Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken
0

100 Jahre Institut für Weltwirtschaft – Teil 3: Die schlechten Jahre (Gastbeitrag)

Dr. Thomas Herrmann  (Historiker und Soziologe, sowie Mitglied von attac Kiel) stellt im dritten Teil seines Essays zur Geschichte des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (Teil 1 und 2 siehe hier und hier) die ersten Nachkriegsjahre dar, in denen trotz materieller Not damals noch gesellschaftlich sinnvolle, empiriebasierte Forschungsarbeit vom Institut an den Tag gelegt wurde. Thomas Herrmann gab der Phase die Überschrift “Die schlechten Jahre”.

Der Gegensatz zu Marktwirtschaft, den man jetzt ins Auge fassen muß, ist nicht Planwirtschaft und nicht Staatstätigkeit, sondern Subsistenzwirtschaft. Eine solche Wirtschaft läuft ohne nennenswerte monetäre Vermittlung ab. Ihr fehlt vor allem das durch Preise ermöglichte Beobachten des Beobachtens.

(Niklas Luhmann)

Im Mai 1945 sind die Gebäude des Instituts für Weltwirtschaft weitgehend zerstört, Archiv und Bibliothek aber beinahe vollständig erhalten. Nur das abgeschlossene Archiv des ersten Weltkrieges mit einer Million Zeitungsartikeln verbrennt restlos in der Folge eines Bombenangriffs am 26. August 1944 im Keller des Kollegienhauses und einige hundert Gutachten aus den Jahren nach 1941 verschwinden spurlos. Die Arbeit findet dann überwiegend in Ratzeburg statt, wo die Bibliothek vom August 1942 bis zum August 1944 nach und nach im Dom untergebracht wird1. Weitere Bestände des Instituts, wie das Wirtschaftsarchiv sind in Segeberg einzusehen. Anderes, wie die gewerkschaftliche Literatur2, verbleibt in Kisten verpackt und wird in Mölln und anderen Ortschaften in der Nähe untergestellt. Die Druckerei weicht nach Hamburg aus. Das Institut zieht im Juli 1944 ganz nach Ratzeburg. Die in hastig aufgestellten Baracken verrichtete Arbeit dünnt sich aus und ist zum Kriegsende kaum wahrnehmbar. Wichtige Publikationsreihen werden eingestellt. Und der fast bis zum Kriegsende aufrechterhaltene Bezug internationaler und fremdsprachiger wirtschaftswissenschaftlicher Zeitungen und Zeitschriften kommt zum Erliegen.

Man versucht weiter zu machen. Das ist einerseits einfach, weil man einfach weitermachen kann, andererseits unmöglich, weil es an allen Voraussetzungen mangelt. Die betriebliche Hierarchie, die stark abgeschwächt auch in Wissenschaftsorganisationen vorfindbar ist, schwächt sich bis zur Unkenntlichkeit ab. Für das Institut für Weltwirtschaft spielt es keine Rolle, dass Andreas Predöhl durch die britische Besatzungsmacht im November 1945 abgesetzt und erst im März 1946 mit Friedrich Hoffmann ein kommissarischer Leiter ohne große Befugnisse eingesetzt wird. Dieser wird dann im Oktober 1946 von Harld Fick abgelöst und erst am 1. Juli 1948 wird mit Fritz Baade wieder ein ordentlicher Direktor des Instituts eingesetzt. Das einen Schnitt markierende Ereignis ist die Währungsreform am 20. Juni 1948, jene wirtschaftliche Gründung der Bundesrepublik, die der politischen um ein Jahr vorauseilt. Sie vollzieht auch wirtschaftlich die politisch nicht durchsetzbare Spaltung Deutschlands.

Der Alltag im Schleswig-Holstein der Nachkriegszeit

Die Stadt Kiel ist nach 90 Bombenangriffen verwüstet. Die Bevölkerungszahl hat sich auf 150.000 halbiert. Die Zerstörung der Wasserversorgung und der Kanalisation (800 Bruchstellen) führen beinahe zur Evakuierung der Stadt. Der Alltag wird durch Mangel beherrscht: an Nahrung, Wohnraum, elementaren Gebrauchsgütern sowie Rohstoffen.

Die größte Sorge bereitet die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln (“Kalorien”). Vor allem bis zur Währungsreform prägt die problematische Ernährungslage die Alltagserfahrung. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gibt es Planungsmaßnahmen zur Nahrungsmittelversorgung, die im Horizont der Kriegsvorbereitungen stattfinden. Sie stützen sich auf Erfahrungen des Ersten Weltkrieges (fast 800.000 Hungertote), in dem Hungersnöte wesentlich zu den Aufständen motivieren, die zum Kriegsende beitragen. Unmittelbar vor Kriegsbeginn im August 1939 beginnt in Deutschland mit der ersten Zuteilungsperiode (“Dekade”) die Vollbewirtschaftung der Nahrungsmittel. Nachdem die Lebensmittelzuteilung in den ersten Jahren für die (nichtverfolgten) Deutschen selbst gut funktioniert, wird es ab April 1942 schwer, von den Nahrungsmittelrationen allein zu leben. Die Bevölkerung in den Großstädten ist davon besonders betroffen. In der Hungerzeit nach dem Kriege muss man mit 800 Kalorien pro Tag auskommen, was weit unter der mit 2400-3000 Kalorien errechneten Norm liegt3. Der Zeitraum, in dem die zum Überleben notwendigen Lebensmittel auf anderen als den gängigen Wegen beschafft werden müssen, reicht vom Frühjahr 1942 bis zur Jahreswende 1949/50. Die Nahrungsmittelknappheit verlangt ein außerordentliches Maß an physischer und psychischer Ausdauer. Oft muss man stundenlang vor Geschäften Schlange stehen, um die dringend benötigten Lebensmittel zu erhalten, womit jedoch keineswegs sichergestellt war, sie tatsächlich zu bekommen. Unter Gefahren müssen Tauschgeschäfte auf dem Schwarzmarkt getätigt, auf “Hamsterfahrt” gegangen, sowie auf Feldern und im Wald gesammelt werden. Aufgrund der akuten Mangellage ist die Bevölkerung vorwiegend auf Selbsthilfe angewiesen. In diesem Sinne erteilen die Besatzungsbehörden die Anweisung, jeden Quadratmeter anbaufähigen Landes zu bebauen und zwar vor allem mit winterfestem Gemüse wie z.B. Steckrüben, Bohnen und Kartoffeln. Dass ungewöhnliche Umstände besondere Maßnahmen erfordern, zeigt sich an der Ausgestaltung der Wohnungen, die aufgrund der Selbstversorgung z.T. eher ländlichen Charakter annahmen: Trotz Verbotes werden dort Kaninchen, Hühner und Ziegen gehalten. Eine besondere Bedeutung kommt in dieser Zeit den Schrebergärten zu.

Dadurch, dass die Bevölkerung weitgehend darauf angewiesen ist, sich selbst Nahrungsmittel zu beschaffen, verwischen sich nach dem Krieg die Grenzen zur Kriminalität bei der Lebensmittelbeschaffung vollständig. Felddiebstähle, Plünderungen von Lebensmitteldepots, Lebensmittelkartendiebstähle und -fälschungen prägen das Alltagsleben der Nachkriegszeit. Die Tatsache, dass es kaum Hungertote in Deutschland gegeben hat, zeigt dabei den hohen Grad in der Fähigkeit zur Selbstorganisation. In den mit der Nahrungsmittelvergabe beauftragten Behörden werden turnusmäßige Wechsel und Kontrollen eingeführt, um wenigstens die Staatsbediensteten zur Einhaltung der Gesetze zu zwingen. Gegenüber der Bevölkerung ist die Durchsetzung von Gesetzen, die die Aneignung von Lebensmitteln verpönen nicht möglich. Das Aufstellen von Verbotsschildern wird von der Bevölkerung mit ihrer postwendenden Verarbeitung zu Brennmaterial beantwortet.

Bereits während des Krieges entsteht in Deutschland eine “illegale Untergrundwirtschaft”4. Mit der Einführung der Lebensmittelkarten wird eine Art zweiten Geldes etabliert, mit der die herkömmliche Geldwirtschaft erschüttert wird. Fälschungen von Lebensmittelkarten sowie ihr unrechtmäßiger Bezug werden alsbald zu alltäglichen Erscheinungen, auch wenn die nationalsozialistische Gerichtsbarkeit diese Tätigkeiten teilweise mit der Todesstrafe ahndet. Die Tendenz zu illegaler Beschaffung und Tauschtätigkeit setzt sich nach Kriegsende fort. Der Polizei fehlt das nötige Personal, sowie Exekutivbefugnisse. Sie wird im Mai 1945 entwaffnet und es gibt Anweisungen, dass die Polizei nicht einschreiten, sondern die Militärpolizei rufen soll. Die staatliche Ordnungsmacht ist so weitgehend außer Kraft gesetzt.

Auf dem Schwarzmarkt wird ein Naturaltausch praktiziert: neben Lebensmittelkartenabschnitten werden Zündsteine und vor allem Zigaretten zu neuen Tauschmitteln. Handwerker werden oft nur aktiv, wenn ihnen Naturalien und insbesondere Nahrungsmittel angeboten werden. Bretterwände um ausgebombte Grundstücke sind Tauschbörsen, die von Angebots- und Nachfragezetteln übersät sind. Es ist die ungeheure Anstrengung und der Aufwand an Zeit zu vergegenwärtigen, den der Tausch ohne Geld erfordert. Das Geld ist bis zur Währungsreform 1948 keine geeignete soziale Ressource, um z.B. Menschen zur Arbeit und auch Unternehmen zum Handeln zu motivieren. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Der Satz “Ich kann mir es nicht leisten arbeiten zu gehen, ich muss meine Familie ernähren”5 gehört zu den Standarderfahrungen der Nachkriegszeit. Das Geld aus Erwerbsarbeitsverhältnissen reicht bis zur Währungsreform “gerade zum Verjubeln”.

Die Unternehmen machen hoch zeitaufwendige „Kompensationsgeschäfte“ via Waren- und Ringtäuschen und zahlen auch ihre Mitarbeiter in Naturalien. So zum Beispiel eine Preetzer Sauerkrautfabrik, die ihre Mitarbeiter mit Kohl und Essig entlohnt. Diese schreiben dann kleine Zettel für die Bretterwände: „Biete Kohl, suche Schreibpapier“. Der 1933 aus dem Institut vertriebene Gerhard Colm argumentiert 1946: „Die unmittelbare Gefahr in Deutschland besteht nicht darin, daß die Inflationskontrollen zusammenbrechen, sondern daß sie bedeutungslos werden.”6 Im „Weinheimer Währungsbeschluss der Preisbildungsstellen“ vom 8. Mai 1947 heißt es: „Das unablässige Vordringen des Naturaltausches führte zuerst den Zusammenbruch des Bewirtschaftungssystems herbei und muß in absehbarer Zeit auch die Preispolitik zu einer völligen Fiktion werden lassen …7.“

Diese Umstellung auf eine Tauschwirtschaft ist sicher von den Erfahrungen der großen Inflation eine Generation vorher geprägt. Der Geldverkehr funktioniert da bis zur Währungsumstellung, auch wenn man am Ende mit einer Schubkarre zur täglichen Lohnzahlung erscheint. Jetzt aber – und das setzt bereits im Krieg ein – wird der Geldverkehr praktisch suspendiert. Der wichtigste Grund ist wohl die Überspannung des Geldes durch Knappheit. Knappheit ist eine zentrale Voraussetzung jeder Geldwirtschaft und muss bei technologisch induziertem Überfluß in der Wirtschaft selbst erst hergestellt werden. Wenn es extrem knapp, das heißt zu knapp wird, so ist mit Geld nicht mehr zu bezahlen und man kehrt ohne Umwege zur zeitraubenden und anstrengenden Tauschwirtschaft zurück. Es gibt noch Geld, aber es ist aus seiner zentralen Stellung in der Wirtschaft verdrängt.

Gibt es eine politische Vergangenheitsbewältigung am Institut?

Wie Hannah Arendt treffend beobachtet, will man zunächst gar nicht über die Nazizeit sprechen und wenn überhaupt, dann nur im Kontext der Verbrechen auch anderer Länder. Die grundlegende Situation beschreibt sie folgendermaßen:

„Denn während das deutsche Volk nicht über alle Verbrechen der Nazis informiert und sogar vorsätzlich über deren genaue Art in Unwissenheit gehalten wurde, hatten die Nazis doch dafür gesorgt, daß jeder Deutsche von irgendeiner schrecklichen Geschichte wußte. Er brauchte also gar nicht alle in seinem Namen verübten Verbrechen genau zu kennen, um zu begreifen, daß er zum Komplizen eines unsäglichen Verbrechens gemacht worden war“.8

Diese Komplizenschaft, die sich in vielfältigen, auch institutionellen Arrangements zeigt9, führt nicht nur dazu, dass es praktisch keine Zornesausbrüche gegen Nazis in der Nachkriegszeit gibt, sondern, dass sich rasch eine Übereinkunft einspielt, darüber nicht zu reden. Einen Schub bekommt die Debatte als die Kriegsgefangenen nach Hause kommen. Sie sind sehr viel besser informiert als die Zivilbevölkerung. In den langanhaltenden Streitereien werden dann diejenigen ins Abseits gedrängt, die behaupten, es hätte gar keine Verbrechen gegeben. Aber auch daraus folgt wieder nur ein Konsens, dass man nun gar nicht mehr drüber reden bräuchte, wenn nichts Schlimmes ans Tageslicht käme. Es kam aber immer wieder was. Es ist schade, dass es keine Überlieferungen darüber gibt, wie die Auseinandersetzungen über dieses Thema im Institut für Weltwirtschaft verlaufen sind. Offiziell wird eine Haltung eingenommen, als ob man nicht dabei gewesen wäre, als ob das Institut die NS-Zeit sozusagen durchstehen musste. Das Institut als Schiff, das durch die hohe See des Nazismus gesteuert wurde.

Der Alltag am Institut für Weltwirtschaft

Die Mitarbeiter am Institut wenden sich nach dem Krieg den Problemen der Nahrungsmittelversorgung, des Wohnraums, vor allem aber der Flüchtlingsfrage empirisch und theoretisch zu (hierzu erscheint bereits 1946 eine erste Studie). Bahnbrechend ist dann die am Institut für Weltwirtschaft entstehende empirische Untersuchung von Friedrich Edding, Hans-Erich Hornschu und Hilde Wander: Das deutsche Flüchtlingsproblem.10. In dieser Schrift greifen die Autoren das damals greifbare Datenmaterial auf und geben erste Handlungsempfehlungen. Die „heroische“ Leistung dieser Arbeit ergibt sich aus den Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit, denen ja auch die Autoren unterliegen. Eine Bahnfahrt von Kiel nach Flensburg dauert neun Stunden. Benzin oder Diesel gibt es selten oder gar nicht. Papier ist kaum aufzutreiben. Strom gibt es nur stundenweise, Gas täglich eine Stunde, Steinkohle nicht. Schreibmaschinen – als begehrtes Tauschobjekt – dürfen nicht aus den Augenwinkeln geraten. Dauerndes Hungergefühl, jeder Kratzer eitert. Kaum was zum Heizen. Im harten Winter 1946/47 mit über 20 Grad minus nimmt man die Schuhe mit ins Bett, sonst frieren sie steif und sind morgens nicht zu gebrauchen. Die noch intakten Wasserleitungen frieren ebenso zu, wie die Abwasserleitungen mit den vorstellbaren Folgen, wenn es wieder taut. Wenn die Nase läuft, bilden sich nachts an ihrer Spitze kleine Eiszapfen, in der Wärme juckt die Nase dann wie verrückt; auch an den Fingergelenken bilden sich Frostbeulen. Und das trifft Alle, alte Nazis und Nazigegner, Wissenschaftler und Handwerker, Alte und Junge, Frauen und Männer.

Die Befunde der Flüchtlingsstudie

Die Studie, die eine mit empirischen Materialien angereicherte und erweiterte Fassung der 1946er Flüchtlingsstudie darstellt, gliedert sich in die Teile:

  1. Wirkungen des Flüchtlingszustroms auf Bevölkerung und Wirtschaft Deutschlands
  2. Die regionale Verteilung der Flüchtlingslast
  3. Das Problem des Ausgleichs der Flüchtlingskosten

Den Hauptzustrom der Bevölkerungszuwanderung hat Schleswig-Holstein vom Februar bis zum Juni 1945 zu verzeichnen. So hat Schleswig-Holstein am 1.1.1948 2.693.596 Einwohner (1938: 1,5 Millionen), davon sind 910.00011 Flüchtlinge und weitere 237.000 Vertriebene, Evakuierte und “Displaced Persons”, etwa entlassene ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Insgesamt steigt die Bevölkerungszahl Schleswig-Holsteins von 1938 bis 1948 um 70%; allein die Flüchtlinge lassen sie um 66,8% steigen12. Neben Bayern hat Schleswig-Holstein damit den höchsten Anteil an Flüchtlingen aller deutschen Länder.

Die ankommenden Flüchtlinge werden von der einheimischen Bevölkerung nicht willkommen geheißen, sondern oft als Fremde behandelt. Dies scheint zunächst eher problemlos, weil sich ein Großteil der Flüchtlinge nur auf eine kurze Evakuierungszeit einstellt (z.B. durch ausschließliche Mitnahme von Sommerbekleidung: zum Herbst, so denkt man, ist man wieder daheim). Aber im Herbst des Jahres 1945 wird zusehends deutlich, dass an eine schnelle Rückkehr in die Ursprungsgebiete nicht zu denken ist. Die Flüchtlingsbewegung wird nun als sozial und politisch brisant eingeschätzt, weil die entstandene Situation durch vielfältige Konfliktlagen gekennzeichnet ist. „Als Hinzugekommene und Besitzlose bleiben [die Flüchtlinge] jedoch in der Praxis weiter benachteiligt“.13 Oft empfinden die Flüchtlinge sich von den Behörden “als Bürger 2. Klasse” behandelt, bemerken, dass sie bei der Vergabe von Arbeits- und Studienplätzen benachteiligt werden oder sie monieren, dass Care-Pakete vorwiegend an Einheimische verteilt werden. „Die soziale Deklassierung der Flüchtlinge …. zeigt sich auch darin, daß sie im Verhältnis zu den Einheimischen den höchsten Beschäftigungsgrad in den Berufszweigen erreichen, die schwere oder weniger beliebte Arbeit erfordern“14.

Durch die starke Zuwanderung verschärft sich das Problem der Wohnraumnot. Innerhalb der drei Westzonen werden annähernd 45% des Wohnraumbestandes der Vorkriegszeit entweder total oder schwer beschädigt, aber auch die übrigen Wohnungen befinden sich zum Teil in desolatem Zustand. 1945 wird die ohnehin schwierige Wohnungssituation durch die ankommenden Flüchtlinge weiter verschlechtert. Die Zunahme der Bevölkerung bei gleichbleibendem oder sogar abnehmendem Wohnraum (durch Abriss beschädigter und vom Einsturz bedrohter Häuser) führt zu einer durchgängigen Überbelegung der Wohnungen. Statistisch gesehen müssen sich in Schleswig-Holstein 2,33 Menschen einen Wohnraum von 6 qm teilen15. Vom Dachboden bis zum Keller wird jeder verfügbare Raum mobilisiert, um den Menschen überhaupt ein Dach über dem Kopf zu bieten. Die Belegungsdichte von Wohnungen ist bei den Flüchtlingen noch höher als bei der alteingesessenen Bevölkerung. Der Bau von Baracken und “Nissenhütten” verschafft zwar Wohnraum, verschiebt das Problem aber lediglich, weil diese ohnehin nur als Übergangslösung gedacht sind. Erst seit 1950 überholt der Wohnungsbau die Zuwanderung. Die Situation läßt sich damals selbstverständlich nicht über den „Markt“ in den Griff bekommen. Es herrscht strenge Wohnraumbewirtschaftung mit Zuweisungen in Wohnungen. In Kiel ist es dann z.B. so, dass eine fünfköpfige Famile in eine Zwei-Zimmerwohnung zugeteilt wird, in der schon eine dreiköpfige wohnt. Die Wirkungen sind langanhaltend. Als es Anfang der 80er Jahre in Kiel zu einem rasenden Wohnraummangel kommt, werden bei älteren Mitbürgern traumatische Erinnerungen an die Zeit der Wohnraumbewirtschaftung geweckt, weil sich die Menschen in solchen Wohnverhältnissen gegenseitig verabscheuen.
Das wirtschaftliche Resumee der Studie ist nicht optimistisch.

„Die Zuwanderer brachten in das verarmte Westdeutschland nicht viel mehr mit als ihren Lebenswillen und ihr Können. Ein Vermögen, dessen Vorkriegswert auf mindestens 100 Mrd. RM geschätzt werden kann, mussten sie in ihrer Heimat zurücklassen. … damit [ist] etwa die Grössenordnung des Aufwands bezeichnet, der erforderlich wäre, um den Vertriebenen die Möglichkeit zu geben, einen normalen Beitrag zum Sozialprodukt zu leisten. Investitionen in diesem Ausmass aus eigener Kraft aufzubringen kann Deutschland in absehbarer Zeit nicht hoffen. … das reale Sozialprodukt war 1947 fast um die Hälfte kleiner als 1936.“16

Im Begriff der Vertriebenen wird eine bedeutsame semantische Verschiebung deutlich. Zunächst kann zwischen Flüchtlingen und Vertriebenen sehr gut unterschieden werden. Flüchtlinge sind diejenigen, die vor dem herannahenden Kriegsgeschehen vor ihrer Haustür nach Westen flüchten. Auch das muss, vor allem in ländlichen Gebieten getarnt werden. Es müssen Vorwände konstruiert werden, weil „eine Flucht“ nicht vorgesehen ist, weil dadurch der „Endsieg“ gefährdet würde. Es werden aber bereits Ende 1944 aus den ostpreußischen und dann pommerschen und schlesischen Großstädten Frauen mit ihren Kindern evakuiert und gezielt in kleinere Städte zugewiesen. Diese Flüchtlinge können flüchten, das heißt, sie haben die finanziellen Möglichkeiten und kommen in vereinzelten Familienteilen. Es handelt sich um die Mittel- und Oberschicht, die die ostdeutschen Provinzen praktisch aufgeben. Die Vertriebenen hingegen sind diejenigen die nach Kriegsende in ihren Stammregionen verblieben sind und dann zwangsweise ausgesiedelt (vertrieben) werden. Dazu gehören dann ganze Bevölkerungsgruppen, wie die Sudetendeutschen (die geschlossen nach Bayern gehen), vor allem aber die (auf dem Lande verstärkt) verbliebenen Unterschichten. Dass sich dann gerne alle als „Vertriebene“ stilisieren und sich der Begriff durchsetzt, wird nicht im Institut forciert, aber „wissenschaftlich“ begleitet. So heißt es auch auf Seite 74: „Mit der Rückführung der Deutschen nach Pommern und Schlesien wäre den deutschen Wirtschafts- und Sozialproblemen ihre bedrohliche Ausweglosigkeit genommen“. Diese Aussage ist nicht reaktionär gemeint, sondern Ausdruck einer völligen Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft des Landes und auch in Hinsicht auf eine verbreitete Erwartung eines Folgekrieges USA gegen die Sowjetunion. Es ist aber wohl als tragisch zu bezeichnen, dass es für die deutsch-polnische Frage keine politische Lösung gibt, obwohl der Alltag weitgehend problemlos ist. Aber: beide Völker müssen den Siegermächten dankbar sein, dass sie diesen, wesentlich von den Eliten in beiden Ländern forcierten und dadurch unlösbar gewordenen, Grenzkonflikt wie einen gordischen Knoten durchschlagen haben.

Es ist auch ein weit verbreiteter Glaube, dass eine vorschnelle Integration der Flüchtlinge einer Aufgabe der Ostgebiete gleichkäme. Das führt dann dazu, dass man zunächst die Flüchtlingslager nicht auflösen will. Die Flüchtlinge sollen sich „bereit halten“ für die Rücksiedlung in die Ostgebiete. Die Integration der Flüchtlinge wird als Aufgabe der Ostgebiete gedeutet. Die letzten Flüchtlingslager werden in Kiel in den 70er Jahren aufgelöst, nachdem diese Menschen über eine Generation im Lager leben. Überraschender Weise kommt es dann dazu, dass in den frisch bezogenen Wohnungen Lagerfeuer entzündet werden.

Zur Verteilung der Flüchtlingslasten bringen die Autoren Einnahmen und Ausgaben, die differenziert in den Gebietskörperschaften anfallen, zu Tage. Nebenher erfährt man, dass das Land Schleswig-Holstein 35,9 Prozent seiner Steuereinnahmen für die Besatzungskosten ausgibt17 und weitere 12,5 Prozent für die offene Flüchtlingsfürsorge. Man erfährt, dass der Mehrbedarf allein an Volksschullehrern aufgrund der Flüchtlingskinder bei 3.753 Stellen (bei einer Klassenstärke von 50!) liegt18, dass die Einnahmen aus den ehemaligen Reichssteuern in Schleswig-Holstein im Oktober 1947 pro Kopf der Bevölkerung bei 237,27 Reichsmark liegen, während sie in Hamburg 1028,76 Mark pro Kopf betragen19. Hamburg nimmt 120 Millionen Reichsmark an Zöllen ein, Schleswig-Holstein nur 2 Millionen. Insgesamt gehen 59 Millionen Mark Umsatz- und Verbrauchssteuern nach Schleswig-Holstein und 304 Millionen nach Hamburg. Dann entwickeln die Autoren erste Ideen für einen schlüsselgesteuerten Finanzausgleich. Dieser kommt nach langen Auseinandersetzungen erst 197020.

Das ist die bleibende Stärke des Institutes, unter welchen Bedingungen auch immer, die in der Gesellschaft verbreiteten Informationen zu sammeln, zusammenzustellen und aufzubereiten. Davon abzuheben sind die wirtschaftspolitischen Empfehlungen, die seit 1945 mit wenigen Ausnahmen stereotyp wirtschaftsliberal sind.

So liest man in der Flüchtlingsstudie Glaubenssätze, die in tausendfacher Variation bis heute wiederholt werden: „Es sollte aber nicht zweifelhaft sein, dass Deutschland allen Anlass hat, von der in England betriebenen Politik der austerity zu lernen und sie in noch stärkerem Maße anzuwenden“21. Diese historische Äußerung ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass die Autoren den deutschen Kapitalstock damals maßlos unterschätzen (s.u).

Zur Erinnerung: Mit Austerity, deutsch: Austerität (Einschränkung der Lebensverhältnisse) ist Deflationspolitik, modern “Sparen” gemeint. Nach dem Zweiten Weltkrieg steht England mehrmals kurz vor der Zahlungsunfähigkeit, seine Vermögensverbindlichkeiten aus Kriegsausgaben liegen bei 220 Prozent des BIP (Die Bundesrepublik wird ihre Verbindlichkeiten weitgehend durch die Währungsreform und später durch den Londoner Schuldenerlaß 1953 los). „Austerity“ veredelt eine verfehlte Politik, denn die Sparpolitik schwächt den Industriekern Englands mit den bekannten Folgen. Die im Institut entwickelten Analysen in der großen Depression, die auf eine zusätzlich erzeugte öffentliche Nachfrage zur Stabilisierung der Erwartungen an industrielle Investitionen hinauslaufen, sind nach wie vor richtig und finden dann übrigens auch wirtschaftspolitisch in der BRD Anwendung. Wenn Werften wie die Kieler Howaltswerke nicht ausgelastet sind, bestellt ein Ministerium z.B. einen Dampfer für den Verkehr auf dem Irawadi in Birma. Vollbeschäftigung und Entwicklungshilfe sind eine Lösung. Adolph Lowes Kritik des Sparens:

„Technische Immobilität stellt die reifen Industriegesellschaften vor eine vollkommen andere Situation. In dem Maße, wie die Produktionsfakoren technisch behindert sind, aus einer gegebenen Beschäftigung auszuwandern – eine Bedingung, die für den größten Teil der Spezialanlagen und für weite Schichten der Arbeitskräfte zutrifft – bleibt die Investition, d.h. der Einsatz solcher Produktionsfaktoren ein ernsthaftes Risiko. Der Investor wird ein solches Risiko eingehen, wenn er Grund hat, eine Zunahme der Gesamtnachfrage zu erwarten, die unabhängig von der zusätzlichen Kaufkraft ist, die er selbst schaffen kann“22

Die Währungsreform

Es bleibt natürlich die Frage, woher soll das Geld kommen? Nirgendwoher, es ist schon da und wartet nur darauf, verwendet zu werden. In Deutschland hat man das Geld durch einen 50 prozentigen Vermögensschnitt beigebracht. Das hört sich sehr viel an, ist es aber nicht.

Ein Lastenausgleich ist bereits in der Planung von Gerhard Colm 1946 für eine Währungsreform vorgesehen23. Colm schlägt, abhängig von konkreten wirtschaftlichen Erfordernissen, eine Abgabe zwischen 10 und 90 Prozent vor. Der historisch dann konkret durchgeführte Lastenausgleich sieht die Abgabe des Wertes von 50 Prozent aller Sachvermögen in einen Ausgleichsfonds vor, während die Geldvermögen real über 90 Prozent abzugeben haben. Die Abgaben in den Ausgleichsfond werden in 120 vierteljährlichen Raten bis 1979 erhoben. So wird ein Entzug von Vermögenssubstanz völlig vermieden, im Gegenteil, die verbleibenden Vermögen wachsen durch die Investitionen umso schneller. Es gibt dann in der Währungsreform eine Abwertung der Geldvermögen im Verhältnis 10:1, praktisch dann sogar nur 100:6,5, während das Sachvermögen durch den Lastenausgleich nur 2:1, praktisch aber gar nicht entwertet wird. Die Folge davon ist, dass der Mittelstand schon wieder sein Geld verliert und das Vermögen der Industriellen als Sachvermögen erhalten bleibt.

Insgesamt werden bis Ende 1997 über 140 Milliarden D-Mark eingenommen. Allein diese Summe zeigt die ungefähre Größe des Kapitalstocks zum Stichdatum der Währungsreform und des Lastenausgleichs im Juni 1948. Walther G. Hoffmann legt Mitte der 60er Jahre Daten dazu vor. Er zeigt, dass der Kapitalstock, der 1929 131,4 Mrd. RM beträgt bis 1933 auf 95,5 Mrd. abschmilzt (das ist die große Depression!), um dann wieder anzusteigen. Er wird dann auch während des Krieges nicht gründlich zerstört, sondern es findet ein Anwachsen statt. 1950 beträgt der Kapitalstock allein in der Bundesrepublik 147,4 Mrd. DM und steigt dann rapide kontinuierlich bis 1955 auf 355 Mrd. DM24.

Die Einnahmen werden nun nicht gleich wieder ausgeschüttet, sondern erst einmal investiv angelegt und nur zum Teil an Vertriebene und Flüchtlinge ausgezahlt. Zum Beispiel wird in Kiel 1950 die Ostufer GmbH von der Stadt, dem Land und dem Bund gegründet. Sofort siedeln sich dort 19 Firmen an, zehn davon werden von aus der DDR geflüchteten Unternehmern und Erfindern gegründet25.

Die Währungsreform hat zunächst nicht die in der öffentlichen Erinnerung vorgehaltenen erlösenden Wirkungen. Vielmehr erleidet die durch den Krieg geschwächte Wirtschaft einen Schock, als die tauschwirtschaftlich konservierten Betriebe zur Geldwirtschaft übergehen. Die erste Folge ist eine explosionsartig zunehmende Arbeitslosigkeit in der Folge der Konkurse der Grenzbetriebe. Im Währungsgebiet steigt die Arbeitslosigkeit in den ersten 15 Monaten nach der Währungsreform von 3,2 Prozent auf über 10 Prozent, das sind etwa zwei Millionen Personen. Insofern fängt nun keine gute Zeit an, sondern der Kampf ums Überleben geht weiter. Aber es ist das erste Mal seit sechs Jahren Land in Sicht. Die, auch in der Folge des Koreakrieges, weltweit anziehende Konjunktur Anfang der 50er Jahre ist ein Glücksfall für die deutsche Industrie. Sie verfügt, im Gegensatz zu anderen nationalen Industrien über freie Kapazitäten. Die Arbeitslosigkeit sinkt schnell, die Löhne steigen von 1,20 DM/Std. Mitte 1950 auf 1,67 DM/Std. im Jahr 195426. Und 1956/57 streiken 34.000 Kieler Metallarbeiter 114 Tage lang für die Lohnfortzahlung auch für Arbeiter und setzen sie durch!

Schleswig-Holstein, das erst 1946 nach der Auflösung Preußens als Land gegründet wird, steht allerdings im Oktober 1948 unmittelbar vor der Zahlungsunfähigkeit. Die anderen Länder bewilligen dem Land nun monatlich mit Nachweispflicht Kassakredite, damit das Land seinen Verpflichtungen nachkommen kann. Das sind keine guten Voraussetzungen für ein Institut, das auch aus Landesmitteln finanziert wird.

Auferstanden aus Ruinen

Unmittelbar vor der Währungsreform wird Fritz Baade am 4. April 1948 zum kommissarischer Leiter des Instituts und dann am 1. Juli 1948 zum Direktor des Instituts ernannt. Baade kommt aus der Gewerkschaftsbewegung und ist seit 1925 zusammen mit Fritz Naphtali Leiter der, dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund angehörigen, Forschungsstelle für Wirtschaftspolitik in Berlin. Die Forschungsstelle forciert ein Programm der Wirtschaftsdemokratie und entwickelt 1931 Vorstellungen für eine antizyklische Wirtschaftspolitik. Dieser WTB-Plan, nach seinen Autoren Wladimir Woytinsky, Fritz Tarnow und Fritz Baade benannt, sieht die Schaffung von einer Million Arbeitsplätzen durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen vor. Der Plan kann in der SPD-Führung keine Mehrheit finden. Baade ist bis 1933 Reichstagsabgeordneter der SPD, versucht sich dann noch kurz als Unternehmer in seinem landwirtschaftlichen Betrieb, um dann 1935 in die Türkei zu emigrieren und dort als Berater tätig zu werden. Nach dem Ende des Krieges geht er in die USA , bevor er dann 1948 nach Deutschland zurückkehrt und Direktor des Institutes für Weltwirtschaft wird.

Fritz Baade ist eher Wirtschaftspolitikwissenschaftler als klassischer Ökonom. Er verfügt über gute Kontakte in die USA und zur Bundesebene der Parteien und so gelingt es ihm schrittweise die Finanzbasis des Institutes zu stärken und seine Reorganisation einzuleiten. Der Wiederaufbau des zerstörten Institutes wird noch 1948 in Angriff genommen und schrittweise kehren die Abteilungen zurück. Im Sommer 1949 werden in drei Monaten die 500.000 Bände der Bibliothek aus Ratzeburg nach Kiel zurückgebracht. Und im Juli 1951 wird das neue Institut feierlich eingeweiht. Auch die Sponsoren kehren zurück, Paul Nortz, ein Deutsch-Amerikaner spendet 350.000 DM für den Bau des Haus Weltclub (Paul-Nortz-Haus) und auch Unternehmen zeigen sich angesichts deutlich anziehender Geschäfte spendabel. Die Lücken in den Zeitschriftenbeständen können nun geschlossen werden und Periodika des Instituts erscheinen wieder.

Frauen? Frauen!

Bei deren Durchsicht sind interessante Entdeckungen zu machen. So publiziert in der Reihe „Probleme der Weltwirtschaft“, die in den Jahren von 1910 bis 1944 erscheint, nur eine Frau. Dr. Magdalena Willms äußert sich 1920 „Zur Frage der Rohstoffversorgung der deutschen Jute-Industrie“. In der Serie „Kieler Studien“, erscheinen von 1949 bis 1952 allein vier Frauen mit fünf Veröffentlichungen. Es handelt sich um Ilse Stelling (Die Sozialisierung des Kohlebergbaus in Großbritannien), Lotte Müller Ohlsen (Strukturwandlungen und Nachkriegsprobleme der Wirtschaft Frankreichs), Anneliese Binder (Internationale Regulierungen auf dem Weltweizenmarkt) und die bereits erwähnte Hilde Wander mit gleich zwei Publikationen: „Strukturwandlungen und Nachkriegsprobleme der Wirtschaft Islands“ und „Die Bedeutung der Auswanderung für die Lösung europäischer Flüchtlings- und Bevölkerungsprobleme“27.

Wie kommt das? Es ist wohl zu kurz argumentiert, dieses Phänomen allein der Unterrepräsentanz der 20-40jährigen Männer zuzuschreiben. In der Gruppe der 20–30jährigen kommen in der britischen Zone auf 100 Männer 172 Frauen28. Die zurückkehrenden Männer sind oft verwahrlost, demoralisiert und dezivilisiert29. Die soldatische Tätigkeit der Männer wird noch weniger respektiert als nach dem Ersten Weltkrieg, was man an der Entwicklung der Kriegerdenkmale ablesen kann. Dies führt bereits zu einer Abwertung der Muster, in denen Männerhandeln anerkannt wird. Hinzu kommt in der Subsistenzwirtschaft der Zusammenbruch der “Geldbringerrolle” des Mannes in der Familie. Zugleich bringt die Subsistenzwirtschaft mit sich, dass die frauendominierten Tätigkeiten, also alles, was ums Haus (Essen, Wohnen) und die Familie (Krankenpflege) herum geschieht, stark zusätzlich belastet werden und auch klassisch männliche Handwerkertätigkeiten, wie der reparierende und improvisierende Wohnungsbau, das Schneidern, Schustern und Backen, nun auf die Haushalte übergehen. Zusätzlich nimmt die Frauenerwerbstätigkeit zu. Damit wird die Exklusivität der Männerdomänen so porös, dass im Sinne sozialer Rollen Frauen nun auch Männer sein können, ohne dass es zugleich möglich wird, dass Männer auch Frauen sind.

Ende und Anfang

Anzumerken ist, dass sich die Hayeksche Parole „freie Marktwirtschaft“ im öffentlichen Bewußtsein praktisch durchsetzt („Soziale Marktwirtschaft“ ist dann die Kontingenzformel, die die Abhängigkeit des Sozialen von der Wirtschaft markiert). Diese Durchsetzung ist der gedankliche Reflex auf das durch die Währungsreform geschaffene Primat der Wirtschaft in Deutschland. Michel Foucault schreibt:

„Tatsächlich erzeugt im zeitgenössischen Deutschland die Wirtschaft, die Wirtschaftsentwicklung, das Wirtschaftswachstum Souveränität, politische Souveränität durch die Institution und das institutionelle Spiel, das die Wirtschaft gerade in Gang hält. Die Wirtschaft erzeugt Legitimität für den Staat, der ihr Garant ist. … Wir haben im zeitgenössischen Deutschland einen Staat, den man einen radikal ökonomischen Staat nennen kann, wenn man `radikal` im strengen Sinne des Begriffs versteht. Seine Wurzel ist vollkommen ökonomisch “30

Und Niklas Luhmann kommt zum Schluss:

Und so war denn auch die adäquate Reaktion auf den Nationalsozialismus … die Wiederherstellung des Vorranges wirtschaftlicher Fragen in der Gesellschaft31

Die „freie Marktwirtschaft“, der freie Wettbewerb, und nennen wir es ruhig Neoliberalismus sind in den Gen-Code der Republik eingelassen. Doch wird man zunächst anderen Rezepten folgen, denn … der freie Wettbewerb „ist nicht mehr imstande das leitende Prinzip der Wirtschaft zu bilden. Die Politik ist nicht willkürlich in einen intakten Marktmechanismus eingebrochen, sondern ihre Eingriffe sind die Reaktion auf seinen Zusammenbruch“32.

 

  1. Die Bibliothek verbleibt dabei nicht in Kisten, sondern wird im Dom aufgebaut, so dass ein Weiterarbeiten gewährleistet ist. Andernfalls hätte man das Institut schließen müssen. Anton Zottman, Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel 1914 – 1964, Kiel 1964 S. 54. []
  2. Frieda Otto, Die Bibliothek des Institutes für Weltwirtschaft, in: Anton Zottman, Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel 1914 – 1964, Kiel 1964 S. 88. []
  3. Es kommt dann immer wieder zu großen Demonstrationen gegen die Mangelversorgung, so z.B. am 17.5.1946 in Flensburg. Beliebte Parole: „Wir wollen keine Kalorien, wir wollen was zu essen“. []
  4. Willi A. Boelcke, Der Schwarz-Markt 1945 – 1948, Braunschweig 1986, S. 17 []
  5. Hilde Thurnwald, Gegenwartsprobleme Berliner Familien, Berlin 1948, S. 18. []
  6. Zitiert nach: Christoph Buchheim, Die Währungsreform 1948 in Westdeutschland, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 2/1989, S. 203. []
  7. Zitiert nach: Hans Möller, Die Währungsreform 1948 in Westdeutschland, in: Deutsche Bundesbank (Hg.), Währung und Wirtschaft in Deutschland 1876 – 1975, Ffm 1976, S. 434. []
  8. Hannah Arendt, Besuch in Deutschland 1950. Die Nachwirkungen des Naziregimes, in: dieselbe, Zur Zeit, Berlin 1986, S. 59. []
  9. Die grauenhafte Weiterung der Verfolgung ist dann die Vernichtung. Die Vernichtungspolitik der Nazis wird erst durch den Krieg möglich (insofern ist die Begründung eines Kriegseinsatzes mit Auschwitz eine Verkehrung: Erst der Krieg hat Auschwitz möglich gemacht). In Deutschland hebt die Vernichtungspolitik mit der planmäßigen Tötung von 70.000 Behinderten allein vom Januar 1940 bis zum August 1941 an. Weil diese Aktion rechtswidrig ist, wird sie streng geheim gehalten. Das geht aber nicht, weil Verwandte Vermisstenanzeigen aufgeben, Vormundschaftsrichter sich nach dem Verbleib ihrer geisteskranken Mündel erkundigen, Staatsanwälte Strafanzeigen nachgehen, die Häufung von Todesfällen auffallen und groteskerweise besonders fleißige Staatsanwälte auf die Suche nach zum Tode Verurteilten gehen, die bereits ermordet sind. Die anhängende Geschichte, wie 26 deutsche Obergerichtspräsidenten als Verwaltungsjuristen in eine Niederschlagung all dieser Fälle einwilligen und warum sie nicht wegen Beihilfe zum Mord verurteilt werden, ist nachzulesen in: Helmut Kramer, Oberlandesgerichtspräsidenten und Generalstaatsanwälte als Gehilfen der NS-“Euthanasie” – Selbstentlastung der Justiz für die Teilnahme am Anstaltsmord, in: Kritische Justiz 1/1984, S. 84 ff. http://www.kj.nomos.de/fileadmin/kj/doc/1984/19841Kramer_S_25.pdf []
  10. Friedrich Edding, Hans-Erich Hornschu und Hilde Wander: Das deutsche Flüchtlingsproblem. Neue Unterlagen zur Beurteilung der Bevölkerungsstruktur und der regionalen Lastenverteilung, Kiel 1949. []
  11. Ebenda, S. 7. []
  12. Ebenda, S. 10. []
  13. Ebenda, S. 32. []
  14. Ebenda, S. 37f. []
  15. Ebenda, S. 39 []
  16. Ebenda, S. 25. []
  17. Ebenda, S. 63. []
  18. Ebenda, S. 55. []
  19. Ebenda, S. 67. []
  20. Wolfgang Renzsch, Finanzverfassung und Finanzausgleich: Die Auseinandersetzungen um ihre politische Gestaltung in der Bundesrepublik Deutschland zwischen Währungsreform und deutscher Vereinigung (1948 bis 1990). Dietz 1991 []
  21. Edding et al., S. 28 []
  22. Adolph Lowe, Politische Ökonomik, Ffm 1965 (On economic knowledge), S. 108. []
  23. Gerhard Colm u.a., A Plan for the Liquidation of War Finance and the Financial Rehabilitation of Germany, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 111, 2 , S. 206ff. Der Lastenausgleich kommt gegen den Widerstand der US-amerikanischen Administration zustande. „Am vielsagendsten ist aber vielleicht das spätere Zeugnis von Charles P. Kindleberger, damals Berater des State Department, Kriegsminister Robert Patterson habe den Lastenausgleich abgelehnt, weil „alle Kapitalabgaben von Übel seien, wie gut auch der Zweck sein möge”, und weil die Billigung einen Präzedenzfall für solche Abgaben in den Vereinigten Staaten zu schaffen drohe“. Vgl. Michael L. Hughes, Lastenausgleich unter Sozialismusverdacht. Amerikanische Besorgnisse 1945-1949, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 1/1991, S. 43. []
  24. Vgl. Walther G. Hoffmann, Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin u.a.O. 1965, S. 507 ff. Der Werkzeugmaschinenpark der deutschen Industrie wächst von 1938 bis 1945 noch um ein Drittel. []
  25. Helmut Grieser, Wiederaufstieg aus Trümmern, in: Jürgen Jensen und Peter Wulf (Hg.), Geschichte der Stadt Kiel, Neumünster 1991, S. 430. []
  26. Karl Neelsen, Wirtschaftsgeschichte der BRD, Berlin 1971, S. 316 []
  27. Zottmann, a.a.O, S. 127f. []
  28. Edding et al, S. 17. []
  29. Dazu Wolfgang Borchert, Draußen vor der Tür, Hamburg 1947. []
  30. Michel Foucault, Die Geburt der Biopolitik, Ffm 2006, S. 124f. []
  31. Niklas Luhmann, Ausdifferenzierung des Rechts, Ffm1999, S. 152. []
  32. Der ehemalige Direktor des Instituts für Weltwirtschaft Andreas Predöhl, Die Epochenbedeutung der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1931, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 2/1953, S. 107. []

Johannes Stremme

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.