Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken
1

Was das deutsche Wirtschaftswachstum von 1,5% über die Verfassung der deutschen Konjunktur aussagen kann

Heute erschien der Bericht des statistischen Bundesamtes zur vorläufigen Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im vergangenen Jahr 2014. 1,5% sind herausgekommen, was sicherlich nicht beeindruckend ist, aber in Anbetracht der Werte der beiden vergangenen Jahre (2013 musste sogar nach unten revidiert werden) und des wirtschaftlichen Umfeldes zumindest auf den ersten Blick als solide betrachtet werden kann. Doch ist dieses anscheinend akzeptable Ergebnis ein Grund zur Freude, oder sogar Zeichen eines akuten oder anstehenden konjunkturellen Aufschwungs? Zur Beantwortung dieser Frage soll auf wichtige Daten und Aussagen des Berichts des statistischen Bundesamtes eingegangen werden.

Welche Ausgaben haben das Wachstum der deutschen Wirtschaft getrieben?

Das vorläufige Wachstum von 1,5 Prozentpunkten setzt sich aus den folgenden Teilen zusammen:

  • Privater Konsum -> 0,6 Prozentpunkte
  • Staatlicher Konsum -> 0,2 Prozentpunkte
  • Investitionen -> 0,6 Prozentpunkte, davon die Wohnungsbauinvestitionen 0,3
  • Vorratsveränderungen -> -0,3 Prozentpunkte
  • Außenbeitrag (exportabhängiges Wachstum) -> 0,4 Prozentpunkte

Da sich der Außenbeitrag in Grenzen hält, spricht das Bundesamt von einer guten Binnenkonjunktur. Abgesehen von dem eher schwachen Anstieg, lässt sich zumindest nicht abstreiten, dass die Binnenkonjunktur einen hohen Anteil an dem bescheidenen Wachstum hat. Doch lässt sich die Nachhaltigkeit der aktuellen binnenländischen Dynamik stark anzweifeln, denn schon die Investitionen werden zu einem erheblichen Anteil von Wohnungsbauinvestitionen getrieben, die vor allem Ursache des milden Winters und niedriger Zinsen waren, so dass der Wohnungsbau im nächsten Jahr vermutlich bescheidener ausfallen wird. Der relativ solide Beitrag durch den privaten Konsum wird ebenso durch den schwachen Preisanstieg von 0,9%, der insbesondere ein Resultat gesunkener Importkosten für unter anderem Rohstoffe ist, deutlich relativiert, so dass selbst ein magerer Anstieg von 1,8% Gehalt pro gearbeiteter Stunde die realen Einkommen pro geleistete Stunde um 0,9% erhöhen konnte. Da dieser schwache Preisanstieg aber gleichfalls die Einnahmen wichtiger Importeure deutscher Güter verringert hat, kann man davon ausgehen, dass ein erheblicher Anteil an diesem Reallohnanstieg in diesem Jahr zu Lasten der deutschen Exporte geführt hat und wahrscheinlich auch im nächsten Jahr zu Einbußen führen wird. Zudem kann angezweifelt werden, ob die Preisentwicklung importierter Rohstoffe auch in den nächsten Jahren die Reallöhne stabilisieren wird. Ein anderer zu berücksichtigender Faktor ist die enorme Einwanderung, die, wie in den letzten beiden Jahren, auch in 2014 anhaltend hoch sein dürfte. Da Einwanderer selten ohne gewisse finanzielle Rücklagen ihren Wohnort wechseln, dürfte auch diese Komponente den Konsum gestützt haben1.

Keine besondere konjunkturelle Dynamik erkennbar

Interessant ist, dass das Arbeitsvolumen in diesem Jahr fast für das gesamte Wachstum verantwortlich ist. Die Produktivität pro gearbeiteter Stunde blieb mit +0,1% Wachstum praktisch konstant, wodurch auch der Reallohnanstieg pro Stunde von 0,9% – trotz leichter Steigerung der Sparquote um 0,2 Prozentpunkte – den Konsumanstieg auf die Arbeitskräftenachfrage wirken lassen kann. Der Arbeitsmarkt scheint zumindest quantitativ also in einer besseren Verfassung zu sein. Tatsächlich hat sich das Arbeitsvolumen gegenüber dem Durchschnitt von 2013 verbessert, aber es müssen bei diesem Vergleich die konjunkturellen Schwankungen berücksichtigt werden. Vor allem während des Jahreswechsel 2012/2013 gab es eine tiefe konjunkturelle Delle, die die Jahresdurchschnitte beider Jahre verschlechterte. Sowohl in 2011, 2012 und 2013 gab es Quartale, die ein ähnliches Konjunkturniveau2 wie die meisten Quartale in 2014 aufwiesen. In 2014 wurde dieses Arbeitsstundenniveau jedoch über mehrere Quartale gehalten, so dass der Durchschnitt für 2014 besser aussieht. Da nach dem ersten 1. Quartel 2014 allerdings praktisch nur noch eine Seitswärtsentwicklung stattgefunden hat, kann nicht behauptet werden, dass Deutschland aktuell eine konjunkturelle Aufwärtsdynamik erfährt. Genauer gesagt bewegt sich der deutsche Arbeitsmarkt seit 2011 mit ein paar Konjunktur-Schwankungen auf der Stelle. Darauf deuten auch die Auftragseingänge in der Industrie hin. Durch Revisionen musste die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden für 2013 darüber hinaus nach unten korrigiert werden, so dass die Zahl für 2014 nach den vorläufigen Ergebnissen nur minimal über 2011 und dem Vorkrisenniveau von 2008 liegt3. Es gibt also keinen Grund zur Euphorie. Weder in Bezug zum Zustand, noch in Bezug zum Verlauf der Konjunktur.

Wie sehen die Perspektiven aus?

Der private Konsum hilft dem Arbeitvolumen trotz moderater Lohnanstiege zur Zeit durch besondere Umstände auf die Beine. Zu diesen Umständen zählt die Preissenkung wichtiger Rohstoffe, die schwache Produktivitätsentwicklung pro Arbeitsstunde sowie die anhaltend starke Zuwanderung. Die Rohstoffpreis- und die Produktivitätsentwicklung sind aktuell sehr niedrig, und könnten mit hoher Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft (ca. 1 – 2 Jahren) deutlich zulegen. Sollten die nominalen Lohneinkommen nicht entsprechend mit dieser Entwicklung mithalten, wäre der private Konsum als Stütze des Arbeitsmarktes bereits wieder ausgehebelt. Auch die Bauinvestitionen werden sich nicht leicht auf ihrem derzeitigen Niveau halten lassen. Besondere Hoffnung geht, wenn schwache Importe deutscher Exportabsatzmärkte als Folge gesunkener Rohstoffeinnahmen nicht entgegenwirken, mal wieder vom Export aus. Der Wechselkurs des Euro schloss heute sogar mit einem Wert von ca. 1,16 US-Dollar, also fast 20% niedriger als noch vor einem halben Jahr. Eine massive Verbilligung der Exporte, die dabei helfen wird, das noch vorhandene Marktwachstum außerhalb der Eurozone abzugreifen. Selbst wenn der Wechselkurs sich wieder in die andere Richtung bewegen sollte, es sieht zur Zeit alles nach dem klassischen Muster deutschen Wachstums der letzten 20 Jahre aus. Die Forderung, Deutschland müsse unbedingt seinem einseitigen exportorientierten Wirtschaftsmodell mit kräftigen Lohnsteigerungen sowie einer vernünftigen Finanzpolitik begegnen, bleibt absolut berechtigt. Der zuletzt verabschiedete, bescheidene Mindestlohn mag für 2015 vielleicht noch einen kleinen positiven Sondereffekt bei den Löhnen hervorbringen, doch ohne eine politische Strategie zur Belebung der Binnenkonjunktur wird das deutsche Grundproblem langfristig bestehen bleiben.

  1. Der Einwanderungsüberschuss dürfte übrigens den natürlichen Schwund bei der Anzahl der Erwerbspersonen ausgeglichen haben, so dass sich die Zahl der Erwerbspersonen nicht signifikant geändert haben dürfte. []
  2. Nach einer Bereinigung der Quartalswerte um die Produktivitätsentwicklung pro Stunde ergibt sich das Arbeitsstundenniveau, und damit das Konjunkturlevel eines Quartals. []
  3. Siehe Schaubild 4 auf Seite 9 des zu Anfang erwähnten BIP-Berichts. []

Jochen Schölermann

Ein Kommentar

  1. https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2015/02/PD15_061_811.html;jsessionid=2AC51DC9215D1B2D9F34A1DF96EC2C00.cae1
    Das statitstische Bundesamt hat die aktualisierten Zahlen zum Wachstum veröffentlicht. Diese haben die Prognose im Großen und Ganzen bestätigt. Es hat sich jedoch ergeben, dass die genannten Effekte (die niedrigen Importpreise und der schwache Wechselkurs) im 4. Quartal 2014 das Wachstum kräftig anschieben konnten (0,7% gegenüber dem 3. Quartal). Für das ganze Jahr 2014 ergibt sich daraus nun ein Wachstum von 1,6%. Wohnungsbau und der private Konsum sind mit 0,4 und 0,7 Prozentpunkten etwas höher, die Vorratsveränderungen mit -0,4 etwas negativer.

Schreibe einen Kommentar zu Jochen Schölermann Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.