklärung. Denn es war ja nur der Rückgriff auf das einzelwirtschaftliche Denken, das durch die Einführung des gesamtwirtschaftlichen Denkens im Zuge der keynesianischen Revolution in seine engen Schranken gewiesen worden war.
Würde man in der Physik heute zurückkehren zur Newtonschen Mechanik und alles danach entdeckte und vielfach bewiesene Wissen für irrelevant erklären, würde man für verrückt erklärt. In der Ökonomik konnte man akademisch reüssieren, indem man einfach die alten Irrlehren wiederentdeckte und die Fortschritte des Keynesianismus, die unbestreitbar in der neuen gesamtwirtschaftlichen Dimension zu finden sind, ignorierte. Anders gesagt, man nahm aus der Entscheidungssituation, in der sich der (investierende) Unternehmer befindet, erneut die Nachfrageseite heraus, nachdem man gerade (eben in den 30er Jahren) entdeckt hatte, dass man diese Seite unbedingt braucht, um überhaupt relevante Aussagen machen zu können.
Ich habe dazu vor fast zwanzig Jahren in einem Aufsatz zum Thema Angebot und Nachfrage geschrieben:
>>Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Angebots– und Nachfragepolitik. Während erstere auf ‘mittelfristig greifende, strukturelle’ Wirkungen ohne Berücksichtigung der akuten Gesamtsituation hofft, setzt Nachfragepolitik auf die Verbesserung der Gesamtbedingungen, unter denen die Unternehmen in dem von ihnen zu überschauenden Zeitrahmen agieren. Dieser ist in der Tat ‘kurzfristig’. In der realen Welt gibt es aber keinen anderen Zeitrahmen für Unternehmer. Das, was die Angebotspolitiker ‘mittelfristig’ nennen, meint nur: Wenn sonst alles gut geht, wird meine Maßnahme das Gesamtergebnis noch etwas verbessern. Ob alles gut geht, darüber kann die Angebotspolitik jedoch nichts sagen, sie ist vielmehr darauf angewiesen, dass alles gut geht, die Impulse also von woanders kommen.<<
Wie konnte man hoffen, auf der Basis einer schon durch die Sichtweise dermaßen eingeschränkten Theorie bessere Wirtschaftspolitik machen zu können als auf der Basis einer Theorie, die einfach den weiteren und damit relevanteren Horizont hatte?”1

(Heiner Flassbeck, ehem. Chefvolkswirt der UNCTAD, Mitherausgeber von Makroskop – Das große Paradox: Der Liberalismus zerstört die Marktwirtschaft – 2, 9.7.2019)2

 

  1. Anm. JJ: Und man glaubt es kaum, schaut man in Vorlesungsmaterial, mit dem die heutigen Ökonomie-Studierenden versorgt werden, wird die Sichtweise der “langen Frist” – klingt doch schön nachhaltig, nicht wahr? – mit reichlich absurden Annahmen unterlegt. Da werden mikroökonomisch und allenfalls in der kurzen Frist! (konstanter Kapitalstock) noch evtl. gerade so tolerierbare  Zusammenhänge (Produktionsfunktion mit sinkenden Skalenerträgen für den Faktor Arbeit, Marshall-Kreuz für Arbeitsangebot und -nachfrage) einfach für die Makrökonomie “in der langen Frist” recycelt. Das macht doch nichts, das merkt doch keiner! Und schon haben wir eine vom “Angebot” her begrenzte ökonomische Welt, in der niemand mehr nach der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu schauen braucht. Das wäre ja auch die kurze Sicht, und die wollen wir nicht! Wenn man für Verdummung Schmerzensgeld einfordern könnte, würde eine ganze Reihe an Ökonomie-Lehrstühlen ihre Hochschulen in Finanznöte bringen. []
  2. Anm. JJ: Wir können ein Abonnement von Makroskop nur empfehlen für diejenigen, die sich einen raschen Blick auf (nicht nur) ökonomische Dogmen verschaffen wollen, deren machtbezogene Relevanz viele Menschen leider massiv unterschätzen oder noch immer nicht wahrgenommen haben. []
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Die alte Leier ist wieder da: DIW-Ökonom empfiehlt Griechenland Steuersenkungen und Bürokratieabbau

Die Forderung nach Steuersenkungen für den Wirtschaftsaufschwung ist wieder en vogue: In einem Interview mit der Tagesschau empfiehlt der DIW-Ökonom Kritikos doch tatsächlich den Griechen, sie mögen durch eine umfangreiche Steuersenkung ihre Schwarzarbeit abbauen und durch Bürokratieabbau die Wirtschaft ankurbeln.

Was wurde nicht seit den 80er Jahren immer wieder von den angeblich so gravierenden Bürokratiekosten, Lohnnebenkosten und den abwürgenden Steuern gesprochen. Schon damals ließ sich Ronald Reagan von der berühmten Laffer-Kurve beeindrucken, die versprach, dass bei einem Senken des Steuersatzes so viel mehr Arbeitskräfte in die Besteuerung zurückkehren, dass die Steuereinnahmen dadurch so steigen würden.

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No 419

“[Duro Capor, Lehrer:] Wir stehen auf dem Berg Srđ, direkt über dem UNESCO-Weltkulturerbe von Dubrovnik. Hinter uns sehen Sie 359 Morgen unberührte Natur, die eine geschlossene Wohnanlage werden soll, in der reiche Leute Immobilien kaufen und leben sollen. Im Jahr 2010 haben wir uns über den Umfang des Projekts informiert. Es war so groß wie die gesamte Stadt und 20-mal so groß wie die Altstadt von Dubrovnik. […]
[Enes Ćerimagić, Friends of the Earth Croatia:] All dies wird nur für eine Handvoll Reicher und Mächtiger geplant. Sie würden den vorhandenen Wald abholzen, ihn durch einen Golfrasen ersetzen, und um diesen zu erhalten, würden sie verrückte Mengen an Wasser und Pestiziden verwenden. […]
Wir haben alles Mögliche getan: Wir haben öffentliche Debatten über das Thema organisiert, wir haben Experten die Dokumente analysieren lassen, wir haben Straßenaktionen durchgeführt. Wir haben sogar ein Referendum ins Leben gerufen: 85 Prozent der Menschen haben Nein zum Projekt gesagt. Aber alle politischen Ebenen in Kroatien, von der lokalen bis zur nationalen, haben das Projekt weiter vorangetrieben. Also mussten wir vor Gericht zeigen, dass dieses Projekt schlecht für die Umwelt, schlecht für Dubrovnik und illegal ist. Wir haben zweieinhalb Jahre vor Gericht gekämpft und haben am Ende mit zwei Urteilen zu unseren Gunsten gewonnen, wodurch die Genehmigungen für das Projekt erledigt waren.
[Pia Eberhardt, Corporate Europe Observatory:] …aber das war leider nicht das Ende der Geschichte. Weil der Investor des Projekts eine rechtliche Hintertür gefunden hat: Sie heißt ISDS und ist in vielen internationalen Handels- und Investitionsabkommen zu finden. Nach diesem ISDS-Regime und mit Hilfe einer Briefkastenfirma in den Niederlanden verklagt der Investor jetzt Kroatien und fordert eine Entschädigung in Höhe von fünfhundert Millionen Dollar. […]
Dies ist nur einer von fast tausend bekannten ISDS-Fällen aus aller Welt. Und in vielen Fällen nutzen Unternehmen ISDS, um Entscheidungen von nationalen Gerichten zu umgehen und demokratische Prozesse zu untergraben.”1

(Corporate Europe Observatory – Dubrovnik Golf Wars: The fight against ISDS in Croatia, YouTube-Kanal CEOwebtv, Juni 2019, Übers. Maskenfall)

  1. Anm. JJ: Corporate Europe Obserservatory und andere NGOs haben die Initiative “Red Carpet Courts” gestartet, in der sie anhand von zehn Fallbeispielen anschaulich das weltweite System privater Schiedsgerichte beleuchten, das weiterhin gerade von den einflussreichen Staaten und Unternehmen eifrig vorangetrieben wird. Sehr empfehlenswert, um öffentliches Bewusstsein zu schaffen. Wir verweisen auch noch einmal auf die Kampagne “Menschenrechte schützen – Konzernklagen stoppen!”, die noch bis Anfang 2020 Unterschriften sammelt. Für die weltweit (bekannten) Fälle, siehe auch die Datenbank der UNCTAD auf der Seite “Investment Policy Hub”. []
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No 418

“Außen vor beim Feilschen um die Quoten bleiben die sozialen und ökologischen Folgen der geplanten Steigerung des Agrarhandels. So erhöhten sich bereits in den vergangenen 14 Jahren die brasilianischen Rindfleischexporte um über 700 Prozent. Das Land ist weltweit der zweitgrößte Produzent und größte Exporteur von Rindfleisch. Das Wachstum der Rinderherden aber führt zu Landkonflikten und einer massiven Abholzung. […]
Die zahlreichen Landkonflikte, die der Vormarsch des Agrobusiness in den Mercosur-Staaten anheizt, verlangen nach handelspolitischen Regeln, die die Menschenrechte schützen. Gerade in noch waldreichen Regionen, etwa Amazonien oder dem Gran Chaco in Argentinien und Paraguay, bedrohen Viehwirtschaft und Plantagen die ansässige Bevölkerung. Vor allem Sojafelder und Rinderherden erweisen sich seit Jahren als wichtigste Treiber der Entwaldung und der Verschärfung der Klimasituation. Doch das Assoziationsabkommen ist auch in dieser Hinsicht völlig unzureichend. Denn diesbezügliche Bestimmungen finden sich wiederum nur in dem zahnlosen Nachhaltigkeitskapitel. Und auch die Bestimmungen selbst sind derart schwach, dass sie Betroffenen der grassierenden Landnahme keinen effektiven Schutz gewähren können. […]
Hinzu kommt, dass das Assoziationsabkommen bisher keinerlei Stärkung der viel zu schwachen Menschenrechtsklausel vorsieht, die die EU in ihre Handelsverträge integriert. Diese erlaubt zwar grundsätzlich die Aussetzung von Handelspräferenzen bei schwerwiegenden Verstößen. Aufgrund der hohen Hürden, die die EU für die Aktivierung der Menschenrechtsklausel errichtet hat, führte sie bisher jedoch noch nie zu Handelssanktionen. […]
Diese Schwächen sind umso bedrohlicher angesichts der Zunahme gewalttätiger Auseinandersetzungen im Mercosur. In Brasilien etwa registrierte die Landpastorale CPT (Commissão Pastoral da Terra) in den vergangenen drei Jahren eine Verdopplung der Landkonflikte. So kam es 2017 zu 70 Morden an KleinbäuerInnen, Indigenen und AktivistInnen, die sich gegen das vordringende Agrobusiness verteidigten. Die CPT dokumentiert ebenfalls die grassierende Straflosigkeit. Im Zeitraum 1985 bis 2017 wurden demnach über 1900 Menschen in Landkonflikten ermordet. Doch nur in acht Prozent der Fälle kam es zu Verurteilungen.”

(PowerShift, AbL, attac, BUND et al. – Das EU-Assoziationsabkommen mit dem Mercosur: Frontalangriff auf bäuerliche Landwirtschaft, Menschenrechte, Umwelt- und Klimaschutz, Factsheet, PowerShift, Juni 2018)

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No 417

“Deutschland steht vor einer neuen Wohnungsfrage. Der anhaltende Boom am Immobilienmarkt spaltet die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer. Auf der einen Seite haben die Preissteigerungen seit 2011 deutsche Immobilienbesitzer um etwa 3 Billionen Euro reicher gemacht. Diese Vermögenzuwächse entsprechen in etwa dem deutschen Bruttoinlandsprodukt eines Jahres und übersteigen die gesamte deutsche Staatsverschuldung um gut eine Billion Euro. Mehr als die Hälfte der Kapitalgewinne entfiel auf die reichsten 10% der Deutschen, aber auch Haushalte der oberen Mittelschicht (80stes Perzentil) haben stark profitiert. Ihr Vermögen ist durch den Boom um etwa 50% auf 380.000 Euro gestiegen. Städtische Mieterhaushalte mit geringem Einkommen sind die großen Verlierer des Booms. In den Städten sind die Mieten im letzten Jahrzehnt dort am stärksten gewachsen, wo einkommensschwache Haushalte leben (>>Gentrifizierung<<). Obwohl steigende Mieten zeigen, dass das zu geringe Angebot von Wohnraum und nicht das niedrige Zinsumfeld den Boom am Immobilienmarkt treiben, versäumt es Deutschland weiterhin, die niedrigen Zinsen für zusätzliche Investitionen zu nutzen. Unsere Prognose des Wohnungsbedarfs bis 2030 lässt erwarten, dass das soziale Konfliktpotential der neuen Wohnungsfrage weiter zunehmen wird: Im Jahr 2030 werden knapp eine Million Wohnungen fehlen, davon allein 340.000 in den sieben größten Städten.”

(Till Baldenius, Sebastian Kohl, Moritz Schularick – Die neue Wohnungsfrage – Gewinner und Verlierer des deutschen Immobilienbooms, Universität Bonn, Juni 2019)

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No 416

“Mit dem Ziel, die politischen Argumente für einen Krieg zu stärken, haben beide Regierungen ihre Einschätzungen regelmäßig koordiniert, wie aus den Aufzeichnungen hervorgeht, und gelegentlich Unstimmigkeiten über die verfügbaren Geheimdienstinformationen heruntergespielt oder sogar beseitigt. Die neuen Dokumente, die größtenteils im Rahmen des britischen Informationsfreiheitsgesetzes erlangt wurden und häufig weniger redigierte Versionen von zuvor veröffentlichten Aufzeichnungen enthalten, zeigen auch, dass die Regierung Blair, viel früher als bisher angenommen, PR-Spezialisten zur Erstellung der offiziellen >>Weißbücher<< zu Geheimdienstinformationen über das irakische Massenvernichtungswaffenprogramm hinzugezogen hat.
Obwohl die Geheimdienstbeamten skeptisch waren, gingen die Briten zu einem bestimmten Zeitpunkt so weit, in ihr Weißbuch Behauptungen über Saddams nukleare Ambitionen aufzunehmen, weil sie von Präsident Bush und Vizepräsident Cheney öffentlich verkündet worden waren. […]
Die Dokumente zeigen auch, dass:
– von Anfang 2002 an beide Regierungen einen Regimewechsel anstrebten, doch Premierminister Blair und seine Beamten sich über die Notwendigkeit bewusst waren, diesen auf der Grundlage von Vorwürfen über irakische Massenvernichtungswaffen stattfinden zu lassen. […]
– Beamte, die an den Parallelpapieren arbeiteten, an mehreren abgesicherten Videokonferenzen teilnahmen, um Inkonsistenzen zwischen den Dokumenten zu vermeiden. Beide Seiten hatten die Ausarbeitung ihrer Weißbücher im September 2002 im Rahmen einer koordinierten Propagandabemühung beschleunigt. […]
– darüber hinaus das britische Dossier stark von Blairs Beratern und PR-Experten beeinflusst wurde, darunter Alastair Campbell, Blairs Kommunikationsdirektor. Die Verfasser der Stellungnahme waren auch bereit, sie zu ändern, um sie an die öffentlichen Äußerungen britischer Regierungsberater anzupassen, unabhängig davon, ob diese Aussagen wahr waren oder nicht.”1

(John Prados & Christopher Ames, THE IRAQ WAR — PART III: Shaping the Debate – U.S. and British Documents Show Transatlantic Propaganda Cooperation, National Security Archive der George Washington University, 4.10.2010, Übers. Maskenfall)

  1. Anm. JJ: “USA und Großbritannien geben Iran Schuld” (15.6.2019) – Guten Morgen! []
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Ein kleines Beispiel zu dezenter, medialer Parteilichkeit gegen Russland

Beim Spiegel liest man heute einen Bericht über politische Entwicklungen in Moldau. Im Rahmen dieses politischen Themas ist es dann auch nachvollziehbar, eine Verlinkung zu Themen bzgl. des Staates Moldau und einen Link zu einem Artikel über die oligarchischen Zustände in dem Land in den Artikel einzupflegen. Das Einfügen eines Links zu allgemeinen Themen über Russland kann ich allerdings nur als einseitige, negative Bewertung des Autors deuten. Russland spielt in dem Artikel nämlich gar keine Rolle und des Weiteren gibt es nur diese 3 Links. Dass sich hinter den allgemeinen Themen über Russland eigentlich nur negative Nachrichten verbergen, versteht sich von selbst. Wie man sieht, zeigt sich die einseitig negative Darstellung Russlands bzw. das negative Denken der Journalisten über Russland also nicht nur in den Artikeln über Russland selbst.

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No 415

“Die öffentliche Berichterstattung über das italienische Budget fokussiert sehr stark auf die Staatsverschuldung. Ein zentraler Aspekt findet dabei bislang zu wenig Beachtung, obwohl er von großer Bedeutung ist: Die ablehnende Haltung der Kommission gegenüber den Steuer- und Ausgabenplänen der italienischen Regierung fußt maßgeblich auf einer technokratischen Einschätzung der aktuellen Lage der italienischen Wirtschaft. Denn ExpertInnen der EU-Kommission schätzen auf Basis von Modellberechnungen, dass die italienische Wirtschaft im Moment nur minimal unterausgelastet sei: Für die Jahre 2019 und 2020 schätzt die EU-Kommission eine sogenannte >>Outputlücke<< von -0,3% bzw. -0,1% des BIP. Damit bestünde auch kein Spielraum, um über expansive Wirtschaftspolitik Wachstum und Beschäftigung in Italien anzukurbeln, ohne dadurch einen >>überhitzenden<< Arbeitsmarkt und steigende Inflation zu riskieren. Auch in ihren gestern veröffentlichten Empfehlungen bezieht sich die EU-Kommission explizit auf Einschätzungen, die auf der Outputlücke beruhen. […]
Das kontraproduktive Beharren der EU-Kommission auf einen Budgetkonsolidierungspfad, auf dem die Wirtschaftskrise offensichtlich nicht überwunden werden kann, während sich die realen Verschuldungsprobleme aufgrund des Deflationsdrucks weiter verschärfen, ist jedenfalls nicht geeignet, das Vertrauen der ItalienerInnen in die europäischen Institutionen zu stärken.”1

(Philipp Heimberger, österreichischer Ökonom – Welche Rolle spielt der >>Outputlücken-Nonsense<<?, Makronom, 6.6.2019)

  1. Anm. JJ: Nicht zu fassen, 10,9% Arbeitslosigkeit, über 30% Jugendarbeitslosigkeit und eine Inflationsrate von 1% in Italien und die EU-Kommission geht davon aus, dass die italienische Wirtschaft nahezu ausgelastet ist und ihr bei nachfrageseitigen Maßnahmen die “Überhitzung” droht. Sie verbietet also die einzige Möglichkeit zusätzliche Beschäftigung und zusätzliches Einkommen zu schaffen. Das ist die Ideologie, mit der Menschen für “strukturell arbeitslos” erklärt und damit abgeschrieben werden. Und wie sachlich berichten deutsche Medien einmal wieder darüber? O-Ton tagesschau.de: “Die EU-Kommission will hart gegen Italien und seine ausufernde Staatsverschuldung durchgreifen. Sollte das Land die Ausgaben nicht drastisch senken, droht ein Defizitverfahren mit Milliardenstrafen.” Wie Philipp Heimberger jedenfalls zeigt, der sich empirisch seit längerer Zeit mit den Konzepten dahinter auseinandersetzt, liegt die Argumentationsstärke jedenfalls nicht auf Seiten der EU-Kommission. Auch hier noch einmal der Hinweis auf “Die Anstalt” zum Themenfeld. Sowie auch eine Gesprächsrunde dazu, warum die mediale Berichterstattung (man möchte sagen “Durchreiche” im Dienste der Macht), so schlecht ist, wie sie ist. Siehe “>>Die Anstalt<< in Frankfurt: Haben Satireformate den klassischen Journalismus abgelöst?” []
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Die Troika der Automobilindustrie (via jung & naiv)

“Und wir dürfen ja nicht vergessen, dass die Hauptmargen unserer Automobilfirmen, jedenfalls meine, die liegen ja, äh, im Verkauf ins Ausland.”

“Von Ausstiegsdaten halte ich jetzt nicht so viel. […] Nicht!? Wie viel Autos gekauft werden, bestimmt nämlich nicht der Ministerpräsident, sondern der Markt.”

Wer hat’s gesagt? Der Kretschmann Winfried, grüner BaWü-Häuptling und Zukunftsträger. Dabei in harmonischer Gesellschaft der beiden anderen Handelsvertreter der Autoindustrie mit Nebenjob in der Landesführung. Thema: “Die Zukunft der Automobilindustrie”.

Man bemerke die Überidentifikation und Marktreligiosität. Das macht doch richtig Mut in Zeiten der Klimakrise, oder? Weiterlesen

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No 414

“Will die Partei ihre neue Stärke wirklich nutzen und sich erfolgreich für die Umwelt engagieren, muss sie ihre wirtschaftstheoretischen Lücken dringend schließen. Wer als eine der großen Parteien auf Bundesebene Verantwortung übernehmen will, darf die Wirtschaft nicht denen überlassen, die sich als Vollstrecker des Willens der großen Unternehmen verstehen. Bleibt es bei dem wirtschaftspolitischen Vakuum der Grünen, wird sie in einer Jamaika-Koalition auf Bundesebene gnadenlos von CDU/CSU und FDP auf einen engen neoliberalen Pfad gedrängt, auf dem am Ende für effektiven Umweltschutz kein Platz mehr ist.
Mit der Art von Symbolpolitik, wie sie den konservativen Parteien im Umweltbereich vorschwebt, lassen sich grüne Wähler jedoch auf Dauer nicht abspeisen. Robert Habeck glaubt offenbar wirklich, was er landauf landab verkündet, dass er nämlich eine erfolgreich arbeitende Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein ausgehandelt habe und dass das zeige, was in dieser Konstellation möglich ist. Damit ist er ganz grundsätzlich auf dem Holzweg. Auf der Bundesebene und auf der europäischen Ebene gilt es, wirtschaftliche Probleme zu adressieren, die sich den Vorstellungen eines Provinzpolitikers vollständig entziehen und mit den Mitteln der Provinzpolitik nicht zu bewältigen sind.
[…] Die Grünen sind jetzt klar die zweitstärkste deutsche Partei im Europaparlament und haben damit Verantwortung für Bereiche zu übernehmen, die sie bisher weitgehend ignoriert haben. Sven Giegold hat sich in der vergangenen Legislaturperiode zwar mit Verve in Details der europäischen Finanzmarktregulierung gestürzt und hat in Sachen Brüsseler Lobbyismus sicher viele wichtige Beiträge geliefert, seine Position zu gesamtwirtschaftlich relevanten Themen ist aber extrem dünn. Auch er votiert im Zweifel für den Mainstream, weil er nicht die Voraussetzungen dafür hat, eine eigenständige und unorthodoxe Position zu vertreten. In der gesamten Eurokrise hat man keine eigenständige grüne Position vernommen, was deswegen besonders schlimm ist, weil die Grünen mit daran schuld sind, dass Deutschland unter Schröder zum Spaltpilz für die Eurozone geworden ist.”1

(Heiner Flassbeck, ehem. Staatssekretär im Finanzministerium und Chefvolkswirt der UNCTAD, Mitherausgeber von Makroskop – Es grünt so grün, 28.5.2019)

  1. Anm. JJ: Heiner Flassbeck hat recht. Wenn die Grünen nicht erkennen, dass die Steuerungsfähigkeit des Staates v.a. auf makroökonomischer Ebene ausgehebelt wurde und das multiple Politikversagen (Klimakrise, Finanzkrisen, Wohnungskrise, Ungleichheit etc.) eben kein Zufall ist, sondern endlich der lange Schatten des Ordoliberalismus zu überwinden ist, werden sie sich der konservativen Fehldeutungshoheit nicht entziehen können, die sich in den Köpfen und im inner- und zwischenstaatlichen Regelwerk eingenistet hat und dieses Chaos stiftet. Wie es um die Verregelung von Ideologie auf europäischer Ebene steht, hat jüngst “Die Anstalt” sehr unterhaltsam dargelegt. (Im Faktencheck diesmal auch ein Hinweis zu einem unserer Artikel, der sich damals als Steinchen im Mosaik der ökonomischen Kuriositäten verstand). Viel zu tun für Parteien, die die überfälligen Anliegen von der Straße in konsequente parlamentarische Politik übersetzen wollen und dabei den ganz großen Interessen entgegentreten MÜSSEN, obwohl diese dachten, sie hätten dauerhaft gewonnen. Damit verbunden ist, auch die Verteilungsfrage zu stellen, wie Heiner Flassbeck in einem weiteren Artikel darlegt: “Klimaschutz, der nicht weh tut – den gibt es nicht!” []