0

No 752

“Gestern Morgen erwachten viele Menschen im ganzen Land mit der Nachricht, die der pakistanische Premierminister am frühen Morgen verkündet hatte, dass der Libanon tatsächlich Teil des Waffenstillstandsabkommens sei. Dies war eine Erleichterung für Millionen von Menschen im ganzen Land, insbesondere für Hunderttausende – über eine Million –, die seit März vertrieben worden waren. In den frühen Morgenstunden kursierten Videos und Fotos in sozialen Medien und WhatsApp-Gruppen, die Vertriebene beim Packen ihrer Autos und der Rückkehr südlich des Litani in ihre Häuser zeigten.
Doch kurz darauf, um 6 Uhr morgens, gab der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu eine Erklärung ab, in der er mitteilte, dass der Libanon nicht Teil dieses Abkommens sei. Und schon bald mussten die Menschen im Land dies auf schmerzhafte Weise erfahren. In den frühen Morgenstunden hatte es Angriffe auf die südlibanesische Stadt Saida gegeben, bei denen acht Menschen getötet wurden. Es gab Berichte über Angriffe auf medizinische Fahrzeuge im Südlibanon. Und die Angriffe dauerten den ganzen Tag über an.
Wenige Stunden nach Netanjahus Erklärung erließ der Militärsprecher Israels eine – wie man heute weiß – typische, ausufernde Vertreibungsanordnung. Er ordnete an, dass alle Bewohner südlich des Zahrani-Flusses – ein Gebiet, das etwa 15 % des libanesischen Territoriums ausmacht – das Gebiet nördlich des Flusses verlassen sollten.
Kurz nach 14 Uhr hörten wir dann lautes, ohrenbetäubendes Dröhnen israelischer Kampfflugzeuge am Himmel und Angriffe im ganzen Land. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt in Beirut, und wir wussten nicht, wo genau diese Angriffe stattfanden. Sie erfolgten ohne jegliche Vorwarnung und trafen dicht besiedelte Viertel mitten am Tag. Angriffe brachten ganze, vollbesetzte Gebäude zum Einsturz. Die Menschen waren auf den Straßen unterwegs und gingen ihren Geschäften nach. Ich fuhr durch die Stadt und sah Rauch aus verschiedenen Teilen Beiruts aufsteigen und Krankenwagen in die Krankenhäuser strömen. In Beirut brach Chaos aus.
Wie Sie bereits erwähnt haben, gab das libanesische Gesundheitsministerium bekannt, dass bisher über 203 Menschen getötet wurden – dies ist noch keine endgültige Zahl – und über tausend verletzt wurden. Der libanesische Zivilschutz veröffentlichte eine höhere Zahl: 254 Tote. Noch immer werden Menschen aus den Trümmern geborgen. In WhatsApp-Gruppen kursieren Fotos von Vermissten, die noch immer unter den Trümmern der Stadt liegen. Gestern war mit 203 Toten der blutigste Tag der Kampfhandlungen seit dem 2. März. Mehr als 10 % aller Todesopfer israelischer Angriffe im Libanon seit dem 2. März wurden in den letzten 24 Stunden getötet. Israelische Angriffe – Israel gab selbst zu, auch zivil besiedelte Gebiete anzugreifen – erfolgten jedoch ohne Vorwarnung.”1

(Ramzi Kaiss, Wissenschaftler in der Sektion Naher Osten und Nordafrika bei Human Rights Watch – 10 Minutes, 100 Airstrikes: Israel Rejects Ceasefire for Lebanon, Kills 250+ in Massive Attack, Website von DemocracyNow!, 9.4.2026, Übers. Maskenfall)

  1. Anm. JJ: Meine Damen und Herren: Schwere, schwere Kriegsverbrechen. Israel bekommt nach wie vor Waffen von “unseren” CDU/CSU/SPD-Saubermännern. Wo leben wir eigentlich, dass die Lehre aus den schwersten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, durch Deutschland begangen, die Lehre gezogen wurde, dass man ein Land, das Angriffskriege führt, annektiert, foltert, Apartheid selbst noch in Sachen Todesstrafe betreibt, und, nicht zuletzt, einen Völkermord begeht, in seinen Taten zu unterstützen ist? Was sind das für pervertierte, verrückte, verabscheuungswürdige Lehren aus der Geschichte? Wer regiert dieses Land eigentlich? Und wer lässt es in dieser menschenverachtenden Weise regieren? []
0

No 751

“In dem Maße, in dem die Erinnerung an den Nationalsozialismus zur Staatsangelegenheit erklärt und dann auch mit viel Geld gefördert wurde, verlor sie beziehungsweise ihre Protagonisten gewissermaßen ihren >>counter-culture<<-Aspekt. Man musste nicht mehr kämpfen, sondern die eigene Arbeit war plötzlich staatlich anerkannt und bedeutungsvoll. Ich rede hier auch von mir selbst. Zugleich vollzog sich ein Prozess der massiven De-Politisierung. Wir gedenken der Opfer, aber wir erklären kaum noch, wie es dazu kam. Man hört wenig darüber, wie die regimetreuen Kräfte erst einmal Zehntausende von politischen Gegnern einschüchtern, wegsperren, außer Landes treiben oder umbringen mussten, bevor man mit dem biopolitischen, antisemitischen und rassistischen Umbau der Gesellschaft beginnen konnte. Man fragt auch ungern, wer daran verdient hat. Und das Wort >>Antifaschismus<< wird meist müde belächelt. Ich empfehle jedem, einmal Bücher wie die Biografie der Krankenschwester Betty Rosenfeld aus Stuttgart zu lesen, um ein Gefühl davon zu bekommen, was dieses Wort für eine ganze Generation junger jüdischer wie nicht-jüdischer Jugendlicher bedeutet hat.
Es geht also darum, Freiraum zu schaffen, damit sich neue Generationen die Geschichte ihres Landes selbst aneignen, auch wenn uns die Formen manchmal nicht passen. Davon sind wir allerdings gerade weiter entfernt denn je. Die junge Generation erlebt die zur Staatsräson geronnene Erinnerungskultur als starres, autoritäres Regelwerk. Das hat zu einer Entfremdung der arabischen, muslimischen, aber auch anderer migrantischer Communitys und von Teilen der jungen Generation insgesamt geführt. Sie empfinden und erleben den ganzen deutschen Diskurs zwischen Erinnerungskultur, Ukraine und Gaza als heuchlerisch und verlogen. Da gibt es einen richtigen Bruch – und wie gesagt, ich höre das auch von braven deutschen Mittelschichtskids, die nicht politisch aktiv sind. […]
Da wäre mein Vorschlag recht einfach, wenngleich er quasi von der Erinnerung in die Gegenwart reicht: Wie würde sich der Diskurs und die Stimmung verändern, wenn wir ein tieferes, gesellschaftliches Verständnis des Nationalsozialismus als Gesellschaftsform einerseits und der Vielheit der Verfolgten und ihrer Geschichten andererseits erlangen würden? Die NS-Zeit ist nicht nur eine des Antisemitismus, sondern ein Prozess der dauernden Ausschließung, in der eine faschistische Idee von Gesellschaft durchgesetzt wurde. Wie entsteht eigentlich die faschistische Gesellschaft? Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus könnte so zu etwas erweitert werden, das alle adressiert, die in diesem Land lebten und leben. Das wäre ein brandaktueller Minimalvorschlag, der anschlussfähig an heutige Erfahrungen machen könnte.”

(Stefanie Schüler-Springorum, Historikerin und Antisemitismusforscherin – Vorwärts und nicht vergessen, Website von medico international, 23.2.2026)

0

No 750

“Nach herrschender Ansicht stellen die amerikanischen und israelischen Angriffe einen völkerrechtswidrigen Verstoß gegen das in Art. 2 Abs. 4 VN-Charta niedergelegte Gewaltverbot dar, da sie weder vom Recht der Selbstverteidigung gedeckt noch vom VN-Sicherheitsrat gem. Art. 42 VN-Charta autorisiert wurden. Zu den von den USA und Israel sowie Kommentatoren vorgetragenen Begründungen der Angriffe – u. a. das Argument der präventiven Selbstverteidigung oder der Verweis auf ein Agieren in einem andauernden bewaffneten Konflikt – wird auf die Arbeit der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages vom 3. Juli 2025 verwiesen.
Über die Ausführungen in der vorgenannten Arbeit hinaus ist bezüglich möglicher Rechtfertigungsversuche der Militärangriffe mit den atomaren Ambitionen Irans darauf hinzuweisen, dass
diese Argumentationslinie angesichts der Militäroperationen Rising Lion und Midnight Hammer im Sommer 2025 neue Tatsachenfragen aufwirft. US-Präsident Trump hatte nach den Operationen 2025 erklärt, dass die iranischen Nuklearanlagen hierdurch >>vollständig zerstört<< worden seien.
In der öffentlichen Debatte gibt es auch Ansätze, die amerikanischen und israelischen Angriffe als >>humanitäre Intervention<< zu definieren – wenngleich weder die USA noch Israel ihre Militärangriffe mit Verweis hierauf gerechtfertigt haben. Die humanitäre Intervention stellt einen potenziellen Rechtfertigungsgrund für die Durchbrechung des in Art. 2 Abs. 4 der VN-Charta verankerten Gewaltverbots für den Fall dar, dass besonders gravierende Menschenrechtsverletzungen gegen die lokale Bevölkerung begangen werden und eine humanitäre Katastrophe beendet oder abgewendet werden soll. Sie ist allerdings weder in der VN-Charta noch in anderen völkerrechtlichen Verträgen ausdrücklich anerkannt. Auch eine völkergewohnheitsrechtliche Geltung ist tendenziell abzulehnen, da sich die Rechtsfigur in der Staatenpraxis trotz vereinzelter Bezugnahmen bislang nicht durchsetzen konnte. Auch in der völkerrechtlichen Literatur sind Existenz und Inhalte der humanitären Intervention umstritten.”

(Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages – Die Militäroperationen Epic Fury and Roaring Lion der USA und Israels im Lichte des Völkerrechts, Website des Wissenschaftlichen Dienstes, 19.3.2026)

0

No 749

“Nach Darstellung Dogrus verschärft sich die Lage weiter. Mit den genehmigten 506 Euro monatlich sei es unmöglich, eine fünfköpfige Familie zu versorgen. Zudem könne er über selbst diesen Betrag nicht frei verfügen. Die Situation könne existenzbedrohend werden. Es bestehe die reale Gefahr, die Miete nicht mehr zahlen zu können. Als sanktionierte Person habe er faktisch keine Chance, einen neuen Mietvertrag abzuschließen. >>Das Risiko, mit drei Kindern auf der Straße zu landen, ist längst keine abstrakte Befürchtung mehr, sondern eine konkrete Bedrohung.<< […]
Die aktuellen Entwicklungen zeigten, dass die praktischen Konsequenzen der Sanktionen dazu führen könnten, dass elementare Grund- und verfassungsmäßige Rechte faktisch suspendiert würden, sagt Dogru – >>nicht auf dem Papier, aber in der Realität unseres Alltags<<. […]
Der Journalist steht seit Mai 2025 auf einer EU-Sanktionsliste. Die EU begründet die Maßnahmen damit, dass Dogru mit seiner propalästinensischen journalistischen Arbeit >>ethnische, politische und religiöse Zwietracht<< schüre und damit >>destabilisierende Aktivitäten Russlands<< unterstütze. Öffentliche Belege für eine konkrete Verbindung nach Moskau wurden bislang nicht vorgelegt. […]
Scharfe Kritik an dem EU-Sanktionsregime äußern mehrere Juristen. In einem Rechtsgutachten, das im Herbst vergangenen Jahres im Europäischen Parlament vorgestellt wurde, kommen die ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof, Ninon Colneric, und die Völkerrechtlerin Alina Miron zu dem Schluss, dass die Maßnahmen tiefgreifende Grundrechtseingriffe darstellen. Die Autorinnen sprechen von einem faktischen „zivilrechtlichen Tod“: Vermögenswerte würden eingefroren, der Zugang zu Bankdienstleistungen blockiert und die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit nahezu vollständig lahmgelegt. Besonders problematisch sei, dass die Sanktionen ohne vorherige gerichtliche Kontrolle verhängt würden und Betroffene vor ihrer Listung kein rechtliches Gehör erhielten. […]”1

(Raphael Schmeller, Redakteur der Berliner Zeitung – Gericht bestätigt Kontosperre: Berliner Journalist droht wegen EU-Sanktionen die Obdachlosigkeit, Website der Berliner Zeitung, 24.3.2026)

  1. Anm. JJ: Die realen Verhältnisse sind kafkaesker, als man sich vorstellen kann. Hier werden grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien (ordentliches Verfahren, Verhältnismäßigkeit, Beweislast) im Rahmen eines als Verwaltungsakt daher kommenden politischen Beschlusses außer Kraft gesetzt. Man fragt sich, welche Öffentlichkeit dies überhaupt noch zur Kenntnis nehmen soll, um uns alle vor dem Abgleiten in die autoritäre Willkürherrschaft zu bewahren, die wir zunehmend den höchsten Ebenen beobachten können. Siehe auch: “»Du bist existenziell auf null gestellt«”, Jacobin, 6.3.2026 []
0

No 748

“Es ist wichtig zu betonen, dass der Export von Treibstoff nach Kuba für jedes Land legal ist. Ebenso ist der Import von Treibstoff durch Kuba aus allen Ländern legal, mit Ausnahme der USA aufgrund der Wirtschaftsblockade. Aktuell drohen die Vereinigten Staaten Ländern, die Treibstoff nach Kuba exportieren könnten, mit Zwangsmaßnahmen. Dies ist der Grund, warum Kuba seit Langem keinen Treibstoff mehr erhält. Die Lage ist sehr ernst. […] Gestern berichteten wir, dass 96.000 Kubaner, darunter 11.000 Kinder, aufgrund von Treibstoff- und Energiemangel auf eine Operation warten. Ich denke, die amerikanische Bevölkerung könnte sich fragen: Warum behandelt unsere Regierung die gesamte kubanische Bevölkerung so?
Ich hoffe, die Menschen in den Vereinigten Staaten verstehen, dass es nicht richtig ist, ein anderes Land so zu behandeln, nur um politische Ziele zu erreichen.”1

(Carlos Fernández de Cossio, stellvertretender Außenminister Kubas – Ausschnitt aus dem Interview mit dem NBC News vom 22.3.2026, X-Kanal von Drop Site, 23.3.2026, Übers. Maskenfall)

  1. Anm. JJ: Menschheitsverbrechen, basierend auf der Willkür des kriminellen Führers der freien Welt. []
0

No 747

“Das Ding ist, die Tagesschau verstößt ständig selbst gegen das Zwei-Quellen-Prinzip. Zum Beispiel hier, als sie von einem Waffenfund im Al-Shifa-Krankenhaus berichtete. Die einzige Quelle: die israelische Armee. Die Tagesschau stellte die Sache selbst dann nicht richtig, als unter anderem Recherchen der BBC zeigten, dass der Waffenfund sehr wahrscheinlich von der IDF inszeniert war. Oder auch hier, als die Tagesschau mal wieder ohne jede Überprüfung über die Sprengung von Tunneln berichtete. Dass selbst die israelische Armee später bekannt gab, dass es die meisten dieser vermeintlichen Terrortunnel nie gegeben hat, erfuhr das Tagesschau-Publikum nie. Oder auch hier, als die Tagesschau ebenfalls ohne irgendeine Überprüfung einfach mal kurzerhand fünf von Israel getötete Journalisten zu Hamas-Kämpfern erklärte. Noch mit Bild vom brennenden Pressefahrzeug im Hintergrund. Und das sind keine seltenen Ausrutscher. Ich könnte euch dutzende Beispiele zeigen, in denen die Tagesschau gegen das Zwei-Quellen-Prinzip verstößt. Und da sind die hunderten Fälle, in denen sich die Redaktion mit ein paar Anführungszeichen, Doppelpunkten oder Konjunktiven einfach ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht entledigt, noch gar nicht mitgerechnet. Und auch da fangen die Probleme erst an. Fehlende Ausgewogenheit, unkritische Übernahme propagandistischer Sprache, das Weglassen wichtiger historischer und juristischer Hintergründe. Es gibt eigentlich kaum einen journalistischen Grundsatz, gegen den die Tagesschau nicht regelmäßig verstößt.”1

(Fabian Goldmann, Journalist und Autor – Warum die Tagesschau keinen Journalismus macht, X-Kanal von Fabian Goldmann, Tweet vom 17.3.2026)

  1. Anm. JJ: Einigen Menschen, die ich kenne, gefällt Kritik an den öffentlich-rechtlichen Nachrichten nicht, weil sie befürchten, dass dies den Formaten schaden würde, so, wie rechte Kräfte dies gern wollen. Oder, weil sie damit aufgewachsen sind und sich von der Überzeugung lösen müssten, dass hier weitgehend sauber berichtet wird (“Worauf soll man sonst noch vertrauen?”). Beides sind keine klugen Positionen. Es bringt nichts, seine Augen vor der beobachtbaren Welt zu verschließen. Und nur, weil viele etwas mit schlechten Argumenten und Emotionen diskreditieren wollen, heißt es nicht, dass es nicht andere, angemessene Argumente gibt, die zur Kenntnis genommen werden müssen. Fabian Goldmann leistet hier eine wertvolle Arbeit. Es bringt nichts, die Augen zu verschließen. Man muss sich über seine Wertmaßstäbe im Klaren sein und sie unnachgiebig daran anlegen, was real beobachtbar ist. Das ist die einzige Chance, die wir auf diesem Planeten haben, möchte ich pathetisch anmerken. Und was die Öffentlich-Rechtlichen betrifft, nur so hätten sie eine Chance, einst zu dem zu werden, wie sie sein sollten (und wie sie sich selbst irrtümlicherweise sehen): Faktisch, klar, transparent, ohne doppelte Standards, im Sinne einer Informierung über die Welt als wichtige Quelle und Ausgangsbasis für Bürgerinnen und Bürger, sich ihre Meinung zu bilden und an der Demokratie teilzunehmen. []
0

No 746

“GENF – Jerusalem wird irreparabler Schaden zugefügt, während die Gewalt die Region erfasst und der Völkermord im Gazastreifen anhält und sich auf das Westjordanland ausweitet, warnten UN-Experten heute.
>>Unter dem Deckmantel eines existenziellen Krieges gegen die Palästinenser beschleunigt Israel Maßnahmen, die Jerusalems demografische Zusammensetzung, seinen religiösen Charakter und seinen Rechtsstatus verändern und die Überreste des pluralistischen Gefüges zerstören, das Jerusalem seit Jahrhunderten für Muslime, Christen und Juden repräsentiert<<, so die Experten.
>>Was diesem weltweiten Symbol spirituellen Zusammenlebens und gemeinsamen Erbes angetan wird, ist unumkehrbar.<<
Im besetzten Ostjerusalem haben außergerichtliche Hinrichtungen, großflächige Abrisse und Vertreibungen zugenommen. Kontrollpunkte und Abriegelungen trennen die Stadt von ihrem palästinensischen Hinterland, isolieren Gemeinschaften von ihrem sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und religiösen Leben und untergraben ihr Recht auf Selbstbestimmung und Entwicklung. Strafende Polizeimaßnahmen und systematische Eingriffe in die Religionsfreiheit zielen darauf ab, Palästinenser zur Ausreise zu zwingen.
>>Das sind keine Sicherheitsmaßnahmen<<, so die Experten. >>Sie sind Teil eines systematischen Projekts demografischer Manipulation und Beherrschung, um die ausschließliche jüdische Kontrolle zu festigen.<<
Das Ausmaß ist erschreckend. Zwischen 2021 und 2025 wurden im Gouvernement Jerusalem Berichten zufolge 144 Palästinenser getötet. Mindestens 11.555 wurden festgenommen, unter Bedingungen willkürlicher Inhaftierung und Misshandlung. Die Behörden erließen 2.386 Ausweisungsbescheide und führten mehr als 1.732 Abriss- und Einebnungsaktionen durch, wobei sie die Bewohner oft unter Androhung hoher Geldstrafen oder Gefängnisstrafen zwangen, ihre eigenen Häuser abzureißen. 33 Beduinengemeinden mit mehr als 7.000 Palästinensern werden durch wiederholte Abrisse und Landenteignungen in die Vertreibung gezwungen. Der Entzug des Zugangs zu natürlichen Ressourcen hat ihnen die Lebensgrundlage weggenommen und viele zur Flucht gezwungen.”1

(Gina Romero, Tlaleng Mofokeng, Ben Saul und weitere UN-Sonderberichterstatter – UN experts warn against the irreversible ‘de-Palestinisation’ of Jerusalem, Website des OHCHR, 6.3.2026, Übers. Maskenfall)

  1. Anm. JJ: Ich fürchte, trotz Umfragen, die das Vorgehen Israels und der USA mehrheitlich selbst in Deutschland verurteilen, begreifen die meisten Menschen hierzulande nicht, dass die eigentliche Zeitenwende darin besteht, dass Deutschland durch die diplomatische Zurückhaltung bis hin zur offenen Untersützung (verbal und per Waffenlieferung), dabei ist, sich auf die Seite dessen zu stellen, was man zunehmend als Schurkenstaaten bezeichnen muss in Anbetracht der nüchternen Befunde. Es ist bedrückend eindeutig. []
0

No 745

“Schon beim letzten völkerrechtswidrigen Angriff auf Iran im vergangenen Herbst wurden die US-Militärbasen in Deutschland für die Vorbereitung genutzt. Danach erklärte US-Präsident Trump, das iranische Atomprogramm sei zerstört worden.
Davon ist er inzwischen wieder abgerückt. Auch jetzt heißt es wieder, die USA müßten das Atomprogramm stoppen – zur Not auch militärisch. Und wieder werden die deutschen US-Basen genutzt, wie diese Meldung aus Ramstein zeigt.
Aktuell starten und landen hier mehr Flugzeuge als sonst, teilweise >>im Minutentakt<<, wie deutsche Planespotter gegenüber Austrian Wings berichteten. Zu den Flugzeugen gehören nicht nur militärische Luftfahrzeuge (C-17 Globemaster, Lockheed C-130 Hercules) sondern auch zivile Frachtmaschinen, die im Auftrag des US-Militärs unterwegs sind, wie beispielsweise Boeing 747 Frachter von Atlas Air.
Obwohl die Bundesregierung sich vage gegen einen neuen Angriff ausgesprochen hat, hat sie keine Einwände gegen die Nutzung der US-Basen und des deutschen Luftraums durch die amerikanischen Streitkräfte erhoben. […]
Deutschland könnte also wieder zum Drehkreuz für einen großen, illegalen Krieg werden […]”

(Eric Bonse, Journalist und Betreiber des Blogs Lost in EUrope – Iran: Wird Deutschland wieder zum Drehkreuz für einen großen Krieg?, Lost in EUrope, 27.2.2026)

0

No 744

“Über die Berichterstattung deutscher Medien seit dem 7. Oktober habe ich ein Buch geschrieben und dafür wollte ich auch wissen, ab wann hätten es Medien eigentlich besser wissen können, besser wissen müssen, was in Gaza passiert? Und die Antwort ist: Von Beginn an. Am Tag 1 machten Menschenrechtler und Reporter vor Ort aufmerksam auf den wahren Charakter der israelischen Angriffe. In einem Bericht vom 11. Oktober der drei großen palästinensischen Menschenrechtsorganisationen ist die Rede davon, wie Israel systematisch zivile Infrastruktur und die Lebensgrundlagen in Gaza zerstört. Ganze Stadtviertel mit über 1000 Wohnungen lägen bereits in Trümmern. Universitätsgebäude, Schulen, Krankenhäuser stünden unter Beschuss, dutzende Fischerboote, Rettungswägen und Bäckereien seien zerstört worden. Nicht einmal vier Tage nach Beginn der israelischen Angriffe warnten die Menschenrechtler vor einem Völkermord in Gaza und mit dieser Warnung blieben sie nicht allein. Zwei Tage später schloss sich der erste renommierte israelische Genozidforscher ihrer Warnung an. Zwei Wochen später warnten auch UN-Experten erstmals vor einem Genozid in Gaza. Und auch israelische Politiker und Militärs machten nie einen Hehl aus ihren Absichten. In deutschen Medien fand man das Wort Genozid trotz immer neuer Belege lange Zeit so gut wie gar nicht, und wenn doch, dann in Form von Spott, von Irreführungen, von Verleumdungen oder Antisemitismusvorwürfen. Auswirkungen auf die Berichterstattung hatten die akribischen Untersuchungen und Warnungen von Experten so gut wie keine. Anders als die unbelegten Behauptungen der israelischen Armee. Wie diese zur wichtigsten und oftmals einzigen Quelle für viele deutsche Journalisten werden konnten, das erzähle ich in meinem Buch >>Staatsräsonfunk – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza<<, und das ist ein Buch darüber, wie Medien die gut dokumentierte Realität in Gaza systematisch verschwiegen, verharmlosten oder rechtfertigten, und es ist auch ein Buch darüber, wie Medien jene diskreditierten, die diese Realität beim Namen nannten.”1

(Fabian Goldmann, Journalist und Autor – >>Über deutsche Medien und den Genozid in Gaza<<, X-Kanal von Fabian Goldmann, Tweet vom 20.2.2026)

  1. Anm. JJ: Dankenswerterweise gibt es auch bereits eine Reihe von wissenschaftlichen Studien, die sich mit der Medienberichterstattung speziell zur Zeit ab dem 7. Oktober auseinandersetzen. Zum Aspekt der unterschiedlichen Opferdarstellung, siehe z.B.: “Hierarchies in death: coverage of Palestinian and Israeli victims in the context of October 7 and the war on Gaza” (Grimm, Könneker & Salehi, 2025), Abstract: “Diese Studie untersucht die Darstellung israelischer und palästinensischer Todesfälle in deutschen Medien. Im Fokus steht die Konstruktion von Trauer im öffentlichen Diskurs nach dem 7. Oktober 2023, in der Anfangsphase des Gaza-Krieges. Anhand der Berichterstattung fünf führender deutscher Zeitungen analysiert die Studie, wie sprachliche Entscheidungen und kontextuelle Darstellungen die öffentliche Wahrnehmung tödlicher Gewalt prägten, Empathie für einige Opfer förderten und Distanz zu anderen verstärkten. Die Ergebnisse zeigen, dass israelische Opfer häufig eine stark personalisierte Berichterstattung erfahren, die individuelle Schicksale, familiäre Hintergründe und emotionale Erzählungen in den Vordergrund rückt. Palästinensische Opfer hingegen werden überwiegend als unpersönliche Statistiken dargestellt, als Kollateralschaden des Krieges verharmlost und in abstrakte Konfliktnarrative eingebettet. Durch die Gegenüberstellung dieser divergierenden Darstellungen wirft die Studie kritische Fragen zur Medienethik und zum Verhältnis zwischen Konfliktjournalismus und den Bedingungen öffentlicher Trauer um Gewaltopfer auf. Sie fordert zudem eine kritischere Auseinandersetzung mit epistemischen Praktiken, die soziale Interaktion und Empathie inmitten von Massengewalt untergraben.” (Übers. Maskenfall) []
0

No 743

“Fünf Jahrhunderte lang, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, expandierte der Westen – Missionare, Pilger, Soldaten und Entdecker strömten von seinen Küsten aus, um Ozeane zu überqueren, neue Kontinente zu besiedeln und gewaltige Imperien zu errichten, die sich über den gesamten Globus erstreckten.[…]
Die großen westlichen Imperien befanden sich im Niedergang, beschleunigt durch gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Aufstände. […] Viele glaubten, das Zeitalter der westlichen Vorherrschaft sei vorbei und unsere Zukunft nur noch ein schwaches Echo unserer Vergangenheit. Doch unsere Vorfahren erkannten gemeinsam, dass der Niedergang eine Entscheidung war, und diese Entscheidung weigerten sie sich zu treffen. Das haben wir schon einmal gemeinsam geschafft, und das wollen Präsident Trump und die Vereinigten Staaten jetzt gemeinsam mit Ihnen erneut tun. […] Wir wünschen uns Verbündete, die stolz auf ihre Kultur und ihr Erbe sind, die verstehen, dass wir Erben derselben großen und edlen Zivilisation sind und die gemeinsam mit uns bereit und fähig sind, sie zu verteidigen. […] die größte Zivilisation der Menschheitsgeschichte [zu] erneuern.”1

(Marco Rubio, US-Außenminister – Secretary of State Marco Rubio at the Munich Security Conference, Website des US Department of State, 14.2.2026, Übers. Maskenfall)

  1. Anm. JJ: Achtung, Anti-Zitat! Auszüge aus der Rede von US-Außenminister Rubio. Für diese Rede, die neben Triumphalismus und Kulturchauvinismus auch noch den imperialen und kolonialen Verbrechen “des Westens” huldigt, haben die anwesenden Eliten auf der “Münchner Sicherheitskonferenz” dann kräftig in die Hände gepatschert, ja gar Standing Ovations gegeben. Die jahrhundertelang unterdrückte restliche Welt (der bei weitem größte Teil der Menschheit) dürfte dies als Kampfansage verstehen. Wohin bewegen wir uns eigentlich? Und welche Instanz ist da noch, die sich mit Vernunft und ethischem Maßstab all dem Wahnsinn entgegenstellt? Es scheint, dass die westlichen Staaten endgültig zu dem gemacht werden sollen, was sie selbst stets monierten und womit sie allerlei Gewalt rechtfertigten: Schurkenstaaten. Mit Trump und den USA als Führungsmacht eben selbiger. []